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Ausgabe:

1908 Nr. 19

Spalte:

542-545

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bornhausen, Karl

Titel/Untertitel:

Die Ethik Pascals 1908

Rezensent:

Wernle, Paul

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Theologifche Literaturzeitung 1908 Nr. 19.

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bringt, befonders willkommen. Laienkelch und Priefterehe, I aber diefe Lehre fland doch bei den übrigen Reformern —
feine beiden Hauptwünfche, fpielten ja auch dort eine i man denke an Contarini und die Männer der Religionsge-
Rolle. Als aber die Reformation feine weltlichen Nach- | fpräche, fofern fie vermitteln wollten — gerade im Vorderbarn
allefamt ergriffen hat und auch die geiftlichen an- ' grund! M. E. ift der ,Reformkatholizismus' des Abtes nur
fteckt, meldet der Abt in Hanau die ,Anzeigung etlicher ; fein unficheres Taften hin und her und ein Stück Klugheit;
Religionpunkten das Klofter Schlüchtern belangend' an 1 einen ausgefprochenen Standpunkt hat er kaum gehabt.
(S. 86ff.). Er gefleht hier, die comniunio sub utraque ein- I Noch ein paar Kleinigkeiten: als Analogie zu der Bilgeführt
zu haben. Eine weitere, der Öffentlichkeit über- dung der Schlüchterner Klofterfchulgründung nennt Sch.
gebene Reformfchrift fucht im Regensburger Buche eine | S.45 Heilsbronn (f. darüber jetzt J. B. Götz: Die Glaubens-
Rechtsnorm für die Reform zu gewinnen, berührt fich fpaltung im Gebiete der Markgraffchaft Ansbach-Kulm-
vielfach mit der analog orientierten Kölner Reformation, bach, 1907) und Ilfeld; es wäre auch noch zu verweifen ge-
Aberjemehr Lotichius in diefen Reformbahnen wandelt, j wefen auf Klofter Bronnbach; hier rieben fich Würzburg und
defto größer wird die Spannung mit Würzburg und er- Wertheim unter nahezu gleichen Situationen, wie Hanau
reicht in des Abtes Exkommunikation 1543/44 den Höhe- 1 und Würzburg an einander, und der Abt geftaltet das Klopunkt
; doch wird fie unter dem Vordringen des Katho- der zur Schule für die Heranbildung von Pfarrern um; vgl.
lizismus nach dem fchmalkaldifchen Kriege relativ leicht R. Kern in den Neuen Heidelberger Jahrbüchern Bd. 13.—
wieder befeitigt. Dabei läßt er gleichzeitig den Pfarrern S. 122 gibt Sch. als Beifpiel für die ev. Neigungen des
feiner Abtei freie Hand, fich gegen das Interim zu erklären. I Würzburger Domkapitels die Tatfache an, daß der BiDank
einer Protektion des Würzburger Kapitels entwickelt , fchof felbft den gut evangelifchen Mich. Beuther zu feinem
fich nun die Schule günftig, wandelt fich dann aber unter , Vertreter bei den Verhandlungen des Paffauer Vertrages
dem fteigenden Einfluffe Hanaus allmählich in eine Landes- j und Augsburger Fliedens beftellte. Aber das ift nicht fo
fchule nach Att der fächfifchen um, 1628 wird fie auf- außergewöhnlich angefichts der fehr primitiven Verhältgehoben
als ein ,Gymnafium, das von Hanau ganz ab- I niffe der damaligen diplomatifchen Vertretungen. Hat doch
hängt'. . z- B- Kurfachfen 1520 in Rom den Valentin von Teteleben

Ift es zunächft eine Überrafchung, den fchlagfertigen j als Vertreter gehabt, der gleichzeitig der Vertreter von
.Chroniften der Chriftlichen Welt' als Kirchenhiftoriker zu Mainz war! (f. Kalkoff in ZKG. 25,445^. — Schmerzlich
fehen (inzwifchen hat fich Schiele für hiftorifche Theologie j vermißt wird ein Regifter, das bei einem Buche, in dem
habilitiert), fo geht das Erftaunen alsbald in helle Freude 1 Melanchthon eine Rolle fpielt, auf einen ungedruckten Brief
über. Das Buch als Ganzes ift prächtig gelungen. In der ! Albers hingewiefen ift (S. 56) u. a., nicht fehlen dürfte.

Darftellungsform ift Schiele Meifter, die Einleitung ift ge
radezu glänzend gefchrieben und erinnert an Guftav Freytag
, im übrigen erfreut die gefchickte, immer das Intereffe
wachhaltende Verknüpfung von Quellen und Schilderung.
Alle die kleinen Züge find gefchickt verwertet, auch Ge

Gießen. Köhler.

