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Ausgabe:

1908 Nr. 1

Spalte:

23

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schornbaum, Karl

Titel/Untertitel:

Die Säkularisation des Klosters Heidenheim auf Grund archivalischer Forschungen 1908

Rezensent:

Bossert, Gustav

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23

Theologifche Literaturzeitung 1908 Nr. 1.

24

Schornbaum, Dr. K., Die Säkularisation des Klolters Heidenheim
auf Grund archivalifcher Forfchungen. Neuen-
dettelsau, Buchhandlung der Diakoniffenanftalt igcö.
(49 S.) 8« M. 1 —

Der Zerfall des Klofterwefens am Ende des Mittelalters
ift auch von den größten Lobrednern und Verteidigern
der goldenen Ära Roms nicht mehr zu beftrei- :
ten. Aber wie tief der Krebsfehaden war, wie ftark die 1
Klöfter den Haß der Bauern gereizt hatten, der fich im
Jahre 1525 in Franken vorzugsweife gegen Stifte und
Klöfter wandte, ift nicht immer genau feftzuftellen, da
es an zuverläffigen Quellen fehlt. Nun aber hat Dr. Schornbaum
, dem wir die wertvollen Monographien über Markgraf
Kafimir und Georg von Brandenburg-Ansbach verdanken
, aus den Akten des Kreisarchivs Nürnberg ein
fehr forgfältiges, deutliches Bild von den Zuftänden ;
des Klolters Heidenheim zur Zeit der Reformation herausgearbeitet
, das mit feinen fchwarzen Farben wahrhaft
abflößend wirkt. Die fromme Stiftung des heiligen Wuni- i
bald am Hahnenkamm zwifchen Wörnitz und Altmühl !
ftand feit 1503 unter der Leitung des Abtes Chriftoph
Mundfcheller, eines tatkräftigen, klugen Mannes; aber j
er war eine durch und durch unfittliche Natur, wie ein
Zeugenverhör und mannigfache Klagen von Bürgern klar
beweifen. Vgl. S. 1 ff. 25 Anm. Der Prior fagte bei dem
Verhör, dem Abt feien viele Leute feind, weil er etlichen
ihre Töchter betrogen und verführt habe. Einen feiner
Konventualen, den er haßte, weil er feiner Mißwirtfchaft
entgegenzutreten wagte, ließ er durch einen jungen Mönch j
der widernatürlichen Unzucht befchuldigen, um ihn zu j
befeitigen. Aber auch fein Nachfolger, eben der auf
Anhaften des Abts verleumdete Mönch, ift kein fittlich
intakter Mann, der kurz vor feiner Erwählung auch 2
junge Mönche zur Unzucht verführte. Ja jeder der
Mönche hat feinen Anhang und feine Dirne. Der
Prior hat einen Schlüffel zu einem Tor, der Weibern
den nächtlichen Zutritt ins Klöfter ermöglicht. Zucht
und Ordnung liegen darnieder. Abt und Mönche ver-
forgen mit des Klofters Gut Weiber und Kinder. Dabei
herrfcht Streit und Haß im Klöfter, man verdächtigt und
verklagt einander. Im Bauernkrieg hatte Markgraf Kafimir
Heidenheim wie andere Klöfter in die Hand genommen
, aber 1526 ihm die Selbftändigkeit zurückgeben
müffen. Unter Markgraf Georg war es klar, daß die
Zuftände unhaltbar waren. Man mußte inventarifieren,
die Verwaltung ordnen und dem Abt einen Gegenfchrei-
ber an die Seite fetzen, aber endlich die ganze Verwaltung
in die Hand nehmen, den tauglichen Mönchen
Pfarreien geben, den austretenden eine Abfertigung bewilligen
, andere im Klöfter ausfterben laffen, bis endlich
1570 der letzte Mönch ftarb. Es war einfach Gebot des
Staatswohls und der Sittlichkeit, daß man das Klöfter
aufhob. Die kleine Schrift verdient alle Beachtung.

Stuttgart. G. Boffert.

Heiner, Dr. Franz, Der neue Syllabus Pius X. oder Dekret
des hl. Offiziums ,Lamentabili' vom 3. Juli 1907, dar-
geftellt und kommentiert. Mainz, Kirchheim & Co.
1907. (IV, 300 S.) gr. 8» M. 5 —

Heiners Auslegung des alten Syllabus ift in diefer
Zeitung 1906 Nr. 23 angezeigt worden. Die Auslegung
des neuen eröffnet der Verf. mit den Worten: ,Wenn
ich mit dem vorliegenden Werke über den Neuen Syllabus
an die Öffentlichkeit trete, fo gefchieht es infolge
ausdrücklicher Aufmuntung des h. Vaters'. Wir dürfen
alfo annehmen, daß die frühere Erklärung die Approbation
von höchfter Stelle erlangt hat. Das ift eine 1
Gewähr dafür, daß nicht die möglichft fcharfe Interpretation
gutgeheißen wird; denn Heiner trat in feiner Aus-
legung diefer an zahlreichen Punkten entgegen.

