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Ausgabe:

1908 Nr. 5

Spalte:

143-144

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Haller, Johannes

Titel/Untertitel:

Die Quellen zur Geschichte der Entstehung des Kirchenstaates 1908

Rezensent:

Krüger, Gustav

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung 1908 Nr. 5.

144

mag Guyers Abhandlung, die der Form und dem Stile
nach noch manche Unvollkommenheiten aufweift, als
Nachfchlagebuch dienen. Einiges ift auch im Zufammen-
hange lefenswert; ,ich denke an' die Zufammenftellung
über Sarkophage S. 56 fr., Trikonchenanlage S. 88 f., ale-
mannifche Grabfunde S. 64fr. In den Anmerkungen ift
ein reiches Material verarbeitet (auf v. Mülinens Helvetia
Sacra, 2 Bde., Bern 1858 wird nirgends verwiefen).

Bezüglich des Baptifteriums in Riva S. Vitale bei j
Lugano vermißt man die engere Beziehung zu vorhandenen
oberitalienifchen Bauten, die dem gleichen Zwecke dienten. |
Verf. hat diefe Kirche felbft nicht unterfucht; wie weit
feine Autopfie fonft reicht, wird nicht genügend durchfichtig
. Der Anlage feines Buches nach hätte z. B. die
alte Pfarrkirche in Biasca nicht fehlen dürfen; wenigftens
wurde mir bei einer Befichtigung verfichert, daß der j
ältefte Bau auf das IX. Jahrhdt. zurückgehe und auch
hier und da in dem Mauerwerk noch eine Spur ,lango-
bardifcher' Plaftik gezeigt, während der Eingang fpäter
verlegt wurde, und fich an dem jetzigen weftlichen Eingang
rechts ein prachtvoller Chriftophorus in Malerei (des j
XIII. Jahrh.) befindet. Auch benachbarte Kirchen des
Teffin (z. B. in Giornico, eine andere im einmündenden
Val Blenio) follen höheren Alters fein, wovon auf S. 50
nichts verraten wird.

Betheln (Hann.). E. Hennecke.

Haller, Johannes, Die Quellen zur Gelchichte der Entltehung
des Kirchenltaates. Mit einer Karte von Mittelitalien.
(Quellenfammlung zur deutfchen Gefchichte. Herausgegeben
von E. Brandenburg und G. Seeliger.) Leipzig
, B. G. Teubner 1907. (XVI, 260 S.) fchmal 8°

Kart. M. 3.60

,Kaum ein zweites Ereignis aus der gefamten Gefchichte
des Mittelalters hat eine fo häufige und fo ver-
fchiedene Behandlung durch die Forfcher erfahren wie i
die Entftehung des Kirchenftaates. Mit Fug und Recht.
Die Frage, ob einmal, nach der Mitte des 8. Jahrhunderts,
die Schaffung eines päpftlichen Großftaates von den
Päpften und fränkifchen Königen ernftlich ins Auge gefaßt
wurde, und wenn dies der Fall, woran der Plan
fchdterte, diefe Frage darf nicht zum Spielzeug gelehrter I
Muße gerechnet werden, fie verdient, wenn je eine, daß
man fie kenne und ftudiere.' Diefe Sätze, mit denen
Haller die Einleitung zu feiner Quellenfammlung eröffnet,
wird jeder unterfchreiben, der einmal oder öfter in das
Meer der .Schenkungsfragen' eingetaucht ift. Da auch j
Ref. zu diefen Tauchern gehört, fo wird ihm erlaubt
fein, feiner Freude Ausdruck zu geben über die ganz
vortreffliche Rüftung, die Hallers gefchultes Können uns
befcheert hat.

Zufammengeftellt find die folgenden Quellen: 1) Die
Papftviten von Gregor II. bis Hadrian I. (nach Duchesne);
2) Stücke aus dem 6. Buch der Historia Longobardorwn
des Paulus Diakonus (nach Waitz); 3) Stücke aus der
Chronik Benedikts von S. Andrea auf dem Soratte (nach
Pertz, deffen Druck in MG. Script, zu verbeffern leider |
unmöglich ift, da die die einzige Handfchrift enthaltende
Bibliothek des Fürften Chigi in Rom zur Zeit niemandem
zugänglich ift); 4) Stücke aus der Fortfetzung der Chronik
des fogenannten Fredegar (nach Krufch); 5) die Nota de
unctione Pipini aus dem Jahre 768 (nach Arndt); 6) aus j
den fränkifchen Annalen die einfchlagenden Stellen der |
AhnaUs Petaviani und der Ann. regni Francornm (nach
Pertz), der Ann. qui dicuntur Einhardi und der Ann.
Laureshamenses (nach Kurze); 7) der Bericht über die
Begegnung Stephans II. mit Pipin in Ponthion im Chro-
nicon Moissiaccnse (nach Pertz); 8) das 6. Kap. der Vita
Caroli von Einhard (nach Waitz); 9) die Brieffammlung
des Codex Carolinus unter Weglaffung einiger für das
Thema belanglofer Briefe (nach Gundlach, deffen chrono-

