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Ausgabe:

1908 Nr. 16

Spalte:

467-468

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Meinertz, Max

Titel/Untertitel:

Jesus und die Heidenmission 1908

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

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467

Theologifche Literaturzeitung 1908 Nr. 16.

468

Er hat uns leider auch die Notwendigkeit vorgerückt, prüfen
zu müffen, ob das Sondergut des Luk. nicht auch in die
Stoffe von Q hineinreicht. Eines aber glaube ich, ohne
vorgreifen zu müffen, fchon jetzt fagen zu dürfen: wenn
Weiß recht hat, d. h. wenn es mit Q fo fleht, wie er
annimmt (fehr großer Umfang von Q), und wenn es mit
L fo fleht, wie er lehrt (Komplikation von L mit Q),
fo wird er in der Sicherheit der Quellenfcheidung
fchwerlich viele Nachfolger finden, und das wird
nicht nur in dem Mangel ihrer exegetifchen Energie
liegen; denn exakte Beweife, zumal wenn man die fprach-
lichen Argumente fo gering taxiert, find bei einer
Rechnung mit zwei Unbekannten überhaupt nicht möglich
. Schließlich bemerke ich noch, daß die fchrift-
ftellerifche Eigentümlichkeit der Evangeliften Matth, und
Luk. bei Weiß doch fehr zurücktritt, namentlich Lukas
erfcheint faft ausfchließlich als virtuofer Kompilator (mit
einigen wenigen felbftändigen Gefichtspunkten). Gewiß
—-er kann esgewefen fein, aber nach der Apoftelgefchichte
macht er diefen Eindruck nicht.

Berlin. A. Harnack.

Meinertz, Prof. Dr. Max, Jefus und die Heidenmiffion.

Biblifch-theologifche Unterfuchung. (Neuteftament-
liche Abhandlungen, herausgegeben von Prof. Dr. A.
Bludau. Heft 1/2.) Münfter, Afchendorff 1908. (XII,
244 S.) gr. 8° M. 6.40,

Die mit bifchöflichem Imprimatur erfchienene und
dem Titularbifchof Aloys Schäfer gewidmete Schrift gehört
zu den gegenwärtig nicht mehr feltenen Kundgebungen
jüngerer katholifcher Theologen, die ihre Aufgabe in
gründlicher Auseinanderfetzung mit der proteftantifchen J
Wiffenfchaft finden. Zwar fehlt es felbftverftändlich nicht I
an Hinweifen auf die patrifiifche Exegefe, auf Maldonat
und Neuere wie Schanz, Belfer, Schäfer, Batiffol, Knaben- j
bauer, Lagrange, ja felbft Schell und Loify, aber ,von katholifcher
Seite ift über unfere Frage nicht viel gefchrieben j
worden' (S. 16). Um fo häufiger begegnen Namen wie
Bouffet, Dalman, Pfleiderer, Merx,Jülicher, Zahn, Monnier,
Schürer, B. und J. Weiß, Wendt, Wellhaufen, Bertholet,
Haupt und vor allen Harnack, zu deffen ,Miffion und Ausbreitung
des Chriftentums in den erften drei Jahrhunderten' I
die vorliegende Veröffentlichung wenigftens teilweife ein j
Seitenffück bildet. Von ihm bezieht unfer Verf. den !
Begriff des jntenfiven Univerfalismus' (§ 4), d. h. einer
auf der allgemeinen Gültigkeit der fittlichen Weifungen
Jefu begründeten, prinzipiellen Weltreligion. Über die
proteftantifche Kritik geht aber die katholifche entfchieden
hinaus, indem fiejefu weiterhin auch einen,ausdrücklichen
Univerfalismus', alfo nicht bloß einen in der unbewußten
Geiflesregion Jefu latent gebliebenen, zufpricht (§ 5). Die
Gegenfätze, welche fich hier auftun, hat der Verf. fchon
zu Anfang in einer lichtvollen, unparteiifchen und von
umfaffendfter Kenntnis der Literatur zeugenden Dar-
ftellung des Problems zur Darftellung gebracht (§ 1).
In zufammenfaffender Weife zeichnet er das Refultat
der eigenen Forfchung über ,Miffionsgedanken Jefu' (§ 6)
in einer Richtung, die ihm erlaubt, den Miffionsbefehl im
Munde des Auferftandenen (§ 7) als ,etwas ganz Natürliches
', als ,Schlußftein des während der irdifchen Tätigkeit
grundgelegten Gebäudes' zu behandeln (S. 167), obwohl
er fich der erdrückenden Schwierigkeiten, die einer !
folchen Entfcheidung entgegenftehen, bewußt zeigt (S.201 f. !
212 f. 225). Vorgearbeitet hat er einer folchen Krönung
des Gebäudes allerdings fchon in den einleitenden Ab-
fchnitten, denen zufolge fchon das Alte Teftament, darin I
Jefus doch gleichfam feine Dienftinftruktion erkennen
mußte, ganz von univerfaliftifchen Gedanken durchzogen I
wäre (§ 2), und felbft das Spätjudentum noch über .weltweite
Gedanken' verfügte trotz aller Verkümmerung, die
ihm von feiten eines felbfifüchtigen Nationalismus wider- |

