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Ausgabe:

1908

Spalte:

619-621

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Theobald, Leonhard

Titel/Untertitel:

Das Leben und Wirken des Tendenzdramatikers der Reformationszeit Thomas Naogeorgus seit seiner Flucht aus Sachsen 1908

Rezensent:

Bossert, Gustav

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6ig

Theologifche Literaturzeitung 1908 Nr. 22.

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der Kataftrophe von 1547 rnit dem finkenden Kredit I
Wittenbergs auch Bugenhagens Schriften mehr und mehr
ihre Anziehungskraft verlieren und nur noch die kleine, j
tief ins praktifche Leben eingreifende Schrift ,Von den |
ungeborn hindern' noch 7 mal gedruckt wurde. Dagegen
ift feine Pfalmenauslegung von 1524 17, die Adnotationes
in epistolas Pauli 14, der ,Sendbrief wider den newen
yrrtnumb bey dem Sacrament etc.' II, die Schrift ,Von
der itzigen Kriegsrüftung 1546' 1 Si d'e Leichenpredigt
für Luther 18 mal gedruckt worden. Man fieht auch,
wie beliebt die kleineren praktifchen Schriften Dr. Pommers
bis nach Süddeutfchland herein waren, wo fie gern nachgedruckt
wurden.

Für den Biographen Bugenhagens wird die Frage
zu erwägen fein, wie es kam, daß Bugenhagen 1524—26 j
die Druckerei des Adam Petri in dem weit entlegenen j
Bafel bevorzugte. Es müffen hier perfönliche Beziehungen 1
obwalten, die der Nachforfchung wert und. Sollten beide j
in Greifswald fich kennen gelernt haben?

Weiter fieht man, wie fehr Butzer das von Luther j
fcherzhaft, aber wohl mit aufgehobenem Fingergefprochene
Wort: ,Tu es nequam' in Marburg verdient hatte. Denn i
der von ihm ,gekreuzigte' Pfalter Bugenhagens ift ebenfo
wenig zu rechtfertigen, als feine Behandlung von Luthers
Poftille.

Nicht weniger intereffant ift, daß Bugenhagen ebenfo ]
und zwar nicht nur einmal den Diebftahl von Manufkripten
zum Zweck des Druckes erlebte, wie Luther durch das :
,Herrgöttlein' in Nürnberg. Man fieht, daß es für die j
Drucker keine gefuchtere und gewinnbringendere Ware I
gab, als die Schriften der Wittenberger Theologen, be-
fonders auch die für den praktifchen Gebrauch den j
Landpfarrern gefchickten Schriften, wie Bugenhagens
Postillatio.

Zu beachten ift die Aufklärung über den eigenartigen
Druck Egenolphs in Frankfurt Nr. 12. Die Erklärung
des Zitats aus dem Jeremiaskommentar in dem früher
gedruckten Matthäuskommentar S. 378 hat vieles für fich.

Das ganze Buch beweift, daß Geifenhof eine glück- j
liehe Hand hat und berufen ift, das ganze geplante Werk J
auszuführen, das willkommen fein wird.

S. 17, Z. 12 von unten lies propius ftatt proprius. I
S. 72, Z. 4 1. u. Götze ftatt Götz. S. 93, Z. 8 v. u. deshalb. I
S. 406, Nr. 159, Z. 4 Latin ftatt Litin. S. 418, Z. 5 v. u.
wohl uicanis ftatt uianis. Zweifelhaft ift, ob Hätzer fchon j
am 29. Juni 1524 zu den Täufern zu rechnen ift (S. 86).
Ge. Vogler war 1536 nicht mehr Kanzler (S. 19).

Stuttgart. G. Boffert.

Theobald, Hilfsgeiftl. Dr. Leonhard, Das Leben und Wirken

des Tendenzdramatikers der Reformationszeit Thomas
Naogeorgus feit feiner Flucht aus Sachfen. (Quellen und
Darftellungen aus der Gefchichte des Reformationsjahrhunderts
. Herausgegeben von G. Berbig. IV. Band.)
Leipzig, M. Heinfius Nachf. 1908. (III, 106 S.) gr. 8°

M. 3.50

Er ift fehr zu begrüßen, daß Theobald feine dankenswerten
Studien über Naogeorgus, welche er in der Neuen
kirchlichen Zeitfchrift 1906, 704—794 und 1907, 65—90,
327—350, 409—425 veröffentlichte, weiter fortgefetzt hat.
Er hat damit das Dunkel, das über den Zickzackwegen
des Straubinger Dichters lag, aufgehellt und feine fpäteren
Dichtungen beleuchtet. Jetzt verftehen wir, warum fich
Naogeorg nach dem Süden begab, als ihm der Boden 1
in Kahla gegenüber dem Weimarer Konfiftorium zu heiß !
wurde. Er hoffte in Augsburg anzukommen, nachdem j
Gereon Sailer fchon 1544 ihn dort hinzubringen gefucht j
hatte, wie Fr. Roth im ARG 1, ii4ff. nachgewiefen hat. 1
Wir lernen jetzt feine Beziehungen zu den Augsburger I
Predigern Mich. Keller und Joh. Haller wie zum Stadt- !
fchreiber Ge. Fröhlich kennen, der fich jetzt als Verfaffer I