Für den neuen Syllabus ift damit freilich wenig gewonnen
; denn die meiften feiner 65 Sätze find fo formuliert
, daß hier Zweifel in Bezug auf das Verftändnis
nicht fo leicht auftauchen können. Indeffen kann ein
virtuofer Dialektiker doch auch hier einerfeits Löcher
auffpüren, durch welche die ,Liberalen' durchfehlüpfen
können, teils den nächften Sinn fteigern und den Umfang
des verdammten vergrößern. Man wird dem Kommentator
das Zeugnis nicht vertagen können, daß er
wirklich den Sinn der Sätze richtig getroffen und ihren
Spielraum, wie der Gefetzgeber ihn wollte, zutreffend
abgedeckt hat.

Darüber hinaus bietet aber das Buch wenig. Die
intereffanten Fragen, woher Hammen die verworfenen
Sätze, warum find unter den Hunderten möglichen, die
verdammt werden konnten, gerade diefe ausgewählt
worden? — werden nicht gefchichtlich unterfucht. Nur
beiläufig erfährt man, daß gewiffe Sätze nach Loify
formulirt find oder nach anderen. Welche Bedeutung
aber für diefen Syllabus die Schriften des Proteftanten
A. Sabatier haben, in welchem Maße er fich gegen
die franzöfifche religiöfe Bewegung richtet, und in
einem wie geringen Maße er auf die deutfehe theologifche
Wiffenfchaft der Katholiken paßt, darüber wird
man fchlechterdings nicht unterrichtet.

Was den Standpunkt des Verfaffers anlangt, fo ift
derfelbe korrekt römifch; eine Unterftrömung, wie fie
aus befferer Kenntnis der Gefchichte und tieferer Erfaf-
fung der Theologie flammt, ift nicht oder doch kaum
fpürbar. Offen erklärt der Verfaffer, auf welcher Seite
man ihn zu fuchen hat, wenn irgendwo ein Konflikt
zwifchen Kirche und Wiffenfchaft ausbricht. Auch Ver-
ficherungen wie die (S. 246) ändern daran nichts, daß
.nicht einmal die Befchlüffe des h. Offiziums, deffen
Vorfitzender der Papft felbft ift, auch wenn fie fich auf
Glaubensfachen beziehen und die ausdrückliche Approbation
des letzteren erhalten haben, Unfehlbarkeit be-
anfpruchen und unabänderlich feien'. Gehorchen muß
man ihnen doch; man vgl. die 8. Thefe des Syllabus. —
Über den Abfchnitt, den der Verf. mir gewidmet
hat, fchweige ich am bellen; er fetzt fich über die Regeln
hinweg, die der wiffenfehaftliche Verkehr gebietet
| und verfällt in den Ton feuilletoniftifcher Polemik.

Vom Syllabus felbft zu reden, verfage ich mir gleich-
J falls. Wiffenfchaftlich ift überhaupt nichts über ihn zu
fagen, und in die Empfindungen der ernllen, die Wahr-
j heit fuchenden und findenden Katholiken, die ihre Kirche
j lieb haben, möchte ich durch kein Wort eingreifen. Sic
haben wieder einmal eine Leiche an Bord, eine neue
fchwere Lad, und müffen zufehen, ob und wie fie fie
ertragen können.

Berlin. A. Harnack.

Lobftein. Prof. P., Etudes sur la Doctrine chretienne de
Dieu. Premiere serie. Paris, Fischbacher. — Lausanne,
G. Briedel & Cie. 1907. (190 p.) gr. 8°

Diefe Studien Lobftein's zur Gotteslehre, zuerft veröffentlicht
in der Revue de theologie et de Philosophie in
Laufanne, find ebenfo wie feine früheren Unterfuchungen
zur Chriftologie und zur Sakramentslebre und wie feine
vorzügliche ,Einleitung in die evangelifche Dogmatik'
durch ftraffe Methode, vorfichtig abwägendes Urteil und
klare, feinfinnige Ausführung ausgezeichnet. Dadurch,
daß fie auf die franzöfifche und franzöfifch-fchweizerifche
proteftantifche Literatur reichlich Bezug nehmen, haben
fie für uns Deutfehe noch einen befonderen Wert. Lobftein
fucht in den gegenwärtigen Studien gewiffe methodo-
logifche Grundfätze, die das eigentliche Wefen der
dogmatifchen Erkenntnis betreffen, auf die theologifche
Behandlung der Ewigkeit, der Allgegenwart, der All-
wiffenheit, der Allmacht, der Perfönlichkeit Gottes kon-
fequent anzuwenden. Er zeigt, daß die traditionelle