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Ausgabe:

1907 Nr. 5

Spalte:

140-141

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Vaganay, Léon

Titel/Untertitel:

Le problème eschatologique dans le IVe livre d’Esdras 1907

Rezensent:

Schürer, Emil

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139

Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 5.

140

Corinth.: Cqrinthi sunt Ackaici. et hi similiter ab
apostolo audierunt verbum veritatis et subversi
multifarie a falsis apostolis, quidam a philoso-
pliiae verbosa eloquentia (oder beffer: ad . . . verbosani

stoli' (fo fechsmal, einmal ,pseudapostoli') alles übrige
exifliert für ihn nicht. Die Lehre aber der falfchen Apoftel
ift die Lehre, welche .ad sectam legis Iudaicae' führt (nur
an einer Stelle ift von der pverbosa eloquentia philosophiae'

cloquentiam), alii a secta (oder beffer: ad sectam) legis die Rede) d. h. ,/cx et circumeisio'lehrt oder — noch charak
iudaicae indueti sunt, hos revocat apostolus ad j teriftifcher —■ .in legem et prophetas' verführt. Der
veram {et) evangelicam sapientiam scribens eis ab ' letztere Ausdruck läßt kaum einen Zweifel darüber, daß
Epheso per Timothcum. hier Marcion fpricht. Die Gemeinden werden darnach

Auch diefer Prolog entfeheidet noch nicht; doch ift ! klaffifiziert, ob fie von Paulus ihr Chriftentum erhalten
die Zufammenfaffung und Hervorhebung der falsi apostoli', ' haben oder ob die falfchen Apoftel ihm zuvorgekommen
da es fich doch mindeftens zunächft um den I. Brief j find (fo dreimal), ferner ob fie im paulinifchen Glauben
handelt, fehr auffallend. (dem Wort der Wahrheit) beftanden und die falfchen

Rom.: Romani sunt in partibus Italiae. hi prae- 1 Apoftel nicht aufgenommen haben (fo zweimal). Darüber
venti sunt a falsis apostolis et sub nomine domini hinaus finden fich nur Angaben über die Situation, in
nostri Iesu Christi in legem et prophetas erant der Paulus die Briefe gefchrieben hat.
inducti. hos revocatapostolus adveram evangeIicam Ich weiß dem Schluffe, daß hier Marcion fpricht,

fidetn scribens eis a Corintho. bez. ein Marcionit, nichts entgegenzufetzen und vermag

Man kann fchwer begreifen, daß fo ein katholifcher mich ihm nicht zu entwinden. Für Marcion — und nur
Chrift gefchrieben hat. Diefer Prolog fcheint einen korri- i für ihn — ift es charakteriftifch, daß er alle Paulusbriefe
gierten Text von Rom. 1 vorauszufetzen und präfkribiert j unter dem Prinzipat des Galaterbriefs betrachtet, und daß
alles Chriftentum in Rom vor dem Römerbrief als ein er im Galaterbrief den Gegenfatz ,die Wahrheit des
falfches. Entfcheidend aber ift, daß neben dem Gefetz Evangeliums und Paulus' einerfeits und ,die falfchen
auch die Propheten als zur falfchen Religion gehörig ge- ; Apoftel' (einfchließlich der Urapoftel) andererfeits heraus-
nannt find. Das ift marcionitifch. arbeitet. Eben dasfelbe tun unfre Prologe. Eine Fülle

Theff.: ThessalonicensessuntMacedones.hiaeeep- von Fragen erhebt fich — de Bruyne hat fie bereits
to verbo veritatis perstiterunt in fide etiam in angedeutet —, fobald man den marcionitifchen Charakter
persecutione eivium suorum; praetcrea nee reeepe- der Prologe anerkennt. Sind fie urfprünglich griechifch
runt ea quae a falsis apostolis dicebantur. hos con- verfaßt gew'efen? Man könnte fich auf eollaudare [ßvveu-
laudat apostolus scribens eis ab Athcnis. velv), recorrigere {dvooirovv) und midtifarie {jcoXvutQÖjc),

Wer die falsi apostoli' find, ift nach den vorangehen- 1 ferner auf ab Epheso, a Corintho etc., fowie auf die
den Prologen deutlich. Daß fie überhaupt hier genannt Phrafe qninisterium in eos aeeepit' berufen; doch reicht
wurden, dazu veranlaßte der Brief nicht. Alfo fchreibt das nicht aus. Wo find fie verfaßt? Gewiß nicht in Rom,
hier jemand, der von einem einzigen Gegenfatze be- j fchwerlich im Abendland; denn ein Abendländer hätte
herrfcht ift, deffen Konftatierung ihm überall allein wich- nicht gefchrieben: .Romani sunt in partibus Italiae'. Alfo
tig ift. find fie morgenländifch, alfo müffen fie urfprünglich grie-

