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Ausgabe:

1907 Nr. 6

Spalte:

163-164

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bludau, Aug.

Titel/Untertitel:

Juden und Judenverfolgungen im alten Alexandria 1907

Rezensent:

Schürer, Emil

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i63

Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 6.

164

324, die Bezeichnung von Philos fyftematifcher Darfteilung
der mofaifchen Gefetzgebung als ,Mifchna'
kann ich nicht für glücklich halten. Die Reproduktion
des Gefetzes in der .Mifchna' verfolgt die Tendenz des
fubtilften kafuiftifchen Ausbaues, die Reproduktion bei
Philo umgekehrt die Abficht philofophifcher Verallgemeinerung
. — S. 335 der erfte Seder der Mifchna handelt
nicht ,vom Ackerbau', fondern von den Abgaben,
welche vom Ackerbau zu leiften find. — S. 363 folgert
H. aus Sanhedrin X, I, daß das Judentum das Verbot
der Ausfprache des Gottesnamens durch Kürzung des
Namens umgangen habe; nur die Ausfprache des voll-
ftändigen Namens habe für verboten gegolten; ja Be-
rachoth IX, 5 werde beim Gruß die, felbftverltändlich
gekürzte Ausfprache des Gottesnamens geradezu gefordert
. Nun heißt es aber Sanhedrin X, I lediglich: An
der künftigen Welt hat keinen Anteil . . ., wer den
Namen (Gottes) ausfpricht nach feinen Buchstaben
hinitniiO). Mit letzterem Ausdruck ift nicht die voll-
ftändige Ausfprache im Gegenfatz zu einer verkürzten,
fondern die Ausfprache rTi"P im Gegenfatz zu gemeint
. Berachoth IX, 5 aber heißt es nur, daß man
einander grüßen folle ,mit dem Namen' (Dtp'a). Da QTÖ
unzähligemal metonymifch für ,Gott' fteht, fo ift hier
weder an eine vollftändige noch an eine verkürzte Ausfprache
des Namens niST1 zu denken.

Göttingen. E. Schür er.

Bludau, Prof. Dr. Aug., Juden und Judenverfolgungen im
alten Alexandria. Münfter i. W., Afchendorff 1906.
(V, 128 S.) gr. 8° M. 2.80

Mit jener Sorgfamkeit und gründlichen Kenntnis des
Materiales, welche aus Bludaus fonftigen Arbeiten bekannt
find, wird hier das im Titel genannte Thema behandelt
. Der Hauptzweck ift augenfcheinlich die Darfteilung
der Judenverfolgungen im alten Alexandria. Was
vorher über die Juden in Alexandria im allgemeinen ge-
fagt wird, hat mehr den Charakter einer Einleitung, wobei
offenbar eine erfchöpfende Behandlung nicht beab-
fichtigt ift. § 1 behandelt ,die Entftehung der jüdifchen
Diafpora in Ägypten'; § 2 ,Die politifche und religiöfe
Stellung der Juden'; § 3 ,Die foziale Lage der Juden';
§ 4 ,Das geiftige Leben der Juden'. Befonders von
diefem letzteren § gilt, daß nur eine Skizze geboten
wird, welche den Gegenftand in keiner Weife erfchöpft.
Die literarifchenLeiftungen werden nur gestreift. §5 wendet
fich dann dem ,Antifemitismus' zu (S. 44—59). Auch hier
geht die Darftellung nicht wefentlich über den Rahmen
einer Skizze hinaus, wenigftens fofern es fich um die
fchriftliche Polemik der alexandrinifchen Judenfeinde
handelt. Eine nähere Unterfuchung ihrer Fragmente lag
offenbar nicht in der Abficht des Verfaffers. Mit § 6
Judenverfolgungen unter den Ptolemäern' (S. 59—66)
kommt Bl. dann zu feinem eigentlichen Thema. Den
Stoff liefert hier das 3. Makkabäerbuch, dcffen legen-
darifcher Charakter felbftverftändlich anerkannt wird, doch
fo, daß irgend ein hiftorifcher Kern vermutet wird. Die
darüber aufgeftellten Hypothefen führt Bl. vor, ohne fich
für eine von ihnen zu entfcheiden. Es folgt § 7 eine
fehr eingehende Darftellung der Judenverfolgung unter
Caligula (S. 66—88). Das Augenmerk wird hier mehr auf
anfchauliche Schilderung der Vorgänge, als auf Unterfuchung
von hiftorifchen Detailfragen gerichtet. In der
fehwierigen Frage, ob die Audienzen der jüdifchen Ge-
fandtfchaft bei Caligula vor oder nach deffen germa-
nifchem Feldzug zu fetzen feien, entfcheidet fich Bl., der
Autorität Willrichs folgend, für erfteres. Die Schwierigkeiten
, welche diefer Anficht entgegenflehen, werden dabei
unterfchätzt. Für § 8 Judenverfolgungen unter Nero,
Vefpafian, Trajan' (S. 88—94) boten die Quellen nur dürftiges
Material, namentlich in betreff der Kämpfe unter
Trajan, von welchen es übrigens fraglich ift, ob fie als

