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Ausgabe:

1908 Nr. 8

Spalte:

241-243

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pfleger, Luzian

Titel/Untertitel:

Zur Geschichte des Predigtwesens in Straßburg vor Geiler von Kaysersberg 1908

Rezensent:

Schian, Martin

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Theologifche Literaturzeitung 1908 Nr. 8.

242

(gegen den vom Kapitel gewählten bayerifchen Kanzler
F. Mauerkircher). In dem fchroffen Frontwechfel, den
Sixtus IV. in diefer Frage im Mai 1482 auf die Seite der
Gegner Heßlers vornahm, will auch Hollweg (mit Haller
gegen Schlecht) keine Verantwortlichmachung der kaifer-
lichen Politik für die Bafeler Konzilsproklamation Zamo-
metics (25. März d. J.) fehen, fondern er glaubt, daß die
Änderung der päpftlichen Politik nur infofern mit diefer
merkwürdigen Proklamation zufammenhängc, als es dem
Papft darum zu tun war, Bayern und Ungarn (das Paffauer
Kapitel hatte fich unter den Schutz des Königs Corvinus
geftellt) gegen die Erneuerung des Konzils zu gewinnen.

Wenn das, was uns Hollweg fo in nüchterner, ruhiger,
der Phantafie wie auch etwas des höheren Schwungs ermangelnder
Darlegung vorträgt, wirklich alles ift, was wir
über Heßler wiffen, fo kann von einem überlegenen, wirklich
leitenden Staatsmann m. E. nicht geredet werden. Sollte
man aus Wiener Archivalien nicht noch mehr erfahren
können? — Eine rafche Benutzung der Arbeit wird wefent-
lich erfchwert durch die nicht gerade feltene Untugend
des Verf., in der Darfteilung faft immer nur Tagesdaten,
faft nie Jahreszahlen zu nennen. Wenn dann in einem
der wenigen Fälle, wo uns einmal ein Jahr angegeben
wird, auch noch ein Druckfehler vorkommt, wie auf S. 18
(ZI. 29 1. 1475 ftatt 1476), fo wird es dem Lefer wirklich
fchwer, fich zurechtzufinden.

Straßburg i. E. Robert Holtzmann.

Pfleger, Gymn.-Oberlehr. Dr. Luzian, Zur Gefchichte des
Predigtwefens in Strasburg vor Geiler von Kayfersberg.

Straßburg, Agentur von B. Herder 1907. (82 S.) gr. 8°

M. 1.60

An der Aufhellung der Gefchichte des Predigtwefens
im ausgehenden Mittelalter wird in jüngfter Zeit fleißig
gearbeitet. Johannes von Capiftrano kann man jetzt nach
der mühfamen Edition feiner in Breslau handfchriftlich
vorhandenen Traktate und Reden von Eugen Jacob ftu-
dieren; H. Siebert gab eine Studie über die Heiligenpredigt
diefer Zeit. Gerade auf katholifcher Seite, der
auch Siebert angehört, ift man eifrig bei diefer Arbeit;
nach Landmanns (Das Predigtwefen in Weftfalen) Vorgang
fucht jetzt auch Pfleger vom lokalgefchichtlichen
Standpunkt aus größere Klarheit zu fchaffen. Pfleger
hat das Glück gehabt, in der Kgl. Bibliothek zu Berlin
eine reichhaltige Handfchriftenfammlung zu finden, von
deren Inhalt bisher die Wiffenfchaft noch keine Kunde
hatte. Sie enthält (genaue Befchreibung, die aber nicht
bis zum Ende der Handichrift geht und über die Paginierung
nicht völlig klare Angaben macht, S. 17 fr.) vor
allem eine große Reihe von Straßburger Predigten aus
den Jahren 1434—37 (fo Pfleger S. 26; im Einzelverzeichnis
S. 19 Nr. 13 ift eine von 1439 datiert; ift das ein
Druckfehler?), die dort in 6 Frauen-, 3 Männerklöftern
und in 2 Pfarrkirchen gehalten find und von 9 verfchie-
denen Autoren herrühren. Allerdings find die wichtigeren
dieier Autoren fchon aus anderen Handfchriften bekannt;
fo der befonders reichlich vertretene Hugo von Ehen-
heim, fo auch Peter von Breslau, Peter von Gengenbach
und Heinrich von Offenburg (vgl. Cruel S. 526ff., 519fr.,
523f., 525f.) Immerhin erhalten wir auch für fie neues,
ausgiebigeres Material, während von anderen, über die wir
erft durch Pfleger überhaupt Genaueres erfahren (Meifter
Gerhart, Konrad Bömlin, Erhart von Dürningen, Johannes
Schaub). verhältnismäßig viel weniger mitgeteilt ift. Über
das, was der Codex fonft. enthält, gibt Pfleger nur eine
kurze Notiz (S. 23), von der man nicht recht weiß, ob
fie die Mitteilung wirklich zum Schluß bringt; es handelt
fich um Dominikanerpredigten, 1434 zu Bafel gehalten. —
Die Straßburger Predigten ftellen Nachfchriften einer
Bürgerstochter dar; daß diefer Umftand nicht für gute
Uberlieferung bürgt, führt der Verf. felbft an, und zwar

im Zufammenhang einer guten Orientierung über diefe
Art von Predigtenüberlieferung.

