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Ausgabe:

1908 Nr. 14

Spalte:

411-412

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Usener, Hermann

Titel/Untertitel:

Der heilige Tychon 1908

Rezensent:

Dobschütz, Ernst

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Theologifche Literaturzeitung 1908 Nr. 14.

412

und nur ausnahmsweife dem Schweigenden zuzugestehen' 1 Sich der Winzergott Tychon gerade zum Bifchof von Ama-
ift. Ich finde darin bloß die Unterscheidung der 2 Perioden J thus entwickelt, als welchen ihn der zu Amathus geborene
in Gott, a) wo er Schon Schweigend die ratio beSaß, und ; und ebendort als Patriarch von Alexandrien am II. Nov.
b) wo er durch die ratio den sermo produzierte (vgl. 617 verdorbene Johannes Eleemon doch Schon vorSand
6, 23f.). Tertullian operiert in Kap. 5 m. E. weniger, als 1 — wenn nicht dafür eine Anknüpfung gegeben war? Mir
Kr. glaubt, mit allgemeinen Vernunftwahrheiten; er Sucht, i Scheint, daß nicht von ungeSähr der Gott Priapos-Tychon

mittels hergebrachter Vorstellungen auch feiner Gegner
ihnen den Starren Monotheismus auszureden; biblifche
Ausdrücke und die Voraussetzungen der populären Psychologie
verknüpft er gefchickt, um den Schein der

hier zu einem christlichen Heiligen geworden ift, fondern
an einen übrigens vielleicht ganz unbedeutenden BiSchof
von Amathus diefes Namens, deffen Gedenktag am 16. Juni
gefeiert wurde, Sich, durch den Gleichklang des Namens

fchlechthinigen Einfamkeit von dem vorweltlichen Gott j veranlaßt, Mythus und Brauch eines Winzergottes ander
Bibelgläubigen zu entfernen. ! gehängt hat. Nur mit diefer Einschränkung gilt alfo, daß
So Starke exegetifche Mißgriffe find indeffen bei Kr. j hier ein hellenifcher Gott in den chriftlichen Himmel gefeiten
; die Mehrzahl feiner Textänderungen find, wie ich '■ kommen ift: eigentlich hat er nur feine Infignien einem

zum Schluß mit dankbarer Anerkennung wiederhole, auch
bei adv. Prax. zweifellofe und wertvolle Berichtigungen.

Marburg. Ad. Jülicher.

Ufener, Hermann, Der heilige Tychon. (SonderbareHeilige.

chriftlichen Bifchof geborgt!

Der Untertitel: Sonderbare Heilige. Texte und Untersuchungen
I weift auf einen größeren Plan, den Ufener
hegte: als 2. Heft hatte er die Pelagialegende auf Grund
vermehrten Materials neu bearbeiten wollen. Die Vorarbeiten
find nicht weit genug gediehen, um das Heft fo

Texte und Unterfuchungen. I.) Leipzig, B. G. Teubner <"-"^a lmu mcl!L we. genug pU,ene um aas ne.uu
/TTTTT _, „„ , „„ , i erscheinen zu laffen. Die Einleitung hat Dieterich in die

innl fWTTT tä-» C ^.80 1/T r* . «oK T/T f<_ .. .. ...... *> .. _

,Vorträge und Auffätze' aufgenommen; die neuen Texte
Sollen anderweitig veröffentlicht werden.

Straßburg. von Dobfchütz.

1907. (VIII, 162 S.) gr. 8° M. 5—; geb. M. 6 —

Eine wertvolle Gabe aus Ufeners Nachlaß, die fchon
1905 faft fertig vorlag, wird uns hier durch A. Brinkmann
befchert. Ein nur in der Parifer Handfchrift gr. 1488 des
11. Jahrhunderts zur Hälfte erhaltener Text, ergänzt durch
einen fogenannten ßioq ev sjiiroficp derfelben Handfchrift Albers, Bruno, O.S. B., Consuetudines Monasticae. Vol. III:
und Synaxartexte gibtUfener Gelegenheit zu zeigen, wie ein Antiquiora Monumenta maxime Consuetudines Casinen-
fokhes Heiligenleben allfeitig zu behandeln ift Da er- ses inde abanno 716-817 illustrantia continens. Monte
halten wir wertvolle Erörterungen über Stil und Sprache „ .

