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Ausgabe:

1908 Nr. 24

Spalte:

678

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bonwetsch, G. Nathanael

Titel/Untertitel:

Grundriß der Dogmengeschichte 1908

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Seite 1

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677 Theologifche Literaturzeitung 1908 Nr. 24. 67g

Im einzelnen hätte ich viel zu fragen und auszufetzen,
doch muß ich mich belchränken. Gerne wüßte ich, wie
Gregory beweilt, daß Paulus den erften Theffalonicher-
brief bereits ,perliaps in the year' 48, und den Ga-

Horts Verdienfte um die Textkritik des Neuen Teftaments
in allen Ehren. Wer wollte fie beftreiten? Aber diefe
Kanonifierung ihrer Forfchungen bringt uns nicht weiter.
Und es muß doch demgegenüber gefagt werden, daß

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laterbrief nach dem Römerbrief gefchrieben habe (p. 52). j Weftcott-Horts Behauptung eines neutral text in diefer

Gerade in einem populären Buche darf fo etwas doch
nicht vorgetragen werden ohne Hervorhebung des fingu-
lären Charakters diefer Behauptungen. Nicht bewiefen

Form ungefähr von allen Seiten aufgegeben ift.

Wir wünfchen trotz mancherlei Ausfetzungen dem
liebenswürdigen Buch Gregorys in feiner Heimat die ihm

fcheint mir ferner Gregorys Vermutung zu fein, daß es im ! gebührende Verbreitung
chriltlichen Gottesdienft zwei Abfchnitte gegeben habe: Gotting-

God to mcn (Verlefung heiliger Schrift) und ,Man to men' ' Bouffet.
(Predigt etc.), und daß die Schriften des neuen Teftaments
und die ihnen verwandten (halbkanonifchen) zunächft in
diefem Teil des Gottesdienftes (Man to men) ihre Verwendung
gefunden hätten (p. 58 u. ö.). Vielmehr, wo
immer eine Verlefung von neuen Schriften im Gottesdienft
eintrat, fcheinen mir diefe fofort in den Rang des alten
Teftaments eingerückt zu fein. Man darf die Verlefung

Bonwetfch, G. Nathanael, Grundriß der Dogmengefchichte.

München, C. H. Beck 1909. (VI, 206 S.) gr. 8°

M. 4.50; geb. M. 5.50
Die Eigentümlichkeit diefes Grundriffes beruht nicht
nur auf feiner Kürze, fondern auch auf der trefflichen
Durchführung der Abficht, lediglich die Hauptfachen in

j„.„_ ,,~llfls«7u_ ! durchnchtiger Entwicklung darzuftellen. Es ift dem Ver-
von Schriften doch kaum zur Rubrik der davon vollltandig , f_„_____,

zu fcheidenden erbaulichen mündlichen Anfprache (teilen
— Hochbedenklich er fcheint die Verwendung von Hippolyts
Refutatio für den Kanon der Gnoftiker. Hippolyts Dar-
ftcllung der Gnofis in der Refutatio geht, foweit fie neues
bringt, auf eine oder mehrere fehr fekundäre Quellen
zurück. Und die hier in der Darftellung der Gnoftiker fich
findenden Bibelzitate als Testimonia der einzelnen alten
Gnoftiker (Bafilides, Valentin, Optiken, Simon: Gregory
p. 69. 79. 175fT.) für das neue Ttftament verwenden, das
heißt doch, fich gegen anerkannte Fundamentalgefetze
einer Kanonsgefcfnchte verfehlen. Wunderlich nimmt
fich endlich auch ein Abfchnitt bei Gregory ,thi possibi-
litics of tradition' (p. 159—162) aus. Gregory bringt hier
eine Reihe von Fällen neueren und neueften Datums,
durch welche die Möglichkeit einer langfrifbgen direkten
mündlichen Tradition bewiefen werden foll. Unter anderem
erzählt er uns von zwei Töchtern des Sir Stephen

faffer gelungen, in 37 Paragraphen den ganzen Stoff zu
umfaffen. Die Disposition und Einteilung berührt fich mit
der meinigen fo nahe, daß man unter Verglcichung der
Lehrbücher von Loofs und Seeberg wohl fagen darf,
daß fich in diefer Wiffenfchaft ein Einverftändnis inbezug
auf die Art der Bewältigung des Stoffs herausgebildet hat.
Das ift keine geringe Errungenfchaft; denn damit ift zugleich
ein Einverftändnis über den Begriff und die Aufgabe
diefer Disziplin fowie über ihr Verhältnis zur
allgemeinen Kirchengefchichte und zur fyftematifchen
Theologie gegeben. Aber auch darüber, was in einer
Vorlefung vornehmlich zur Sprache kommen foll, herrfcht,
wie diefer Grundriß an feinem Teile zeigt, ein Einvernehmen
. Daß Bonwetfch (mit Loofs und Seeberg)
bis zur Konkordienformel bez. bis zur Dortrechter Synode
vorfchreitet, während ich früher fchheße, beeinflußt die
Auswahl und Behandlung des Stoffs nicht im Geringften.