logifche Anordnung beibehalten wird; doch find die Datierungen
von Jaffe und Kehr kenntlich gemacht), dazu
im Anhang die zerftreut überlieferte Korrefpondenz der
Päpfte, foweit fie auf das Thema Bezug hat (nach MG.
Ep. III und V); 10) die Schenkung Ludwigs I. {Pactum
Ludovicianum, nach Sickel); 11) die Konftantinifche Schenkung
(nach Zeumer). Das Fantuzzifche Fragment wird
trotz des Schnürer-Ulivifchen Verfuchs einer Ehrenrettung
nicht abgedruckt, weil ,man daraus nichts lernen
kann'. Beigegeben ift ein Namenregifter und eine Orientierungskarte
.

Für die Sorgfalt des Abdrucks bürgt uns der Name
des Herausgebers der Bafeler Akten. Wir find Haller
befonders dankbar, daß er den Codex Carolinus fall unverkürzt
zum Abdruck brachte. Die daraus gebrachten
Stücke umfaffen zwei Drittel der ganzen Publikation,
und die Verfuchung mag nahe gelegen haben, hier mit
Rückficht auf den Koftenpunkt Manches zu unterdrücken.
Der billige Preis der fehr gut ausgeftatteten Sammlung
muß rühmend hervorgehoben werden. Möchten die
Leiter hiftorifcher Seminare künftig noch mehr Anlaß
als bisher nehmen, das wichtige und fruchtbare Thema
in ihren Übungen zu behandeln.

Gießen. G. Krüger.

Zwingliana. Mitteilungen zur Gefchichte Zwingiis und der
Reformation. Herausgegeben vom Zwingliverein in
Zürich. 1907. [Band II. Nr. 5 u. 6.] Zürich, Zürcher
& Furrer. (92 S. m. 1 Lichtdr.) gr. 8° M. 1.50

Der neue Jahrgang des Organs des Zwinglivereins
beweift, wie kräftig diefer Verein die pietätsvolle Forfchung
und Sammlung der Nachrichten über die Schweizer Reformation
und Reformatoren, vor allem Zwingiis betreibt,
wie es ihm gelingt, Neues zu erfchließen und für das
Zwinglimufeum zu erwerben, und wie ihm immer wieder
wertvolle Schenkungen zufließen, wie z. B. die 20 Zwing-
lifchen Urkunden, von 1544 bis 1836, welche Klaus
Zwingli, den Bruder Ulrichs, und feine Nachkommen
betreffen. Eifrig find Egli und Finsler an der Arbeit für
die neue Ausgabe von Zwingiis Werken nach Schriften
und Briefen des Reformators zu fuchen und die in Betracht
kommenden Verhältniffe und Perfonen klarzu-
ftellen. Es ift jetzt gelungen, zu den 4 kürzlich im Handel
zu Tag gekommenen Voten Zwingiis auf der Berner
Disputation noch ein fünftes gegen Theobald Huter zu
gewinnen. Eine Reihe eigenhändiger Dedikationen von
Zwingiis Schriften ift jetzt nachgewiefen. Egli hat bisher
unbekannte Zwinglibriefe aufgefunden. Er gibt zugleich
eine Überficht über die in der Schweiz vorhandenen,
deren Zahl er auf noch nicht anderthalb hundert fchätzt,
und berichtet auch in fehr dankenswerter Weife über
andere Reformatorenbriefe, welche die Stadtbibliothek
in Zofingen befitzt, namentlich in der Sammlung des
Wolfgang Musculus. Zugleich ftellt er unbekannte Per-
fönlichkeiten ins Licht, wie Abraham Schatt, Margareta
Zilin, Valentin Tfchudi, den Nachfolger Zwingiis in Glarus,
Laur. Fabula oder Mör aus Feldkirch, den Mitbewerber
Zwingiis um die Leutpriefterftelle in Zürich und feinen
Nachfolger in diefem Amt, der am Gründonnerstag 1523
mit dem Fanatiker Jak. Hottinger in Zollikon über deffen
Forderung des Abendmahls unter beiderlei Geftalt zu-
fammen geriet. Egli ift es gelungen, den Lebensgang
diefes bisher unbekannten Mannes bis zu feinem Ende
aufzuhellen. Ebenfo beleuchtet er die große fchrift-
ftellerifche Tätigkeit Leo Juds, von dem auch ein altes
Bild in Lichtdruck beigegeben ift. Nicht weniger als
20 Druckfchriften ließ Jud 1520—23 ausgehen. Von den
3 erften gibt Egli eine Bibliographie, für die andern
wird fie folgen.

Sehr wichtig ift der Nachweis Wernles, daß das letzter
Zeit viel genannte Züricher Ratsmandat evangelifcher