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Ausgabe:

1907 Nr. 2

Spalte:

49

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Koeniger, Albert Michael

Titel/Untertitel:

Die Beicht nach Cäsarius von Heisterbach 1907

Rezensent:

Deutsch, Samuel Martin

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49

Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 2.

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Natur als Trägerin des geiftlichen Lebens unterfucht, im
zweiten, dem ausführlichflen des ganzen Buches, die Entfaltung
des geiftlichen Lebens in der Seele und ihren
Kräften mittels der Tugenden. Beidemal ift die um-
faffende und eingehende Erörterung der Worte B.s zu
loben. Das größte Intereffe und am meiften Eigentümliches
bieten die §§ 14—20 über die Liebe, in deren Betrachtung
B.'s Stärke liegt. Die beiden letzten Abfchnitte
,Die Salbung des Geiftes' und ,Die Fülle des Geiftes',
befonders der letzte, befchäftigen fich mit dem, was man
fpeziell als Myftik zu bezeichnen pflegt. Der Verf. ift
hier ohne Zweifel ganz im Recht, wenn er Bernhard nicht
zu den bloß reflektierenden Myftikern zählen will, fondern
ihm eigne myftifche Erfahrung zufchreibt, und zwar auch
die, welche von den Myftikern als die höchfte angefehen
wird, die der ,Einigung'. Wenn er aber fagt, daß er von
einer befonderen Befprechung der verfchiedenen Be-
fchauungsgrade deshalb abfehe, weil bei B. die myftifchen
Termini noch nicht feft geprägt find, und hinzufügt ,Was
die klafflfche Myftik begrifflich fcheidet, fließt bei ihm
noch vielfach als fynonym in einander', fo muß ich ge-
ftehen, daß ich von den begrifflichen Scheidungen der
klafftfchen Myftik (? es ift damit wohl die fcholaftifierende
gemeint) nicnt allzu viel halten kann und den nicht-
klaffifchen Myftiker Bernhard in diefer Hinficht höher ftelle.

Das Buch vermeidet mit Ausnahme weniger Stellen
konfefftonelle Polemik, gibt dagegen eine fehr eingehende
Darfteilung der in Betracht kommenden Anflehten Bernhards
und verdient auch proteftantifcherfeits Berückfich-
tigung.

Berlin. S M. Deutfch.

Koeniger, D. Albert Michael, Die Beicht nach Cäfarius von

Heifterbach. (Veröffentlichungen aus dem kirchenhifto-
rifchen Seminar München. Herausgegeben von Alois
Knöpfler. II. Reihe Nr. 10.) München, J. J. Lentner
1906. (X, 107 S.) 8° M. 2.40

Die kleine vorliegende Schrift bietet in mehrfacher
Hinftcht großes Intereffe. Einmal fchon deshalb, weil in
ihr neben den Dialogen des Cäfarius auch feine fehr
feiten zu habenden und deswegen auch wenig verwerteten
Homilien reichlich benutzt find. Der Verf. hat aus ihnen
auch den wohlbegründeten Schluß gezogen, daß die lite-
rarifche Kenntnis des Mannes doch bedeutender war, als
man anzunehmen pflegt, obwohl Hauck darin im Recht
bleibt, daß er kein Gelehrter war. Ferner bietet es einen
fehr reichen Stoff über die Anfchauungen des Cäfarius
von Schuld. Beichte, Genugtuung und was damit zufammen-
hängt, wie auch über die vulgäre Behandlung der Beichte
in jener Zeit. Der Verf. ordnet feine Arbeit, nachdem
er von der Sünde gefprochen hat, nach den drei
Hauptftücken, die zuerft, fo viel wir wiffen, Hildebert von
Tours aufgeftellt hat, Reue, Bekenntnis und Genugtuung
eine Dreiteilung, die dann von vielen andern und auch
von Cäfarius fehr oft wiederholt worden ift. Jedes Haupt-
ftück teilt der Verf. wieder in eine Reihe befonderer

Fragen, von denen jede von Cäfarius in feiner Weife bieten vermochten, um die ganze Blindheit jener Fuhrer
praktifch beleuchtet wird. So finden wir z. B. fehr in- de;s Ultramontanismus zu beurteilen, welche eine Ver-
tereffante Mitteilungen über die Laienbeichte S. 76K 8off., jjäridigung uncj zwar vor anem mit gläubigen Prote-
über das Beichtgeheimnis S. 63 f., über den Inhalt der ftanten' anftreben, ohne zu ahnen, wie man gerade in
Abfolutionsgewalt S. 86ff. ufw. Merkwürdie ift, daß I «Aefen Kreifen Luther aus feinem Katechismus, feinen

Hegemann, Dr. Ottmar, Luther im katholilchen Urteil. Eine
Wanderung durch vier Jahrhunderte. München, J. F.
Lehmanns Verlag 1905. (III, 260 S.) gr. 8° M. 5 —