! Judenverfolgung' zu bezeichnen find, denn die Juden
fcheinen hier die Angreifer gewefen zu fein. Die letzten
Abfchnitte (S. 94—128) find den ,Neueren literarifchen
Papyrusfunden über Judenverfolgungen in Alexandria'
gewidmet. Der Inhalt diefer merkwürdigen Fragmente
(f. darüber in der Kürze meine Gefch. des jüd. Volkes I,
65—70) wird fehr eingehend reproduziert. Ihren hiftorifchen
Wert fchlägt Bl. fehr gering an. Er hält fie, der
Anfchauung Bauers folgend, für Bruchftücke eines Werkes,
welches — in der Art der chriftlichen Märtyrerakten —
die Leiden und die gerichtliche Verurteilung, aber auch
den dabei bewiefenen Heldenmut folcher Alexandriner
fchildern wollte, welche fich im Kampf gegen die Juden
hervorgetan hätten. Die protokollarifche Form hält Bl.
bei fämtlichen für Fiktion, aber fo, daß doch irgendwelche
hiftorifche Überlieferung zugrunde liege.

Trotz der Sorgfalt des Verf. fehlt es nicht ganz an
einzelnen Ungenauigkeiten. Strabo fagt nicht, wie es
S. 33 heißt, daß die von Mithridates in Kos konfiszierten
Gelder von den Juden Alexandrias dort niedergelegt
gewefen feien (in Anm. 2 ift ftatt Ant. XIV, 12, 2 zu
lefen XIV, 7, 2). ejtrjXvöeq find nicht ,Eindringlinge'
(S. 73), fondern Fremde, die an einem Orte dauernd
wohnen. Schlimm ift S. 80 die Bezeichnung des Statthalters
von Ägypten als Prokonful. Die praefecti von
Ägypten waren bekanntlich Männer aus dem Ritterftande,
alfo überhaupt nicht Beamte fenatorifchen Ranges und
am wenigften Prokonfuln. Die hier (S. 80) genannte In-
fchrift, auf welcher C. Vitrafius Pollio erwähnt wird, fteht
jetzt auch im Corp. Inscr. Lat. III Suppl. n. 14147, 1. —
Durch diefe kleinen Ausstellungen wird aber das obige
Gefamturteil nicht aufgehoben.

Göttingen. E. Schürer.

Knopf, Prof. Lic. Rudolf, Der Text des Neuen Teftaments.

Neue Fragen (,) Funde und Forfchungen der Neu-
teftamentlichen Textkritik. (Vorträge der theologifchen
Konferenz zu Gießen. 25. Folge.) Gießen, A. Töpel-
mann igoö. (48 S.) 8° M. 1 —

Der Verfaffer befpricht, S. 4—14, die Klaffen des
Textes, S. 14—25, die neueren Funde und Arbeiten im
Bereiche der alten Überfetzungen, S. 25—28, die im
Bereiche der kirchlichen Schriftfteller, und S. 28—37,
wieder die Klaffen des Textes; — S. 38—48 enthalten
Kxkurfe zu einzelnen Punkten. Das Ganze bietet eine
forgfältige und brauchbare Überficht über den jetzigen
Stand der Fragen. Es ift richtig, wie wiederholt in diefem
Hefte betont wird, daß wir heute fragen müffen, ob die
Unterfuchungen Weftcotts und Horts die richtige Löfung
der verwirrten Probleme der Gefchichte des Textes
liefern. Vorderhand ift aber feftzuftellen, daß die meiften
der Einwände, die dagegen erhoben werden, ohne weiteres
aus Weftcott und Horts Buch entnommen werden
könnten. Nur verfährt man mit ihnen, als ob Weftcott-
Hort fie nicht würdigten. Der Verfaffer fchreibt z. B.,
S. 10, es fei eine Frage, ob Weftcott und Hort ,nicht
am Ende zu ihrer Aufstellung des alexandrinifchen Typus
bloß durch die Beobachtung gedrängt wurden' ufw., und
er fügt in der Anmerkung bei, Weftcott-Hort ,müffen
ausdrücklich zugeben', wo weder vom Gedrängtfein noch
vom Zugeben die Rede ift. Weftcott-Hort haben die
angegebene Erfcheinung in den Lesarten auf diefe Weife
zu erklären gefucht, und haben felbft gezeigt, wie unficher
alles war. Dabei führt Knopf eine Schrift von Salmon
an, die recht geistreich und feuilletonartig, aber text-
kritifch, wie in England fofort erkannt wurde, außerordentlich
fchwach war. Was den weltlichen Text angeht
, kann ich mich nicht daran erinnern, einen wichtigen
Grund dafür oder dagegen in neueren Schriften gefunden
zu haben, der nicht fchon bei Weftcott-Hort zu finden
ift. Man muß etwas neues bringen, man muß die For-