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Ausgabe:

1908 Nr. 23

Spalte:

659-660

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lipps, G. F.

Titel/Untertitel:

Mythenbildung und Erkenntnis. Eine Abhandlung über die Grundlagen der Philosophie 1908

Rezensent:

Ritschl, Otto

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Seite 1

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659

Theologifche Literaturzeitung 1908 Nr. 23.

660

das folche Verfuche heutzutage flößen, kann die wiffen-
fchaftliche Unterlage gar nicht folid genug fein.

Straßburg i. E. E. W. Mayer.

Richert, Oberlehr. Hans, Philofophie. Einführung in die
Wiffenfchaft, ihr Wefen und ihre Probleme. (Aus
Natur und Geifteswelt. 186. Bändchen.) Leipzig, B. G.
Teubner 1908. (IV, 154 S.) 8° M. 1 —; geb. M. 1.25

Das vorliegende Büchlein i(l aus einem Vortragskurfus
in der deutfchen Gefellfchaft für Kunft und Wiffenfchaft
in Bromberg hervorgegangen. Es will hauptfächlich ,in
die ernfthafte philofophifche Arbeit der Gegenwart ein- j
führen' und gibt daher auch reichliche Literatur in einer
— wie gleich hinzugefügt werden kann — im ganzen
glücklichen Auswahl an.

Auch die Anordnung ift zweckentfprechend: Zuerfl [
Stellung und Wefen der Philofophie, dann die philofo-
phifchen Grundprobleme: I. das Problem der menfchlichen
Erkenntnis, II. die metaphyfifchen Probleme, III. das äf- j
thetifche Problem, IV. das ethifche Problem. Die Schei- j
dung der Gefichtspunkte der Betrachtung ift nicht überall j
fcharf. Es findet fich z. B. in dem Abfchnitt ,das Problem
der menfchlichen Erkenntnis' die ,empirifche Pfy-
chologie', beim ,Wefen der Philofophie' die ,tranfzenden-
tal-kritifche Methode' und der ,Idealismus' ohne fcharfe
Abgrenzung der Bedeutungen fowohl beim ,Problem der
menfchlichen Erkenntnis', als bei den ,metaphyfifchen Pro- j
blemen' behandelt. Es wäre aber bei dem gegenwärtigen j
Stande der Disziplin unbillig, über Einzelnes mit dem
Verf. rechten zu wollen. Er hat nicht unrecht, wenn
er fagt: ,Wenn wir die verfuchten Begriffsbeftimmungen
der Philofophie zufammenzählen, fo erhalten wir faft
genau die Zahl der felbftändigen Philofophen. Von
keiner diefer Anfchauungen werden wir fagen wollen, j
fie fei durchaus falfch, jede enthält Wahrheitsmomente' I
(S. Ii). Berückfichtigt man die Schwierigkeit der Auf- |
gäbe, in die Fülle ungelöfter Probleme der .Philofophie' ^
auf wenigen Seiten einzuführen, fo wird man fagen müffen,
daß er feine Aufgabe in gefchickter und anfprechender
Weife gelöfl hat.

Heidelberg. Th. Elfenhans.

Lipps, G. F., Mythenbildung und Erkenntnis. Eine Abhandlung
über die Grundlagen der Philofophie. (Wiffen- j
fchaft und Hypothefe. III.) Leipzig, B. G. Teubner
1907. (VIII, 312 S.) 80 Geb. M. 5 — 1

Den Begriff der Mythenbildung verfleht der Verf.
nicht konkret in der Anwendung auf religionsgefchicht-
liche Stoffe, fondern ganz allgemein in dem Sinne, daß
der primitive Menfch ,fein eigenes Sein, ohne davon zu
wiffen, den fich bewegenden und fich verändernden Ge-
genftänden' anheftet und .darum in allem Naturgefchehen
das Wirken lebender Wefen wahrzunehmen' glaubt. So
entlieht der Glaube ,an befondere Wefen, die in den
Dingen leben und als Götter verehrt werden. Diefe
Götter find aber keine Geifler', fondern anfänglich nichts
anderes als Tiere, da das Leben am deutlichften in den
Tieren hervortritt, ,die gelegentlich im Waldesdunkel
oder in der Tiefe des Stromes oder im Blau des Himmels
auftauchen' (S. 18). Indem fo die Dinge mit einem
Doppelleben begabt werden, das der primitive Menfch
auch in fich felbft findet, entfleht die Vorftellung von
der Seele, der Seelenglaube nebft Totenkult, und der
Glaube an das Leben in der Natur als unmittelbarer
Ausfluß der naiven Weltbetrachtung, in der der Bereich i
des finnlich Wahrnehmbaren nicht überfchritten wird.
Indem aber ,bei jeder Wahrnehmung frühere Eindrücke
aufleben und nachwirken', und fo ,der fcheinbar unvermittelt
wahrgenommene Gegenfland für die naive Auf-
faffyng mit all dem behaftet erfcheint, was erfl durch
den Wahrnehmungsprozeß hinzugebracht wird', ifl das

Wefen der Mythenbildung doch nicht in dem Seelenglauben
und der Belebung der Natur zu finden, fondern
,tn der Annahme, daß die Gegenftände unabhängig vom
wahrnehmenden Menfchen exiflieren, während in der Tat
ihre Auffaffung durch den Wahrnehmungsprozeß bedingt
ift' (S. 20).

