Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1908 Nr. 13

Spalte:

393-394

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wahrmund, Ludwig

Titel/Untertitel:

Katholische Weltanschauung und freie Wissenschaft 1908

Rezensent:

Lobstein, Paul

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

393

Theologifche Literaturzeitung 1908 Nr. 13.

394

böte vber yhn gefand nicht volkstümlich genug, gut
deutfch-derb fetzt er die Überfetzung an den Rand:
aber der teufel wird ihn befcheiffen. Zu Hohel. 3,1:
Ich fuch des Nachts in meim Bette, den meyne feele
lieb hat, fchreibt er, weil es klarer ift, an den Rand: mein
Liebchen.

Aus dem Bande ift fehr viel zu lernen zum Verftändnis
Luthers; das Schlußwort fei darum Dank!

Gießen. Köhler.

Wahrmund, Prof. Dr. Ludwig, Katholifche Weltanichauung
und freie Wiffenfchaft. Ein populär-wiffenfchaftlicher
Vortrag unter Berückfichtigung des Syllabus Pius X.
und der Enzyklika .Pascendi dominici gregis'. München
, J. F. Lehmann's Verlag 1908. (55 S.) gr. 8°
M. —40; feine Ausg. M. 1 —

Die Schrift des in letzter Zeit vielgenannten Pro-
feffors des Kirchenrechts zu Innsbruck ift ,ein populär-
wiffenfchaftlicher Vortrag unter Berückfichtigung des
Syllabus Pius X. und der Enzyklika ,Pascendi dominici
gregis'. Sie zerfällt in drei Teile: zunächft ftellt der Vf.
feft, was ,wir uns unter katholifcher Weltanfchauung vor-
zuftellen haben' (S. 6—27); hierauf legt er dar, ,warum
und auf welchem Wege die freie Wiffenfchaft allmählig
zur Ablehnung diefes Programms gezwungen wurde'
(S. 27—42); endlich will er .einen befcheidenen Beitrag
zur Klärung des Verhältniffes von Religion und Wiffenfchaft
überhaupt liefern' (S. 42—45). Ein Anhang bringt
den deutfchen Text des Syllabus Pius IX. (S. 46—51)
und des Syllabus Pius X. (S. 51—55).

Um die .katholifche Weltanfchauung' zur Darftellung
zu bringen, befpricht W. die ,vier Hauptbestandteile,
die in jedem höher entwickelten Religionsfyftem unter-
fchieden werden können': ,den Gottesbegriff, das Weltbild
, den Kultus und die Moral'. Der zweite hiftorifche j
Teil befchränkt fich auf den kurz fkizzierten Entwurf
des geiftigen Prozeffes, infolgedeffen die wachfende Ent- J
fremdung der katholifchen Kirche und der modernen
Kultur vor fich ging. Noch kürzer fällt der letzte, po-
fitive Teil aus, welcher das Verhältnis von Religion und
Wiffenfchaft vom Gefichtspunkt ihres Wertes für die
Kultur der Menfchheit betrachtet. Die Andeutungen
über den durch die Wiffenfchaft befriedigten Wahrheitstrieb
und über den Glückfeligkeitstrieb, dem die Religion
entgegenkommt, bewegen fich in allgemeinen
Gedankengängen und dringen nicht in den Kern der
Sache ein.

Dem Drang des Augenblicks entfprungen, im Dienfte
der Polemik arbeitend, kann und will offenbar diefe
Schrift keine andere Bedeutung beanfpruchen, als diejenige
, welche ihr aus der unmittelbaren Situation zukommt
. Sie ift eine tapfere Kundgebung inmitten des
Kampfes der Geifter; daß die Intereffen Wahrmunds
mehr auf der wiffenfchaftlichen als auf der religiöfen
Seite liegen, foll ihr nicht zum Vorwurf gemacht, muß
aber zur Charakteriftik des Vortrags bemerkt werden.
Die Teilnahme, die der Mut des vielgefchmähten Ver-
faffers unter den evangelifchen Lefern hervorrufen muß,
darf uns für die Oberflächlichkeit mancher Urteile und
für den zuweilen unangebrachten Ausdruck nicht blind
machen. .Nicht der Anfang einer neuen Welt war das
Chriftentum, fondern das Ende einer alten. Ein Traum
der verblühenden Antike war es, ein Traum weltmüder
orientalifcher Geistesrichtung. In feinem Entftehen durch
die damaligen Zeitverhältniffe bedingt. In feinen Idealen |
glühend und felbftfüchtig. In feinem Gewebe bunt und
phantaftifch wie die Seele des Orientalen . . . Rom
leiht die Organifation; Rom fchickt feine Agenten und
Kommiffionäre; Rom gibt die Firma: „Reich Gottes auf
Erden". Rom fleckt natürlich auch den Gefchäftsgewinn
in die Tafche.' (S. 30. 31) Solche bald inhaltlich, bald I

formell zu beanflandende Äußerungen find aus der Flüchtigkeit
der im Streit wider einen unverföhnlichen Gegner
geborenen Schrift zu erklären, die es nur auf eine augenblickliche
Wirkung, nicht auf eine tiefere, auch für die
Zukunft bedeutungsvolle Förderung abgefehen hat.