des gehäffigen Speculum Osiandri entpuppt. Die Vermutung
Ofianders, daß ein Zwinglianer der Verfaffer fei,
war alfo richtig, aber Fröhlich kannte auch von Nürnberg
her Ofiander genau. Deswegen find feine Angaben, fo
giftig fie find, doch zu beachten. Wir lernen jetzt die
Gründe der Abweifung Naogeorgs und feiner kurzen
Amtsdauer in Kaufbeuren und Kempten würdigen. Ganz
unbekannt war bisher fein Übergang zum Rechtsftudium
in Bafel mit einem Stipendium Joh. Jakob Fuggers. Aber
der mehr als vierzigjährige Mann wendet nach 7 Monaten
Jura und Bafel den Rücken und kommt nach Stuttgart,
wo man ihn erft zum Diakonus an der Spitalkirche, dann
zum Prediger an S. Leonhard, alfo zu einem Nachfolger
des Auguftiners D. Joh. Mantel und des trefflichen Martin
Cleß macht. Neun Jahre bleibt er in Stuttgart, aber
ftets haben die Behörden mit ihm zu fehaffen bald wegen
feiner Klagen über fein Gehalt, bald wegen häßlicher
Ehehändel, die bis vor die herzoglichen Räte kommen
und nur durch Bedrohung mit fofortiger Entlaffung geendet
werden können, bald wegen Händeln mit den
Nachtwächtern, die bis zu blutigen Tätlichkeiten ausarten,
bald wegen feiner Neigungen zum Zwinglianismus und
wegen feiner Verhöhnung von Brenz, den er einft ge-
priefen hatte ,Brentius ingenuo veri fei"vore docendi doctis-
que ingenii monumentis' (Sat. 2, 5), und von dem er jetzt
Widerruf feiner Lehre forderte (Ebd. 3, 47?«.). Es war
fchonende Rückficht, daß die württb. Regierung ihm einft-
weilen, nachdem er fich in Stuttgart völlig unmöglich
gemacht hatte, die Stelle eines unftandigen Hilfsgeiftlichen
in Backnang gab, wo der dortige Pfarrer Reckelin, wahr-
fcheinlich wegen Alkoholismus, erft fuspendiert, dann
entlaffen werden mußte. Naogeorg erhielt fo Zeit, fich
nach einer neuen Stelle umzufehen, wobei es ihm glückte,
Oberpfarrer in Eßlingen zu werden. Aber hier brachte
ihn der leidenfchaftlLh-blinde Hexenwahn, mit dem er die
Verfolgung von 3 unfchuldigen Frauen betrieb und felbft
mit dem Rat in btreit geriet, bald wieder (26. Jan. 1563}
aus feinem Amt. M. E. kann kein Zweifel fein, daß ihm
jetzt Friedrich III. von der Pfalz die Pfarrei Wiesloch gab,
wo er aber nach kaum 10 Monaten am 29. Dez. 1563 ftarb.
Es ift auffallend, daß Kawerau RE 103, 498 Keims Angaben
in den Eßlinger Reformationsblättern S. 163 uberfah und
nicht die Unmöglichkeit des Jahres 1578 tür fein Ende
erkannte.

Die ganze Arbeit von Theobald bietet für die Biographie
Naogeorgs und die Bibliographie und die Würdigung
feiner Werke fehr viel Neues. Dazu kommt eine Reihe
Briefe Naogeorgs und feiner Freunde, wie Ge. Fröhlich,
Bullinger, Mich. Keller. Wir Schwaben find Theobald
noch zu befonderem Dank verpflichtet, denn der Abfchnitt
,Naogeorgus in Württemberg' ift ein wertvoller Beitrag
zur württembergifchen Kirchengefchichte, wie zur fchwä-
bifchen Literatui gefchichte und zur Gefchichte Stuttgarts.
Sehr fchön ift, daß der bayrifche Theologe den Zu-
fammenhang der nach Württemberg übergefiedelten
Straubinger Opfer von Canifius' Ketzerbekehrung^cifcr
erkannt und auch auf die Beziehungen Naogeorgs zu Joh.
Lasko aufmerkfam gemacht hat. Daß ihm manche interne
Wirtembergica unbekannt geblieben find, ift begreiflich.
Der Stuttgaiter Stiftsverwalter (1545—59) S. 45 Z. 2 hieß
Mart. Eifengrein, ift der Vater des Ingolftadter Konvertiten
, Bürgermeifter aber war 1552 Chriltoph Kienlin (Pfaff,
Gefch. v. Stuttgart 433, 469). Der mehrfach genannte
Stiftsdiakonus und Sta ttfuperintendent Weyrach S. 73, 99
ift Wynch Wieland (Pfaff 463). Die Prädikatur zu S. Leonhard
(S. 51) hatte ftiftungsgemäß der Rat zu befetzen,
der deshalb mit der Vergebung des Amts durch den
Herzog an Naogeorg nicht zufrieden war. Joh. Hecalius
S. 53 ift wahrfcheinlich ein Bruder des Gerftetter Pfarrers
Mart. Heckel und flammte wohl wie diefer aus Pfalz-
Neuburg. Über Chriftian Pierius S. 69, einen Konvertiten
aus Köln, und feine poetifchen Werke gibt Gödecke
Grundriß 22, 96 einige, aber ungenügende Auskunft. Er