Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1907 Nr. 2

Spalte:

58-59

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Witz-Oberlin, C. A.

Titel/Untertitel:

Evangelische Vereins- und Liebestätigkeit in Österreich 1907

Rezensent:

Goltz, Eduard Alexander

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

57

Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 2.

58

nächftverwandten Erfcheinungen hinauslief, damit noch
nicht ins Unrecht gefetzt. Loofs, über deffen Grundlinien,
S. 212, Grünberg S. 143 ungenau referiert, oder ebenfo
M. Weber und Tröltfch, die nach Grünberg von Ritfehl
beeinflußt find (S. 175. 423), find es doch nur in dem
Sinne, daß fie diefe Methode, freilich mit umfaffenderem
kirchengefchichtlichem Umblick, fortfetzen.

Die zweite Hälfte des 3. Bandes füllt eine umfangreiche,
doppelte, syftematifch und chronologifch geordnete Bibliographie
aus (S. 265—388). Auf Spener felbft entfallen
55 Seiten mit 340, bez. 368 Nummern, darunter 15 bez.
20 Nummern Handfchriftliches. Man braucht dies Verzeichnis
Spenerfcher Schriften nur mit dem 1889 in der
Bibliothek Theologifcher KlaffikerBd. 21 (Speners Haupt-
fchriften) vorgelegten zu vergleichen, um dem Bienenfleiß,
mit dem Grünberg weiter gefammelt hat, alle mögliche
Anerkennung zu zollen. Überaus verdienftlich ift, daß
in dem chronologifchen Verzeichnis Predigten, Briefe,
Bedenken, Constlta, foweit fie datierbar find, einzeln
nach den Abfaffungszeiten aufgeführt werden. Für die
Benutzung diefer Literatur ift damit ein unfehätzbares
Hilfsmittel geboten. Im 18. Jh., von + 1725—1825 findet
ein langer Stillftand in der Herausgabe Spenerfcher
Schriften ftatt (vgl. S. 42). Die Pia Desideria erleben
keinen Neudruck von 1713—1841, das ,geiftliche Priefter-
tunv von 1741—1830, die Klagen über des verdorbenen
Chriftentums Mißbrauch von 1737—1853. Am längften
werden, wie Grünberg als bezeichnend hervorhebt, von
den Predigtfammlungen ,die evangelifchen Lebenspflichten
' zuletzt 1761, aufgelegt. Auffallend ift, wie wenig
Überfetzungen Grünberg zu nennen weiß. Erwägt man,
wie ftark englifche Erbauungsliteratur auf Spener felbft
eingewirkt hat, wie bedeutend umgekehrt Zinzendorfs
Einfluß auf englifche Frömmigkeit gewefen ift, fo wird
man diefe Tatfachen zu betonen Anlaß haben. Ich finde
an Überfetzungen nur erwähnt: eine englifche (Nr. 40
des Verzeichniffes), eine franzöfifche (167), eine italienifche
(166), drei dänifche (139. 140. 166), eine tamulifche von
B. Ziegenbalg (137: Einfältige Erklärung der chriftlichen
Lehr nach der Ordnung des kleinen Kathechismus des
teuren Manns Gottes Lutheri). In dem folgenden Verzeichnis
der Spener betreffenden Literatur füllen die
Streitfchriften 16 Seiten mit 100 Nrn. Ein außerdeutfeher
Name ift mir darunter nicht begegnet. Weiterhin find
nicht nur die ausdrücklich mit Spener fich befchäftigen-
den Schriften, fondern ebenfo in weiteftem Umfang die
fachwiffenfehaftliche, homiletifche, katechetifche ufw.. die
kirchengefchichtliche, allgemein- und lokalgefchichtliche,
fowie die populäre Literatur aufgenommen. Bei diefer
umfaffenden Berückfichtigung durften Weizfäckers Rezen-
fionen der Gefch. d. Piet. (Th. L. Z. 1880. 1885. 1887)
nicht fehlen. Auch Dalton, Jablonski 1903 ift überfehen.
Eine englifche Biographie erfcheint, wenn ich nicht irre,
erft 1893, eine amerikanifche fchon 1830, eine franzöfifche j
1838. — S. 38, Z. 3 v. u. lies Ritfehl III ftatt II, S. 170
Z. 13 u. 17 lies Heinrici ftatt Henrici (auch im Regifter;
aber richtig S. 327.)

Von dem unermüdlifchen Fortarbeiten Grünbergs zeugen
zum Schluß die Nachträge S. 389—424. Ich mache
namentlich auf den intereffanten Bericht über Speners
Berufung nach Frankfurt aufmerkfam, S. 396 f. nach dem
Frankfurter Kirchenkalender 1905 und Straßburger Ratsprotokollen
.

Gießen. S. Eck.

Flügel, O., Die Religionsphilofophie der Schule Herbarts.

