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Ausgabe:

1907 Nr. 6

Spalte:

165-167

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Zimmermann, Heinrich

Titel/Untertitel:

Der historische Wert der ältesten Überlieferung von der Geschichte Jesu im Markusevangelium 1907

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

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Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 6.

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fchungen Weftcott-Horts übertreffen, um ihre Aufhellungen
weiter zu führen. Hineingreifen hie und dort nutzt
für den Augenblick nur wenig, geblattet nur Fragen, nicht
Schlüffe. Knopf referiert nur, fo daß wir nicht mit ihm,
fondern mit feinen Quellen zu rechten hätten, wenn wir
etwas auszufetzen haben. Sein Schluß, S. 36 Z. 4 v. u. —
S. 37, fcheint gegen Weftcott-Hort zu fprechen, befonders
weil er die ,genealogifche Methode, die Weftcott-Hort
und andere fo entfchloffen anwenden', mit .Eklektik'
vertaufcht fehen möchte. Hier haben wir die heute alle
Tage vorkommende Vermengung zweier Sachen, die
Weftcott-Hort nicht vermengt haben; fie haben mit Recht
verfucht, eine Genealogie der Textgefchichte feftzuftellen,
fie find aber, wie es überhaupt nicht anders geht, bei der
Beftimmung des Textes, eklektifch verfahren. Soviel zur
Einleitung diefes Schlußwortes. Das aber, was der Ver-
faffer ferner diefer minder genauen Charakterifierung
Weftcott-Horts hinzufügt, ift alles, mit famt dem aus
Zahn Angeführten, zuerft in abgerundeter Weife durch
Weftcott-Hort dargetan worden. Weftcott-Hort waren
nur Menfchen, und wußten das ganz genau. Hort, der
die Einleitung zur ihrer Ausgabe gefchrieben hat, hatte
ftets mit feiner Neigung zu kämpfen, die andere Seite
zu fehen; es war ihm außerordentlich fchwer, fich klipp
und klar für einen feften Spruch zu erklären; er war fo
befcheiden und fo gelehrt, daß er jedesmal am liebften
gleich die Nebenanfichten mit zur Geltung bringen wollte.
Eben deswegen flehen fchon die oben erwähnten Einwände
bei ihm felbft. Lebte er, würde er jede neue
textkritifche Erfcheinung begierig zur Hand nehmen, in
der Hoffnung, einen weiterfuhrenden Gedanken zu empfangen
. Bis jetzt würde er nicht viel gefunden haben.

Leipzig. Caspar Rene Gregory.

Z i m m e r m a n n n, Lic. Dr. H., Der historüche Wert der ältesten
Überlieferung von der Gelchichte Jehl im Markusevangelium.

Leipzig, A. Deichert'fche Verlagsbuchhandlung, Nachf.
1905. (XII, 203 S.) gr. 8° M. 3.60

Verf. ift Pfarrer zu Liebenow in Pommern, ftellt fich den
Lefern in der Vorrede als eine allen Disziplinen der theoreti-
fchen und praktifchen Theologie gerecht werdende Stütze
der ,modernen pofitiven Theologie (R. Seeberg)' vor und
fpricht anders gearteten ,(liberalen) Theologen' das Recht
ab, ,fich auf die Freiheit der Wiffenfchaft zu berufen,
wenn anders fie nicht vorziehen, in eine andere Fakultät
überzugehen', d. h. Platz zu machen. Im Befitz einer
neuen Löfung des fynoptifchen Problems will er diefelbe
dem Publikum nicht über Nacht aufnötigen, fondern
zieht es vor, ,vorläufig einmal' das kürzefte Evangelium
,rein vom Standpunkt des modernen unbefangenen Lefers'
zu betrachten und dabei vor allem Wredes ,Meffiasge-
heimnis' vom Jahr 1901 .mit allem Ernft nachzuprüfen
und allfeitig möglichft zu widerlegen'. Als Hauptübel-
ftand ergebe fich Mangel an Methode. ,Wir werden induktiv
verfahren' (S. 6). Wie das gemeint ift, zeigt fich
gleich am erften Gang des Streithandels. Wrede hatte
die meines Erachtens ganz klar auf der Hand liegende
Tatfache konftatiert, daß die Mk. 4 n. 12 vertretene Meinung
vom Rätfeicharakter und Verhüllungszweck der
Parabel den folgenden Parabeln felbft und dem Wefen
der Parabel überhaupt ins Geficht fchlägt, und Johannes
Weiß hatte eine fo paradoxe Theorie ebenfo einleuchtend
aus der paulinifchen Verftockungstheorie erklärt. Nach
unterem Verf. kann davon keine Rede fein, weil ,ja nur
ein Teil der Juden als verftockt hier deutlich angenommen
ift und weil nicht Jefus, fondern Gott felbft dem
Volke Augen und Ohren verfchließt' (S. 43, vgl. S. 15. 129).
Als ob der gut paulinifche Grundzug nicht gerade im
Gegenfatz zwifchen der Elite, welche das Verftändnis des
Geheimniffes befitzt, und der großen Maffe, welcher Ver-
ftockung widerfährt (Rom. 11 7. s. 25 jtojQWOig axb /ie-