Die Neigung zur Mythenbildung aber bleibt auch,
wenn die Auffaffungsweife des primitiven Menfchen ver-
fchwindet. Dagegen entwickelt fich erft allmählich im
Kampfe mit ihr die kritifche Weltbetrachtung. Diefe
Entwicklung verfolgt der Verf. durch die Gefchichte
der Philofophie von Thaies bis auf Hegel, dem er den
fundamentalen Fortfehritt' nachrühmt, die Erkenntnis
gewonnen zu haben, ,daß die Wahrheit begriffen und
verftätidlich gemacht werden müffe und nicht bloß gefühlt
und gefchaut werden dürfe' (S. 78). Doch ifl auch
Hegel in dem Intellektualismus befangen geblieben, ,der
naiver Weife das Handeln des Menfchen aus feinem
Denken hervorgehen läßt und fomit den erkennenden
Geift zugleich als wirkenden Geift fich denkt' (S. 85). Ift
jedoch das kritifche Verhalten des denkenden Menfchen
als der Urfprung der Philofophie zu erkennen, fo wird
es rein und ftreng nicht durchgeführt, indem man fich
für den Intellektualismus oder für den Voluntarismus
entfeheidet oder fich auf die Arbeit in den Einzelwiffen-
fchaften befchränkt. Vielmehr ift es die Aufgabe der
Philofophie, ,von dem Vollzuge der Beftimmungen des
Denkens auszugehen und anzugeben, wie fich darin die
den Raum erfüllende, in der Zeit fich verändernde Welt
und in ihr der mit Bewußtfein begabte Menfch darbietet'.
So aber ift das Dafein der Welt ,nicht aus einer über-
finnlichen Welt oder aus Kräften, die ihr innewohnen,
fondern bloß aus den Unterfcheidungen und Verknüpfungen
des Denkens abzuleiten' (S. 88), indem es gilt,
das eine in dem andern zu erfaffen. Hierin befteht das
Wefen des Beftimmens, und jeder Beftimmung kommen
drei Merkmale zu, ,das Fortfehreiten vom Grunde zur
Folge, das Zurückgehen von der Folge zum Grunde und
das Zufammenbeftehen des Grundes mit der Folge' (S. 99).

Das find die Grundfätze der Philofophie, die der
Verf. dann in Kap. 5—8 feines Buches durchführt, indem
er darin von dem Zufammenhange der Beftimmungen
und den Grundlagen der Mathematik, vom Erfaffen der
Wirklichkeit, vom Naturgefchehen und von dem Bewußtfein
handelt. Auch diefe Ausführungen find durchweg
ganz abflrakt gehalten und betreffen den Betrieb des Erkennens
in den Geifteswiffenfchaften überhaupt nicht.

Bonn. O. Ritfchl.

Bibliographie

von Lic. theol. Paul Pape in Berlin.
iDeutfcbe Literatur.

Theologifche Studien, Theodor Zahn zum 10. X. 1908 dargebracht v. N.
Bonwetfch, W. Caspari, A. H. Grützmacher, A. Hauck, A. Hjelt, L.
Ihmels, H. Jordan, A. Kloftermann, E. F. K. Müller, E. Neftle, H.
Ohl, E. Riggenbach, W. Sanday, R, Seeberg, E. Sellin, G. Wohlen-
berg. Leipzig, A. Deichert, Nachf. 1908. (V, 426 S.) gr. 80 M. 8 —
Hieraus einzeln:

Bonwetfch, N., Der Schriftbeweis f. die Kirche ans den Heiden als das
wahre Israel bis auf Hippolyt. (22 S.) M. —60. —Caspari, W., Die Bundeslade
unter David. (24 S.) M. —60. — Grützmacher, R. H., Die Haltbarkeit
des Kanonbegriffes. (22 S.) M. —60. — Hauck, A., Die angeblichen
Mainzer Statuten v. 1261 u. die Mainzer Synoden des 12. u. I3.jahrh. (21 S.)
M — 60. — Hjelt, A., Mikail Agricola, der erde finnifche Bibelüberfetzer.
(16 S.) M. —50. — Ihmels, L., Das Verhältnis der Dogmatik zur Schrift-
wiffenfehaft. (26 S.) M. —60. — Jordan, H., Das Alter u. die Herkunft der
laleinifchen Überfetzung des Hauptwerkes des Irenaus. (60 S.) M. 1.40. —
Kloftermann, A., Schulwefen im alten Israel. (40 S.) M. — 90. — Müller,
E. F. K., Beobachtungen zum neuteftamentlichen Sühnealauben. (18 S.) M. — 50.
— Neftle, E., Die zwei Namen Kapernaum u. Kaiphas. (20 S.) M. —60. —
Ohl, H., Die rechte evangelifche Lehre v. der Buße. Eine Prüfg. der Lehre
Herrmanns v. der Buße. (18 S.) M. —60. — Riggenbach, E., Der Begriff
der dnozrjxr, im Hebräerbrief. (28 S.) M. —70. — Sanday, W., The apostolic
decret acte XV. (20—29). (22 S.) M. —60. — Seeberg, R., Zum dogma-
tifchen Verftändnis der Trinitätslehre. (30 S) M. —80. — Sellin, E, Die
Schiloh-Weisfagung. (22 S.) M. —60. — Wohlenberg, G., Ein alter Iatci-
nifcher Kommentar üb. die 4 Evangelien. (36 S.) M. — 80.
Benzinger, J., Wie wurden die Juden das Volk desGefetzes? 1.—5. Tauf.
(Religionsgefchichtliche Volksbücher f. die deutfehe chriflliche Gegenwart
. Hrsg. v. F. M. Schiele. II. Reihe. 15. lieft.j Tübingen, J. C. B.
Mohr 1908. (48 S.) 8» M. —70; geb. M. 1 —