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Ausgabe:

1908 Nr. 4

Spalte:

121-122

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Spitta, Friedrich

Titel/Untertitel:

Studien zu Luthers Liedern 1908

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

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121

Theologifche Literaturzeitung 1908 Nr. 4.

122

Mit Recht glaubte der Verf. ,nicht bloß darflellen
und erläutern, fondern auch beurteilen und würdigen zu
follen' (Vorwort S. V). Das Ergebnis diefer Beurteilung
geht hauptfächlich dahin, daß Kant zwar das große Ver-
dienft hat, die alte rationale Metaphyfik im Sinne Spinozas
oder Wölfls zermalmt zu haben, mit feiner Erkenntnistheorie
aber, die nur eine Theorie der Formalwiffen-
fchaften, der reinen Mathematik und Naturwiffenfchaft,
fowie der a priori arbeitenden Metaphyfik ifl, nicht die

früheren Entftehungszeit angehören, daß der Vierzigjährige
nicht am Anfang, fondern am Ende feiner dichte rifchen
Produktivität geftanden habe, und daß feine befcheidenen
Äußerungen über fein dichterifch.es Können in dem Briefe
an Spalatin fich nicht auf das, was wir Kirchenlieder
nennen, beziehen, fondern auf das, was Luther unter
Kultusliedern oder Meßgefängen verftand.

Gegen diefe Aufhellungen Spitta's erhoben fich nun
die als Lutherforfcher bekannten Gelehrten Drews (Göt-

Metaphyfik felbll, fondern nur eine beftimmte Methode tingifche gelehrte Anzeigen 1906 No. 4), W. Köhler
ihrer Behandlung widerlegt hat. Seine Kritik trifft daher ; (Literar. Zentralblatt ic/06 No. 12) und G. Kawerau

die im 19 Jahrhundert mehr und mehr erllarkte ,induk
tive Metaphyfik' nicht, welche die Ergebniffe der Er-
fahrungswiffenfehaften weiterzuführen und abzufchließen
fucht (S. 82f. 106f.). Die Befchränkung der kantifchen
Erkenntnistheorie auf eine ,Theorie der Formalwiffen-

(Deutfch-evangelifche Blätter 1906 Heft 5). Die Kritiken
diefer Forfcher haben Spitta zu neuen umfaffenden Studien
veranlaßt, die er in voiliegender Schrift als Ergänzung,
in einigen Punkten auch als Korrektur, feines Buches uns
mitteilt. Während Kawerau die herkömmliche Anficht

fchaften' ift wohl damit fchwer in Einklang zu bringen, | in jeder Beziehung fefthält, zeigen fich Köhler und Drews

daß Kant gegenüber der formalen Logik die Erkenntnis
des Gegenftandes fo fehr betont und in Wirklichkeit
doch eine Kritik der menfehlichen Erkenntnis überhaupt
mit Einfchluß felbft des mehrfache Beifpiele liefernden
.gemeinften Menfchenverfiandes' geben will. Ein
wirklich fruchtbares .Hinaus über Kant' wird aber in der
von Kulpe gekennzeichneten Richtung eines engeren An-
fchluffes an die Erfahrung liegen muffen.

Heidelberg. Th. Elfenhans.

Spitta, Friedrich, Studien zu Luthers Liedern. (Sonderdruck
aus der .Monatsfchrift für Gottesdienft und
kirchliche Kunft' 1906) Göttingen, Vandenhoeck &
Ruprecht 1907. (IV, 48 S.) gr. 8n M. 1.40

Durch Schuld des Referenten ift die Anzeige der
,Studien' Spitta's verzögert worden. Was jedoch die
Schrift durch die Verzögerung an Aktualität vielleicht Spitta rechnet fich befcheidener Weife nicht zu den

eingebüßt hat, hat fie nach anderer Seite hin gewonnen. 1 fachmännifchen Lutherforfchern. Wer fich in feine ,Stu-

geneigt, die Möglichkeit einiger Sätze Spitta's zuzugeben,
daß Luther fchon vor 1523 gedichtet habe, daß das
Lied ,Ein fefte Burg' bereits 1521 verfaßt fei u. a. Gleichwohl
fetzt Spitta fich vorzugsweife mit Drews auseinander
, was teils in den von Drews vorgebrachten Gegenargumenten
, teils in dem. wohl nicht ganz einwandfreien
Ton der Polemik von Drews begründet ift. Die .Studien'
Spitta's gliedern fich in 6 Abfchnitte: 1. Einleitung.
2. Luthers Glaubenslied. 3. Die beiden Hauptgründe für
die herkömmliche Datierung der Lutherlieder. 4. Doppelte
Faffung der Lutherlieder (Das Märtyrcrlied.
Aus tiefer Not. Ach Gott vom Himmel. Vater unfer
im Himmelreich). 5. Luthers Bibelüberfetzungen in ihrer
Bedeutung für die Abfaffung feiner Lieder (Bachmanns
Unterfuchung. Die Bedeutung der Vulgata. Ein fefte
Burg. Aus tiefer Not. Ach Gott vom Himmel. Es
fpricht der Unweifen Mund wohl.) 6. Ein fefte Burg ift
unfer Gott.