Hegemanns Arbeit bietet eine, freilich gerade für
die letzten Jahrzehnte unvollftändige, Ergänzung zu
Walthers ,Für Luther wider Rom'. Hatte diefer die
römifche Polemik gegen Luther von großen fachlichen
Gefichtspunkten aus eingehend behandelt, fo gibt Hegemann
ein Bild vom hiftorifchen Gang diefer Polemik.
Beide Werke mit einander geben eben jetzt, da felbft auf
dem Katholikentag zu Effen ein Zug zur Verftändigung
mit dem Proteftantismus fich bemerklich machte, den
nachdenkfamen Katholiken zu bedenken, wie tief die
Kluft zwifchen Rom und dem Proteftantismus ift, welche
der Haß gegen Luther gefchaffen hat und heute noch
ebenfo tief erhält, fo gut wie zu den Zeiten eines Coch-
läus und der Konvertiten Piftorius, Weislinger, Jarke,
Evers, deren Werke für die katholifche Polemik faft
durchweg die Fundgrube und den Spiritus reetor bilden.
Hegemann zeigt auch den Katholiken unwiderleglich
den Mangel an Wahrheits- und Gerechtigkeitsfinn, der
fich im Urteil der römifchen Kirche über Luther geltend
macht. Man darf ja nur lefen, was ein hochftehender
bayrifcher Jurift, Aloys Prechtl, 1773 feinen Lefern als
Lehren Luthers vorfetzte (S. 99). Ks ift immerhin erfreulich
, zu fehen, daß fich die Polemik deutfeher Katholiken
zu ihrem Vorteil von der weifchen noch unter-
fcheidet. Denn es ift geradezu haarfträubend, was für
blühenden Unfinn franzöftfehe Gegner Luthers ihren
Lefern vorzufetzen wagten. Da heißt Tetzel bald Stetzet,
bald Therzet (S. 27), bald Tekel (57), Staupitz Steinibitz
(S. 57), Torgau wird zu Torgame (S. 27), Luther ift am
22. Okt. 1483 geboren (S. 48). Wo mit Namen und Daten
fo unglaublich gewirtfehaftet wird, da kann der Aberglaube
und die Frivolität des Urteils nicht überrafchen.
Da wird deutfehen Katholiken von diefen Weifchen vorgeredet
: In der Schlacht von Mühlberg, 24. April 1547,
ift die Sonne ftundenlang ftillgeftanden und nicht eher
untergegangen, als bis fie den Sieg der Rechtgläubigen
über die Ketzer konftatiert hatte (S. 50). ,Seine (Luthers)
Nonne hatte volle zwei Jahre in aller Zügellofigkeit unter
den jungen Studenten fich aufgehalten, die zweifellos
nicht (ittenftrenger waren, als fie' (S. 55). ,Nur aus Furcht
vor Kurfürft Friedrich fchob Luther die Verheiratung mit
Katharina hinaus' (S. 55). Es ift fehr bezeichnend, daß
franzöfifche Werke, die wiffenfehaftlich fo nieder flehen
wie Roemonds Histoire de la naissance, progres et deca-
dence de Pheresie de ce Steele (1605) und Audiens Lutherbiographie
noch deutfehe Überfetzer fanden, und felbft
ein Domdechant und bifchöflicher Offizial zu Augsburg,
Dr. Karl Egger, 1843 fich zum Dolmetfcher Audiens hergab
(S. 63).

Vor allem ift zu beachten, welche Sprache die
Päpfte bis in die Gegenwart gegenüber Luther fich geftatten,
und was Denifle unter den Augen des Papftes leiften
konnte, was Dompröpfte wie Zenotti und Röhm nicht
dem Proteftantismus, fondern der katholifchen Welt zu

Cäfarius nirgends auf die doch fchon vor einer Reihe von
Jahren erlaffenen Befchlüffe des 4. Laterankonzils Bezug
nimmt. — Das Büchlein ift überhaupt fehr reich an wichtigen
Angaben und Daten, die mit der Gefchichte der
Beichte in Verbindung flehen, und wird von keinem der
fich mit der Gefchichte diefes Gegenstandes im M. A.
befchäftigt, überfehen werden dürfen.

Berlin. S. M. Deutfch.

Liedern, feinem Betbüchlein, feinen Poftillen kennt und
über den ganzen häßlichen Ton, aber auch über die
tiefe Unwahrheit und Unbilligkeit des ultramontanen Urteils
über Luther wahrhaft entfetzt ift und darum an der
alten Gleichung Rom-Babylon vielfach fefthält. Es wfrd
deshalb allen denen, welche auf katholifcher Seite das
Bedürfnis einer Verftändigung mit den Proteftanten
fühlen, dringend zu raten fein, die Gefchichte des katholifchen
Urteils über Luther bei Hegemann ebenfo gründlich
zu studieren, wie Walthers ,Für Luther wider Rom'