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Ausgabe:

1908 Nr. 9

Spalte:

284

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Thimme, Karl

Titel/Untertitel:

Bibel und Schule 1908

Rezensent:

Bassermann, Heinrich

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Theologifche Literaturzeitung 1908 Nr. 9

284

waltenden Gemeingeift auf die Einzelnen. Auf diefer
Grundlage erhebt fich Pflicht und Recht der kirchlichen,
der organifierten, Gemeinde', dafür zu forgen, daß in
ihrem Namen Seelforge an ihren Gliedern getrieben
werde, damit die Glieder dem Lebenszweck der Gemeinde
fich eingeordnet wiffen und wirkliche Glieder des
ganzen Leibes feien und bleiben. — Daß in der Entfaltung
der ,Gemeinde als Organ der Seelforge' die
logifche Ordnung vermißt wird, und daß die feelforger-
liche Tätigkeit der Gemeinde in der Gemeinfchaftspflege,
im Gottesdienft und in der Liebespflege nicht in der
(künftlerifchen) .Selbftdarftellung' der Gemeinde, fondern
in dem bewußten religiös-ethifchen Lebenszweck der
Gemeinde zu begründen ift, fei nur nebenbei bemerkt.

Der dritte Abfchnitt (S. 122—420) befpricht ,die
Aufgaben der Seelforge'. Diefe werden eingeteilt in
,indirekte (auffehende)' (S. 124—230) und ,direkte (einwirkende
) Seelforge' (S. 231—420) und diefe wieder in
öffentliche' (S. 314—335) und .private' Seelforge (S. 335
bis 420). In diefem Abfchnitt ift von der Gemeinde als
.Organ' (Subjekt) der Seelforge keine Rede mehr, er
handelt lediglich von den Obliegenheiten des amtlichen
Seelforgers, des Pfarrers. Die Einftellung des er den
Kapitels von der .Aufgabe der indirekten Seelforge oder
von der Gemeindepflege' halte ich für fehr dankenswert,
zumal da diefe meiftens der gehörigen Berückfichtigung
entbehrt. Das zweite Kapitel umfaßt die Aufgaben der
direkten (einwirkenden ? Ift die indirekte nicht einwirkend?)
Seelforge oder die Seelenpflege. Schon oben ift auf die
inhaltreiche und treffende Charakteriftik des Unterfchiedes
des Alters, des Gefchlechtes ufw. aufmerkfam gemacht;
willkürlich und unmotiviert erfcheint es jedoch, daß unter
den Ständen nur der Lehrftand, der Wehrftand, der Bauern-
ftand und Arbeiterftand — diefe übrigens in ganz vortrefflicher
Ausführung — namhaft gemacht, dagegen
die Stände der Kaufleute und Gewerbetreibenden völlig
mit Stillfchweigen übergangen werden. Schwerer ift der
Einfpruch, den ich gegen die .öffentliche' Seelforge in der
Predigt, dem Religionsunterricht und der Beichte zu erheben
habe. Nicht beanftande ich, wie hier der Lieblingsgedanke
des Verfaffers, das ganze Gebiet der
praktifchen Theologie unter den Gefichtspunkt der
Seelforge zu (teilen, fich geltend macht; auch foll nicht
mehr drüber gerechtet werden, daß bereits bei der .Selbftdarftellung
der Gemeinde' vom Gottesdienft (S. 130 f.) die
Rede war, und erft hier (S. 317 f.) das Hauptftück des
Gottesdienftes, die Predigt, behandelt wird. Der Einfpruch
bezieht fich auf die Art der Behandlung. Der
Verfaffer erklärt, die Predigt (nebft Bibelftunde und Kafual-
rede) komme hier ausfchließlich unter dem Gefichts-
punkte der feelforgerlichen Wirkung in Betracht, nicht
nach ihren technifchen Erforderniffen. Die Meinung, daß
die technifchen Erforderniffe der Predigt, alfo die formelle
Homiletik, mit der feelforgerlichen Wirkung nichts
zu tun haben, ift entfchieden zurückzuweifen. Das Formale
der Predigt (und des Religionsunterrichts) gehört nicht
etwa einem heterogenen Gebiete (etwa der Rhetorik,
bzw. der Didaktik) an, es hat vielmehr feine hohe Bedeutung
für die gewollte Wirkung des Inhalts; der treff-
lichfte Inhalt ift wirkungslos, wenn nicht die Form ihm
die Wege bahnt; nur in dem keufcheften Dienfte des
Inhalts liegt die Bedeutung der Form, aber in diefem
Dienfte liegt auch ihre von der Wirkung des Inhalts un-
abtrennliche Würde. Wollte der Verfaffer in der öffentlichen
Seelforge die Predigt und den Religionsunterricht
behandeln, fo mußte die ganze Homiletik und die ganze
Katechetik dargeftellt werden, — was fich natürlich durch
die Anlage des Buches verbot. In diefer Anlage fteckt
daher der Fehler; fehr berechtigte und fruchtbare Ge-
fichtspunkte follten fich Geltung verfchaffen, aber in
einem Rahmen, der viel zu eng dazu war. So ift der
Verfaffer mit der öffentlichen' Seelforge in die .Paftoral-
theologie' der römifchen Kirche zurückgefunken; auch

