Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1908 Nr. 5

Spalte:

156

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Die religiösen Ideale der modernen Theologie. Vier Vorträge gehalten von Schuster, Bornemann

Titel/Untertitel:

Veit und Förster 1908

Rezensent:

Harnack, Adolf

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

i55

Theologifche Literaturzeitung 1908 Nr. 5.

156

fchriebene Heft (— modern gehalten leider auch im
Mangel an Inhaltsüberficht —) mit dem idealiftifchen
Grundgedanken jener ,Heiträge'. ,Die Wirklichkeit ift
keineswegs die Welt fchlechthin, fondern nur eine,
neben der die Welt der Kunft wie die der Religion
ftehen, aus dem gleichen Material nach anderen Formen,
von anderen Vorausfetzungen aus zufammengebracht'
(S. 9). ,Das religiöfe Leben fchafft die Welt noch einmal,
es bedeutet das ganze Dafein in einer befonderen Tonart
, fo daß es feiner reinen Idee nach mit den nach anderen
Kategorien erbauten Weltbildern fich überhaupt nicht
kreuzen, ihnen nicht widerfprechen kann' (S. Ii). Be-
fonders aber greift die Religion drei Segmente heraus:
1. Das Verhalten zur äußeren Natur, 2. zum Schickfal,
3. zur Menfchenwelt. Die eigentliche Sozialpfychologie
die leider mit Wundt u. A. nicht Berührung fucht, und zu fehr
auf erkenntniskritifchen Erwägungen ruht, beginnt (S. 17)
mit den Beziehungen zur Menfchenwelt. Das foziale
Leben enthält in Anfätzen, was die Religion als abge-
fchloffene Form darbietet. Ohne foziale Bedeutung wären
einzelne Verhältniffe wie fanitätspolizeiliche Vorfchriften
nie zu religiöfen aufgeftiegen. Die Beziehungen der
Menfchen unter einander werden ferner in eine doch
wohl zufällige oder äußerliche Analogie der Beziehung
des Individuums zur Gottheit gerückt. Im weiteren bleibt
S. aber nicht bei folcher Analogie, fondern fpricht das
Gruppenleben der primitiven Völker geradezu als Religion
an, eine Auffaffung, die heute mehrfach zur Erklärung
der Entftehung der Religion namentlich in Amerika dient
(vgl. meine Befprechung in Zeitfchr. f. Pfychol. Bd. 45
S. 307), die jedoch m. E. das Verhältnis von Religion
und Sozialleben mehr behauptet, als erklärt. Im Einzelnen
weift S. hin auf die antiken Völker, bei denen — außer im
Buddhismus, der weder Religion noch Soziaiismus fei —
der Götterdienft als Stammesangelegenheit auftritt. Die
foziologifchen Verhältniffe enthalten nach S. fchon religiöfe
Momente, durch die die eigentliche Religion nur
noch bereichert werde, wofür S. als Beweis diepietas anführt
, die fich auf Vaterland wie Gottheit richte. Es
gebe liebevolle Seelen, die nie befondere Liebe fühlen,
und ebenfo fromme Menfchen ohne Religion; Götter
feien Produkt der religiöfen Stimmung, indem gewiffe
fundamentale Seelenkräfte fich ein Objekt erft fchaffen:
Hingabe undDemut und andereEigenarten vonMifchungen
feien religiöfe wie foziale Grundftimmungen.

Am wenigften ift S. zur religions- bez. fozialpfycho-
logifchen Analyfe der religiöfen Erfcheinungen fortge-
fchritten in dem Schlußabfchnitt über,Glaube' und,Einheit';
mit der Betrachtung diefer zwei vieldeutigen Begriffe
verfolgt S. die Analogie des fozialen und religiöfen
Verhaltens in der Einzelausgeftaltung, ohne, wie mir fcheint,
zu greifbaren Refultaten zu gelangen.

Wundts Völkerpfychologie der Religion will Sozialpfychologie
fein; die religiöfen Komplexerfcheinungen, die
der exakten Analyfe des individuellen Pfychik-Tatbeftandes
widerftreben follen, möchte W. feinerfeits von den ge-
fchichtsmäßigen Daten aus auf eine pfychologifche Formel
bringen; Simmeis Beftreben ift, die fozial- und religions-
pfychologifchen Erfcheinungen zu vergleichen und womöglich
erkenntniskritifch zu begreifen. Breyfig fchließlich,
der in feinem für den Völkerpfychologen, Erkenntniskritiker
wie Hiftoriker gleichmäßig anregenden Bd. I über ,die
Völker ewiger Urzeit' Berlin (Georg Bondi) 1907 die
feelifchen Kräfte und fo auch die der Religion aus den
Gefchichtstatfachen befchreibend ablieft, ift überwiegend
Hiftoriker. Die pfychologifche, erkenntniskritifche wie
hiftorifche Tendenz der religiöfen Sozialpfychologie finden
vielleicht einmal ihren fyftematifchen Abfchluß1, wenn man

1) Brauchbare Baufteine liefert der in diefer Halbmonatsfchrift 1906
S. 216 zitierte Auffatz von Kline, The sermon: a study in Social Psy-
chology, fowie aus der Philofophifch-foziologifchen (Überfetzung-)Bücherei
des Verlags: Dr. W. Klinkhardt Leipzig 1908 Bd. II: Pfychologie der
Maffen, u. Bd. V: Die Methode der Soziologie.

die (kirchen-)gemeinfchaftbildende Eigenart der individuellen
Religiofität, fowie umgekehrt den Einfluß der
Gruppeneinheit auf das Individuum auf empirifch-pfycho-
logifcher Grundlage, mit gefchichtlichen Mitteln, in er-
kenntniskritifcher Belichtung darfteilt.