In dem fchnell fließenden Strome literarifcher Produktivität
gefchieht es gar leicht, daß neue von mancher Seite
als unbequem empfundene Kontroverfen ad acta gelegt
werden, bevor fie ausgetragen oder gründlich von beiden

dien' vertieft und den ebenfo umfichtigen wie fcharffin-
nigen und tiefgehenden Unterfuchungen unbefangen folgt,
wird m. E. den kühnen Pfadfinder willig zu den Lutherforfchern
zählen, denen ein tieferes Verftändnis Luthers

Seiten erörtert find. Dem tritt die verzögerte Anzeige zu verdanken ift. Die Befitzer von Spitta's Buch dürfen
einer Kontroversfchrift hemmend entgegen, indem fie ein- an diefen feinen .Studien' nicht vorüber gehen.

ladet, den Verfuch der Widerlegung zu erneuern oder
die Waffen ganz oder teilweife zu ftrecken. Es gibt eben
auch in der Hiftorie traditionelle Anfchauungen, welche
die Geflalt unantaftbzrer Dogmen annehmen, und es ift
unter allen Umftänden ein Verdienft, derartige Dogmenbildung
zu durchkreuzen.

Die Kontroverfe ift hervorgerufen durch Spitta's
Buch: ,Ein fefte Burg ift unfer Gott'. Die Lieder Luthers
in ihrer Bedeutung für das evangelifche Kirchenlied 1905,
S. 410. Vgl. Th. Lit.-Ztg. 1906 Nr. 12. Die herkömmliche
Anfetzung der Entftehungszeit von Luthers Liedern
nützt fich vornehmlich auf zwei Behauptungen: 1. daß die
Lieder erft unmittelbar vor ihrer Veröffentlichung gedichtet
feien; 2. daß Luther nach feinen eigenen Auslagen (in
der formula missac 1523 und in einem Brief an Spatalin aus
dem Anfang des Jahres 1524) erft gegen Ende 1523 durch
das Kultusbedürfnis zum Dichten veranlaßt worden fei.
Wir hätten dann die kaum verftändliche Erfcheinung
vor uns, daß ein Dichter von Gottes Gnaden wie Luther
erft als 4ojähriger Mann feine Gabe entdeckt habe, daß
er in kürzelter Frifl 24 feiner Lieder produziert und zwar
nicht aus urfprünglichem dichtcrifchen Drange, fondern
aus äußerer Veranlaffung, dem Kultusbedürfnis der Gemeinde
, produziert habe, und daß mit diefer Produktion
feine dichterifche Kraft fo erfchöpft worden fei, daß er
in den 20 folgenden Jahren feines Lebens nur 13, teilweife
minderwertige, Lieder verfaßt habe. Auf Grund
fehr eingehender und fcharffinniger Unterfuchung hat
Spitta in feinem Buch den Nachweis angetreten, daß
fa'ft fämtliche 1523/24 veröffentlichte Lieder Luthers einer

Marburg. E. Chr. Achelis.

Ludwig, Pfarrer A., Das kirchliche Leben der evangelifch-
proteftantifchen Kirche des Großherzogtums Baden. (Evangelifche
Kirchenkunde. Das kirchl. Leben der deutfehen
evang. Landeskirchen. Hrsg. von Prof. D. P. Drews.
III. Teil.) Tübingen, J. C. B. Mohr 1907. (XII, 250 S.)
f?r- 80 M. 5—; geb. M. 6 —

Man wird den Referenten wohl nicht im Verdacht
haben, daß er dies Buch deshalb über Gebühr günhtig
beurteile, weil es ihm gewidmet ift. An feiner Abfaffung
bin ich ganz unbeteiligt. Aber ich halte es für ein gutes
und nützliches Buch, und es ift zu wünfehen, daß es alle
diejenigen lefen, welche entweder über die bad fch-kirchli-
chen Verhältniffe zu urteilen fich aufgefordert fühlen oder
in ihnen zu wirken berufen find. Letzteres gilt namentlich
für die badifchen Pfarramtskandidaten, welche während
ihres Studiums den Aufenthalt auf der Landesuniverfität
meiden zu müffen glauben. Übrigens wird auch wer die
badifchen Verhältniffe kennt, hier manche intereflante

Einzelheit finden, die ihm noch unbekannt war. _ Die

Aufgabe bringt es mit fich, daß in diefem Buche Stati-
ftifches, Hiftorifches und befchreibende Darftellung fich
mifcht. Die ftatiftifchen Angaben, die viel Intereffantes
enthalten, kann ich nicht kontrollieren; nur find ficher
falfch (wohl infolge eines Verfehens) die Frequenzzahlen
der Heidelberger theolog. Fakultät S. 59. Die feit 1876
einfetzende auffteigende Entwicklung derfelben (Sommer-