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Ausgabe:

1908 Nr. 22

Spalte:

625-627

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Frühauf, Walter

Titel/Untertitel:

Praktische Theologie! 1908

Rezensent:

Schian, Martin

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Theologifche Literaturzeitung 1908 Nr. 22.

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Wie dark die von letzterer gelieferten Beiträge find, erhellt
befonders deutlich aus den eingewobenen Theorien
über das Leben auf andern Geftirnen, über die Präexiflenz
der Geifter, über die Art, wie die verdorbenen Seelen
wieder in die Erfcheinungswelt zurückkehren, indem ,fie
im Samen eines Mannes, deffen Streben ihrem Wefen
entspricht, Spermatozoen organifierend in Tätigkeit treten'.

die Disziplin der Praktifchen Theologie. Sie ift fad nur
ein fyftematifcher Auszug aus der Kirchengefchichte; die
Kehrfeite des Hiftorizismus tritt an ihr erfchrecklich
zutage. Für fachliche Beurteilung bleibt ihr kein Raum.
Sie fragt nicht einmal, ob die kirchlichen Einrichtungen
einer fachlichen Prüfung, gefchweige denn einer Beffe-
rung bedürfen. Die beurteilende und beobachtende

Gerade in den einfchlägigen Abfchnitten empfindet man I Verbindung mit dem praktifchen Leben fehlt ihr; fie
aufs lebhaftefie, welchen Gefahren und Irrwegen das j fcheut fich grundfätzliche Betrachtung zu üben, zum
theoretifche Denken ausgefetzt ift, wenn es in kühnem l Reformieren fühlt fie fich nicht berufen. Sie ift die rück-
Ikarusflug, rafch verallgemeinernd, fich über die Erfahrungs- 1 ftändigfte der theologifchen Disziplinen (S. 115—141).
tatfachen zu einer abfchließenden wiffenfchaftlichen Welt- j Praktifche Theologie ift Frühaufs Gefamtforderung für
anfchauung erheben möchte. Mehr als ein aufmerkfamer j alle drei Fächer, ja für die ganze theologifche Wiffen-

und geduldiger Lefer wird die Schrift fchließlich aus der
Hand legen mit einem Gefühl gefteigerter Schätzung für
jene befonnene und kritifche Betrachtungsweife, die
befcheiden, mit Th. Häring zu reden, die unüberdeigbaren
Grenzen des .zwingenden Wiffens' anerkennt und das, was
jenfeits derfelben liegt, den Entfcheidungen des praktifch
fundierten religiöfen Glaubens überläßt.

Straßburg i. E. E. W. Mayer.

Frühauf, Walter, Praktifche Theologie! (Kritiken und

Anregungen.) Dresden, E. Pierfon (o. J.). (V, 167 S.)

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gr- 8 ^u von der Kirchenkunde, der religiöfen Volkskunde, der

fchaft (S. 142—167).

Ob F. durch feine Kenntnis der Sache berechtigt
ift, in diefer Weife als Reformator aufzutreten, ift recht
fraglich. Daß er über die ,Neuen Pfade zum alten Gott'
aburteilt, ohne fie gelefen zu haben (S. 40), ift bedenklich
. Bedenklicher ift die Unbefiimmtheit der Ausdrücke,
die blaffe Allgemeinheit der Thefen (z. B.: die Theologie
foll fich in den Dienft der guten, freien Zeitgedanken
(teilen, fie mit religiöfem Geifte hinein ins Leben
tragen, (S. 153)). Noch bedenklicher ift, daß er einfach
nicht genug Befcheid weiß. Die Praktifche Theologie
beurteilt er ausfchließlich nach dem .kleinen' Achelis;

Jeden Ruf zur Reform foll die Wiffen fchaft aufmerk- ! praktifch-theologifchen Handbibliothek, den Mühen um
fam beachten zumal dann, wenn er nicht von einem 1 moderne Predigt weiß er anfcheinend einfach gar nichts
Manne der Zunft flammt. Gerade der Außenftehende ! (fonft könnten S. 127ff. nicht gefchrieben fein). Auch feine
vermag vielleicht zu fehen, was den Facharbeitern felber j Kenntnis der Dogmatik und Ethik erfcheint ungenügend;
verborgen bleibt. Darum prüfen wir auch die fcharfen | in der apologetifchen Literatur ift er längft nicht genug
Kritiken und tönenden Reformforderungen des Privat- j zu Haufe. Wenn er behauptet, daß die Praktifche
gelehrten Frühauf mit dem ehrlichen Beftreben, aus J Theologie nicht prüfe und nicht reformieren wolle, muß
ihnen zu lernen. Er klagt die gefamte Theologie nicht- er nicht einmal den Grundriß von Achelis ordentlich
genügender Wirkfamkeit aufs Volksleben an (S. 4/5), be- 1 gelefen haben. Durch diefe grobe Unkenntnis werden
fchränkt fich aber, weil die heutige theologifche Wiffen- j feine Urteile natürlich ganz fchief und ungerecht; feine
fchaft zu umfangreich ift, um fie in allen Zweigen ,ganz Kritik trifft fehr oft daneben. Am bedenklichften aber
und akkurat' würdigen zu können, auf diejenigen Diszi- ; find die Symptome dafür, daß er fein Thema überhaupt
plinen, ,die aus fich heraus, aus eigenem Antriebe, durch nicht gründlich durchdacht hat. Was hat denn die ge-

