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Ausgabe:

1908 Nr. 13

Spalte:

390-393

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

D. Martin Luthers Deutsche Bibel. Erster Band 1908

Rezensent:

Köhler, Walther

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Theologifche Literaturzeitung 1908 Nr. 13.

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religiöfen Erziehern kund tut, denn fie haben in dem D. Martin Luthers Deutsche Bibel. Erfter Band. Mit vier
Halten am Unfichtbaren ihr Schickfal bezwungen, und Nachbildungen Lutherifcher Handfchriften. Weimar,
fie haben es vernehmlich machen können, wie fie es be- H. Böhlaus Nachfolger 1906. (XXIV, 639 S.) 4° M.21 —
zwangen. Darum tritt in ihnen die Macht der Religion,

alfo der Hingabe an eine befreiende und über die Triebe Diefe Publikation eröffnet eine Sonderabteilung der

erhebende Macht am deutlichften hervor. Diefe Erfahrung Weimarer Lutherausgabe, die die gefamte deutfche Bibeleiner
Macht, die fie aus der Zerftreuung der Welt rettet, überfetzung Luthers umfaffen foll. Daß fie besonders
iPt das Gerneinfame diefer prophetifchen Geftalten, aber numeriert wird, ift fachentfprechend, ungefchickt aber die
die dem Frommen fich erfchließende Wirklichkeit tritt 1 Unterlaffung der gleichzeitigen Einftellung diefer Folge
nirgends fo rein zutage, wie in dem Worte der Propheten, 1 in die Gefamtfolge der Bände jener Ausgabe, zu der fie
Jefu und feiner Apoftel. — Der Herausgeber gibt im [ doch auch gehört. Warum nicht: Weimarer Ausgabe
Vorwort eine kurze Skizze des ganzen Werkes, in der er '{ Bd. 30 (oder welche Nr. man wählen will), deutfche Bibel
als die Aufgabe hinftellt, an den zu fchildernden Ge- , Bd. 1? Das wäre fchon für das Zitieren empfehlenswert
ftalten neben dem zeitgefchichtlichen Hintergrund und 1 gewefen. Vorliegenden Band läßt noch Profeffor Pietfch
dem äußeren Lebenslauf vor allem die Perfönlichkeit ! als Leiter der W. A. herausgehen, inzwifchen hat Prof.
herauszubringen; in kurzen Zügen führt er den Lefer | Drefcher-Breslau die Direktive übernommen. Wir erhalten

als ,Vorflücke' der abgefchloffenen, gedruckten Bibel-
überfetzung den erften Teil von ,Luthers eigenhändigen
Niederfchriften der Überfetzung'. Wohl die Wenigften

durch die gefchichtliche Entwicklung an der Hand einer
knappen Zeichnung der einzelnen Geftalten und der
zwifchen ihnen herrfchenden Zufammenhänge.

Die Ausführung diefer Idee gefchieht fo, daß in j werden gewußt haben, daß folche eigenhändige Niederachtzehn
lofe aneinander gereihten Darftellungen die 1 fchriften überhaupt exiftierten, Knaake, der Begründer
größten religiöfen Geftalten von Mofes bis Bismarck ge- i der W. A., hatte fie nicht ins Auge gefaßt, Pietfch hat

fchildert werden. Gegen die Auswahl — Mofes und
die Propheten (Meinhold), Jefus (A. Meyer), Paulus (C.
Clemen), Origenes (Preufchen), Auguftin (A. Dorner),

durch eine ,fyftematifche Umfrage bei etwa 1000 Bibliotheken
des deutfchen Reiches und des (befonders des
deutfchen) Auslandes' (S. VI) die große Lücke auszu-

(Kirn), Bismarck (O. Baumgarten), — ift nichts zu fagen;
die Wahl des Heinrich Seufe als des Vertreters der
Myftik, ftatt etwa Eckharts oder Taulers, wird damit begründet
, daß die Biographie diefer beiden im Vergleich
mit der jenes nicht klar und ficher genug fei. Jedesmal

Bernhard (Deutfch), Franz von Affifi (K. Wenck), Heinrich 1 füllen gefucht. Mit gutem Erfolg. Aber wirklich aus
Seufe (O. Clemen), Wiclif und Huß (Buddenfieg), Lu- j reichend? Ohne jemand nahetreten zu wollen, weiß man
ther (Kolde), Zwingli (A. Baur), Calvin (Beß), Spener doch, wie es bei derartigen Umfragen zu gehen pflegt,
(Grünberg), Goethe und Schiller (Seil), Schleiermacher l fie find für die mit ihnen überlaufenen Bibliotheken eine

