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Ausgabe:

1908 Nr. 7

Spalte:

204-210

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lea, Henry Charles

Titel/Untertitel:

A History of the Inquisition of Spain. In four volumes 1908

Rezensent:

Benrath, Karl

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203

Theologifche Literaturzeitung 1908 Nr. 7.

204

der Reformation führt die wertvolle Abhandlung Götzes
,Martin Butzers Erftlingfchrift', in welcher er mit großem
Scharflinn den jungen Dominikaner als Verfaffer der in
13 verfchiedenen Drucken erhaltenen Flugfchrift ,Ain
fchöner dialog Vn gefprech zwifchen aim Pfarrer vnd aim
Schulthayß' in überzeugender Weife nachwein, ihren Text
in A mit den Zufätzen in den fpäteren Drucken und den
fehr merkwürdigen Erweiterungen in dem Druck N wiedergibt
und den Redaktor des letzteren auch am Oberrhein
fucht. Inhalt und Sprache in A beweifen, daß der Verfaffer
Elfäffer, aus einer Stadt, Gelehrter, Theologe, unbedingter
Anhänger Luthers, aber mit höfifchem Ton wohl vertraut
und unterrichtet über die Geiftlichkeit der Domftifte
Speier und Straßburg und vielleicht ein Augenzeuge des
Reichstags in Worms ift, ein Mann von großer geiftlicher
Beweglichkeit, fchriftftellerifcher Gewandtheit, klarer Beweiskraft
und kluger Zurückhaltung, lauter Merkmale, die
auf Butzer weifen. Jetzt wird es fich verlohnen, auch
die Frage nach dem Verfaffer des Karfthans neu aufzunehmen
und zu unterfuchen, ob nicht der erfte Teil
diefer Flugfchrift zum zweiten fich verhält wie A zu
N des fchönen Dialogs zwifchen Pfarrer und Schultheiß.
Zum Fleifcheffen der Legaten in Worms vgl. Jak. Ratz,
vom Faften Bl. E j., wonach Aleander in Worms an einem
Fafttag Bratwürfte mit einem P'ifchhamen aus dem Topf
genommen und gefprochen habe: Fiant pisces in nomine
patris etfilii et Spiritus saneti (Bl. f. württb. KG. 1893, 34).
Die Annahme, daß ,dem Verfaffer von N ,fein lutherifches
Weltbild noch nicht völlig fertig ftand in der Seele, da
er noch mit Andacht der Rolle gedenke, die die finfter
metti im Marienkult fpiele' (S. 43), ift nicht begründet.
Denn S. 37, Z. 166 ff. fagt der Verfaffer, auf Petrus könne
die Kirche nicht gegründet fein, denn fowenig als die
andern Apoftel fei er beftändig in Glauben geblieben
,in der gefängknuß und marter Chrifti', ,nur die Mutter
Gottes behielt den Glauben in ihr'. Ein Bild davon fei ]
die fintiere Mette am Karfreitag, wo eine Kerze nach I
der andern erlöfche bis auf eine, welche Marias Glauben 1
darftelle.

Erheiternd ift die Abandlung Kafpar Ammans, welche
diefer feinem Freund Haslach in Dillingen am 12. Februar

1521 (?) widmete, und die O. Clemen aus einem Sammelband
der Wolfenbüttler Bibliothek mitteilt, der wahrfchein-
lich dem Nürnberger Auguftiner-Klofter entflammt. Kurz
gibt Amman den Inhalt feiner Abhandlung in dem Brief
an Luther vom 26. Oktober 1522 (Enders 4, 14fr.). Der
wackere Auguftiner, der fich auf feine neuerworbene
Kenntnis der hebräifchen Sprache fehr viel zu gut tut,
fährt heftig auf Murner los, der mit feinen hebräifchen
Kenntniffen prange und doch nobilium literarum puer fei,
wie Amman bei einem Zufammentreffen mit Murner im
Franziskanerklofter in Nördlingen bemerken konnte.
Murner nahm damals einen hebräifchen Pfalter, der auf dem
Tifch lag und las ziemlich geläufig, da ihm der Text bekannt
war, aber er verdummte fofort, als Amman ihn fragte,
was der erfte Buchftabe in TibErt bedeute. Amman ift erregt,
daß Murner Mat. 16,18 ff., Joh. 1,42, Petra und Cephas auf
das Papfttum deute und jenes mit Fels, diefes mit Haupt
(xscpaZnll) wiedergebe, während andere, fo auch Eck an
Pfingften 1522 in Dillingen, Cephas aus dem Syrifchen
als fortitudo, Petrus aber aus dem Griechifchen oder
gar aus dem Syrifchen als Stein erklären. Amman aber
behauptet, Jefus habe mit feinen Jüngern hebräifch, nicht
fyrifch geredet, Petrus fei eigentlich Pethrus zu fchreiben
und fei fo viel wie nnifc, Gen. 40,8, petra = rfti, Mat.
16,16,18 fei alfo zu überfetzen: tu es agnoscetts et super
hanc cognicionem archanam edificabo ecclesiam meam.
Cephas aber fei fo viel wie ü&S Ezech. 3,17, speculator,
contemplator, episcopus. Mit dieler Deutung fand Amman
fo großen Anklang, daß fie in einer deutfehen Flugfchrift
Der Feiß der Chriftlichen Kirchen. Außlegung
dyfer nachfolgenden wort Chrifti: Du byft Petrus ufw.