Straßburg i. E. P. Lob de in.

Koppelmann, Wilhelm, Die Ethik Kants. Entwurf zu einem
Neubau auf Grund einer Kritik des Kantifchen Moralprinzips
. Berlin, Reuther & Reichard 1907. (VIII, 92 S.)
gr. 8° M. 2.80

In diefer Schrift unternimmt es der Verf., im Einklang
mit den Grundideen Kants und aus der Auseinander-
fetzung mit ihm heraus eine neue Faffung der fittlichen
Grundgefetze zu entwickeln. Mit diefer Beziehung zu Kant
bildet fie eine Ergänzung feiner .Kritik des fittlichen
Bewußtfeins' (Berlin 1904), dem ausführlicheren Werke,
in welchem er feinen Standpunkt ohne jene gefchichtliche
Grundlegung in gefchloffener Darfteilung für einen weiteren
Leferkreis vertritt. Immerhin ift in der neuen Schrift
auch der Ausgangspunkt für die Entwicklung der fittlichen
Grundgefetze ein anderer, und der Verf. glaubt,
durch eine einfachere Faffung die Richtigkeit derfelben
zur vollen Evidenz gebracht zu haben (S. IV).

Aus einer Erörterung der Ableitung des Moralprinzips
bei Kant wird das neue Prinzip gewonnen. Entfcheidend
für die Formulierung des Sittengefetzes ift bei Kant der
Gedanke der Autonomie. Aber Kant fchießt dabei über
das Ziel hinaus. Richtig ift, daß die fittlichen Normen
um ihrer felbft willen von uns gewollt werden. Wenn
aber Kant im kategorifchen Imperativ fordert, ,ich foll
niemals anders verfahren, als fo, daß ich auch wollen
könne, meine Maxime folle ein allgemeines Gefetz werden
', fo fpielt dabei die geheime Vorausfetzung mit, ,daß
der Wille die einzelnen fittlichen Normen noch erft
bilden muffe und zwar durch entlprechende Formung
feiner Maximen, d. i. fubjektiven Grundfätze, welche
fozufagen darauf angefehen werden müffen, ob fie fich,
um in fpäter gebrauchten Ausdrücken zu reden, zur allgemeinen
Gefetzgebung „eignen", dazu „qualifizieren" ufw.'
(S. 4. IO. 19). Daß Kant an diefem Punkt auf ein falfches
Gleis geraten ift, zeigt fich deutlich, wenn wir fragen, wie
fich die von Kant aufgeftellte Formel zu den einzelnen fittlichen
Normen verhält, deren Prinzip fie fein foll. Drei
verfchiedene Verfuche werden dazu gemacht. Ift es ,das
Prinzip der Menfchheit als Zweck an fich refp. das Prinzip
der eigenen Vollkommenheit und fremden Glückfeligkeit
als Zwecke, die zugleich Pflichten find' (wie in der ,Me-
taphyfik der Sitten'), aus welchem die einzelnen fittlichen
Normen abgeleitet werden können, fo ift der kategorifche
Imperativ als oberftes Prinzip der einzelnen Normen über-
flüflig. Oder wird der Verfuch gemacht, an einzelnen Beispielen
(Selbstmord, Lüge ufw.) die unmittelbare Ableitbarkeit
der Einzelnormen aus dem kategorifchen Imperativ
zu zeigen, fo ergibt die nähere Betrachtung stets ein Mitwirken
von Zweckvorftellungen. Oder endlich, wollte
man unter Benutzung des von Kant mehrfach verwendeten
Begriffes des höchsten Gutes das Kantifche Moralprinzip
etwa fo vervollständigen: ,Handle fo, daß die Maxime
deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen
Gefetzgebung gelten könne, welche, allgemein
befolgt, die Grundlage des höchsten Guts fein würde'
(S. 27), fo wäre die trotz aller unleugbaren Abweichungen
in der ganzen Kulturwelt, bei allen Völkern, Parteien
und Konfeffionen vorhandene weitgehende Übereinstimmung
der fittlichen Beurteilung völlig unerklärlich, da
die Vorstellung vom höchsten Gute, vorausgefetzt, daß
fie überhaupt klar entwickelt ift, der Natur der Sache
nach im einzelnen recht verfeinerten ausfallen wird.

Wir haben alfo an dem Punkte, wo Kant in ein
falfches Gleis gerät, einzufetzen, um die richtige Bahn