Verwertet wird das an Straßburger Predigten gebotene
Material fo, daß nach kurzen Notizen über Straßburger
Predigtwefen vor diefer Zeit die einzelnen Prediger
der Sammlung unter Mitteilung von Auszügen und
unter Beibringung von etlichem biographifchem Material
charakterifiert werden und ihre Predigtart beurteilt wird.
Nachher fpricht Pf. kurz von dem in der Folge eintretenden
Verfall; am Schluffe teilt er einige kultur- und
religionsgefchichtlich intereffante Exzerpte wörtlich mit.
Zur Vervollftändigung zieht er eine andere, fchon von Cruel
benutzte Berliner Hfchr. heran, die über zwei weitere
Prediger, Bechtolt Filinger und Oswald, einiges bietet. Natürlich
ift man bei diefer Art der Materialverwertung im
wefentlichen auf das Urteil des Verf. angewiefen; doch
find die Auszüge immerhin fo reichhaltig, daß fie bis zu
gewiffem Grade auch dem, welcher die Handfchrift nicht
vor fich hatte, die Nachprüfung ermöglichen; jedenfalls ift
jedes Urteil forgfältig belegt.

Nach alledem ift deutlich, daß wir zwar keine übermäßig
reichhaltige neue Kenntnis, aber doch eine gute
Erweiterung und eine hübfche Ergänzung des aus jener
Zeit fchon Bekannten erfahren, für die man dem Bearbeiter
Dank zu zollen hat. Er ift unfraglich nicht bloß
forgfältig, fondern auch mit eindringendem Verftändnis
und mit Erfaffung der Punkte, auf die es ankommt, zu
Werke gegangen. Hinfichtlich feiner Einzeldarftellung
ift auch nicht fehr viel Anlaß zum Widerfpruch. Aber
er hat nun zugleich feine Mitteilungen in den Rahmen
eines Gefamturteils über die Predigt des 15. Jahrhunderts
hineingeftellt; und diefes Gefamturteil, infoweit es durch
das neue Material genützt werden foll, verlangt kritifche
Beleuchtung. Die Behauptung, daß jene Zeit die Predigt
vernachläffigt habe, behandelt Pf. mit Recht als völlig
veraltet; wenn er fleh aber müht, eine regelmäßige
Predigttätigkeit der Pfarrgeiftlichkeit diefer Zeit nachzu-
weifen (S. 16), fo fchießt er wohl doch etwas über das
Ziel hinaus. Daß Johannes Schaub zwei Sonntage hintereinander
gepredigt hat (S. 71. 72), ift dafür kein Beweis.
Mindeftens müßte man doch zwifchen Stadt und Land
unterfcheiden, wahrfcheinlich aber auch zwifchen den
verfchiedenen Weltprieflern. Daß auch die Klofter-
predigten eine Laiengemeinde als mit anwefend vorausfetzen
, wird, wie von Cruel, fo auch von Pf. mit Recht
betont. Die fehr reichliche Predigtwirkfamkeit der Mönche
wird durch das hier gegebene Material aufs neue dokumentiert
. Pf. wendet fich ferner mit Eifer gegen den
zweiten Teil von Cruels Satz von der materialen Blüte,
dem idealen Verfall der Predigt diefer Zeit. Aber was
er im Einzelnen beibringt, bewein; in diefer Richtung nur
wenig. Er felbft hebt bei dem einen Prediger das kraufe
Durcheinander, den Mangel jeder gedanklichen Ordnung
hervor (S. 28), bei einem anderen betont er, daß er durch
Hereinziehung unfruchtbarer theologifcher Kontroverfen
ermüde (S. 60), und die Predigt eines dritten wird als etwas
langatmig und breit angelegt bezeichnet (S. 64). Ähnliches
fonft oft (S. 30. 69). Und wo Pf. nichts auszu-
fetzen hat oder gar lobt, vermag unfer einer ihm längft
nicht immer zu folgen; ihm fehlt der Maßftab der tiefeindringenden
, rein religiöfen Predigt, von dem aus die
reichliche Verwendung überaus gekünftelter Allegorie
(S. 67. 72 u. a.), die Begriffsfpielereien, die fcholaftifchen
Spitzfindigkeiten uns unerträglich dünken. Selbft bei
I Hugo von Ehenheim findet fich eine gewaltig große
! Quantität von folchen Dingen. Und wenn Pf. aus einer
Predigt Hugos die gefunde Auffaffung des fpätmittel-
alterlichen Heiligenkults beweifen will (S. 47), fo vermögen
wir das dort Wiedergegebene durchaus nicht als
,gefund' zu betrachten. Ein Mann wie Hugo hat freilich
den Durchfchnitt fchon bedeutend überragt; aber gerade
aus feinem fcharfen Auftreten gegen die Unfitte muß Pf.
felbft folgern, daß in Hinficht der beliebten ,Märlein' in