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Ausgabe:

1907 Nr. 5

Spalte:

141-143

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Guiraud, Jean

Titel/Untertitel:

Questions d‘Histoire et d‘Archéologie chrétienne 1907

Rezensent:

Ficker, Gerhard

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Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 5. 142

gelegt worden ift, einen fprechenden Beweis. Der Ver-
faffer kennt und benützt die gefamte einfchlägige deutfche
Literatur, foweit Tie einigermaßen von Belang iß:, und
fetzt fich mit ihr auseinander. Wenn nicht die franzöfifche
Sprache wäre, könnte man meinen, eine deutfche Lizen-
tiaten-Arbeit vor fich zu haben.

Einleitungsweife erörtert der Verf. die Entßehungs-
verhältniffe des 4. Buches Efra (S. 1—33). Er hält gegen
Kabifch an der Einheit des Autors feß, weiß aber im
Anfchluß an Gunkel darauf hin, daß hier doch difparate |
Stoffe vereinigt feien (S. 7—15). ,Pfeudo-Efra iß bemüht, I
in feinem Buche alles zu vereinigen, was er an efcha-
tologifchen Materialien kennt' (S. 14). — Neu iß bei Va-
ganay der Verfuch. die Schwierigkeiten des Adler-Gefichtes
durch eine kritifche Operation zu löfen. Er hält alle
Stellen, welche fich auf die acht kleinen Flügel beziehen
(11,3. 10—11. 22—32. 12,1—3 und die entfprechenden 1
Stücke in der Deutung c. 12) für fpätere Interpolationen 1
aus dem dritten Jahrh. n. Chr. (S. 19—22). Ob diefe Zerhauung
des gordifchen Knotens flatthaft iß, iß mir doch
zweifelhaft, fo beßechend auch die dadurch gewonnene
Einfachheit und Durchfichtigkeit des Ganzen fein mag.

Die eigentliche Abficht der Arbeit geht aber darauf,
zu zeigen, mit welchen religiöfen Problemen die Seele des
,Efra-Propheten' ringt und welche Antworten er fich darauf
in fchwerem Kampfe, aber unter ausgiebigßer Verwertung
des traditionellen Vorßellungsmateriales erringt. Es find
befonders zwei Probleme, die ihn befchäftigen (S. 35—63). j
1) Wie konnte Gott die Vernichtung der heiligen Stadt und
des Tempels zulaffen, da Israel doch fein erwähltes Volk
iß, dem eine herrliche Zukunft verheißen iß? 2) Wie
iß das rätfelvolle Gefchick des einzelnen Individuums zu
beurteilen? Stehen wir nicht alle unter der Macht der
Sünde? Was iß alfo unfer Los? und wer wird fchließ-
lich feiig? — Die Löfung diefer Probleme findet der
Prophet in dem Hinweis auf eine zweite höhere Welt,
die jetzt fchon vorhanden iß und zu der von Gott be-
ßimmten Zeit in die Erfcheinung treten wird. Es wird
für das Volk eine herrliche Zukunft kommen, in welcher
alle feine Feinde niedergeworfen find und alles Übel be-
feitigt iß. Es wird aber auch für den Einzelnen, fo-
fern er Gott treu geblieben iß, ein Zußand ewiger und
himmlifcher Seligkeit anbrechen. Beide, eigentlich difparate
Vorßellungsreihen find fo kombiniert, daß dem
Herrlichkeits-Reiche des Volkes nur eine begrenzte Dauer
zugefchrieben wird und an diefes fich dann die himm-
lifche Seligkeit der einzelnen Individuen anfchließt
(S. 82—85).

Wenn diefe Analyfe der Gedanken des Efra-Pro-
pheten auch nichts wefentlich neues bietet (am ßärkßen
iß wohl der Einfluß Gunkels bemerkbar), fo iß fie doch
mit felbßändigem und umfichtigem Urteil gegeben.

Göttingen. E. Schürer.

Guiraud, Prof. Jean, Questions d'Histoire et d'Archeologie
Chretienne. La repression de l'heresie au moyen äge.—
La Morale des Albigeois. — Le ,consolamentum' ou
initiation cathare.— Saint Dominique a-t-il copid Saint
Frangois? — Jean Baptiste de Rossi (1822—1894).—
La venue de Saint Pierre ä Rome. — Les reliques
romaines au IXc siecle. — L'esprit de la liturgie ca-
tholique. Paris, V. Lecoffre 1906. (304 p.) 8°

Die hier vereinigten 8 Auffätze find wohl nicht dazu
beßimmt, unfere Erkenntnis zu fördern; fie tragen vielmehr
ein mehr oder weniger ausgefprochenes apologe-
tifches Gepräge; und fie wollen auch, wenn ich recht
fehe, unter diefem Gefichtspunkte betrachtet fein.

