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Ausgabe:

1908 Nr. 4

Spalte:

107-110

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Leipoldt, Johannes

Titel/Untertitel:

Geschichte des neutestamentlichen Kanons. Erster Teil. Die Entstehung 1908

Rezensent:

Jülicher, Adolf

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107 Theologifche Literaturzeitung 1908 Nr. 4. 108

Leipoldt, Priv.-Doz. Lic. Dr. Johannes, Gefchichte des neu- auch bei L. auf, die nur den Raum füllen aber keine
teftamentlichen Kanons. Erfter Teil. Die Entltehung. Anfchauung erzeugen! Wenn ein Pfeudocäfarius, Marius
Leipzig, J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung 1907. (VIII, ! Victormus (Fauftinus Pacianus) nicht einmal im Regifter
Q fj on »/1 a-. elne Angabe von Zeit und Ort erhalten; wenn die

288 b.J gr. 8« M. 3.60 | Manichäer, die Photius bekämpft (S. 99ff.), erft durch das

In dem vorliegenden Buch hat der Verf. die Ent- i Regifter f. v. Paulizianer (nicht etwa bei Mani) als Pau-
flehung der h. Schrift Neuen Teftaments nach dem licianer gedeutet werden und der Lefer von diefen Pauli-
Stand der heutigen Wiffenfchaft befchrieben; ein zweiter, cianern auch fonft kaum mehr als Namen und Lebens-
binnen Jahresfrilt zu vollendender Band foll eine Über- zeit ihres Stifters erfährt — was helfen folche Zeugen?
ficht über die fpätere Gefchichte des N.T.lichen Kanons Ich glaube auch nicht wie Leipoldt S. V, daß die Ententhalten
. Man kann den erften Teil genießen und • fcheidung im Kampf um die Bibel davon abhängt, wie
beurteilen, ohne auf den zweiten zu warten; ftände die man die gelehrte Frage nach der Erhebung der N.T.lichen
Ankündigung nicht im Vorwort, fo würde fchwerlich , Bücher zur h. Schrift beantwortet, noch weniger, daß der
jemand auf eine ergänzende Fortfetzung rechnen. evangelifche Chrifl aus der Kanonsgefchichte lernen

Leipoldt fchreibt nicht bloß für Theologen von Fach, j wird, wie er feine Bibel zu achten hat; was L. S. 268ff.
Wenigftens den eigentlichen .Text' hat er fo geftaltet, daß | und im Vorwort darüber mitteilt, hat nur den Wert
er auch anderen Leferkreifen verfländlich ift; die zahl- I wohlwollend feelforgerlicher Anfprache: der Satz auf
reichen, bisweilen fehr umfänglichen Quellennücke in den j S. 269: ,die Erkenntnis, daß unferN. T. wirklich die beften
Anmerkungen, die das Buch für Seminarübungen geeignet : Quellen zur Gefchichte Jefu enthält, ift die wertvollfte
machen follen, find zugleich als Beweismittel für die , Erkenntnis, die wir aus der älteren Kanonsgefchichte
Quellenmäßigkeit der Darftcllung Leipoldts gedacht. L. ; entnehmen' enthält eine gerade fo wunderliche Selbft-
will alfo nicht eigentlich die Forfchung auf diefem Ge- 1 täufchung wie der auf S. 270, daß die Männer, die den
biet weiterführen; er betont immer wieder, daß die Kanon zufammenftellten(I), für das Evangelium Jefu
Haupttatfachen der Kanonsgefchichte bereits ,in jeder [ ein fehr feines(!) Verltändnis befaßen. Und ich kann
Weife fichergeftellt' feien, und .bemerkt' fogar S. 4, daß j keinen Zufammenhang entdecken zwifchen der von L.
der heftige Streit zwifchen Th. Zahn und Harnack über i übernommenen Aufgabe und feiner S. V ausgefprochenen
,das N. T. um das Jahr 200' ,nicht zuletzt ein Streit um .feften Überzeugung': ,der Grundfatz Luthers .Heilige
Begriffe ift'. In den ungeheuer gelehrten und reichen Schrift ift, was Chriftum treibt', muß den Ausgang
Werken Zahns hat L. nuüüberfichtlichkeit vermißt; und bilden bei allen Forfchungen und Urteilen über die Schrift',
diefem Mangel möchte er abhelfen, d. h. die Ergebniffe Von jenem Grundfatz gilt in viel höherem Maß, was L.
von Zahns Arbeit allgemein zugänglich machen. Trotz- j S. 275 n. 4 an dem berühmten Satz des Vincentius tadelt,
dem übernimmt er nicht etwa bloß die Rolle eines : daß folche Theorie fich praktifch in keiner Weife ver-
Dolmetfchers von Zahn; er hat fich z. B. gleich eine j wirklichen laffe.

