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Ausgabe:

1908 Nr. 26

Spalte:

717-719

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Caspari, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Die Bedeutungen der Wortsippe kabod im Hebräischen 1908

Rezensent:

Volz, Paul

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Theologifche Literaturzeitung 1908 Nr. 26.

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es mir des Raumes wegen vertagen, noch nach anderer
Seite hin die Bedeutung diefer Ausgrabungen darzulegen.
Das Gefagte wird genügen um jeden von der Bedeut-
famkeit der gekitteten Arbeit zu überzeugen. Hoffentlich
wird der zweite Band, der die hiftoritche und archäo-
logifche Bedeutung diefer Funde darlegen toll, was er-
fchöpfend nur von dem gefchehen kann, der die Dinge
gefehen hat, nicht zu lange auf fich warten laffen. Jedenfalls
gebührt dem Verfaffer wie dem Herausgeber für
die Sorgfalt, mit der diefe Publikation vorbereitet ift,
unfer wärmfter Dank, die Arbeit kann nicht genug zum
eingehenden Studium allen, die fich mit archäologifchen
und religionsgefchichtlichen Fragen befchäftigen,empfohlen
werden. Namentlich für die Entfcheidung vieler religions-
gefchichtlicher Fragen gewinnen wir von hier aus ein
iicheres Fundament, was angefichts der auf diefem Gebiet
vorhandenen Gegenfätze nicht hoch genug anzufchlagen ift.

Straßburg i. E. W. Nowack.

Cafpari, Priv.-Doz. Lic. Dr. Wilhelm, Die Bedeutungen der
Wortlippe 123 im Hebräitchen. Leipzig, A. Deichertfche
Verlagsbuchhandlung, Nachf. 1908. (XI, 171 S.) gr. 8°

M. 4 —

Verf. hatte in ZAW 1907, H. 2 einen intereffanten
Artikel über .femafiologifche Unterfuchungen am hebräi-
fchen Wörterbuch' veröffentlicht, in dem er fich über
Methode und Ausfichten der Wortforfchung ausfprach.
In der vorliegenden Brofchüre nimmt er nun die lexikalifch
und religiös wichtige Wortfippe H32 vor, um fie nach
allen ihren Beftandteilen zu durchleuchten, befonders um
auf diefer Grundlage den Begriff kabod neu aufzubauen.
Das wertvolle Ergebnis feiner Forfchung ift, daß die
Grundvorftellung überall die des phyfifch Schweren ift,
auf die fich alle Glieder diefer Wortfippe zurückleiten
laffen. Diefes glatte Ergebnis war bisher wefentlich
durch den Einfluß der griechifchen Überfetzung (ffogw)
beeinträchtigt; die Beifeitefchiebung diefes Hinderniffes
bringt einen wefentlichen Fortfehritt zur Erkenntnis der
Entwicklungsgefchichte diefes Begriffs. C. unterfucht die
einzelnen Glieder der Sippe: das Verb im Qal und Hifil
und das Adjektiv kabed hat den Grundbegriff ,fchwer',
zunächft vielfach mit dem Nebengedanken des Bedrückenden
, Schwerfälligen, entwickelt fich aber von da
aus mehr in bonam partem: gewichtig, reich (koft-
fpielig), angefehen. Eigenartig ift der Fall bei kabed,
Leber: Auch hier ift die Grundbedeutung ,fchwer' deutlich
; ältere Bedeutung des kabed (vgl. das Arabifche)
ift ,Bauch', deffen augenfälliges Charakteriftikum die
Schwerfälligkeit ift; das Moment .fchwerfällig' kommt
nun allen Teildingen zu, die in der Gefamtvorftellung
,Bauch' vereinigt find, und verengert fich dann auf die
Leber, deren man nur inne wird, wenn fie drückt. Bei
Befprechung des Piel Iteht im Mittelpunkt das 4. Gebot
(mit ausführlichem Exkurs über den vom 4. Gebot, überhaupt
vom Dekalog vorausgefetzten Zuftand); primär ift
die Bedeutung ,verforgen', als Leiftung nicht als Gerinnung
; diefe Vorftellung entwickelt fich zur Vor-
ftellung ,ehren'. Die Subffantive/frVzvzund kebuddah haben
überall deutlich den Begriff der Schwere.

Nun aber kabod. Es ift wohl kaum das anfängliche
Grundwort der Sippe 122 (diefes ift unbekannt); der verbale
Charakter des Worts ift nicht nachzuweifen, möglicherweife
find zwei verfchiedene Nomina in ihm zu-
fammengefloffen; Zweifel an einer femitifchen Herkunft
haben keinen Grund. Von vornherein ift der Begriff
kabod von dem Begriff doga forgfältig zu fcheiden;
beide Begriffe find nicht kongruent; öot-a ift einerfeits
weiter als kabod, andrerfeits enthält k. Momente, die 6.
nicht hat. Die Definition des At.lichen Begriffs .Herrlichkeit
' darf nicht zu fehr durch den Begriff öo£,a beeinflußt
werden, denn der Begriff öoga wird durch die

