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Ausgabe:

1908

Spalte:

168-170

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Sander, Henry A.

Titel/Untertitel:

Neues zum unechten Marcusschluß. In Biblical World 1908

Rezensent:

Harnack, Adolf

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nächft feflgeftellt werden müßte, was Mohammed felbft
von feinen jüdifchen Gewährsmännern — denn von unmittelbarer
Benützung literarifcher Quellen kann nicht
die Rede fein — über den Helden der zwölften Sure vernommen
hat und nach Möglichkeit zu zeigen, wie er den
übernommenen jüdifchen Traditionsflofi verarbeitete und
oft frei umgeftaltete. Wenn die erzählenden Teile des
Koran von diefem Gefichtspunkte aus unterfucht würden,
gewönne man einen Einblick in den Umfang deffen, was
die jüdifchen Gewährsmänner Mohammeds von der aga-
difchen Erweiterung des biblifchen Erzählungsftoffes
kannten. Kür die Fortfetzung feiner Arbeit täte der
Verfaffer am beften, wenn er zunächft die Parallelen zum
Korantexte felbft zufammenftellte und in zweiter Linie
auch die von den Korankommentatoren und Gefchicht-
fchreibern oder fonftigen arabifchen Erzählern gebrachten
Einzelheiten auf ihre jüdifchen Quellen zurückführte. —
Übrigens hat der Verfaffer feinen Stoff auch fonft, und
zwar auf dankenswerte Weife, erweitert, indem er auch
aus den Kirchenvätern, befonders aus Ephraim Syrus
und Aphraates folche Elemente der Jofephsgefchichte
anführt, die der jüdifchen Überlieferung entnommen find.

— Der Inhalt des Heftes ift folgender. Nach einer orientierenden
Einleitung (S. 5 —12) werden von der 12. Sure
die Verfe 4-6, 8—10, 15, 18—2 r, 23, 24, 26, 27, 31, 32,
35, 36, 42, 51, 54, 56, 58, 67, 69, 77, 80, 86, 93, 96 einzeln
vorgeführt und die auf ihren Inhalt fich beziehenden
Parallelen in Text und Überfetzung zufammengeftellt und
hie und da näher erläutert. Dem Schluffe folgt ein Anhang
(S. 75—86) mit anderen, nicht zum Inhalte der
Koranverfe gehörigen Zügen, .welche die Kommentatoren
des Korans und die Erzähler fowie die Kirchenväter der
Jofephsgefchichte einfügen und deren jüdifcher Urfprung
nachweisbar ift'. Wir erhalten ein fehr forgfältig und
mit großem Fleiße zufammengeftelltes Material, das die
bisher — in neuerer Zeit befonders durch Grünbaum —
aus den voluminöfen arabifchen Werken zu Tage geförderten
Specimina der muhammedanifchen Bearbeitung
biblifcher Erzählungen auf fehr willkommene Weife bereichert
. Den Wert der Schrift erhöhen einige hinzugefügte
Bemerkungen Nöldekee. Nur wenige Einzelheiten
geben Anlaß zu Berichtigungen. S. 20, Z. 2 ,in feinem
Prophetengeifte'; es muß heißen: ,durch feine Prophetengabe
'. — S. 22, Z. 16: .Statt ininpil gefchrieben innpiT.
Es muß heißen: Das ininpil (Plural) gelefene Wort ift
Irinp'1'! (Singular) gefchrieben. — S. 28 Die aus Num.
r. c.4 (alfo einem fehr jungen Beftandteile diefes Midrafch-
werkes) zitieite Stelle hat mit dem Rocke Jofephs nichts
zu tun. — S. 31, Z. 20. Die Worte ny»b Dlptt ]n 5|0T
bedeuten nicht: Jofef gab den momentanen Umftänden
nach' fondern: er bot der Stunde — dem Mißgefchicke

— eine Gelegenheit (indem er den Biüdern, als fie ihn
verkauften, nicht zurief, er fei nicht ein Sklave, fondern
ihr Bruder). — S. 35, Anm. 1, Z. 2 Das ,b.' vor Sophrim
fcheint zu zeigen, daß der Verfaffer den nachtalmu-
difchen Traktat Sopherim zum babylonifchen Talmud
rechnet. — S. 64, Z. 4 ,In dem von Geiger zitierten
Midrafch wird der Teraphimentwendung keine Erwähnung
getan'. Das ift nicht richtig; denn wenn in Genefis rabba
c. 92 (8) die Brüder den des Diebftahls bezichtigten Benjamin
mit den Worten ,Dieb, Sohn einer Diebin' apoftro-
phieren, fo liegt in der Bezeichnung Rachels als Diebin
ein klarer Hinweis auf den in Gen. 3119 erzählten Vorgang
. Was der Veif. aus einem jüngeren Midrafchwerke
anführt, ift nur eine Paraphrafe des von Geiger angeführten
Midrafch. — S. 68, Z. 3 von unten: ,der heilige
Geift erleuchtete ihn'; es muß heißen: ,der h. G. blitzte
auf in ihm'. — S. 83, Z. 3 v. u.: ,Nach den Rabbinen
war Joftf von feinem Vater 22 Jahre abwefend'. Das ift
keine bloß durch die rabbinifche Tradition angegebene
Zahl, fondern aus biblifchen Angaben (Gen. 372; 4146;
41 68; 4411) mit Leichtigkeit zu ermitteln.

Budapeft. _ W. Bacher.

