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Ausgabe:

1908 Nr. 15

Spalte:

435-436

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Steinführer, W.

Titel/Untertitel:

Das Magnificat Luc. 1 identisch mit Psalm 103 1908

Rezensent:

Dobschütz, Ernst

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435

Theologifche Literaturzeitung 1908 Nr. 15.

436

Steinführer, Patt. W., Das Magnificat Luc. 1 identifch mit

PTalm 103. Ein fprachwiffenfchaftlicher Belag. Neu- J
Brandenburg, C. Brünslovv 1908. (VIII, 343 S.) gr. 8°

M. 4-

Wer in diefem Buch von 343 S. irgendwelche Belehrung
über das literarifche Problem der Herkunft der
lukanifchen Pfalmen oder gar die neuerdings viel verhandelte
Frage, ob Luk. 1,46ff. Maria oder Elifabeth
als die Redende gedacht fei, fucht, wird bitter enttäufcht.
Solche kritifchen Unterfuchungen liegen völlig außerhalb I
des Gefichtskreifes des Verfaffers, der mit dem hebräifchen
und griechifchen Lexikon in der Hand fpekuliert, fo kühn,
daß felbft die gewagtesten rabbinifchen Kombinationen
überboten werden. Es genügte faft, auf Hollmanns Be-
fprechung feines früheren Werkes ,Der Engel Gefetz'
Theo!. Lit.-Ztg. 1904 Nr. 24 Sp. 655—57 zu verweilen.
Diefelbe ,Methode', wenn man dies Wort für folche
Willkürakte brauchen darf, mit der der Verf. in einer 2.
Schrift den ganzen Prolog des Johannes-Evangeliums als
wörtliches Zitat aus Jefaia erweift, läßt ihn hier in dem
Magnificat den 103. Pfalm wiedererkennen, einen der
,erratifchen'Pfalmen Davids, einen ,Hauspfalm', den fchon
darum Maria zu dem ihrigen machen mußte: ift er doch
nichts anderes als ,die Weisfagung von dem Hervorgehen
des Heilandes aus Mutterleib' S. 5. Darauf kommt der
Verf. allerdings erft wieder S. 318 ff. Alles vorige dient
zum Unterbau, wobei alle erdenklichen Stellen des A und
NT befprochen werden, fo daß, ganz in talmudifcher
Weife, eins immer ins andere gefchachtelt wird: z. B. S.
149—iööExegefe von I Kor. 15, darin 160—163 Jef. 24. 25.

Der Verf. verfteift fich darauf, überall falfche Über-
fetzungen aus dem Hebräifchen zu finden: ipvyjj ift nicht
Seele, fondern Kind. Symeon fagt zu Maria: wird doch
über dein liebes Kind der Bann ergehen. alrjQ-Eia einet j
heißt nicht Wahrheit, fondern kommt (wie Mammonas
von Mama) von em Mutterfchaft. Nicodemus kommt nicht |
,bei Nacht', fondern,um Erbfchaftftreits willen'. Matth. 19,16
verfleht man erlt, wenn man tl fie als i;s53 verlefen für
"OSE ,mein Schatz' erkannt hat; olöautv Joh. 3,2 ,wir
intimieren'. 3,9 ,wo fteht das gefchrieben?'; das artikel-
lofe iQioröq bedeutet den Geiftlichen.

Dazu gehört dann die Theorie von dem jüdifch-natio-
nalen im Gegenfatz zu allem heidnifchen, wie fie der
Verf. in Der Engel Gefetz fpekulativ begründet hat: wer
die verftanden hat, der weiß, daß xodfioq bei Johannes
die Judenfchaft, aZndcöq und älnd-ivöq jüdifch-national
bedeutet, und der kann dann Joh. 8,56 richtig überfetzen:
Abraham euer Vater kreißte, damit er mein Gefchlecht
erzeugte und er zeugte es, wie er fich denn erbaute' und
57: ,50 Jünger haft du noch nicht einmal und ftehft an
Gefchlecht dem Abraham gleich'.

Im Mittelpunkt aller Gedanken fleht das Myfterium !
der allerheiligften Geburt. Damit verträgt fich für des j
Verf. Denken nicht der Begriff der Sendung. So fchreibt
er S. 176: ,Es ift unerträglich, wie dies Verb (nbttJ) im
NT gebraucht wird. Das ift ja der reine Doketismus.
Genügt denn unfrer Dogmatik diefer Ausdruck (fenden),
will fie nicht ein geboren dafür haben?' DieLöfung bietet
fich darin dar, daß Tritts als Kompofitum (©) von "|biT
diefes aber ebenfo wie fn als Hinweis auf die Geburt
zu verftehen ift.

