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Ausgabe:

1908 Nr. 8

Spalte:

243-246

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Müller, Karl

Titel/Untertitel:

Luther und Karlstadt 1908

Rezensent:

Bossert, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung 1908 Nr. 8.

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der Predigt fchon viel gefündigt worden fein muß. Daß
bald nach diefer Zeit ein Verfall eintrat, entnimmt auch
Pf. den Predigten Geilers; da er im 4. Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts
von dielem Verfall noch garnichts fieht, ift ihm
der Umfchwung fchwer erklärlich. Aber fo fchnell pflegt
religiöfes Leben nicht ,faft ganz' zu erftarren (S. 76). Wir
werden alfo dem Lichtbild, das Pf. zeichnet, auf grund
feines eigenen Materials fkeptifch gegenüberftehen müffen.
Die profane Benutzung des Straßburger Doms zu Geilers
Zeit betrachtet Pf. als ,einen der vielen Auswüchfe, die
der Geift der heranbrechenden neuen Zeit gezeitigt hatte'
(S. 77). Daß fchon Hugo von Ehenheim genau denfelben
Mißbrauch ftraft (S. 37), hat er wohl überfehen. Das ift
typifch für die Verzeichnung des Urteils. Pflegers Schrift
gibt neues, wertvolles Material; aber zu einer Änderung
des von der neueren evangelifchen Gefchichte der Predigt
über diefe Zeit gefällten maßvollen Urteils bietet
fie keinen Anlaß.

Breslau. M. Schian.

Müller, Prof. Dr. Karl, Luther und Karlftadt. Stücke aus
ihrem gegenfeitigen Verhältnis unterfucht. Tübingen, j
J. C. B. Mohr 1907. (XVI, 273 S.) gr. 8° M. 6 —

Luther und Karlftadt — das war feit dem Erfcheinen
von Barges Andreas Bodenftein von Karlftadt (2 Bände.
1905) ein Thema, deffen erneute Unterfuchung zur unabweisbaren
Notwendigkeit mit unauffchiebbarer Erledi- |
gung geworden war. Denn jener Luther, den Barge
zeichnete, war ein völlig anderer, als der Reformator, I
wie ihn die evangelifche Kirche und die gefamte unbe- |
fangene Gefchichtsfchreibung bisher kannte, während j
Karlftadt als Schöpfer eines wahrhaft chrifllichen Laien-
puritanismus, als der Mann der fchöpferifchen Reformationsgedanken
, aber auch als Märtyrer feiner Überzeugung
und als Opfer der Unduldfamkeit Luthers erfchien. [
Das Bild, das Barge uns vorhielt, wirkte um fo verblüffender
, je reichhaltiger das neue Quellenmaterial war, das der 1
junge Forfcher mit eindringender Arbeit und aufopfernder
Hingabe erfchloß, je fiegesgewiffer feine beredte j
Sprache auf Grund des gewonnenen Materials vor die
Lefer trat, je zäher er feine Aufftellungen gegen die Einwendungen
der Kritik verteidigte. Nun hat Müller in
feinem äußerft dankenswerten Buch die äußeren Beziehungen
zwifchen Karlftadt und Luther von 1521 bis
zu Karlftadts Abgang aus Sachfen im Anfang des Jahres
1529 neu unterfucht, während er die Entwicklung ihrer
Gedanken und Ziele abfichtlich beifeite ließ, weil es ihm
fraglich erfchien, ob eine Auseinanderfetzung mit Barge
darüber jetzt viel nützen könnte. Aber auch in diefer
Befchränkung bietet Müller viel mehr als eine eingehende
Kritik von Barges Aufftellungen. Denn er führt erft recht
in die damaligen Verhältniffe ein. Muß er noch den
Mangel einer Gefchichte der damaligen Wittenberger
Gemeinde beklagen, fo lehrt er uns doch die Dinge in
ihrer Wirklichkeit und nach ihrer rechtlichen Seite verliehen
, z. B. das Verhältnis der Stiftskirche zur Pfarrkirche
und das Verfahren der Univerfität gegen Karlftadt
in Orlamünde. Mit einem einzigen Schlag befeitigt er
ein ganzes Neft von Mißverftändniffen, nicht nur bei
Barge, durch klare Analyfe der einzelnen Beftandteile
der Meffe und durch Beftimmung des Unterfchieds von
Pfarrmeffe und Privatmeffe. Von ganz befonderem Wert
ift die Kritik der einfchlägifchen Stücke des Corpus Re-
formatorum und des Briefwechfels Luthers und Karlftadts
und anderer Quellen, ihre Datierung und Aufeinanderfolge
wie ihr Wortlaut und Sinn, deren Prüfung um fo
nötiger war, als Barges Texte nicht immer glücklich ge-
lefen find und noch öfter nicht richtig verftanden find.
Es wäre für die künftige Forfchung von Wert gewefen,
wenn Müller am Schluß ein Verzeichnis der befprochenen
Stellen des CR. und des Briefwechfels gegeben hätte,
wie Walther in feinem Handbuch ,Für Luther wider Rom'.