Neues zum unechten MarcusfchluB.

Henry A.Sanders,in Biblical World, Febr. 1908, p. 138— 142.

Es kommt allmählich Alles an die Sonne! Bei Hieronymus
(c. Pelag. II, 15, gefchrieben i. J. 415 in Bethlehem
lieft man: Jn quibusdam exemplaribus et maxime in
Graecis codieibus iuxta Mar cum in fine eins evangelii
scribitur:

»Posten quiun acatbuissent undecint, apparuit eis
Jesus et exprobravit incredulitatem et durittam cordis
eorutn, quin Iiis, qui viderant eum resurgentem, non
crediderunt. et Uli satisfaciebant dicentes: ,sac-
cnlum istud iniquitatis et ineredulitatis sub
satana est, qui [fo für ,quae'] non sinit per im-
mundos Spiritus verum dei apprehendi virtu-
tem. ideireo iam nunc revela iustitiam tuam.*-
Bisher hatte fich unter den mehr als IOOO griechifchen
und lateinifchen Evangelien-Codd. kein einziger gefunden,
der diefe Worte bot; jetzt ift ein folcher da, und er
bietet noch mehr!

San ders berichtet (I.e.) über vier griechifche Bibel-
Codd. eiften Ranges, die, wahrfcheinlich aus Akhmim
flammend, durch Charles L. Freer nach Amerika (nach
1 Detroit oder Chicago?) im Frühling 1907 gekommen find.
1 Der erfte — die vier Codd. find unabhängig von einander
— enthält Deuter, und Jofua (4. oder 5. Jahrh.), der zweite
die Pfalmen (4. Jahrh.), der dritte die Evangelien (Matth.,
Joh., Luc, Marc. — 5. oder 6. Jahrh.), der vieite endlich
(im Gegenfatz zum vorigen fehr lückenhaft und fchlecht
erhalten) Paulusbriefe (5. Jahrh.).

Der Evv.-Codex fährt nach Marc. 16 u (oxi rot';
öiaoauivoiq avxbv tyqyegut'vov ovx tstiozevoav) alfo im
Texte fort:

xdxelvoc dsteXoyovvxo [cod. dsreXoyovvxe) Xe'yovxeq'
ort d alcbv ovxoq xi)q dvouiaq xai xqq dnioxlaq vxb xbv

Xazaväv taxiv 0 uq hcöv xa vstb [ift für xa vjio vielmehr
61a zu lefen?) xcöv Jtvev/jdxcov dxdb^agxa [dxaddgxmvV
Tqv aXqdeiav xov {reov xaxaXaßeo&ai [entweder ill nun
xai einzufchieben oder dZrj&tVTjv für aXqfreiav zu lefen]
6vvau.iv ' öia xovxo axoxaZvipov oov xrey öixaioövvqv
qöq. hxelvoi eXeyov xcö Xgioxcö [diefe 4 Worte find als
eine eingedrungene Marginalie zu ftreichen]. xai 0
Xgiöxbq kxeivotq JxgoOe'Xeyev ' öxi sxesrXqgcoxac 6 OQOq

! xcöv hcöv xqq etqovolaq xov Xaxavä, aXXa tyylCn äZZet

1 öeivct • xai vJieg xcöv [cod. cov] auaoxnaävxcov heb [im
cod. find diefe beiden Worte umgefüllt] stageöolrqv elq
frdvaxov, Iva vjtoözgtrpmOiv elq xijv dXqtreiav xai urjxexc
dfiagxqöcoöiv, Iva xrjv iv xcö ovoavcö Jtvevuaxixqv xai
acp&agxov xqq dixaioövvqq 66c~av xXqgovouqooJOiv . dXXc

I [xai eisrev avxoTq fehlt im cod.] jtogevfrevxeq xxX. [folgt v. 15].
Hier fttht alfo noch mehr im Marcustexte als Hiero-

i nymus gelefen zu haben fcheint. Indeffen ift das keineswegs
ficher. Hieronymus brauchte (1. c.) für feine Zwecke
nur die Worte: ,saeeulum sub Satana est'; daher hatte er

i nicht nötig, den ganzen Zufatz zu zitieren. Es ift demnach
viel wahrfcheinlicher. daß er ihn ganz vor fich hatte.

i Und zwar hatte er, als er die Schrift c. Pelag. fchrieb,
einen griechifchen Codex vor fich, der das Stück bot:
denn, wie die Wiedergabe von v. 14 zeigt, überfetzte er

I den Text. Es ift nämlich diefer Vers hier fo wieder-

' gegeben, wie er in keiner lateinifchen Bibel fleht und
wie er ihn felbft in der Vulgata nicht bietet (vgl. die

I Ausgabe des lateinifchen Marcus von Wordsworth und
White). Hieraus erklärt fich auch die Einführung: in

I quibusdam exemplaribus et maxime in Graecis codieibus

i iuxta Marcum'. Vor unferer Stelle d. h. vor d. J. 415

j findet fich nirgendwo ein Beweis, daß Hieronymus den
Zufatz bereits gekannt hat. Erwäge ich feine Weife, mit
unbekanntem Material zu prunken und die Art, wie er
in folchen Fällen feine Funde einzuführen pflegt, fo halte
ich es nicht für unwahrfcheinlich, daß er überhaupt nur
einen griechifchen Codex mit diefem Zufatz gekannt
bez. felbft beleffen hat. Indeffen entfeheiden laßt fich