fuhr (§ 3). Nicht zu überfehende Beiträge zur biblifchen
Theologie bietet ferner ein der Darftellung der fynop-
tifchen Evangelien gewidmeter Abfchnitt mit einem Anhang
über Johannes (§ 8). Unbedingte Anerkennung verdient
die unermüdliche Sorgfalt, womit auch hier alles und
jedes Detail der Texte geprüft und gewogen wird. Bei-
fpielsweife fei verwiefen auf das glücklich formulierte
Endurteil über Lukas (S. 196), wobei der Gegenfatz zu
dem auch hier den univerfaliftifchen Gedanken möglichft
fernhaltenden Harnack doch nicht hartnäckig genug durchgeführt
wird, um etwa die 70 Jünger als Repräfentanten
der Heidenmiffion gelten zu laffen (vgl. S. 122 f.). Anderer-
feits ftellt er den Folgerungen, die Harnack aus Mt 10
zieht, Schlüffe gegenüber, die aus der, an fich jedenfalls
unzweifelhaft richtigen, Erkenntnis folgen, daß nur 10,1—15
für die hiftorifche Situation der erften Jüngerausfendung
in Betracht kommt, alles Weitere aber auf fpätere Zeiten
führt (S. 117 t.). Wäre hier der Ort für derartige ins Einzelne
gehende Erörterungen, fo müßte ich gegen eine
Menge von Urteilen des Verf.s (z. B. S. 57 f. 83. 193), ganz
befonders gegen feine Darftellung der Wirkungen des
Miffionsbefehles in der Urchriftenheit (§ 9) Einfprache
erheben. Im großen und ganzen aber haben wir es hier
mit einer ernfthaft zu nehmenden, keine Mühfal fcheuenden
Arbeit zu tun, die freilich, weil der Verf. alle in ihrem
Dienft gemachten Studien mit in die Darfteilung aufnehmen
zu müffen glaubte, zu einer Breite ausgewachfen ift, die,
gleichmäßig durch alle Gebiete der neuteftamentlichen
Theologie durchgeführt, einem Werke von ungefähr 10
Bänden zum Dafein verhelfen würde. Zum Schluffe feien
unfere Miffionsfreunde noch auf das Vorwort verwiefen,
in welchem proteftantifche Stimmen über Wert oder
Unwert der heutigen Heidenmiffion gefammelt und beurteilt
werden.

Baden. H. Holtzmann.

Führer, f weil. Lyz.-Prof. Dr. Jofeph, und Prof. Dr. Victor
Schultze, Die altchriltlichen Grabftätten Siziliens. Mit

4 Tafeln, 1 Beilage und 122 Abbildungen im Text.
(Jahrbuch des Kaiferlich Deutfchen Archäologifchen
Inftituts. Siebentes Ergänzungsheft.) Berlin, G. Reimer
1907. (XII, 323 S.) 40 Kart. M. 28 —

Über die grundlegenden, peinlich forgfältigen Arbeiten
des leider fchon 1903 verdorbenen bayrifchen
Gymnafiallehrers Jofeph Führer wurde früher von Achelis
berichtet; namentlich die ,Forfchungen zur Sicilia sotter-
ranea1 v.J. 1897 (f. 1899 Nr. 15) bilden ein, auch durch die
vorliegende — vorläufig abfchließende — Veröffentlichung
keineswegs antiquiertes Quellenwerk über die fyraku-
fanifchen Katakomben, das an Genauigkeit der Befchrei-
bung und Sachgemäßheit der Darftellung felbft nicht
durch de Roffis Arbeiten übertroffen wird.

Die dort in Ausficht geftellte umfaffendere Publikation
über die Gräberwelt Siziliens konnte nun von
Führer nicht mehr zu Rinde gebracht werden. Auf Anregung
feiner Gattin hat V. Schultze, die proteftantifche
Autorität unter den deutfchen Katakombenforfchern,
die Arbeit unter Berückfichtigung der hinterlaffenen —
nur zum geringen Teile druckfertigen — Aufzeichnungen
und Verwertung der Mitteilungen von Führer, Orfi u. a.
in Zeitfchriften mit dem vorliegenden Werke zu Ende
gebracht, als VII. Heft einer Serie archäologifcher Dar-
ftellungen, die durch ,die Calenderbilder des Chronographen
vom Jahre 354' von Strzygowski eröffnet wurde.
Wir gewinnen nun einen lebendigen Eindruck von der
bekannten Mannigfaltigkeit altchriftlicher Grabanlagen auf
der Infel, ftellenweife unter Vorausfetzung viel älterer
Gräbereinrichtungen aus der fikelifchen Periode. Auchfonft
find vorhandene Begräbnisftätten dafelbft von Chriften einfach
in Befitz genommen; man braucht für den darin
liegenden Jndifferentismus' (S. 11) nicht nach befonders