Alt-Jeßnitz. G. Vorbrodt.

Die religiöfen Ideale der modernen Theologie. Vier Vorträge,
gehalten in Frankfurt a/M.: 1. Unfer Ideal perfönlicher
Frömmigkeit, von Oberlehrer H. Schufter, 2. Unfer
Verftändnis der Bibel, von Senior Profeffor D. W.
Bornemann, 3. Unfre Beurteilung des Dogmas, von
Pfarrer W. Veit, 4. Unfer Ideal religiöfer Gemein-
fchaft, von Pfarrer D. E. Förfter. Frankfurt am Main,
M. Diefterweg 1908. (IV, 88 S.) gr. 8° M. 1.60

Unter den zahlreichen Vorträgen und Abhandlungen,
die in den letzten Jahren zur Darlegung und Verteidigung
der modernen Theologie für weitere Kreife erfchienen
find, nehmen die vier obenftehenden eine hohe Stelle
ein und können befonders empfohlen werden. Sie zeichnen
fich durch ebenfo fachkundige wie ruhige und überzeugende
Darfteilung aus, gehen wirklich in die Tiefe und
vermeiden alle unützen Seitenfprünge und allen Zierrat;
fie find lebendig und warm, dazu pädagogifch meifterhaft;
denn fie regen nicht auf und bewegen doch bis ins
Innerfte. Die Individualitäten der vier Verfaffer find
fehr verfchieden; dennoch ftimmt das, was fie bringen,
harmonifch zufammen. So ift diefes ,Diateffaron' an fich
ein ftarker Beweis dafür, wie groß das gemeinfame Gut
der fog. modernen Theologie ift.

Berlin. A. Harnack.

Zur tatlächlichen Berichtigung.

In diefer Zeitung, 1908 Nr. 3, hat eine von F. Niebergall in Heidelberg
unterzeichnete Befprechung meiner 1906 erfchienenen Schrift ,Z.
Geftaltung eines einheitlichen Weltbildes. Anregungen und Fingerzeige'
mir ,ein merkwürdiges Verfehen' zugefchrieben, denen Sinn oder vielmehr
Unfinn mit den Worten charakterifiert wird: ,die Weltkörper jenfeit der
Erfcheinungsweltl' Tatfächlich hab» ich an der vom Rezenfenten bezeichneten
Stelle (S. 185) zwar nicht, wie er fchreibt, von dem ,Verfuch' ge-
fprochen, aus der gleichmäßigen Bewegung der vielen Weltkörper ,auf
einen intelligenten Urheber zu fchließen'; wohl aber habe ich ein Wort
von Laplace zitiert, welcher aus der von ihm beobachteten Gleichheit der
Bewegungsrichtungen unfrer Planeten folgern zu muffen erklärt hat, daß
diefelbe ,nicht ein Werk des Zufalls, fondern aus einem gemeinfamen
Realgrunde hervorgegangen' fei. Diefe Schlußfolgerung habe ich mit
folgender Begründung für .zutreffend' erklärt: ,Zwar verftößt fie gegen den
Kantfchen Grundfatz, daß die Kategorien............nur innerhalb
der Erfcheinungswelt Anwendung finden dürfen; denn fie wendet die
Kategorie der Kaufalität auf ein jenfeits diefer Welt liegendes Gebiet an.
Aber jener Grundfatz ift, wie immer allgemeiner anerkannt wird, unhaltbar
und von Kant felber nicht innegehalten worden; denn er hat unwillkürlich
das außerhalb aller Erfahrung liegende ,Ding an fich' als Urfache
der Erfcheinungswelt zugelaffen'. Daß Niebergall aus diefen Worten
etwas wie ,Weltkörper jenfeit der Erfcheinungswelt' herausgelefen oder
herausgedeutet hat, ift allerdings ,ein merkwürdiges Verfehen'.

Nordhaufen a. H. Georg Graue.

Die obige Berichtigung ift der Redaktion nicht etwa durch den
Herrn Verfaffer, fondern in deffen Auftrag durch zwei Rechtsanwälte
in Nordhaufen zugefandt worden. Soweit meine Erinnerung reicht, hat
in den 32 Jahren, während deren die Theol. Litztg. erfcheint, noch niemals
ein Autor, der Grund zur Befchwerde zu haben glaubte, diefen Weg
für angemeffen erachtet. Die Wahl desfelben durch Herrn Superintendent
a. D. Dr. Georg Graue berührt um fo eigentümlicher, als die Rezenfion
im Ganzen freundlich gehalten war.

Göttingen. E. Schürer.

Bibliographie

von Lic. theol. Paul Pape in Berlin.
sDeutfcbc Literatur.

Religionsgefchichtliches Lefebuch in Verbindg. m. W. Grube, K. Geldner,
M. Winternitz u. A. Mez hrsg. v. A. Bertholet. Tübingen, J. C. B.
Mohr 1908. (XXVIII, 401 S.) Lex.-8° M. 6.60; geb. M. 8 —