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Ausgabe:

1908 Nr. 23

Spalte:

645-647

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Barth, Fritz

Titel/Untertitel:

Einleitung in das Neue Testament 1908

Rezensent:

Schürer, Emil

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Theologifche Literaturzeitung 1908 Nr. 23.

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kleinen Abfätzen fortfchreitende, rein gloffatorifch ver- | zu zeigen. Aber nur am Schluße der Einleitung S. 16
fahrende Auslegung läßt neben der oberhirtlichen Stellung ; werden die wichtigflen allgemeinen Werke genannt. Im
des Verf.s begreiflich erfcheinen, wenn der Kommentar > übrigen verzichtet der Verf. völlig auf Anführung
brauchbar befunden wurde und eigentlich fchon feit von Bücher-Titeln! Man erfahrt nur, daß der und
Jahren eines Neudruckes bedurft hätte. Wie diefer jetzt i der die und die Anficht geäußert hat; aber nirgends
vorliegt, weift er Verbefferungen nur in formeller Rieh- ■ wird der Lefer durch Nennung des betreffenden Werkes
tung auf, und die Vermehrung befleht hauptfächlich in . in den Stand gefetzt, den Dingen weiter nachzugehen.
Ergänzungen aus den Werken Auguftins, dem er jedoch Man kann daraus nur fchließen, daß der Verf. das von
gelegentlich, z. B. zu 3,10, auch widerfpricht. Charakte- ihm Gebotene für fo völlig ausreichend hält, daß ,Theo-
riftifch ift, daß er fich auf Auguftin dafür beruft, daß man logieftudenten' und .Theologen im Amte' fich damit
nicht wiffen könne, ob die Namen der Engel aus un- ; begnügen können. Diefe Anficht vermag ich nun nicht
mittelbarer Offenbarung oder aus vorchriftlichen Tradi- j zu teilen. Der Verf. hat zwar augenscheinlich das ernfte
tionen abzuleiten find (S. 107). Anderfcits hält ihn auch Beftreben, die Meinungen Anderer objektiv darzuftellen;
der Refpekt vor dem Konsensus palrinn nicht ab, die Ver- | er tut es auch in ruhigem Tone und ohne gehäffige
bindung des iv döyfiaöi 2,15 mit dem Verbum abzuleh- Polemik. Aber nicht feiten läßt doch die Darftellung

nen, die Propheten 2,20. 3,5. 411 von chriftlichen Pro
pheten zu verftehen, überdies auch die Bedeutung des
sv EtptOoj 1,1 durch die Hypothefe eines Zirkulars mit
der Anfangsftation Ephefus zu rechtfertigen. Zur ffreng
apologetifchen Haltung des Kommentars gehört es, wenn
das falfche Zitat 4,8 durchaus zu Recht beftehen muß,
wenn die pleonafhfche Breite und. Häufung fynonymer

der gegnerifchen Meinung die erforderliche Schärfe und
Präzifion vermiffen, offenbar deshalb, weil der Verf. felbft
die Probleme nicht fcharf erfaßt hat. Bei Erörterung
der Echtheit der Paftoralbriefe werden zwar die Hauptgründe
, welche dagegen geltend gemacht worden find,
angeführt, aber in einer von vornherein fo matten Form,
daß die Widerlegung nicht allzufchwer wird. Man er-

Ausdrücke auf die einem überfchwänghehen Inhalt gegen- J fährt nicht, daß zur Zeit der Briefe die Gnofis fchon zu

über zutage tretende Unzulänglichkeit menfehlicher | einer weitverzweigten, den Beftand der Gefamtkirche ge-

Sprachmittel zurückgeführt wird (S. 101 f.), wenn die be- fährdenden Macht geworden war. Der Glaubens-, Kirchen-

kannten Bedenken gegen die ,heiligen Apoftel' 3,5 mit und Amts-Begriff der Briefe wird in feiner'Eigenart

Gegengründen, wie daß ja 1,1 alle Lefer des Briefes auch nicht herausgeftellt. Der für Paulus unmögliche Satz

.Heilige' heißen, entkräftet werden fallen. Recht harm- 1 daß die Kirche öxvXoq xai iögalcofia rrjg airjd-eiag fei'

los klingt es auch, wenn der Verf. fich einer eingehen- wird ignoriert, obwohl er wie kein anderer charakteriilifch

den Detailunterfuchung der gegen die Echtheit aufge- ! ift für den .Katholizismus' der Briefe. Es kommt nicht

tretenen Hypothefen für enthoben hält. Denn, ,was fich vor ! zum Ausdruck, daß das Verhältnis von Einfetzun" ins

16 Jahren noch einen Namen machte, hat fich inzwifchen 1 Amt und Verleihung der Amtsgnade das umgekehrte ift

als unhaltbar herausgeftellt' (S. IV), wofür Godet und wie bei Paulus. Kurz, die fpringenden Punkte treten