Fox, von denen die eine 1655, die andere 1727, alfo i hbenfowenig wird fie alfiziert durch die verfchiedenen
72 Jahre fpäter geboren fein foll; diefe zweite foll dann j Auffaffungen über das Urchriftentum im engften Sinn
wieder bis zum Jahr 1825 gelebt haben. Sir Fox müßte ! des Worts; denn daß die Dogmengefchichte bei dem

alfo feine zweite Tochter im abrahamitifchen Alter bekommen
haben. Leider find die Daten, foweit ich fehe,
falfch. Wenigftens nach den Angaben des Dictionary of
national biograpliy. Nach diefem ift Sir Fox 1716 bereits
geftorben, kann alfo nicht gut 1727 noch eine Tochter
bekommen habe. Das Dictionary gibt an, daß die in
Betracht kommende jüngfte Tochter (wohl 1705/6 geboren)
1729 heiratete. Gr. mag Geburts- und Heiratsjahr ver-
wechfelt haben. (Woher er das Todesjahr diefer Dame
hat, vermag ich nicht zu fagen. Ein kleiner Zweifel wird
aber nach obigem wohl am Platz fein: die fpätgeborene
Lady müßte ca. 120 Jahre alt geworden fein?!) Immerhin
bleibt beliehen, daß Sir Stephan Fox im Alter von 77
Jahren (1703) zum zweiten Mal heiratete und noch vier
Kinder zeugte. Er bleibt alfo weiter ein empfehlenswertes
apologetifches Objekt. Ich hoffe aber, daß diefer ganze Abfchnitt
bei einer neuen Auflage von Gr.s Buch verfchwin-
det. Er entfpricht der Höhe feiner fonftigen Haltung nicht.

Viel Vortreffliches bietet auch die Textgefchichte.
Hier erweift Gr. fich in dem, was er über antikes Buch-
wefen, Papyri und Pergamente, griechifche Majuskeln,
Minuskeln. Lektionare etc. ausführt, als der Kenner und
Meifter. Nur zeigt fich auch hier der enge Zufammen-
hang, in dem Gregory fich noch immer fpeziell mit der
englifchen Wiffenfchaft befindet, in der gänzlich unein-
gefchränkten und beinahe andächtigen Bewunderung der
Arbeiten von Weftcott und Hort. Nach Gregorys Meinung
ift ein Hauptgrund des Widerfpruchs, der fich gegen ihre
Arbeit erhoben hat, der, daß man den Aufbau ihrer
Theorien noch immer nicht ordentlich verftanden hat. |

Gregory teilt uns mit: ,/ succeeded in getting from tliem 1 WI1"a der Schüler nicht gequält fondern es Wehrden ihm
tvhat 1sufipose to be the only existing brief, authentic expo- ™ch telner allgemeinen Charakteriftik lediglich gewiffe

Chriftentum der älteften Gemeinden aus den Heiden einfetzt
und das Vorhergehende als ,Vorausfetzungen' behandelt
, von denen ein Teil erft allmählich wirkfam wird
— auch diefe Anordnung in der Behandlung des Stoffs
ift, weil fie den Tatfachen entfpricht, Gemeingut. In der
Darlegung der ,Vorausfetzungen' freilich werden fich ftets
tiefliegende Differenzen enthüllen.

So würde ich gleich den elften Satz Bonwetfch's:
,Als Meffias ift Jefus zu feinem Volk gekommen . . .; fein
meffianifches Bewußtfein ift die Vorausfetzung feines
ganzen Wirkens' als zu weit gehend beftreiten. Gewiß
war Jefus über feine Berufung zum Mefiias, und auch
diefe Gewißheit hat fchwerlich fchon beftanden, als er
zu lehren anfing. Das Streben nach Kürze ift dem ,die
Vorausfetzungen' enthaltenden Paragraphen m. E. verhängnisvoll
geworden; hier hätte notwendig mehr gefagt
werden müffen.

Daß nun in der eigentlichen Darftellung § 6—37 die
Hand eines kundigen, die Quellen fowohl als auch die
Literatur gründlich beherrfchenden Führers fichtbar ift
und zugleich die eines Lehrers, der die wichtigften Be-
dürfniffe der Schüler kennt, braucht nicht erft gefagt zu
werden. Ich hebe den § 6 (,Das Chriftentum und die
chriftliche Erkenntnis der nachapoftolifchen Zeit') wegen
feiner verhältnismäßigen Ausführlichkeit und Reichhaltigkeit
, die § 17 und 18 (,Die gefamten trinitarifchen und
chriftologifchen Streitigkeiten vom 4.—7. Jahrh. ) um ihrer
konzentrierten Kürze willen, die §§ 27—30 (,Das gefamte
Mittelalter nach der Karolingerzeig) wegen des entfchloffe-
nen Verzichts auf alles .Theologifche' hervor; mit diefem

what Isuppose to be the only existing brief, authentic exPo- ^tfCT[. g«
sition of their theorf (p. 507). Wenn doch Gregory uns j Hauptrefultate der fcholaftifchen Arbe.t mitgeteilt,
diefe authentic exposition mitteilen wollte! Weftcott und | Berlin. _______ A. Harnack.