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Ausgabe:

1908 Nr. 26

Spalte:

727-729

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Thomä, Johannes

Titel/Untertitel:

Die Absolutheit des Christentums, zur Auseinandersetzung mit Troeltsch untersucht 1908

Rezensent:

Schuster, Hermann

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Theologifche Literaturzeitung 1908 Nr. 26.

728

zu einer Erörterung über die weittragenden fozialpäda- j
gogifchen Folgerungen ausdehnte, über den Rahmen einer
Anzeige hinausgreifen.

Straßburg i. E. E. W. Mayer.

Thomä, Pafl. Johannes, Die Abfolutheit des Chriltentums,

zur Auseinanderfetzung mit Troeltfch unterfucht.
Leipzig, A. Deichert'fche Verlagsbuchhandlung Nachf.
1907. (VIII, 89 S.) gr. 8° M. 1.80

Thomä gibt in feiner Schrift, wie der Untertitel ankündigt
, eine Auseinanderfetzung mit den verfchiedenen,
das genannte Problem behandelnden Arbeiten von
Tröltfch. Die Forderung von T., die Theologie müffe
fich als Einzelwiffenfchaft in den Kreis der andern
Wiffenfchaften ftellen und mit ihren Methoden arbeiten,
nämlich mit dem Mittel der Analogie auf Grund der
vorauszufetzenden Gemeinfamkeit und Gleichartigkeit
des menfchlichen Geiftes und feiner gefchichtlichen Betätigungen
, fie mühe deshalb den alten Supranaturalismus
mit feinem Wunderglauben als eine durch die Hiftorie
aufgelöfte, wiffenfchaftlich unmögliche und religiös wert-
lofe, ja bedenkliche Verabfolutierung des Chriftentums j
aufgeben und ftatt deffen verfuchen, auf Grund der
Religionsvergleichung eine wiffenfchaftliche Überzeugung 1
von dem eigentümlichen Wefen und dem überragenden,
fo weit wir fehen können, unüberbietbaren Wert des
Chriftentums zu gewinnen fuchen — diefe Forderung j
von Tröltfch befchreibt und bekämpft der Verfaffer. |
Sein methodifcher Gegengrund ift wefentlich der, es fei j
ein hiftorifches ,Dogma', die Gleichartigkeit alles Gefche-
hens und alfo der wiffenfchaftlichen Methode zu behaupten
; vielmehr müffe die Methode fich nach ihrem Gegen- j
ftand richten, die einzigartige Erfcheinung des Chriftentums !
erfordere auch eine entfprechende wiffenfchaftliche Behandlung
. Thomäs fachlicher Standpunkt zur Frage der
Religionsvergleichung und der Abfolutheit wird am beften j
mit feinen eigenen Worten befchrieben. ,Indem und foweit j
die außerchriftlichen Religionen ein Sehnen nach wahrer
Gottesgemeinfchaft und deshalb nach Sündenvergebung I
verraten, verhält fich das Chriftentum zu ihnen wie die
Antwort zur Frage, wie die Erhörung zur Bitte. Und
durch die Erhörung wird die Bitte anerkannt. Sofern
fie aber diefes Sehnen mit natürlichen Mitteln, alfo auf
dem Wege der Selbfterlöfung zu befriedigen fuchen, verhält
fich das Chriftentum zu ihnen wie Wahrheit zur
Lüge. Und durch die Wahrheit wird die Lüge zurück-
gewiefen. Dann find die andern Religionen überhaupt
keine Religionen, fondern nur Verfuche zur Religion,
während das Chriftentum die einzige Verwirklichung der j
Religion darfteilt, fofern hier allein wirkliche Gottes- !
gemeinfchaft fich findet'. Darnach ift der Begriff der j
Abfolutheit anzuwenden, er bezeichnet nicht das Chriften- J
tum als höchfte Stufe auf der Leiter, fondern als etwas
prinzipiell Neues. ,Er bezeichnet alfo, recht verftanden,
das Chriftentum als die Religion fchlechthin; und das
gehört zur Selbftausfage des Chriftentums'. ,Wo man
abgefehen von Chrifto und der auf ihn abzielenden1), deshalb
von ihm beherrfchten Gefchichte Gottesgemein-
fchaft behauptet, da kann alle Intenfität und Tiefe des j
dort waltenden Gefühles nicht von der Notwendigkeit j
entbinden, in diefer Behauptung Selbfttäufchung zu fehen'.
Die andern Religionen haben das Chriftentum nur indi-
rekt, durch Pflege des religiöfen Bedürfniffes vorbereitet, ;
,eine pofitive Vorbereitung ift nicht zuzugeben'. Deshalb, j
weil nämlich das Chriftentum eben nicht im Strom der :
Entwickelung fleht, ift auch die Sorge um feine etwaige ;
zukünftige Überbietbarkeit gegenftandslos. Wenn dann j

1) Ift damit das A. T. gemeint? aber womit ift bewiefen, daß es
allein auf das Chriftentum abzielt? Alfo bricht am hiftorifch und nicht
,meffianifch' aufgefaßten A. T. diefe ganze Methode der Ifolierung des
Chriftentums zufammen.

freilich dies Abfolute doch wieder als das Schlechthin
lebendige', als ,in die Gefchichte eingegangen' und ,der
Entwickelung unterworfen' gefaßt wird, fo ftreift das
bedenklich an die Paradoxien, mit denen Cremer'fche
Dogmatik die Probleme zu erledigen liebte.