Die erßen drei Auffätze befchäftigen fich mit dem
Ketzertum des Mittelalters. (I. La repression de l'heresie
au moyen äge, p. i—46; II. La morale des Albigeois, p.
47—921 £* Consolamcntum ou initiation cathare.) Der

erfle Auffatz fucht nachzuweifen, daß das Ketzertum eine
foziale Gefahr für die mittelalterliche Gefellfchaft bedeutet
habe; die Ketzer wären die Anarchißen des Mittelalters
gewefen ufw. Daraus erkläre fich die Haltung der Kirche.
Guiraud leugnet nicht —■ wie frühere Apologeten es wohl
zu tun verfuchten — das brutale und verabfeheuenswür-
dige Verhalten der mittelalterlichen Kirche gegen die Ketzer
(er drückt fich felbß.verßändlich viel milder aus); und
darin iß immerhin ein erfreulicher Fortfehritt zu fehen.
Aber ich kann nicht finden, daß er in der Durchführung
feiner Thefe glücklich und überzeugend wäre. Man merkt
zu deutlich, daß er in feiner Erklärung nur die alte Verlegenheitsauskunft
erneuert hat, mit der fich katholifche
Schriftßeller über die ihnen unangenehme Praxis der mittelalterlichen
Kirche hinwegzutäufchen fuchen. Es fchiene
mir viel richtiger, wenn man darauf hinwiefe, daß die
Kirche in ihrem ganz und gar unchrißlichen Verhalten
gegen die Ketzer dem Gebote der Selbßerhaltung folgte;
doch würde man dadurch wohl der Macht der mittelalterlichen
Kirche zu nahe treten.

In den beiden andern, fpeziell mit den Katharem fich
befchäftigenden Auffätzen fieht der Verfaffer zu fehr
durch die Brille der Gegner der Ketzer. Es werden
zwar nicht die ärgßen und törichtßen Befchuldigungen
nachgefprochen, die von den mittelalterlichen Beßreitern,
denen wir faß allein Kunde von ihnen verdanken, gegen
fie erhoben werden. Aber es wird nicht einmal der Verfuch
gemacht, nachzuforfchen, ob fie mit ihrer Oppofition
gegen die mittelalterliche Kirche und mit ihrer Abneigung
gegen fie nicht doch von religiöfen Motiven geleitet
worden find, die wir modernen Menfchen als berechtigt
anerkennen müffen. Von Wert find des Ver-
faffers Ausführungen über die Parallelen, die fich zwifchen
dem Kultus der Katharer und dem altchrißlichen Kultus
finden. Er verweiß zu ihrer Erklärung auf die manichäi-
fchen Beßandteile, die fich bei den Katharern finden,
und kommt zu dem Refultat: Iis nc representaient en
rialite qu'un Clement pai'cn qui avait cssaye de s'intro-
duire dans le christianisme jusq'au jour ou CDglisc avait
rcussi ä l'eliminer. Diefe Betrachtungsweife trifft doch nur
zu einem Teile das Richtige; es iß vielmehr darauf hinzuweifen
, daß die katharifche Bewegung in der griechifchen
Kirche und in Oppofition zu ihr ihren Urfprung gehabt hat.

Der vierte Auffatz p. 151—165 beantwortet die Frage:
Saint Dominique a-t-il copic sainl Franeoisi im Wider-
fpruch zu Sabatier verneinend. Es würde Sabatier leicht
fein, Guirauds Einwendungen zurückzuweifen.

Der fünfte Auffatz p. 167—212 gibt ein Bild vom
Leben und der wiffenfehaftlichen Tätigkeit und Bedeutung
des römifchen Archäologen Giovanni Battißa de Roffi
(t i894)- Man muß dem Schüler und Freunde wohl zugute
halten, wenn die Farben etwas ßark aufgetragen
find, und dem Franzofen, wenn Sätze ausgefprochen
werden, die fich bei näherem Zufehen als Phrafen ergeben
; wenn es heißt p. 175: la science germanique
avait besoin de son concours, fo iß auf das nachdruck-
hchße aufmerkfam zu machen, daß die deutfche Wiffen-
fchaft niemals die Hilfe auch eines de Roffi nötig gehabt
hat und hoffentlich niemals die Hilfe eines Fremden
nötig haben wird. Dagegen hätte Guiraud darauf hinweifen
müffen, daß de Roffis wiffenfehaftliche Tätigkeit
ohne die deutfche Wiffenfchaft einfach undenkbar iß.
Uber die Schätzung der wiffenfehaftlichen Arbeit de
Rofüs werde ich mit einem feiner Schüler nicht rechten.
Aber ich muß die Meinung (p. 189 f.) zurückweifeu, daß
die chrißliche Archäologie einen ihrer Hauptzwecke dann
habe, die katholifchen Dogmen zu beweifen, oder (p. 2041
daß die Katakombenmalereien die Lehre der katholifchen
Kirche beßätigten. Mit viel größerem Rechte kann man
das Gegenteil behaupten. Auch das darf erwähnt werden
daß viele, fehr viele Refultate de Roffis bereits haben um-
geßoßen werden müffen. Übrigens macht Guiraud kein
Hehl aus de Roffis Selbßbewußtfein (p. 206 f.) und aus