ganz eigentümliche Anordnung des Stoffes ausgedacht: Als Berichterftatter ift L, mufterhaft. Eine Reihe

er will aber überhaupt als ,Menfch des zwanzigften Jahr- kirchengefchichtlicher Monographieen hatte die Sorgfalt
hunderts' felbftändig die Verbindungsfäden zwifchen den ! und Zuverlälfigkeit feines Arbeitens erwiefen; die Konallgemein
anerkannten Tatfachen auffuchen, und ift fich : trolle jedes in dem neuen Buch beigebrachten Zitats
bewußt, daß bei folchem Nachweis von Urfachen und Wir- 1 beftätigt diefen Eindruck. Sogar an Pedanterie ftreift
klingen innerhalb der Kanonsgefchichte feine Einbildungs- eine Genauigkeit, die Tifchendorf nie ohne feinen Vorkraft
und Erfindungsgabe kräftig mitwirken. Alfo über j namen, ev. mit ,de T.' zitiert, — ,Sozomenus Scholaftikus,
die Tatfachen wird L. nach den anerkannten Meifter- j Hermias' repetieren wir S. 286b — und S.97 n.4 aus einem
werken aus dem vorigen Jahrhundert berichten, zu ihrem j alten Titel des Allatius vtrivsqve — dann aber dochperpetua
gefchichtlichen — und rcligiöfen — Verftändnis leitet er j — nachdruckt. Die Vollftandigkeit des Regifters I er-
felber feine Lefer an. j weckt Graufen, wenn Äkulanum und Eklanum um des

Der Aufbau des Buchs ift der: Zwifchen einem ein- j Bifchofs Julianus willen als befondere Zeilen aufgenommen
leitenden Abfchnitt über das Alte Teftament und einem i werden, ja fogar ,Erfch' und ,Gruber', weil ein kanonsge-
abfchließendcn fünften über die Beurteilung des N. T.s in j fchichtlicher Artikel Schmiedels in ihrem Sammelwerk
der alten Kirche finden wir den eigentlichen Stoff in 3, 1 fleht, und Stilicho und Anthemius, die Konfuln des S. 230
nicht chronologifch getrennte Abfchnitte verteilt: einen [ abgedruckten, mit dem Datum des Jahres 405 verfehenen
über die N.T.lichen Apokalypfen, einen über die Evange- j Papftbriefes. Die Schreibung griechifcher und lateinifchei
lien und einen über die Apoftelbriefe und Apoftelge- , Namen, z. B. Cäfarea Kappadociä mag dem Gefchmack
febichten. L. verbucht es alfo mit Längsfchnitten, ver- ! des 20. Jhdts. entfprechen, aber von Konfequenz ift dabei
folgt die Gefchichte der einzelnen Beftandteile des N. T s ; nichts zu fpüren; Phönicien wechfelt mit Phönizien und
bis zu ihrer definitiven Feftlegung im Kanon; daß damit i Nicephorus Kallifti ift immer noch fchöner als die Zer-
das Material leichter überfehbar wird, ift nicht zu leugnen, 1 legung ein und desfelben Autors in den echten Corffen
und der Verwunderung über die von L. gewählte Reihen- ' S. 44. 147. 280 und einen fallchen Korßen 256 und 283,
folge der 3 Hauptftücke wollen wir nicht lange nach- < der Name Herveus (um 1125 !) wird modernifiert zu Herve,
hängen. Ob man freilich dem nichttheologifchen Pu- | Suicerus aus dem 17. Jhdt. bleibt unverändert. Eine
blikum mit diefer Anordnung einen Dienft erweift, bezweifle : Merkwürdigkeit ift Nicctas Serron S. 103 und 284 neben
ich. Sie ift für Repetitionszwecke geeignet: das Ver- ' Ökumenius von Trikke: N. Bifchof von Serrae follte es
ftändnis der gefchichtlichen Entwicklung, die immer im i heißen. Auch anderswo fehlt der Bifchofstitel zum Schaden
Ganzen fortgefchritten ift und durchweg gleichartig, ! der Sache, z. B. bei Johannes (warum nicht Johann?)
wird durch folche Vereinzelung erfchweit. Die zahlreichen j Chryfoftomus von Konftantinopel (S. 282). Es ift unange-
Rückverweifungen, die bei diefer Methode nötig werden, | brachte Befcheidenheit, daß in dem lonft überreichen
dienen ihr auch nicht eben zur Empfehlung. Ich will 1 Regifter das Lemma Leipoldt fehlt: wo der Verf. auf
dem begleich hinzufügen, daß mich Leipoldts Buch in i feine früheren tüchtigen Arbeiten Bezug nimmt, follte
der Überzeugung beftärkt hat, daß man die Gefchichte er auch für den nachfchlagenden Lefer kund werden
des Kanons dem Laien überhaupt nur in den äußeren ; laffen. Von Irrtümern, die vereinzelt untergelaufen find,
Umriffen und nach den bewegenden Motiven vorfuhren erwähne ich S. 100, daß nach Photius die Paulicianer
kann. Die Einzelheiten erfordern ein fo großes Maß von ; von den Paulusbriefen nichts wiffen wollen (Petrusbriefe
patriftifchem, kirchen-und dogmenhiftorifchem Wiffen, daß ! find gemeint), S. 80 n. 3: Athanafius ift im J. 335 nach
ihre Mitteilung für den, der folches Wiffen nicht befitzt, ; Trier nicht von Kaifer Conftantius verbannt worden, noch
ohne Nutzen bleibt: welche Menge von Figuren taucht weniger von jenem 339 nach Rom gefchickt, auch keines-