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Ausgabe:

1908 Nr. 1

Spalte:

9-10

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Mehlhorn, Paul

Titel/Untertitel:

Wahrheit und Dichtung im Leben Jesu 1908

Rezensent:

Schuster, Hermann

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung 1908 Nr. 1. 10

in dem früheren Werke unter der Rubrik der Apokry- Schluß auf eine reiche Fülle weiterer Literatur mit um-
pha geftanden. faffender Sachkenntnis hingewiefen wird, kann das Büch-

Ganz neu ift dagegen der fechfte Abfchnitt: Altte- lein auch für Theologen als Zufammenfaffung und Annamentliche
Agrapha und Apokrypha (S. 295— regung nützlich fein.

335). Hier ift aus der patriftifchen Literatur eine große Frankfurt a. M. Schütter.

Zahl wirklicher oder vermeintlicher Zitate aus dem j '______

Alten Teftamente gefammelt, welche fich in unfern Tex- i ......~~ ....... ... n r

ten des Alten Teftamentes nicht finden. Der Begriff Boulfet, Prof. D. Wilhelm, Hauptprobleme der Gnohs.
,altte(tamentlich' ift dabei fo weit gefaßt, daß auch die (Forfchungen zur Religion und Literatur des Alten
Zitate aus apokryphifchen Schriften wie jtQOOsvxy Icoorjrp, unrJ Neuen Teftaments. 10. Heft.) Göttingen, Van-
Eldat und Modat, Assumptio Mösts, Pfeudo-Jeremia u. dgl. denhoeck & Ruprecht 1907. (VI, 398 S.) gr. 8°
aufgenommen find, jedoch nur Zitate aus verloren ge- M 12 —

gangenen Apokryphen, nicht aus folchen, die uns er- |

halten find (wie Henoch und IV Esra). Unter Hauptproblemen der Gnofis' verfteht der

In einem letzten Hauptteil werden die ,Ergebniffe' Verfaffer die Probleme, welche die Urfprünge — nicht
zufammengefaßt (S. 336 — 398). Einiges ift daraus fchon des chriftlichen Gnoftizismus, obgleich er es allein mit
oben mitgeteilt. Auf eine Erörterung des Übrigen darf diefem zu tun hat -— fondern der mythologifchen Stoffe
hier wohl verzichtet werden, da jedenfalls in diefen und gewiffer Grundanfchauungen, fowie die Urfprünge
zufammenfaffenden Ausführungen nicht die Stärke von der Sakramente der chriftlichen Gnoftiker bieten. Daß
Refch's Werk liegt. Er hat auch in diefer Neubearbei- diefe Urfprünge in den afiatifchen Religionen zu fuchen
tung eine Fülle nützlichen Materials dargeboten, für feien (in der ägyptifchen hat fich wenig finden laffen),
welches wir ihm dankbar fein müffen. Mit raftlofem und daß es lange vor dem chriftlichen Gnoftizismus einen
Fleiße hat er zu den neuen Schätzen alte hinzugefügt , jüdifchen und einen hellcnifchen gegeben hat, bezweifelt
(leider von dem alten Material manches nur in verkürzter , heute Niemand mehr. Aber auch kaum Einer hat es
Faffung wieder vorgelegt). Aber bei allem Dank muß unternommen, im Einzelnen zu unterfuchen, auf welche
doch gefagt werden, daß der Wert des Werkes faft aus- fpezielle Wurzeln Stück für Stück aus der faft unüber-
fchließlich in der Sammlung des Materials liegt. Wie fehbaren Fülle der gnoftifchen Mythologumena zurück-
der wiffenfchaftliche Charakter fchon dadurch gefchmä- geht. Es war nicht Unverftand oder Trägheit, welche
lert wird, daß hier ein recht disparates Material unter ; von diefer Unterfuchung abhielt. Wer fich wie der Un-
einem wenig glücklichen Sammelbegriff vereinigt wird, terzeichnete viele Jahre mit dem Gnoftizismus befchäf-
fo muß auch in vielen Fallen die Beurteilung diefer Stoffe tigt hat, der mußte Umftände machen, der fo nahe lie-
durch Refch als eine auf Irrwege führende bezeichnet genden Aufgabe zu entfprechen. Denn erftlich gab es
werden. hier eine Aufgabe, die viel wichtiger war, nämlich den

Göttinnen E Schürer Gegenfatz und Kampf zwifchen der Kirche und dem

k " Gnoftizismus famt den Ergebniffen und dem Kampfplatz

! I fo zu erfaffen, wie ihn die Gegner felbft erfaßt haben
Mehlhorn, Pfr. D. Paul, Wahrheit und Dichtung im Leben und wie er wirklich gewefen ift. Sodann fchien es offen-
Jetu. (Aus Natur und Geifteswelt. 137. Bändchen.) ! bar, daß man auf die Urfprünge der mythologifchen
Leipzig, B. G. Teubner 1906. (VI, 132 S.) 8« St?ffe y>.r jedesu einzelne Syftem nicht früher zurück-