Gedanken von Tröltfch, vorgetragen durch einen
Gegner diefer Gedanken, das ift für den Lefer eine potenzierte
Schwierigkeit, zumal Verf. oft nicht genügend
ausführlich zitiert, fondern die bekämpften Gedanken,
weil fie ihm im Kopf gegenwärtig find, vorausfetzt. Das
ift fchade, denn der Verf. fetzt fich in fehr ernfthafter
Weife mit feinem Gegner auseinander, beginnt er doch
diefe Auseinanderfetzung mit einem Wort des Dankes.
So werden die Freunde der Tröltfch'fchen Theologie
manches aus Th. lernen können; denn auf manche
Schwierigkeiten, z. B. ob man als Chrift die fremden
Religionen überhaupt richtig verftehen (wenn verliehen
hier doch nachempfinden heiße), gefchweige gerecht
abfchätzen könne, ob es nicht eitel Selbfttäufchung fei,
wenn man meine, den Maßftab, mit dem man die Religionen
vergleiche, a posteriori aus der Religionsgefchichte
gewinnen zu können, u. a. weift er richtig hin. Anderer-
feits wird Th. fich aber auch Mißverfländniffe vorwerfen
laffen müffen; fo mißverfteht er den orthodoxen Begriff
von Supranaturalismus und Heilstatfachen, indem er ihn
durch fubjektive Auffaffung modernifiert (S. 2). Diefe
Modernifierung ift fehr erfreulich, aber wer fie übt, muß
nun nicht feinerfeits andern, wie Lagarde vorwerfen, er
habe die ,orthodoxchriftliche Anfchauung' einfach nicht verftanden
. Daß umgekehrt Th. felbft von modernen Anfchau-
ungen flark beeinflußt ift und deshalb, natürlich unbewußt,
die altorthodoxen Ideen umdeutet, das zeigen, außer dem
oben über die der Entwickelung unterworfene Abfolutheit
Gefagten, Ausführungen über Kern und Schale im N. T.
und die Unmöglichkeit, ,das Chriftentum mit irgend einem
Stadium feiner Gefchichte, auch nicht mit dem klaffifchen
Anfangsftadium zu identifizieren' (S. 56) oder über die
Verflechtung der ganzen Bibel mit ihrer Umwelt (S. 71).
Ein Mißverftändnis anderer Art ift es, wenn Th. meint,
daß Tr. ,die entfcheidende Stellungnahme zum Chriftentum
auf eine abwägende Betrachtung der kämpfenden großen
Religionstypen gründet', und ihm deshalb mehrfach intel-
lektualiftifche Verkennung des Chriftentums vorwirft.
Hier liegt die Sache vielmehr fo, daß Th. nicht zwifchen
religiöfem Glauben und wiffenfchaftlicher Theologie unter-
fcheidet. Daß der Glaube fich nur auf Erfahrung gründet
', weiß Tr. fo gut wie Th.; aber Tr. weiß noch mehr,
nämlich daß der Glaubende, fofern er wiffenfchaftlich
denkender Menfch ift, durch eine Religionsvergleichung
feinen Glauben rechtfertigen und feine Theologie auf
diefer Bafis aufrichten kann.

Diefe Verwechfelung von Glaube und Theologie
wird für Th. geradezu verhängnisvoll, wenn er die Theologie
mit den andern Wiffenfchaften auseinanderfetzt.
S. 80 lefen wir: Die Theologie ,kann mit demfelben
Rechte wie jede andere Erfahrungswiffenfchaft behaupten,
daß genau zu den gleichen Refultaten kommen wird,
wer ihre grundlegenden Verfuche anftellt; fie tritt ja in
diefer Beziehung mit keinem andern Anfpruch auf als
etwa die experimentelle Phyfik, denn fie ift Erfahrungswiffenfchaft
durch und durch'. Solche Sätze befagen
doch offenbar zu wenig oder zu viel: zu wenig, denn
unfer Glaube ift uns gewiffer als alles Weltwiffen; zu
viel, denn kein theologifches Syftem kann fich mit
einem phyfikalifehen an Exaktheit vergleichen. Wenn
wir aber gar Sätze lefen wie den folgenden (S. 16): ,dem,
der Gott kennt, find alle Einzelwiffenfchaften lediglich
Monographien zur Theologie, die die umfaffende Wiffen-
fchaft ift' — fo müffen wir den Verf. fragen, ob er zu
Thomas von Aquino und zur Scholaftik nicht der luthe-
rifchen Orthodoxie, fondern des Mittelalters zurückkehren
will. Und wenn von dem ,empirifchen hiftorifchen Charakter
der neuen Wiffenfchaft', d. i. der Theologie die