Sehr klar ift jetzt, wie ftark Karlftadt von Luthers Gut
gerade da zehrt, wo Barge Karlftadts originale und
fchöpferifche Gedanken am kräftigften hervortreten fah.
Was andern Lefern von Barges Buch, die mit Luthers
Schriften aus den erften Jahren vertraut waren, fofort
auffiel, hat Müller jetzt bis ins genauefte Detail nach-
gewiefen und zwar gerade für folche wichtige Schriften
wie ,An den chrifllichen Adel' und ,Von der babylonifchen
Gefangenfchaft'. Vielleicht hätte Müller auch gut getan,
Barge auf die Wartburgpoftille zu verweifen, der z. B.
Luthers Auffaffung der Schwachen unmöglich hätte miß-
verftehen können, wenn er auch nur die bald nach der
Rückkehr aus Wittenberg entftandene Predigt über die
Epiftel des zweiten Advents Rom. 15,4 ff EÄ. 72,4Ö ge-
lefen hätte. Wie scharf charakterifiert Luther auch die
Wittenberger ftürmifchen Reformer im Februar 1522,
wenn er in der Predigt über das Evangelium des 4. Advents
EA. iO,2i2ff fagt: die hochmütige Heiligkeit kann
nicht hören, daß fie den Weg allererfl folle dem Herrn
bereiten, fo fie meinet, fie fitze unferm Gott in feinem
Schoß und laffe fich tänzen und fchmeichen, fie haben
den Weg längft vollendet. Vgl. des Verf. Abhandlung
,Die Entftehung von Luthers Wartburgpoftille' (Theol.
St. u. Kr. 1897, 271—378.)

Hatte Müller für den Sommer 1522 nachgewiefen,
daß Karlftadt in feinen theoretifchen Darlegungen faft
durchaus in den Wegen Luthers ging und .eigene Wege
praktifchen Handelns' überhaupt nicht gefunden hatte,
fo zeigt er jetzt, wie es fich wirklich um Störung
der öffentlichen Ordnung in den Oktober-Unruhen
handelte, während fie Barge möglichft in ein unfchul-
diges Licht zu rücken fuchte. Jetzt erft lernen wir
die ftürmifche Art Karlftadts nach feiner jähen Schwenkung
und die wüften Auftritte vor feiner Weihnachts-
meffe ohne Beichte recht würdigen und den Anteil des
Ausfchuffes der Univerfität, des Kapitels und des Rates
an den Verhandlungen und ebenfo die befonnene, acht
ftaatsmännifche Haltung des Kurfürften gegenüber den
Wittenberger Ereigniffen, wie gegenüber den Bifchöfen
von Meißen und Merfeburg verliehen. In den am Schluß
beigegebenen Einzelunterfuchungen hat Müller noch die
von Barge entdeckte Beutelordnung eingehend behandelt
und nachgewiefen, daß fie älter ift als die ftädtifche
Ordnung, vor Ende November auf Luthers Rat gefchaffen
wurde und ganz Luthers Gedanken entfpricht. Ebenfo
geht die ftädtifche Ordnung zumeift auf Luthers Gedanken
zurück, namentlich ,die neuen Ziele der Liebestätigkeit'.
Daß fie in dem Maß, wie Barge es annimmt, Karlftadts
Werk fei, ift jetzt nicht mehr haltbar, da Müller das
Zufammenwirken von Ausfchuß und Rat nachweift. Mit
Recht wird er aber auf Karlftadt die Beftimmungen über
die Meffe und die Bilder zurückführen. Beyer arbeitete
ficher als Bürgermeifter mit. Denn consul heißt nicht
Rat, wie Müller S. 59 annimmt, {senator), fondern Bürgermeifter
, wie z. B. Henifch beweift, der Bürgermeifter
mit consul, praetor urbanus, tribunus plebis wiedergibt,
aber ebenfo der Briefwechfel der Reformatoren. Ein
Dr. jur. wäre auch fchwerlich als einfacher Ratsherr in
die ftädtifche Verwaltung getreten. Man wird in der
Wahl Beyers zum Bürgermeifter einen befonders glücklichen
Griff und Sieg der Politik des Kurfürften fehen
dürfen, die ganz feiner übrigen Art entfpricht. Er weiß
es ftillfchweigend dahin zubringen, daß feine Politik durch
freie Wahl der Gemeinde einen Vertreter auf dem Rathaufe
hat. Gut wäre es gewefen, wenn Müller hier auch
die Frage erörtert hätte, ob nicht Luthers geheimer
Aufenthalt in Wittenberg vom 4. Dezember an einen
Einfluß auf die nachfolgenden Verhandlungen hatte, und
ob nicht in den letzten Predigten der Wartburgpoftille,
ebenfo wie in der ,Treuen Vermanung' fich die Eindrücke
wiederfpiegeln, welche Luther von den Dingen in Wittenberg
erhalten hatte. Es fei nur auf die Verwandtfchaft
der Abfchnitte C. R. 1,495 Abf. 4 u. 495 Abf. 1 mit der