1522 dem Volk mundgerecht gemacht wurde. Aber

Murner hätte Grund genug gehabt, feinem Gegner die
wiederholte fpöttifche Frage (nach dem Judaslied) O du
armer Murner, was haft du ftudiert? doppelt und dreifach
zurückzugeben. — Das Datum 1521 S. 168, Z. 33
kann nicht richtig fein, vgl. S. 175, Z. 5 1522. S. 169,
Z. 1 L ut deus, fo ftolz wie ein Gott, S. 173, Z. 3 repri-
mere ftatt exprimere. S. 176, Z. 19 ift das Fragezeichen
zu ftreichen. Amman fchwebt das Sprüchwort vor: sus
Minervain docet, S. 178, Z. 14 pro praesenti ohne —.

Bahlow unterfucht die Frage nach dem Dichter und
Überfetzer der drei Stücke der lateinifchen Meffe ,Gloria
in excelsis', ,Sanctus' und ,Agnus', ,Allein Gott in der Höh
fei Ehr', .Heilig ift Gott der Vater', ,0 Lamm Gottes',
die zuerft in dem von Joachim Slüter bei Lud. Dietz in
Roftock 1525 herausgegebenen Gefangbuch fich finden.
Er befireitet, daß es damals einen Nikolaus Decius gab,
dem Rehtmeyer die Lieder zufchrieb. Dagegen findet er
wahrfcheinlich, daß Nik. a Curia Propft des Kloflers
Steterburg 1519—22 identifch fei mit Nikol. Tach de
Curia, der 1501 Okt. 16. in Leipzig infkribiert, 1505 März 7.
(Tech) baccalaureus, 1524 Mai 23. als Nikolaus Tecius de
Curia in Wittenberg immatrikuliert wurde und im Sommer
1523 oder richtiger 1524 als Magifter Nikolaus vom Hofe
unter den evangelifchen Predigern in Stettin erfcheint. Wie
follte aber der Franke dazu kommen, fragt Bahlow, nieder-
deutfehe Lieder zu dichten? Aber könnte er fie nicht
hochdeutfeh gedichtet und ein Freund fie in die nieder-
deutfehe Sprache überfetzt haben? Ganz unmöglich ift,
wie Bahlow klar zeigt, die Identifikation diefes Mannes
mit Nikol. Hovefche, der etwas fpäter Prediger an der-
felben Nikolauskirche erfcheint, wie Nik. von Hof, aber
1525 noch katholifcher Priefter war. So ift bis jetzt
noch keine Antwort auf die Frage nach dem Dichter
der drei genannten Lieder zu finden. Bahlow hält es
für möglich, daß fie von Schlüter flammen.

Wotfchke fchildert unter Beigabe von vier Briefen des
Königsberger Archivs den Polenkönig Sigismund Auguft,
der als Thronfolger und Großfürft von Littauen die Notwendigkeit
einer Reformation anerkannte und die Anhänger
Luthers förderte, feine Hofprediger in evangeli-
fchem Geift predigen und fich vom Herzog von Preußen
evangelifche Bücher fchicken ließ, aber als König fich
dem Einfluß der Bifchöfe nicht entziehen konnte und
am 12. Dezember 1550 ein flrenges Mandat gegen die
Evangelifchen erließ. Dabei fallen Streiflichter auf das
Heidentum in Littauen und das fchändliche Treiben des
Klerus. Leben wie ein lateinifcher Priefter ift bei Griechen
und Ruthenen = Unfittlichkeit. Der neue Jahrgang der
trefflich geleiteten Zeitfchrift mit ihren wertvollen Literaturnotizen
ift eine reichbefetzte, einladende Tafel.

Stuttgart. G. Boffert.

Lea, Henry Charles, LL.D., A History of the Inquisition of
Spain. In four volumes. New York, The Macmillan
Company 1906.07. (XII, 620; XI, 608 with 1 table; XI,
575 and XII, 619 p.) gr. 8° each vol. s. 10.6

In dem Aprilhefte 1907 der ,Preußifchen Jahrbücher'
wird über die wiffenfehaftliche Arbeit in Nordamerika
von einem im Lande wohnenden Beurteiler gefagt, die
.ganze Produktion' fei .charakterifiert in der Reproduktion,
Kondenfation und Neu-Syftematifierung vorhandener Erkenntnisgebiete
' (S. 102). Ob dies drüben die Regel ift,
kann und foll hier nicht unterfucht werden — wenn dem
aber fo ift, fo haben wir in diefer neuen Leiftung Leas
ein glänzendes Beifpiel davon vor uns, wie zur Reproduktion
Neuarbeit gefugt wird. Denn L. hat hier ein altes
Problem in folchem Umfange angefaßt und einer fo
felbfländigen, auch neue Quellen verwendenden Bearbeitung
unterzogen, daß die bei hiftorifchen Gegenfländen
ja immer bis zu einem gewiffen Grade felbftverftändliche
Reproduktion gegenüber der Neuarbeit in den Hinter-