F ö' M ,_. k M 12: Sencrl konne. bevor diefes Syftem oder diefe Geheim-

1 Se ■ • -25 1 Weisheit wirklich verflanden und Sinn und Geltung jeder
Verf. beabfichtigt, ,in lesbarer, für jeden im weiteren j einzelnen Figur, zuerft in ihr felbft, feftgeftellt wäre.
Sinne Gebildeten verftändlicher Darfteilung die Grund-; Als ,religionsgefchichtliches'Problem im höchften Sinn
(ätze zu entwickeln, nach denen Wahrheit und Dichtung kann nur die erfte Aufgabe gelten; denn jede religions-
im neuteftamentlichen Lebensbild Jefu zu fcheiden ift, zu gefchichtliche PLrfcheinung hat doch wohl ihre eigent-
zeigen, wie fich diefe an jene anfetzt, diefe Grundfätze auf liehe Bedeutung in ihrer Gegenwart, in den Zügen, in
die Beftandteile diefes Bildes, die für das Verftändnis und denen fie verftändlich und wirkfam gewefen ift, und in
die Beurteilung Jefu befonders wichtig find, und über die 1 dem Spiel der Kräfte, mit denen fie fich gemeffen hat.
ein heutiger denkender Chrift Auskunft verlangt, aufrichtig ; Wie fich der Gnoftizismus zum kirchlichen Theismus,
zu erörtern uud gelegentlich auch auf das einzugehen, ; wie zur Chriftologie der Kirche, wie zum verchriftlichten
was bei einer folchen Behandlungsweife nicht bloß den ; Alten Teftament, wie zur kirchlichen Ethik, der Heils-
Kopf befchäftigt, fondern das Herz bewegt, vielleicht auch ' lehre, dem Kultus ufw. verhält, das ift daher das religi-
beklemmt'. ,Die Lehre Jefu habe ich nur fo weit fkizziert, onsgefchichtliche Problem, um das es fich hier handelt,
als es für das Verftändnis feines Lebens nötig fchien.' Alles Andere ift fekundär. Zur Löfung diefes Problems
Diefe Zulagen hat Verf., wie mir fcheint, durchaus ift die zufammenhängende Kenntnis aller der Züge am
erfüllt. Da er auf den ,pragmatifchen' Zufammenhang Gnoftizismus notwendig, in denen er, fei es antithetifch,
einer eigentlichen ,Gefchichte' Jefu verzichtet, fo bietet | fei es fynthetifch, mit der Kirche konkurriert hat. I(t
er wirklich das, was wir mit ziemlicher Wahrfcheinlich- diefe Kenntnis erworben und find die hier beftehenden
keit vom Leben Jefu wiffen. Verhältniffe aufgeklärt, fo ift damit der Gnoftizismus als

Und diefes wahrfcheinliche Wiffen bietet er den i kirchengefchichtlicher Faktor erledigt. Außerhalb

Laien in einer durchaus verftändlichen Weife, ohne zu
viel vorauszufetzen und ohne Selbftverftändliches breit
zu behandeln, doch mit genügender Ausführlichkeit in
den Hauptpunkten — nur daß, wie fchon das obige

feiner kirchengefchichtlichen Bedeutung bedeutete er
aber — auf die Weltgefchichte und die univerfale
Religionsgefchichte gefehen — überhaupt nichts,
war kein Faktor, fondern ein Paffivum, ein ewig Geftriges.

Zitat zeigt, ftiliftifch einige ungefüge Perioden unterlaufen. ; ein Sammelfurium von Foffilien, eine Rumpelkammer und
Ganz feiten zeigt Verf. noch die alte liberale Art, die | ein Kehrichthaufen. Anders wäre es, wenn er der Mutter-
die Probleme etwas zu leicht nahm, z. B. bei der alle- boden der Kirche gewefen wäre und fich das kirchliche
gonfehen Wundererklärung (S. 55), oder in der Selbft- j Chriftentum allmählich aus ihm herausgearbeitet hätte, fo

daß es als das abgeklärte Deftillat aus ihm zu beurteilen
wäre. Aber diefe grundverkehrte Vorftellung fpukt doch
nur in wenigen Köpfen — zum Glück auch nicht bei allen
denen, die das Intereffe für fehr untergeordnete Fragen
der Gefchichte des Chriftentums durch den eigens für

**

verftändlichkeir, mit der das Abendmahl als Paffahmahl
behandelt wird. Störend find einige Druckfehler: S. 11
Z. 10 lies Mth. ftatt Mc, S. 94 Z. 33 lies Mth. ftatt Mc.
S. 108 Z. 24 lies Lk. ftatt Mth.

Wegen der bezifferten Anmerkungen, in denen am