I fie fchließt von der .Seelforge' die formelle Homiletik
und Katechetik aus, indem fie die fremden Disziplinen
der Rhetorik und der Didaktik unverändert in die theo-
logifchen Disziplinen herübernimmt. Der zweite Teil der
direkten Seelforge ift die private (S. 335—420), das Gebiet
, auf das gewöhnlich die Lehre von der kirchlich-
fpeziellen Seelforge fich befchränkt. Der Verfaffer
befpricht 1. das Gebiet und 2. die befonderen Aufgaben
der fpeziellen (foll heißen: der privaten) Seelforge,
doch fo, daß er bei dem Gebiet ,der Kranken überhaupt',
der Geifteskranken und der Gefangenen fowohl die
Aufgabe als auch die Methode der Seelforge zum
voraus behandelt. Unter den .befonderen Aufgaben der
fpeziellen Seelforge' wird ,die Bekämpfung der Sünde
(alfo das ganze Gebiet der pädeutifchen Seelforge, foweit
es nicht fchon bei den Gefangenen zur Sprache gekommen
ift), die Überwindung des Zweifels und Irrtums, des
Falfchglaubens und Ünglaubens' (alfo das ganze Gebiet
der didaktifchen Seelforge), endlich ,die Bewahrung in der
Anfechtung'(Sterbebett, Trauerhaus, am Sarge vonSelbft-
mördern) verftanden. Weshalb nur die Kranken über-

j haupt, die Geifteskranken und die Gefangenen, nicht aber
die Angefochtenen, die fündigenden und irrenden Menfchen

! das .Gebiet' der privaten Seelforge bilden, die letzt-

J genannten Kategorien aber zu den ,befonderen Aufgaben'
gerechnet werden, ift nicht erfichtlich, auch wohl logifch
nicht zu rechtfertigen. —

Faft alle unfere Ausheilungen, die wir um der heil-
famen Wirkung des Buches willen nicht übergehen durften,
betreffen die formelle Gliederung des Werkes. Die
reichen, tief fchöpfenden und geift- und gemütvollen
Einzelausführungen des wertvollen Buches werden dadurch
nur wenig berührt.

Marburg. E. Chr. Achelis.

Thimme, Paft. Lic. K., Bibel und Schule. Eine theologifch-

pädagogifche Erörterung der Frage: Welcher Einfluß
gebührt der neueren und neueften Bibelauffaffung auf
den Religionsunterricht in der evangelifchen Volks-
fchule? nebft einer kurzen Unterrichtsprobe über die
biblifche Gefchichte vom Sündenfall. Hannover, Hahn
1907. (VI, 92 S.) gr. 8° M. 1 —

Vorliegende Schrift ift wieder ein erfreuliches Zeugnis
davon, daß man auch in kirchlich-konfervativen Kreifen
die Not mitzufühlen beginnt, welche die Lehrer bei der
alten, auf der Verbalinfpirationstheorie beruhenden Bibelauffaffung
haben, daß man die Verfäumniffe der Kirche
in diefem Punkte einfieht und fich bemüht, fie einigermaßen
nachzuholen. Verf. zeigt in diefer Beziehung den
beften Willen und auch einen offenen Blick und ein
verftändiges, befonnenes Urteil. Ob freilich die Lehrer
mit feinem eine befondere ,Heilsgefchichte' und .Heilswunder
' aus dem Ganzen der Bibel herausfchälenden
und der hiftorifchen Betrachtung entziehenden Standpunkte
viel werden anfangen können, ift fraglich. Die

j beigefügte Unterrichtsprobe über 1. Mof. 3 ift nicht gerade
fehr glücklich. Aber die Tendenz, zu einem reli-
giöfen und dadurch freien Verftändnis und entfprechender

! unterrichtlicher Behandlung der Bibel Anleitung zu geben,
ift anzuerkennen. Vielleicht wird fie den Verf., wenn er
erft einfieht, daß feine .Heilsgefchichte' nichts anderes
ift als die religiöfe Betrachtungsweife des in der Bibel
Erzählten, noch weiter und auf Bahnen führen, die wir
einft in der Zeitfchr. f. prakt. Theol. verfolgt haben; vgl.
dafelbft Holtzmann XII.59 und den Referenten 111,21. IX, 1.

Heidelberg. Baffermann.