LaoÜV. [Laodieeui sunt Asiani. hi praev enti erant chifch niedergefchrieben fein. Die beftimmte Mitteilung:
a falsis apostolis . . . ad hos non accessit ipse apo- ,Galatae sunt Graeei', fcheint für einen Verfaffer zu
Stolüs . . . hos per epistulam recorrigit . . .] 1 fprechen, der für die Galater ein Intereffe hatte. Das

Diefer Prolog muß aus dem zu Coloff. rekonftruiert I fügt fich gut zu Marcion. Wie und wann find diefe
werden (f. o.). Auch hier gilt, nur in noch höherem Maße, j Prologe in die katholifche Kirche gedrungen? Eine be-
das, was zu Theff. bemerkt war: den Gegenfatz zu den ; friedigende Antwort befitzen wir darauf nicht. Aber
falsi apostoli' konnte bei Ephef. (Laod.) nur ein Kritiker zweifellos ift nun, daß der marcionitifche Apoftolos den

eintragen, der fich nicht an den Brief felbft hielt, fondern
aus aprioriftifchen Gründen das Chriftentum dort vor
Paulus für ein falfches hielt und dies zum Ausdruck
bringen wollte.

Coloff: Colossenses et hi sicut Laodicenses sunt
Asiani. et ipsi praev enti erant a pseudo-apostolis,
nee ad hos accessit ipse apostolus, sed et hos per
epistulam recorrigit: audierunt enim verbum ab

katholifchen beeinflußt hat, und nahe liegt es, daß dies
in allerfrühefter Zeit gefchehen ift. Es beftätigt fich
alfo, was ich in dem kurzen Auffatz (,Bemerkungen zur
Gefch. der Entftehung des N. T.'s') angedeutet habe
(,Reden und Auffätze' Bd. 2 S. 241fr.); aber daß die
Andeutung eine fo überrafchende Beftätigung finden
würde, habe ich mir nicht träumen laffen. Der katholifche
Chrift, der zuerft diefe Prologe übernommen hat,

Archippo qui et ministerium in eos aeeepit. ergo hat den Pferdefuß nicht bemerkt. Aber er ift hinreichend

apostolus iam ligatus scribit eis ab Epheso [verderbt? entfchuldigt; denn vor de Bruyne hat ihn niemand ent-

fteckt etwa in ,Ephcso' der Name Epaphras?]. hüllt. Nun wiffen wir, wenn nicht unerwartete Einwände

Auch hier fcheint ein korrigierter Text von Coloff. 1 erhoben werden, daß, wie der katholifche Feftkalender

zu Grunde zu liegen. Archippus (Coloff. 417) wird als! auf einen arianifchen Feftkalender zurückgeht, fo die alten

der falfche Lehrer betrachtet f verbuui fleht hier ohne J Prologe ein Denkmal der marcionitifchen Kirche mitten

,veritatis'). Die Pfeudapoftel find nach den voranflehen- ! im katholifchen Neuen Teflamente find. Ift nicht die

kanonifierte Sammlung der Paulusbriefe felbft ein folches
Denkmal?

Berlin. A. Harnack.

den Prologen zu deuten.

Philipp.: Philippenses sunt Maeedones. hi aeeepto
verbo veritatis perstiterunt in fide nee reeepe r 11 nt
falsos apostolos. hos apostolus conlaudat scribens
eis ii Roma de carcere per Epaphrodttum,

Daß die Philipper die falfchen Apoftel d. h. die,
welche zu Gefetz und Propheten verführen, nicht angenommen
haben, ift angefichts des Inhalts des Briefs wiederum
eine fehr auffallende Regelte.

Philem.: Philemouifamiliäres litteras facitpro
Onesimo servo eius. scribit autem ei a Roma de
carcere.

Der Verfaffer diefer Prologe lebt in dem Gegenfatz des
durch Paulus (der allein ,apostolus' ift) verkündigten -verbum
veritatis' (fo viermal, daneben vera evangelica fides,

veraevangelicasapientia, fides veritatis) und der falsi apo- Fakultät in Lyon zur Erwerbung des Doktorgrades vor-

Vaganay, Leon, Le probleme eschatologique dans le IV8 livre
d'Esdras. These de doctorat en Theologie presentee
ä la faculte catholique de Lyon. Paris, Picard et fils
1906. (XII, 121 p.) gr. 8°

Wie fehr die katholifche Theologie auch in den
romanifchen Ländern in neuerer Zeit die theologifche
Literatur des evangelifchen Deutfchlands beachtet, ihre
Probleme aufnimmt und weiterzuführen bemüht ift, davon
gibt auch diefe Differtation, welche der katholifchen