Laft, die in der Regel an der Hand des Kataloges erledigt
wird (was man auch Niemanden verübeln kann). Genügt
das aber? Manufkriptkataloge find doch feiten, falls fie
nicht aus neuefter Zeit flammen, völlig ausreichend; z. T.
ift das ja auch ganz unmöglich, der Bearbeiter kann nicht
folgt eine umfaffende Literaturüberficht der einzelnen j jeden autor incertus eruieren. Haben wir aber Garantie,
Skizze. — Dem ziemlich hohen Niveau, auf das das Werk I daß unter einem autor incertus nicht auch einmal ein
rechnet, entfpricht es, wenn ftets Fachmänner, meift fo- < Luther-wjcr. ftecken kann? Man denke etwa an Luthers
gar Spezialiften mit der Ausführung betraut worden find, • Kommentar zu Aristoteles' Phyfik: Er würde vielleicht
ohne daß man den Eindruck bekäme, daß die Verfaffer ! im Katalog verzeichnet flehen unter: Ariftoteles, Kommentar
zur Phyfik, mscr. inc. aut. Der Autor kommt bei
einer Umfrage aber ficherlich nicht heraus! Hier ift das
Gebotene, daß die Kommiffion der Weimarer Lutherausgabe
einen mit der Luthergefchichte und Lutherfchrift
genügend vertrauten Gelehrten ausfchickt und fyftematifch
alle inbetracht kommenden Archive perfönlich durch-
forfchen läßt. Mag das auch in 99 Fällen vergeblich
fein, ein einzigerFund lohnt die vergeblicheMühe reichlich,
und, wenn auch nicht abfolute, fo doch größtmöglichfte
Garantie wird erzielt. Johannes Ficker hat uns doch
gezeigt, was hier perfönliches Nachforfchen vermag; feine

nur einen Auszug aus ihren größeren Werken ad usum
delphini gegeben haben. Natürlich ift oft der Charakter
der Skizzen eben recht skizzenhaft; das ift aber bei den
zur Verfügung flehenden 30—40 Seiten nicht anders möglich
. Befonders klare und gute Bilder kommen heraus
bei jefus, Heinrich Seufe, Wiclif, Calvin, Spener, Goethe,
und Schiller und Bismarck. Bei den andern überwiegt
gemäß dem Gegenftand das literarifche und gedankliche
Moment, wie z. B. bei Origenes, Paulus, Luther und
Schleiermacher. — Von alien Verfaffern ift verfucht
worden, die Verbindung mit der Gegenwart herzuftellen.

Manche Bemerkung fucht auch die Gegenwart von diefen Funde hätten wir gewiß nicht lediglich durch Ümfrage
Geftalten aus zu klären. Das foll ja auch im ganzen die j bekommen, trotzdem fie z. T. in Katalogen verzeichnet
Aufgabe fein, gebildeten Lefern aller Art die großen ] ftanden. Vielleicht, daß durch perfönliche Forfchung auch
Ouellpunkte der großen Erkenntniffe und Ideale aufzu- j noch das Mfkr. zur Überfetzung des Neuen Teftamentes
weifen, die Geftalten zu zeigen, auf die fich das Goethe'fche | der Lutherbibel gefunden wird, deffen Verluft Pietfch
Wort von der Produktivität der Genies anwenden läßt, | jetzt noch beklagen muß.

die für alle Zeiten gelebt haben. Man kann fich an j In Luthers eigener Niederfchrift vorhanden find
ihnen klar machen, daß das, was uns felbftverftändlich j Richter 7,21 — Esther 9,9 ferner Hiob 1,1 — Hohes Lied
fcheint, erarbeitet worden ift, und nicht felbftverftändlich ; 8,14 (mit Ausnahme von Pf. 48,3—80,8, 95,5—109,1) ferner
wäre, wenn es jene Großen nicht aus der Tiefe der Wahr- j Jef. 1—23. Jeremias ganz, Hefekiel 38, 39 und ein kleines
heit herausgefchöpft hätten. Wenn man die Wahrheit 1 Bruchftück von 16, Hofea 9,12—12,1, Arnos 1,1—4,3; endlich

erkennen und wenn man die Gefchichte verliehen will,
wird man auf diefe Anfänger immer zurückgreifen müffen.
Zur Stärkung diefes gefchichtlichen Sinnes und zur

die Weisheit Salomonis ganz, Sirach 14 und 15 (teilweife),
33Ü3—344 36,9—374. In vorliegendem Bande werden geboten
die Stücke aus Richter bis Hohelied einfehl d. h.

Befriedigung der durch ihn geweckten Bedürfniffe ift diefes i die Stücke, die in Luthers Druckausgabe unter ,das Ander
Sammelwerk wohl geeignet, wenngleich fein Anfpruch, | teyl des Alten Teftaments' und ,das dritte teyl des Alten

eine Gefchichte des Chriftentums in Bildern zu fein, darum
hinfällig wird, weil z. B. kein Vertreter des Sacerdotiums
im Kampf mit dem Kaifertum vorgeführt wird.

Heidelberg. F. Niebergall.

Teftaments' befaßt waren. Die Manufkripte befinden
fich im Herzoglichen Staatsarchiv zu Zerblt und in der
Kgl. Bibliothek Berlin, ihre Bearbeitung übernahm E.
Thiele, durch frühere Arbeiten vortrefflich dazu gefchult.
Eine gewiffe Nachprüfung ift uns ermöglicht durch die
Beigabe von 4 Blättern Fakfimile in Fotografie; ich habe
fie mit der Transfkription verglichen und kann die von