Drobifch und Hartenftein. (Religionsphilofophie in
Einzeldarfteliungen. Hrsg. von O. Flügel. Heft 3.)
Langenfalza, H. Beyer & Söhne 1905. (88 S.) gr. 8°

M. 1.50 I

Nach einigen einleitenden Bemerkungen über die
Bedeutung Herbarts für die Religionsphilofophie im allgemeinen
legt der Verf. in längerer Auseinanderfetzung
dar, wie diefe Disziplin vorzugehen habe und geftaltet
werden müffe.

Danach foll fie zunächft in einer pfychologifchen
Unterfuchung feftftellen, was für Bedürfniffen die Religion
entfpricht, und auf welche Weife diefe im natürlichen
Menfchen entfteht. Dabei wird fich ergeben, daß es
,die Sehnfucht nach Erlöfung von den Übeln Leibes
und der Seele' ift, die in dem Glauben an höhere übermächtige
Gewalten Befriedigung findet, und daß es Furcht
und Hoffnung fowie die Neigung, alles Lebendige zu
perfonifizieren, find, die denfelben erzeugen. Des weiteren
hat die Religionsphilofophie mittels ethifcher Kriterien
in dem Glauben an ,einen perfönlichen heiligen Gott'
die reinfte und vollkommenste Form der Religion zu
agnofzieren. Und endlich und ganz befonders liegt es
ihr ob, die ,objektive Wahrheit' der letzteren darzutun.
Doch wird fie fich davor hüten müffen, einen eigentlichen
,Beweis' führen zu wollen; höchftens um eine
Verteidigung' oder ,Beftätigung' kann es fich handeln.
Eine derartige Befchränkung ihrer apologetifchen Tätigkeit
ift nicht nur unvermeidlich und durch die Natur
der Sache geboten; fie empfiehlt fich auch infofern, als
damit dem Offenbarungscharakter der Religion, fpeziell
der chriftlichen, Rechnung getragen wird.

Verf. gibt der Übeizeugung Ausdruck — und das
wird niemand überrafchen, der Flügel kennt —, daß die
gekennzeichneten Aufgaben am beften oder allein durch
eine auf Herbartfche Gedanken zurückgreifende Religionsphilofophie
gelöft werden können, und wendet fich darauf
in den beiden letzten Dritteln feiner Schrift der Schilderung
der Verfuche zweier Herbartianer, Drobifchs und
Hartenfteins, zu. Das heißt: er begnügt fich nach feiner
eigenen Angabe, .kurzgefaßte Kollegienhefte' der betreffenden
Philofophen ,aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts'
zum Abdruck zu bringen.

Von den Joeiden Vorlefungen dürfte nun an und für
fich die von Drobifch zweifellos das größere Intereffe in
Anfpruch nehmen. Auf der andern Seite ift nicht zu
vergeffen, daß die einfehlägige Lehre diefes ausgezeichneten
und nicht genug gewürdigten Denkers längft in
ausführlicherer Form von ihm felbft publiziert worden ift
(Leipzig, Voß, 1846), und daß die vorliegende Rezenlion
kaum irgend etwas Neues beibringt. Vielmehr läßt fie
beachtenswerte und reizvolle Partien vermiffen, wie bei-
fpielsweife die Erörterung über den Fortfehritt der Offenbarung
oder den merkwürdigen Abfchnitt zur Philofophie
der Gefchichte der Religion und anderes. Unter folchen
Umftänden wird man dem Verf. eher die Mitteilung der
Hartenfteinfchen Religionsphilofophie Dank wiffen müffen,
die bis jetzt, foweit wenigftens dem Refer. bekannt ift,
der Öffentlichkeit noch nicht übergeben worden war.
Freilich zeichnen fich die Anfchauungen Hartenfteins
nicht eben durch Originalität aus. Die Ähnlichkeit des
Gedankengangs mit demjenigen Drobifchs fällt geradezu
auf; und wo fich Abweichungen bemerkbar machen, wie
etwa bei der Faffung und Verwendung des moralischen
Arguments, find es keineswegs immer folche zumBefferen.

Straßburg i. E. E. W. Mayer.

Witz-Oberlin, D. C. A., Evangelifche Vereins- und Liebestätigkeit
in Orterreich. Herausgegeben in Verbindung
mit mehreren Amts- und Vereinskollegen. Klagenfurt
, J. Heyn 1905. (287 S.) gr. 8° M. 4 —

Der Verfaffer bietet in diefem Buch eine Fortfetzung,
Erweiterung und Ergänzung feiner Schriften ,Das evangelifche
Wien' und ,Die evangelifchen Kirchen A. B. und
H. B.' in Geftalt einer Überficht über die evangelifche
Vereins- und Liebestätigkeit in der öfterreichifchen Monarchie
. Auch wer die Verhältniffe nicht aus eigenem
Augenfchein kennt, wird das Buch mit Intereffe zur
Hand nehmen. Nur erwarte man nicht eine einheitliche,