Qovg), deutlichft zutage trete, und als ob Jefus dabei nicht
gerade als exekutives Organ der unbedingten Prädefti-
nation', wie fie Gott Jeder fromme Jude zugefchrieben
hat', in Betracht käme. Diefes erfte Beifpiel möge genügen
, um die apologetifchen Zurechtlegungen zu cha-
rakterifieren, wie fie uns hier öfters begegnen. Ernftere
Erwägung verdient dagegen die aus der Erörterung der
Gleichniffe als Anfchauung Jefu gewonnene Auffaffung
eines durch die Saatzeit abgebildeten .Vorftadiums' der
Gottesherrfchaft (S. 44 k 61), welcher auf feiten Jefu zu-
nächft eine nur .vorläufige Meffiasaufgabe' entfpricht
(S. 93), fo daß der gefchichtliche Jefus nur der Christus
futurns ift (S. 97), woraus fich jene eigentümliche Zurückhaltung
, die er bezüglich feiner meflianifchen Würde
beobachtet.allerdings einigermaßen verftehen läßt (S. 127k).
Auch fonft gehört der den bei Mk. vorausgefetzten jüdi-
fchen Begriffen (fie werden meiftim Anfchluß an Weber und
Dalman entwickelt) gewidmete Abfchnitt (S. 33—64) zu den
fachlich befriedigendften Teilen diefer Darfteilung. Um
fo entfchiedener ift es als dogmatifierendes Vorurteil ab-
zuweifen, daß Jefus feinen Tod als zur Tilgung der menfch-
lichen Sündenfchuld unbedingt erforderlich gedacht (Xv-
tqov) und die Reife nach Jerufalem zu keinem andern
Zweck unternommen habe, als um dort in die Hände
feiner Feinde zu geraten (S. ioof.). Gegen die, S. 109 f.
nach S. 52 überrafchend kommende, Ausfchaltung des
Menfchenfohngedankens aus dem Bewußtfein Jefu und
der Gemeinde darf ich jetzt auf meine Veröffentlichung
über den Meffianismus Jefu verweifen. Unverftändlich
ift mir auch feine Polemik gegen meine Behauptung der
Abwefenheit eines politifchen Gedankens in Jefu Meffias-
anfpruch (S.94) und die Zumutung geblieben, ich müßte,
weil mir die frühere Entftehungszeit der Apokalypfe Mk. 13
feftfteht, auch das ganze Evangelium vor 70 anfetzen

(S. 137 f.).

Damit foll übrigens den fehr ins Gewicht fallenden
und gut beobachteten Spuren des vergleichungsweife
höhern und höchften Alters des Markusberichtes, die der
Verf. auch fonll geltend macht (S. 143 f.), keineswegs zu
nahe getreten werden. Im übrigen erfcheint bei ihm die
Urmarkushypothefe wie bei Wellhaufen und vielen in
Geftalt der Annahme eines aramäifchen Urevangeliums.
Diefes im Kreife von Augenzeugen auf dem Boden Pa-
läftinas bald nach Jefu Tod entftandene, im Befitz des
Petrus gewefene (S. 150) und deffen ,Lieblingserinnerungen'
(fo S. 135. 192 k nach Paul Ewald) enthaltende Werk hat
Markus um das Jahr 60 überfetzt und für römifche Hei-
denchriften bearbeitet (S. 10. 146k 171), indem er es
zugleich noch mit einigen ihm felbft aus feinem Umgang mit
Petrus zu Gebote flehenden Zügen bereicherte. So gelangt
der Verf. fchließlich zu einer Schätzung diefes Evangeliums
, welcher meine Darfteilung des heutigen Standes
der Markushypothefe im .Archiv für Religionswiffenfchaft'
(laufender Jahrgang S. 18 f.) im voraus entgegengetreten ift,
weil fie die Meinung begünftigt, als wähnten fich die Anhänger
der Zweiquellentheorie im Befitz einer unmittelbar
von Markus herrührenden, durch kein fagenhaftes Medium
hindurchgegangenen, gleichfam unfehlbaren Berichter-
ftattung über das Leben Jefu (a. a. O. S. 28). Nichts
will der Verf. wiffen ,von irgend welchen Tendenzen'
(S. 152), nichts von .irgend welcher Idealifierung Jefu'
(S. 156), nichts von ,Allegorifierung gefchichtlicher Erinnerungen
und paulinifcher Gedanken' (S. 160). ,Daß
die berichteten Wunder des Sagencharakters völlig entbehren
', glaubt er mit Berufung auf B. Weiß feftftellen
zu können (S. 155), wobei dann freilich Jefu Wandeln
auf dem Meer, nicht minder aber auch die von Teufeln
ins Waffer getriebene gadarenifche Herde nur auf das
wunderliche Urteil zurückgeführt werden, welches fich
die Jünger von ganz natürlichen Vorgängen bildeten
(S. 162 f.), und nicht minder verdächtig wird die Stellung
des Verks gegenüber der wunderbaren Speifung (S. 163 fj.
t Eher kann ich ihm folgen in feinem Eintreten für den

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