Bornhaufen, Lic. Karl, Die Ethik Pascals. (Studien zur
Gefchichte des neueren Protefiantismus, herausgegeben
ringfügiges (fo daß Melanchthon z.B. zweimal in Schlüch- von R Hoffmann und L< Zfcharnack. 2.) Gießen, A

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ter'n nächtigt) wird Ereignis. Den Grundfatz für territorial-
kirchengefchichtliche Forfchung, nie den Zufammenhang Topelmann 1907. (VIII, 171 S.) gr. S<> M. 4 -
mit der Allgemeingefchichte zu vergehen, hat Sch. forg- j Aus dem Umftand, daß im gleichen Jahr 1907 zwei
famu befolgt, die Hiftoriker der Pädagogik werden für die Darftellungen der Ethik Pascals erfchienen find, könnte
mitgeteilten Schulordnungen dankbar fein. Zwar vermag man leicht fchließen, daß es fich hier um eine von der
ich nicht in allen Punkten mit Sch. einer Meinung zu fein. Wiffenfchaft fchlimm vernachläffigte Aufgabe handelt.
Vor allem ift m. E. die Perfönlichkeit des Abtes Lotichius Ich kann das nicht finden aus dem einfachen Grunde
viel zu günftig gezeichnet. Wie das ja leicht geht, die weil es eine befondere Pascalfche Ethik überhaupt nicht
liebevolle Betrachtung, die Sch. ihm angedeihen läßt, hat gibt und die Aufgabe ihrer Darflellung fich nur auf-
zur Verliebtheit gefuhrt, und die hat blind gemacht. Das drängen konnte, weil die beiden Darfteller, Köfter wie
große pädagogifche Talent des Abtes will ich nicht be- Bornhaufen, trotz ihrer großen Pascalliebe fich zu wenig
itreiten, aber er ift kein Charakter, fondern eine ziemlich in ihn eingelebt, zu viel ihre eigenen Probleme und
haltlos hin und her pendelnde Perfönlichkeit, die den Man- ; Intereffen an ihn herangebracht haben,
tel nach dem Winde hängt. Er wird viel mehr gefchoben, Das Richtige fleht bei Bornhaufen felbft zu lefen:
als daß er fchiebt. Den Gedanken der Umwandlung des Im wefentlichen ift Pascals Ethik die katholifche Gnaden-
Klofters in eine Schule hatte ja Luther (an den chriftl. ethik des Auguftinismus, wie fie der Janfenismus hat
Adel) an die Hand gegeben; daß Lotichius nun durch be- j wieder aufleben laffen. Aber Pascal hat fie durch weitere
ftändiges Lavieren fich zu halten fucht, kann man ihm zu- und tiefere Einbeziehung der neuen Welt- und Lebens-
nächft nicht verübeln, das war kaum anders möglich, auf- auffaffung modernifiert und verinnerlicht, allerdings zufallend
ift nur die Gefliffentlichkeit, mit der er bald hierhin, 1 gleich auch extrem verfchärft (S. 121). Der zweite Satz
bald dorthin fich verbeugt; man follte beim Lavieren das fagt fchon zu viel; der erfite, wenn er richtig ift, macht
Ziel nicht vermiffen, es müßte ein Hin und Her mit den- diefes Buch beinahe überflüffig. Ein Buch von 170 Seiten
noch beflimmtemKurs fein! Schmählich aber geradezu konnte über diefes Thema nur gefchrieben werden, wenn
ift feine fo fchnelle Loslöfung vom Banne. Erwiderruftalles, eine Unmenge von Pascals Gedanken über Reimion und
verfpricht für die Zukunft Konformität mit der romifchen Apologetik hereinbezogen wurden, die zur Ethik eine
Kirche und laßt — fofort nach feiner Heimkehr den Pfar- fehr lofe oder gar keine Beziehung haben. Dadurch tritt
rern freie Hand, fich gegen das Interim auszufprechen! aber das Charakteriftifche wieder zurück und wird im
Sch felbft gibt zu, daß es dem Abte offenbar fpäter fchvver- Lefer kein befitimmter bleibender Eindruck hinterlaffen
gefallen fei, das Würzburger Kompromiß vor feinem Ge- hinfichthch des Pascalfchen Ideals und des Weges dahin
wiffen zu rechtfertigen, aber er findet diefe Not fpäter Voran geht eine Darfteilung der fittlichen Ent-
hinein°etra*en. ,Für ihn als Mann der Mitte konnte damals Wicklung Pascals nach drei Perioden, in denen Pascal
der H Kompromiß nicht das Bedenkliche haben, das er für fukzeffive die fittliche Erkenntnis des eigenen Ich der
andere und fpäter auch für ihn felbft gehabt hätte'. Aber Welt und Gottes gewonnen haben foll. Das ift fo ge-
es fcheint mir zweifelhaft, ob man Lotichius überhaupt waltfam und unwahrfcheinlich konftruiert wie nur mö"-
,Mann der Mitte' oder, wie Sch. fonfl fagt, ,Reformkatho- lieh. Das Richtige fagt Pascal felbft mit dürren Worten
lik' im damaligen Parteifinne nennen darf? Sch. hebt daß er zuerfl ausfchließlich Mathematiker gewefen fei
hervor daß die ev. Rechtfertigungslehre für den Abt in und fich dann ... es war in feiner weltlichen Periode
keiner'Weife von entfeheidender Bedeutung war' (S. 129), auf das Studium des Menfchen geworfen habe, auf dem