I jeweilige Gottesvorftellung modifiziert, wie z. B. das
Moment des Lichtglanzes von der jüdifchen Gottesvorftellung
aus in den Begriff dog« eindrang. Dem Profa-
gebrauch nach ift kabod zunächft ganz allgemein gefagt
ein gegenftändlicher Begriff, genauer das wahrnehmbare
bewegliche Phänomen im freien Raum, vorzugsweife
i Wetterphänomen, mit dem Gewitter verbunden. Im religiöfen
Gebrauch tritt nun die eigentlich meteorologifche
Seite von kabod zurück, das Wort haftet vielmehr an
dem Gefühlswert des Phänomens; der religiöfe Sinn ging
hervor aus einer vom Gemüt unterftützten Deutung eines
finnenfälligen überfinnlichen Naturvorgangs als eines wirk-
famen und gegenwärtigen Eingreifens der Gottheit in den
| Welthergang. Die zwei charakteriftifchen Momente des
religiöfen kabod find alfo im Anfang: Majeftät und
| Öffentlichkeit; wegen des letzteren Moments vor allem
fetzt die Offenbarung des kabod ein Volk voraus und
der Begriff kabod taucht erft von der Volksgefchichte
Israels an auf; nirV 1122 ift alfo eine öffentliche Kundgebung
Gottes als einer Majeftät zum Zweck einer Aktion,
j manifeftiert befonders im Gewitter. — Mehr und mehr
vergeiftigt fich die Vorftellung, die finnliche Seite tritt zurück
, die ethifche bildet fich heraus, die Auffaffung des
äußeren Vorgangs, nicht der Vorgang felbft, wird das
Entfcheidende. Der Begriff kabod löft fich vom Gewitter
mehr und mehr ab, wichtiger werden die Begriffselemente
j Aktion, Majeftät, Heraustreten in die Öffentlichkeit. Ein
[ typifches Beifpiel in der Entwicklung ift Jef. 6; entfehei-
dend wirkt fchließlich Ezech.: er verfteht unter dem kabod
die Gottesgeftalt felbft, abgefehen von ihrem Wolken-
fchemel, k. wird Name der in der Vifion erfcheinenden
Geftalt Gottes. Der Schwerpunkt der alten Vorftellung,
I die Öffentlichkeit, ift aufgehoben, dafür das Merkmal der
Majeftät in die Mitte gerückt, kabod ift als etwas an Gott
! Bleibendes gedacht. Der k. ift immer da, in der Regel
j latent, gelegentlich öffentlich, in der Zukunft für immer
I offenbart; fo wird k. ein wichtiger eschatologifcher Be-
I griff. Die eschatologifche Vorftellung enthält aber nichts
j begrifflich Neues, nur den Fortfehritt der ununterbrochenen
j Sichtbarkeit.

Auf den Menfchen angewendet erfcheint kabod in
J doppeltem Gebrauch: 1. ideeller Sinn, kabod = Ehre.
I Diefer menfchlich-ideelle Sinn leitet fich vom religiöfen
Sinn ab, die menfehliche Herrlichkeit ift eine Analogiebildung
zur göttlichen; fie knüpft aber nicht mehr an die
meteorologifche, überhaupt nicht mehr an die gegen-
| Handliche Faffung des Begriffs an, fondern an das Stadium,
5 in dem bereits das Gefühlselement dominierte. Diefe
Übertragung des Begriffs von Gott auf den Menfchen ift
i ein Beifpiel für die fprachbildende Kraft des religiöfen
[ Denkens in Israel. Wichtiges Moment in diefem menfchlich-
ideellen Begriff kabod bleibt aber das finnenfällige, per-
I fönliche Auftreten; daher auch kabod (femin.) = Per-
fönlichkeit, k'bodi = Mein Selbft, mit dem Ausdruck des
gehobenen oder ausgefprochenen Selbftgefühls. 2. Der
wirtfehaftliche Sinn: K. = Reichtum. Diefe beiden Bedeutungen
, Ehre und Reichtum, flammen vom gleichen
Nomen kabod, aber nicht fo, daß die eine Bedeutung
aus der andern gefloffen wäre (weder Reichtum von Ehre
noch umgekehrt), fondern beide gingen unabhängig voneinander
und unmittelbar aus dem gegenftändlichen Gebrauch
des Nomens hervor. Die Bedeutung Reichtum ent-
ffand vielleicht an der Wage (Vorftellung des .Schweren').
Diefer wirtfehaftliche Gebrauch von k. wird oft in geift-
lichen Texten verkannt; er ift allerdings in der Sprache
vom ideellen überflügelt und zurückgedrängt worden.

Die Brofchüre ift gehaltreich und für ähnliche Unterfuchungen
in vieler Hinficht vorbildlich. Sie würde noch
mehr wirken, wenn fie flüffiger und verftändlicher ge-
fchrieben wäre. Und fo wichtig die Erkenntnis von dem
unheilvollen Einfluß ift, den die Vermifchung der Begriffe
doga und kabod anrichtete, fo wäre es doch vielleicht
methodifch glücklicher gewefen, den Lauf der fprach-