Belfer als vollwichtige Zeugen angerufen werden. Als ; nicht hervor. Beim 1. Petrusbrief wird zwar deffen

quantitc nigligeable' gelten fomit, um nur Lebende zu Abhängigkeit vom Römerbrief erörtert (S. 128f.); aber

nennen, Hausrath, Pfleiderer, H. von Soden, C. Clemen, die wichtigfte Parallele, die Verwendung derfelben Hofea-

W. Brück ner, Michelfen, Cone, Lueken, Soltau und bei ftellen in Rom. 9,25 h und I. Petri 2,10 und der darin

feinem jetzigen Schwanken wohl auch Jülicher. In diefer zum Ausdruck kommende heidenchriftliche Univerfahsmus

Gefellfchaft fühlt auch der Unterzeichnete fich am Platz, I des I. Petrusbriefes bleiben unerwähnt. Beimjakobus-

deffen fprachlichen Nachweifen der Verf. ,kühl gegen- 1 brief (S. 144f.) wird nicht beachtet, daß die Verwendung

überfteht' (S. VII). Um fo lieber nehme ich Notiz von der Genefisftelle in Jak. 2,23 eine äußerft gekünftelte ift und

der z. T. bis aufs Wort fich erftreckenden Ubereinftim- fich eben nur aus bewußter Polemik gegen Paulus erklärt-

mung in der Entwickelung des Begriffes xh'/Qcofta S. 112
= Neuteftamentliche Theologie II, S. 242 f.

Baden. H. Holtzmann.

Barth, Prof. D. Fritz, Einleitung in das Neue Teltament.

Gütersloh, C. Bertelsmann 1908. (VI, 467 S.) gr. 8°

M. 7 —; geb. M. 8 —

Jakobus muß fich bemühen, die Hauptbeweisftelle feines
Gegners fo zu deuten, daß fie für ihn felbft fpricht. Diefe
Beifpiele mögen zeigen, daß Barth die Pofitionen der Kritik
meift in abgefchwächter Form darfteilt, nicht mit derjenigen
Schärfe, welche dem Lefer eine richtige Vorftellung von
der Kraft und Wucht ihrer Gründe gibt. Zuweilen aber
werden die kritifchen Anfchauungen überhaupt nicht
oder doch nur ganz ungenügend mitgeteilt. Namentlich
■ c, TV wiinfrht fich der Verf. die Behandlung der johanneifchen Schriften, fowohl der
Nach dem Vorwort S IV wung^d J^fen welche Apokalypfe als des Evangeliums fteht in diefer Hinficht
mit dfmVeuen Teftament bekannt werden wollen,, über | noch erheblich hinter dem zurück, was bei den andern Seh

das fie fpäter zur Gemeinde zu reden haben, und Theologen
im Amte, die fich vom Stand der wiffenfehaftlichen
Erforfchung des Neuen Teftaments Rechenfchaft zu
geben wünfehen'

ten zur Orientierung des Lefers gefchieht. Wer mit diefer
Einleitung fich begnügt, erfährt nichts von der reichen
jüdifch-apokalyptifchen Literatur und von der Verwandt-
fchaft unferer Apokalypfe mit ihr, daher auch nichts

An diefem Maßftab gemeffen kann das Urteil über j von dem eigentlichen 'Wefen der Äpokalyptik"" Er be
das Buch leider nicht günftig lauten. Es ift zwar nütz- < kommt kein annähernd zutreffendes Bild von dem tieflich
, daß der Verf. über die einzelnen Bücher des N. T. greifenden Unterfchied des johanneifchen Evangeliums
gute Inhalts-Überfichten gibt. Es foll auch gern an- ; von den fynoptifchen, und von den erdrückenden Gründen
erkannt werden, daß er fich bemüht, die Lefer über die welche hieraus gegen den apoftolifchen Urfprung des
kritifchen Fragen zu orientieren, indem er die verfchiedenen vierten Evangeliums fich ergeben. Man tut dem Verf.
Anflehten der Forfcher über die Entftehungsverhältniffe wohl nicht Unrecht, wenn man fagt, daß er diefe Dinge
der einzelnen Schriften erwähnt und da, wo die Echt- felbft nur undeutlich gefehen hat und darum auch dem
heit beftritten ift, die Gründe dafür angibt und fie zu Lefer nicht das Auge dafür öffnen kann,
widerlegen fucht. Aber die Art, wie dies alles gefchieht, Diefe Ausheilungen richten fich nicht gegen den

kann ich nicht für genügend halten. Es ift alles mehr konfervativen Standpunkt des Verfaffers an fich, fondern
darauf berechnet, fromme Laien über die Angriffe der. gegen die unzureichende Art, wie die Pofitionen der
Kritik zu beruhigen, als Studierende zu der ernften Arbeit," Kritik dargeftellt werden. Freilich — wenn der Verf
die wir von ihnen fordern muffen, anzuleiten. Für diefen felbft diefe fchärfer erfaßt und fich deutlich gemacht
Zweck wäre es doch unerläßlich, überall die wichtigfte ( hätte, wäre er wohl auch ftärker von ihrer Gewalt ergriffen
Literatur zu nennen, um den Weg zu tieferem Eindringen ! worden. So aber gelingt es ihm, überall beruhigende