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Ausgabe:

1907 Nr. 25

Spalte:

696-698

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Nösgen, K. F.

Titel/Untertitel:

Der Heilige Geist, sein Wesen und die Art seines Wirkens, erörtert 1907

Rezensent:

Titius, Arthur

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Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 25.

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wirklichen gefchichtlichen Erkenntniswert haben foll.
Dafür, daß der Lefer fich aus den dargeftellten Lehren
eine folche felbft gewinnen könne, find die Bilder zu
miniaturhaft und zu fehr von einem alles verftehenden
und verzeihenden Humor gefchaut, der zufrieden ift,
wenn ihm ,auch in der Hefe des Parteigewühls der große
Gedanke des Proteftantismus ungetrübt bleibt'. Die Gefahr
, daß ,die Perfonen zu gelegentlichen Stützpunkten
der Ideen herabgefetzt würden', ift wirklich nicht fo groß,
wenn man nur erft die Ideen in ihrer jedesmaligen Son-
dergeftaltung fcharf zu erfaffen fucht. Auf der anderen
Seite aber ift wiederum die Darftellung zu abftrakt, zu
fehr Gefchichte der Bücher; der allgemeingefchichtliche
Untergrund, die politifche, kirchliche, foziale, geiftige
Lage und Vorausfetzung der einzelnen Gruppen und
ihrer Wandelungen kommen fo gut wie gar nicht zu ihrer
Geltung.

Zum Schluß möchte ich einen Eindruck hervorheben
, den das reiche Material des Buches macht und
der doch von ihm fehr wenig verfolgt worden ift; das
ift die große Rolle, die Schelling in der Gefchichte der
Theologie fpielt. Es wäre wirklich eine dogmen- und
problemgefchichtliche Aufgabe, die Religionslehre Schel-
lings mit ihrer allmählich hervortretenden Kritik des
idealiftifchen Monismus zu fchildern und die außerordentlichen
, weit zerftreuten Einflüffe zu fammeln, die von da
auf die Theologie ausgeftrahlt find. Das würde zeigen,
wie ftark auch die reftaurative Theologie des 19. Jahrhunderts
mit den Gedanken des deutfchen Idealismus,
insbefondere mit feinem Evolutionismus, gefpeift ift, und
das würde religiös-metaphyfifche Gedanken bloßlegen,
die bei der heute fich wieder vollziehenden Rückkehr
von Philofophie und Theologie zu jenen hoffnungsvollen
Anfängen eine wichtige Rolle zu fpielen ficherlich berufen
find.

Heidelberg. Troeltfch.

Tyrrell, George, Through Scylla and Charybdis or The old

theology and the new. London, Longmans, Green,
and Co. 1907. (XII, 386 S.) 8» s. 5 —

Stellung und Tätigkeit des in der Gefchichte des
englifchen Reformkatholizismus eine bedeutfame Rolle
fpielenden Verf.s find im laufenden Jahrgang diefer Zeit-
fchrift (Sp. zof.) gekennzeichnet worden. Der dort angegebenen
Literatur wären jetzt noch hinzuzufügen Veröffentlichungen
unter den Titeln ,A much-abused letter',
,External religion', ,Oil and wine', namentlich aber das
vorliegende Werk, das in 13 Artikeln, von denen 8 fchon
in verfchiedenen Zeitfchriften erfchienen waren, die vom
Verf. eingefchlagene theologifche und kirchenpolitifche
Richtung gegen links (A. White, A history 0/ the warfare
of science with theology in Christendom 1903) wie rechts
(Lebreton in Revue pratique d'Apologetique 1907) abzugrenzen
fucht. Hatte White wenigftens zwifchen Theologie
und Religion zu unterfcheiden gewußt, fo will unfer
Verf. die Einfprache der Wiffenfchaft nur gelten laffen,
fofern fie fpeziell gegen die Dogmatik gerichtet ift, die
bei ihm ,pseudo-science' heißt, während unter Theologie
univerfale Religionswiffenfchaft zu verftehen ift. Dem
Jefuiten Lebreton, der dem Verf. in höflicher Weife den
Charakter als ,Katholik' abgefprochen und dafür einen
Platz im Lager des fideisme' angewiefen hatte, wird der
innere Widerfpruch entgegengehalten, in welchen fich
der fcholaftifche Dogmatizismus verwickle, wenn er
den Glauben als einen Akt des die Kirchenlehre rechtfertigenden
Intellekts behandle und doch zugleich feinen
Inhalt außerhalb des ganzen, vom Intellekt kontrollierbaren
Gebietes Helle, indem er im ,depositnm fidei' vor-
zugsweife nur einen durch Addition zuftande gekommenen
Komplex fchlechthin übernatürlich mitgeteilter Glaubenswahrheiten
zu finden vermöge. Gefchichtlich wie begrifflich
gehe aber die Religion mit ihren praktifchen Be-