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ihre eigentliche Beftimmung das praktifche Leben im
Auge haben follten' (S. 6): Dogmathik, Ethik und Praktische
Theologie. Sie liegen alle drei fehr danieder;
wer von ihnen für die Arbeit des praktifchen Lebens in
Kirche und Schule eine wefentliche Hilfe erwartete, fieht
fich arg getäufcht (S. 9). Die Dogmatik (S. 14—81) ift
fchon wegen ihrer Gefpaltenheit zur praktifchen Unfruchtbarkeit
verurteilt. Sie leidet weder als Apologetik

noch als eigentliche Dogmatik Brauchbares. Als Apo-

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gen die Dogmatik gerichtete Anklage auf Gefpaltenheit
eigentlich für einen Sinn? Gewiß id die Dogmatik voller
gegenfätzlichcr Meinungen und Widerfprüche. Aber
wie will F. das anders machen, ohne daß wir alle katho-
lifch werden? Und id wirklich die Folge diefer Gegen-
fätze, daß der Geidliche keine klare gefchloffene dog-
matifche Gefamtanficht fein eigen nennen kann? ,Er
kommt aus perfönlichen Angelegenheiten und inneren

quälenden Widerfprüchen nicht heraus und gibt fich vor
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logetik nicht, weil fie von grundverschiedenen grund- den logifchen Köpfen feiner Gemeinde Blößen auf Blö-
fätzlichen Vo'rausfetzungen ausgeht, weil fie fchrecklich ßen' (S. 14/15). Ja, warum kann fich denn der Einzelne
arm id in der Kenntnis und Bekämpfung der gegen- nicht feine feite Gefamtanficht bilden? Was hat denn die
wärtigen außertheologifchen Geideswelt, weil felbd Anklage gegen die Ethik für Sinn, daß fie ,die Sitt-
Schöpfungen wie der Evangelifch-foziale Kongreß (als hchkeit vorzüglich als Gefinnung, Theorie auffaßt, während
zu akademifch) und die Kirchlich-foziale Konferenz (als fie in Wirklichkeit der das ganze Leben durchtäuemde
altertümelnd) vertagen, weil, was über die Theologen- Sauerteig fein Sollte' (S. 90)? Id Gefinnung und Theorie
kreife hinausreicht, fich einfeitig an die Gebildeten wen- j denn dasfelbe? Will er ein Handeln ohne Gefinnung
det und dem Volksempfinden fern fleht (Religionsge- empfehlen? Kann die Sittlichkeit das ganze Leben durch-
fchichtliche Volksbücher, Biblifche Zeit- und Streitfragen, j fauern, ohne Gefinnung zu fein?

Neue Pfade zum alten Gott), weil fie zu fehr Behaup- I Die Grundlage der ganzen weitschweifigen Kritik
tung, zu wenig auseinanderfetzende Beweisführung id , P ruhaufs aber id fein merkwürdiger Begriff von der theolo-
(S. 18—50) Als Dogmatik id fie noch weit weniger zeit- ' gifchen Wiffenfchaft. Alle drei befprochenen Disziplinen
gemäß. Sie hat zwar gefchichtliches Leben gewonnen, tollen praktifche Theologie treiben; unter praktifcher
zieht aber aus der Gefchichte der Dogmen nicht die) I heologie aber, darf mit Fug und Recht nichts anderes vernötigen
Konfequenzen, beruft fich einfach auf die Bibel- • danden werden als die Summe von Antworten, in ein geord-
autorität kümmert fich nicht um die lebendigen Menfchen, netes, klares, überfichtliches Ganze gebracht, die auf die
gedaltet ihre Dardellung nicht im Blick auf das prak- Präge gegeben werden müffen: wie wird die Theologie
tifche Leben (S 50—80). Die Ethik id nicht gundiger zwecks religiöfer Förderung der Menfchen im praktifchen
zu beurteilen- auch fie geht in Abdraktionen auf, ohne Leben am beden und erfolgreichden für die Menfchen-
dem wirklichen Leben genügend Beachtung zu Sehen- ; herzen verwendet?' (S. Ii). Dabei gibt er ja zu, daß
ken. Ihr Arbeiten mit dem chridlichen Unter- und 1 diefe praktifche I heologie erd direkt an die Theologen
Hintergrund id kein zeitgemäß wiffenfehaftliches, weil 1 gerichtet werden und dann indirekt durch die Religions-
fie das Chridentum als felbdverdändliches Fundament f Verkündigung der Theologen den Menfchen zugute kom-
vorausfetzt (S. 82—114). Ganz arg deht es auch um , men foll (S. 11). Aber fchon die Darbietung an die