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Ausgabe:

1908 Nr. 12

Spalte:

366-367

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ludwig, August Friedrich

Titel/Untertitel:

Neue Untersuchungen über den Pöschlianismus 1908

Rezensent:

Zscharnack, Leopold

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Theologifche Literaturzeitung 1908 Nr. 12.

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der Johanniter, finden wir bei ihm nicht. Nur ein leifer, j Hauptfchriften (die Lebensbefchreibung, das Buch der
meift unausgefprochener Verdacht läßt fich im Volk und j ewigen Weisheit, das Büchlein der Wahrheit und das
bei den Gebildeten nachweifen, ob alles bei den fo pein- j Briefbüchlein) zu einem Ganzen zufammengefaßt hat, das
lieh geheimgehaltenen Aufnahmen und Ordenskapiteln ! mit dem Namen ,Exemplar' bezeichnet wird. Nun ift
mit rechten Dingen zugehe. Das Vorgehen Philipps gegen 1 zwar das Exemplar uns auch keineswegs in einer völlig
den Orden läßt Finke nicht in erfler Linie aus blinder zuverläffigen Handfchrift übermittelt, und von der großen
Habgier, fondern durch die Denunziation Esquius von Zahl der Handfchriften (f. das Verzeichnis S. 3*—9*) find
Floyran veranlaßt fein. Hier vermag ich ihm nicht zu 1 viele nicht nur durch Nachläffigkeit der Abfchreiber,
folgen: Ich bin jetzt auch nicht mehr der Meinung, daß j fondern auch durch willkürliche Änderungen, Kürzungen
der König die Befchuldigung erfunden hat, aber die | ufw. ftark entftellt. Es ift aber doch eine Anzahl vor-
Rolle, die der fo fchnell verfchwindende Esquiu im handen, aus denen fich der Text mit annähernder Sicher-
Templerprozeß gefpielt hat, erfcheint mir von Finke ! heit herftellen läßt, vor allen die merkwürdiger Weife
überfchätzt. Dagegen ift es Finke in eindringlicher vor dem Brande der Straßburger Bibliothek gerettete,

Unterfuchung gelungen, den Nachweis zu führen, daß
der kirchlichen Inquifition eine allgemeine brutale, mit
Folterung verbundene ftaatliche Unterfuchung vorange

jetzt Berliner Hdfchr. A. So ift es dem Herausgeber
durch fleißige und gründliche Arbeit möglich gewefen,
einen guten und geficherten Text zu liefern, wobei natür-

gangen ift, und diefe von Finke feftgeftellte Tatfache , lieh die Sonderhdfchrr. der einzelnen Teile des Exemplars,
erklärt viel in dem fpäteren Verhalten der Templer. ! die ebenfalls zahlreich vorhanden (f. S. 9*—20*), mit
Auch das fchmähliche Verhalten Molays, deffen Geftänd- | benutzt worden find.

nis vor der Univerfität Paris durch einen Brief an alle j Dem ,Exemplar' (S. 1—401) fchließt fich die geringere
Ordenshäufer mitgeteilt wurde, macht uns die fonft ] Zahl der nicht in dasfelbe aufgenommenen deutfehen
unerhörten Selbftbtfchuldigungen der zahlreichen fran- ; Schriften Sufos an (S. 405—494). Zunächft das große
zöfifchen Templer verftändlicher. Der Großmeifter des ' Briefbuch. Elsbeth Stagel, Sufos treufte Schülerin hatte
Ordens, der aus Angft vor der Folter — er ift niemals : eine Anzahl von Briefen des Meifters gefammelt; Sufo
gefoltert worden — diefen Brief fchrieb, hat die größte ! wählte aus ihnen eine Anzahl (11) aus, zu dem Brief-
Schuld an der feigen Verleugnung der Ordensangehörigen, büchlein, das den 4. Teil des Exemplars bildet, nicht
Erft im letzten Augenblick hat er fich wieder zur alten ohne Änderungen (vgl. S. 41* A. 2), und vernichtete die
Größe des Ordens ermannt und feine für viele Hunderte übrigen. Dennoch hat fich eine größere Anzahl von Briefen
von Templern folgenfehwere Schwäche mit dem Feuer- 1 Sufos (einfchließlich der von ihm aufgenommenen, 28)
tod gebüßt. Nur noch bei der Beurteilung der Rolle, I in gefonderten Abfchriften erhalten. Ob E. Stagel eine
die der Papft Clemens V nach Finke im Templerprozeffe Abfchrift der Briefe zurückbehalten hat, oder wie es fonft
gefpielt hat, möchte ich mich nicht für ganz überzeugt 1 damit zugegangen ift, ift, wie B. (S. 42*) fagt, ein Rätfei,
erklären. Gewiß hat Clemens V das perfönliche Gefchick 1 das wohl ungelöft bleiben wird. Dagegen ift an der
der franzöfifchen Templer gemildert, aber der Geldpunkt j Echtheit der Briefe (etwa mit Ausnahme von Nr. 28) nicht
war wohl bei den päpftlichen Erwägungen ausfchlaggebend, zu zweifeln. — Es folgen 4 Predigten, von denen bei
fonft hätte fich Clemens nicht eine fo große Mühe ge- I zweien die Autorfchaft zweifelhaft ift. Endlich das Minnegeben
, die Ordensgüter den Fürften abzujagen. Die j büchlein, zuerft von Preger nach der einzigen vorhandenen
Frage aber nach der Schuld oder Unfchuld des Ordens Zürcher Hdfchr. (Stadtbibl. C. 96) 1896 in den Abhand-
ift durch die gründliche Arbeit des gelehrten Forfchers, | lungen der bairifchen Akademie der Wiffenfchaften ver-
wie mir fcheint, abfchließend beantwortet. Der Orden 1 öffentlich^ deffen Herkunft von Sufo in hohem Maße
ift unfchuldig in dem Sinn, daß die ihm fchuld gegebenen wahrfcheinlich ift.