Wem all dies etwas befremdlich erfcheint, dem hält
der Verf. in fcharf polemifchem Tone vor, daß es das
Reforrnjudentum Alexandriens ift, das uns um alles rechte
Verftändnis gebracht hat. Diefe griechifcherT Überfetzer
find in ihren Mißverftändniffen ,kindifch albern'. Man
lefe nur S. 307, wie Paulus den Hebräerbrief beginnt:
,Nachdem in der Weife von Erbzuteilung, aber auch in
der Weife von Vorftehertum, immer wieder Jehovah geredet
hat zu dem Zwecke,'Vorrang zu geben, hat er, wie
die Weisfagung es verkündet, „in Niedrigkeit" (in Staub
und Afche) fich offenbart diefem Zeitalter in dem Sohn. I

Nicht hat er von Herzen gedemütigt (erniedrigt) den,
der von Herzen ihm der aufftrahlende Menfchenfohn war,
unter deffen Füße er doch die Abficht hat zu legen alle
Fürften der Erde. Wenn irgend einer, fo hat diefer weggenommen
das Joch durch Seine Dienftbarkeit, wie es
die Abficht war zurückzuführen, zu revidieren (oder rein
zu fprechen) das Gericht des Helden gegenüber dem Antlitze
Gottes' und vergleiche damit, was der alexandrinifche
Überfetzer daraus gemacht hat! Und das fchlimmfte: bis
zu dem Unfinn folgt die Probebibel diefem alexandrinifchen
Verfahren (S. 247).

Dazu kommt, daß die gewöhnliche Exegefe kein
Griechifch kann: fie weiß nicht, daß im NT eine ganze
Reihe archaiftifcher Formen äolifcher Mundart vorkommt,
alfo Joh. 8,16 xQiv(&)m, 8,55 elxco als aor. IIpass. zu lefen
und demgemäß zu überfetzen ift ,wenn ich zu gerichtlicher
Ausfage befchieden, wenn ich gefcholten werde'.
ciQxä^tiv Mt 11,12 und agxayuöq Ph 2,6 kommen von
SQjta&iv kriechen machen; in ccqcl Mt 12,28 find die
Ära- (Fluch)dämonen zu erkennen, die das Gottesreich
vorweggenommen haben! Bei ßaöilda rcöv ovgavcbv
,zuckt es S. 27 dem Verfaffer in den Fingern, den Akzent
des erften Wortes eine Silbe hinaufzurücken, um der fich
in ihrer Nachkommenfchaft feiig preifenden Maria nahe zu
kommen. Indeffen der Begriff ift auch fo ganz brauchbar'.

Und das alles nennt fich ,ein fprachwiffenfchaftlicher
Belag'.

Straßburg. von Dobfchütz.

Zum Hebräerevangelium.

Eduard Riggenbach hat in feinen fehr dankenswerten
Studien über die Perfon des mittelalterlichen
Kommentators Haimo auf eine bisher unbeachtete Anführung
aus dem Evangelium der Nazarener aufmerkfam
gemacht, die fich am Schlurfe der Erklärung Haimo's
zu Jef. 53,12 befindet. Sie gibt fich als Erweiterung von
Lk. 23,34a und lautet: ,Sicut enim in evangelio Naza-
raenorum habetur, ad hanc vocem domini multa millia
Indacorum astantium circa crucem crcdiderunt' (Migne
SL 116,994). In den bislang erfchienenen Befprechungen
ift das Fragment befonders hervorgehoben und nicht
beanftandet worden; auch Zahn hat es inzwifchen als
eine echte Probe des Hebräerevangeliums anerkannt und
eigens behandelt.

Zur Verhütung einer irrigen Verwendung des Stückes
fei mir der Hinweis geftattet, daß ihm nur eine haltlofe
Kombination des Haimo zu Grunde liegt. Die Vorlage
bildete Hieronymus ep. 120, 8, 2 ad Hedibiam, wo es
nach dem Zitat Lk. 23, 34a heißt: Jtaque impetravit, quod
petierat, multaque statim de Judaeis millia crediderunt'
(Migne SL 22, 993). Als die Quelle diefes als apokryph
empfundenen Berichtes hat Haimo um fo ficherer das
von Hieronymus öfters herangezogene evangelium Na-
zarenorum erraten zu dürfen geglaubt, als von diefer
Schrift im felben Briefe kurz zuvor, Kap. 8, 1, zu Mt.
27,51 die Rede war.

Berlin. Alfred Schmidtke.

St ein mann, Priv.-Doz. Dr. Alphons, Der Leferkreis
des Galaterbriefes. (Neuteftamentliche Abhandlungen,
herausgegeben von Prof. Dr. A. Bludau. Heft 3/4.)
Münder i. W., Afchendorff 1908. (XIX, 251 S.) gr. 8°

M. 6.80

Das Wefentliche über die Stellung, welche der Verf.
zu den Problemen des Galaterbriefes einnimmt, ift fchon
in der Anzeige des vor 2 Jahren erfchienenen, die Ab-
faffungszeit behandelnden, Vorläufers des neuen Werkes
gefagt worden (Jahrgang 1907, Sp. 404). Auch von diefem
gilt, was von jenem zu rühmen war, daß es an Reichhaltigkeit
der benützten Literatur, an umfaffender Berück-