der Schrift, die nicht nur für Philologen von Intereffe find; Cass,n0 l9°7- (XXIV> 243 P-) 4° L- U-75

eine prächtig klare Darlegung des zuerft von W. Meyer Der um die Gefchichte feines Ordens verdiente

beobachteten rhetorifchen Gefetzes des daktylifchen Satz- Forfcher Bruno Albers hat in dem vorliegenden dritten
fchluffes (dies Sollten Sich die Exegeten nicht entgehen Band der Consuetudines monasticae alle Urkunden aus
laffen, um Sich den Blick dafür zu fchärfen, wie vielfach der j den Jahren 716 bis 817 zufammengeftellt, die für die
Gedankenausdruck durch das Formgefühl beeinflußt wird); Stiftung Benedikts von Nurfia, insbefondere für das
eine ebenfo gründliche wie anregende Unterfuchung der ' Klofter Monte Caffino von Bedeutung find. Die Urkunden
literarifchen Gruppe: Johannes Mofchos, Sophronios und 1 umfaffen die Zeit von der Wiedererrichtung Monte Caffinos
Johannes Eleemon, wodurch Geizers Ausführungen (Aus- j unter dem Abt Petronax im Jahre 716 bis zu der Aachener
gewählte kleine Schriften, 1907) dankenswerte Ergänzung Reformfynode Benedikts von Aniane im Jahre 817. Die
finden und eine wichtige Etappe der Hagiographie in 1 in diefen Band aufgenommenen Stücke waren bereits

neues Licht tritt. Was Ufener felbft aber das wichtigste
war, das ift die religionsgefchichtliche Erklärung des Be-

fämtlich bekannt und gedruckt, aber Albers hat vielfach
neue Handfchriften aufgefunden und verglichen. Er

fundes: ihm ift der h. Tychon kein anderer als der Gott hat ihre Varianten vermerkt und durch Anmerkungen,
Priapos und das Hauptwunder des Heiligen ätiologifche befonders durch Heranziehung des Kommentars des

Legende für einen kultifchen Brauch, der Sich aus dem
heidnifchen Winzerkult in den chriftlichen Gottesdienft
hinübergerettet hat. Der Beweis ift kurz folgender: das
Leben des Heiligen ermangelt faft aller konkreten Züge
außer zwei Wundern: dem der Kornvermehrung und dem
der Traubenfrühreife; als Bifchof von Amathus auf Ky-
pros ift Tychon chronologisch nicht genau unterzubringen.
Tychon aber ift Sicher ein Gottesname, ein phallifcher
Fruchtbarkeitsdämon, Schutzgott der Weinberge. Der
Dionyfos-Mythus und -Kult kennt die Wunderrebe, die
fofort nach der Pflanzung Blätter und Blüten treibt.
Schließlich ergibt Sich für eine kultifche Feier der Vor-
lefe, Ernte und Weihe der erften frühreifen Trauben eine
merkwürdige Konftanz von den Vinalien Romsam 19. Aug.
bis zu den Winzerfeften der benedictio uvae des 6. Aug.

Paulus Diaconus zur Regel Benedikts die Erklärung der
einzelnen Stücke gefördert. Sie find chronologifch angeordnet
, und die erften zehn Stücke, die Abfchnitte aus
den Viten des Bifchofs Willibald, des Bonifatius und
Sturm, den Brief des Bonifatius an den Abt Optatus von
Monte Caffino bringen, betreffen die Zeit von 716 bis
750. Dann folgen zwei wertvolle Stücke unter N. 11
und 12, die älteften Gewohnheiten und ein alter ordo
officii des Klofters Monte Caffino. Traube hatte bezweifelt,
daß diefer ordo nach Monte Caffino gehört, Albers erhebt
es aber zur Gewißheit durch den Hinweis darauf,
daß die Fefte des heiligen Fauftinus und Jovita in ihm
erwähnt werden, deren Reliquien der Abt Petronax nach
Monte Caffino gebracht hatte. Daran reihen Sich Abfchnitte
aus der Vita des Heiligen Liudger, ein ordo

in Rom und am Rhein, am Marienfeft des 15. Aug. in I unficheren Urfprungs, ein Stück aus der regula Magistri,

Byzanz. Das merkwürdigfte ift, daß dabei Trauben nicht
nur geweiht und als Eulogien verteilt, fondern auch beim
Abendmahl in den Kelch ausgedrückt wurden. Ufener
fucht es wahrfcheinlich zu machen, daß auf der Südküfte
von Kypros bereits am 16. Juni ein folches Feft der Vor-
lefe möglich war; daß die Trauben dabei nicht wirklich
fchon ganz reif waren, gibt der Text mit großer Naivität
zu.

Hier aber müffen nun doch die kritifchen Bedenken
einfetzen. Warum hat man das Feft auf eine Zeit verlegt
, wo es eigentlich nicht ganz hinpaßte — wenn nicht
das Datum irgendwie hiftorifch gegeben war? Warum hat

der Brief des Paulus Diaconus an Karl den Großen,
die Edikte Karls vom Jahre 789 und 802 und endlich
die Bittfchrift der Mönche des Klofters Fulda an Karl.
Die folgenden Urkunden von N. 20 bis 28 beziehen fich
fämtlich auf die Reformbeftrebungen Benedikts von
Aniane. Das erfte Stück, die fogenannten statuta Mur-
bacensia fetzt Albers im Anfchluß an Seebaß nicht unter
Karl den Großen ins Jahr 802, fondern weift fie dem
Reichstage zu Aachen 816 unter Ludwig dem Frommen
zu. Für die wichtigen Capitida Aquisgranensia im Jahre
817 hat Albers den kürzeren Text, auf Grund eines St.
Galler Kodex, eines Cafinenfers und zweier Vatikanifchen