Dinge, die Verleugnung Chrifti, die Befpeiung des Kreuzes, Ein befonderes Intereffe erhält die Ausgabe noch

unfittliche Küffe, Aufforderung zur Sodomie und An- J durch die Nachbildung einiger der in mehreren Hdfchrr.

betung eines Idols im Orden bei der Aufnahme oder in fich findenden bildlichen Darftellungen, die, von Sufo felbft

den Ordenskapiteln nie in Gebrauch waren. Daß einzelne entworfen und mit Sprüchen verfehen Szenen des inneren

Templer Vergehen begangen haben, und dem Orden Lebens fymbolifch darfteilen, wozu die fachkundigen

auf änderen Gebieten manche Schattenfeiten anhafteten, j Nachweife (Einleitung I. C. Bilder und Sprüche d. Exem-

wird dabei von Finke nicht geleugnet. plars. Seufes Verhältnis zur Kunft) zu vergleichen find.

PTeidelhera Grützmacher I Unter den Beigaben, mit denen der Herausgeber die

Heidelberg. Urutzmacner. , Ausgabe ausgeftattet hat> ift von befonderem Werte der

---1 zweite Teil der Einleitung S. 63*—163* ,Seufes Leben

Seufe, Heinrich, Deutfche Schriften. Im Auftrag der Würt- ; und Werke', und das fehr ausführliche Gloffar S. 558—628.
tembergifchen Kommiffion für Landesgefchichte her- : So können wir die vorliegende Ausgabe nach allen

ausgegeben von Dr. Karl Bihlmeyer. Stuttgart, W. f^™.^ f's ,eine t"ffln.vLei .u,ng fÜr die Gefchichte
Tr °, ° ,VWTI , Q c on ° ' der mittelalterlichen Myftik bezeichnen.

Kohlhammer 1907. (XVII, 628 S.) gr. 8° M. 15 —

Die Arbeiten zur deutfehen Myftik befinden fich in
erfreulichem Fortfehritte, freilich in verfchiedener Weife Ludwig, Lyz.-Prof. Dr. A. F, Neue Unterfuchungen über
nach den einzelnen Myftikern Während es bei Eckart den PöfchlianisrtlUS. Regensburg, F. Puftet 1906. (96 S.)
noch einzelne Predigten find, die aufgefpurt werden und o0 5 ivr t
deren möglichft zuverläffiger Text feftgeftellt wird, die , & • 0 iVJ- — 75
lateinifchen Schriften aber zum größten Teil noch unge- Bei Sichtung des literarifchen Nachlaffes Zirkels von
lefen in den Handfchriften ruhen und eine einigermaßen ( Würzburg fand Ludwig eine Reihe von Briefen, die der
genügende Gefamtausgabe noch in fehr entfernter Aus- Kaplan Reulbach zu Haldkirchen im Innviertel über die
ficht fleht, find wir mit den deutfehen Schriften des Pöfchlfche religiöfe enthufiaftifche Bewegung jener Ge-
treuften Schüler Eckarts, Sufo, durch die vorliegende genden im Sommer 1817 an Zirkel gerichtet hatte. Die-
Ausgabe, fo weit fich erkennen läßt, fchon an's Ziel fer Fund gab Ludwig Anlaß zur vorliegenden Studie,
gelangt. Bihlmeyer fagt, daß feine Ausgabe die erfte j der diefe Briefe mit kritifchen Anmerkungen als Beilage I
Gefamtausgabe der deutfehen Schriften Sufos fei, und wir ; (S. 47—84) beigegeben find. In der Studie felber bedürfen
hinzufügen, daß fie die Anforderungen, die man an fchäftigt fich Ludwig im erflen Kapitel eingehend mit
eine folche zu ftellen berechtigt ift, fämtlich erfüllt. Zu- der Perfon des Thomas Pöfchl (S. 3—30), zunächft nicht
nächft fchon darin, daß fie wirklich vollftändig ift. Er- in felbftändiger Darftellung, fondern als Kritiker der bisleichtert
ift dies allerdings dadurch, daß Sufo felbft feine j herigen Schilderungen, die Pöfchl als der religiöfen Mo-

Berlin, s. M. Deutfch.