j dürfniffen und Beftrebungen aller Metaphyfik und fo auch
! dem Dogma voran. Weit entfernt davon, darum zu einem
Gebilde menfchlicher Einbildungskraft zu werden, beruht
' fie vielmehr überall irgendwie auf erfahrener Offenbarung
d. h. auf fortfchreitender Selbftmanifeftation des göttlichen
Geiftes im menfchlichen. Alle Theologie aber
verhält fich zur Offenbarung wie die Aftronomie zum
Sternenhimmel. So wenig es eine infpirierte Aftronomie
! gibt, fo wenig eine geoffenbarte Theologie oder gar Dog-
I matik. Die Offenbarung felbft erhält fich gefchichtlich
durch Tradition, und alle Tradition der Menfchheit
| mündet in den Katholizismus ein, deffen höchfte Erfchei-
j nung und Autorität nach Matth. 1820 im chriftlichen Ge-
i meingeift, im consensus fidelium zu finden, indeffen vom
! ,crowd', der unperfönlichen Schafherde, wohl zu unterfcheiden
ift. Die Sprache, in welcher diefer Gemeingeift
j feinen Inhalt je länger je vollftändiger aus fich herausfetzt
, ift keine wiffenfchaftlich disziplinierte oder disziplinierbare
Lehrfprache, aber auch keine poetifche, fie ift
,prophetifche Sprache' und als folche allein geeignet zur
Selbftinterpretation der Offenbarung: alfo ,God immanent
in the collectivc mind and conscience of the Community',
| fich kundgebend ,by the gradual evohition of Iiis mind
and will in the collective spirit of manktnd'.

Damit wären wenigftens einige Leitgedanken diefes
modernden Katholizismus klar gelegt. Entwickelt werden
fie, trotz unzweifelhafter Vertrautheit des Verf.s mit den
Problemen und Sorgen der heutigen, und zwar auch der
deutfchen Theologie, nicht in der Form wiffenfchaftlich
faßbarer Erörterung, fondern in unendlich variablen Ton-
I arten einer auf Gemeinverftändlichkeit zählenden Mufik.
! Die ,via media' aber, auf welcher der Verf. für fich und
die fiberal Catholics' das Heil fucht, führt nicht bloß
zwifchen der Scylla der alten und der Charybdis der
neuen Theologie (S. m), fondern auch innerhalb der
letztern zwifchen Loify und Kardinal Newman (S. 335)
durch und weift ungefähr in der Richtung von Wilfrid
Ward (S. 109. 153). Schließlich weiß und gibt fich der
| Verf. als ein auf keines der beftehenden Parteiprogramme
I eingefchworener fCatholic sine addito' (S. 320).

Baden. H. Holtzmann.

Nösgen, Konfift.-Rat Prof. D. K. F., Der Heilige Geilt,
lein Wefen und die Art feines Wirkens, erörtert. Berlin,
Trowitzfch & Sohn 1905. (VI, 259 S.) Lex. 8°

M. 5.50

Nösgen hat feiner vorliegenden Unterfuchung eine
.Gefchichte der Lehre vom hl. Geifte' vorausgehen laffen,
über die in diefer Zeitfchr. 25, 13—16 Weinel berichtet
hat. Die Ausführungen über ,das Wirken des hl. Geiftes
an und in den Gläubigen, in der Kirche und mitteilt
der befonderen Gnadengaben, wie vor allem der Prophe-
tie' find einer befonderen Darftellung vorbehalten. Seinen
Ausgangspunkt nimmt N. vom allgemeinen Wefen des
Geiftes und vom geiftigen Wefen Gottes, um von hier
! zum Wefen des hl. Geiftes, feiner Wefenseinheit mit
1 dem Vater und dem Sohne vorzudringen und fchließlich
1 feine Wirkungsweife und die Art feiner Vermittlung ins
Auge zu faffen.

Das Eigenartige der Darfteilung N.s liegt in zwei
Gefichtspunkten:zunächft in der innertrinitarifchen Stellung,
die er dem hl. Geifte zuweift. Während er nämlich die
Unterfcheidung von Vater und Sohn nach bekannter
Methode aus Gottes Liebe ableitet (S. 65), ergibt fich
ihm die Notwendigkeit einer dritten. Hypoftafe aus dem
Gefichtspunkt, daß auch Gottes Wirken nach außen durch
| etwas in ihm felber 'erfordert und veranlaßt fein muß
(S. 69). So wird der hl. Geift zum ausfchließlichen
j ,Zentrum der Selbftbetätigung des perfonlichen Gottes
! nach außen hin' (S. 72. 105). Ohne ihn würde der Welt
j das ,zufammenhaltende, ordnende und einende Band' fehlen
I (S. 76); er geftaltet die Schöpfung zu einer Welt Gottes,