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Ausgabe:

1907

Spalte:

690-693

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Berbig, Georg

Titel/Untertitel:

Georg Spalatin und sein Verhältnis zu Martin Luther auf Grund ihres Briefwechsels bis zum Jahre 1525 1907

Rezensent:

Bossert, Gustav

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Dudden, F. Homes, B. D., Gregory the Great. His place Verfaffers Literaturkenntnis relativ enge Grenzen zu

in Historv and Thought. In two volumes. London, haben. — Die Benutzung des Buches ift fehr erleichtert

Longmans, Green, and Co. 1905. (XVII, 476 and ^^,iäepnreichhaltigen Und forifaltigen Regifter. «
473 P-) gr. 8° s. 30

England dankt fein Chriftentum Gregor, dem Großen.

abfchließen.

Halle a. S. Loofs.

Das macht es erklärlicher, daß ein anglikanifcher Theo- Berbig, Dr. Georg, Georg Spalatin und fein Verhältnis zu Martin

löge eine zweibändige Biographie von rund 950 Seiten , ff b 3 £ . .
über diefen Papft vorlegt. Ob aber die Pietät gegenüber , Luther auf Grund ,hres Br.efwechfels b.s zum Jahre 1525.
dem Begründer des anglikanifchen Chriftentums in wei- j Mit zwei unveröffentlichten BildniffenSpalatins. (Quellen
teren Kreifen fo groß ift, daß das Buch aufmerkfame Lefer und Darftellungen aus derGefchichte des Reformations-
findet: das ift mir fraglich. Denn für den hiftorifch jahrhunderts. Herausgegeben von Prf. Dr. Georg Berbi"
intereffierten Laien ift das gelehrte Buch fchwere Spe.fe: j. ßand) HM c Nietfehmann 1906. (VIII, 316 SV)
zwar literar-gefchichthche Unterfuchungen fehlen fo gut ' v y ' J ^
wie ganz — nur mit wenigen Worten unterrichtet der &r- M. II
Verfaffer feine Lefer über den Stand der kritifchen Längft ift im Kreis der Freunde der Reformations-
Fragen bei den angefochtenen Werken, und unter dem gefchichte das Bedürfnis einer gründlichen Darftellung
Texte ift die Zahl der Anmerkungen gering, die mit ' des Lebens Spalatins und einer gerechten Würdigung
fonftigem gelehrtem Detail fich befchäftigen —; aber das feiner Verdienfte um die Reformation und feiner Be-
biographifche und zeitgefchichtliche Material kommt zu Ziehungen einerfeits zum Kurfürften Friedrich, anderer-
detailliertefter Darftellung, und forgfältig find in den : feits zu Luther und dem Wittenberger Kreife erkannt
Anmerkungen unten auf den Seiten die Quellennach- worden. An Material dazu fehlt es dank der fleißigen
weife für das gegeben, was im Texte erzählt wird. Für Feder Spalatins und feiner weitreichenden Beziehungen
den gelehrten Hiftoriker aber ift, wenn er Gregors Ge- nicht, wie ja fchon der Spalatinkodex in Bafel beweift,
fchichte und ihre bisherige Behandlung noch nicht genau Aber wer fich daran machen will, die Aufgabe richtig
kennt, das zweibändige Buch noch immer nicht dick zu löfen, muß in erfter Linie die gedruckte Literatur
genug: auf die Literatur ift nur in der Vorrede hinge- genau kennen und in der Reformationsgefchichte ganz
wiefen, im Texte fehlt fo gut wie jeder Hinweis auf ; zu Haufe fein. Dann aber muß er Texte lefen und
die Anflehten andrer Forfcher, — allzu vornehm geht kritifch würdigen und richtig verarbeiten können,
der Verfaffer nur feinen eigenen Weg. Dagegen ift für j Nun hat fich Georg Berbig, Pfarrer in Coburgall
diejenigen Gelehrten, die über Gregor felbft Befcheid Neuftadt, an die Aufgabe gemacht und zunächft das
wiffen, diefe Biographie viel zu breit, zu arm an neuen ', Verhältnis Spalatins zu Luther und zwar nur bis zur
Gefich'tspunkten und die Enge des biographifchen Stand- Überfiedelung Spalatins nach Altenburg 1525 und feiner
punktes überfchreitenden Beurteilungsmaßftäben, ja zu Verehelichung (auf 316 Seiten!) behandelt und noch
populär: die Darftellung, nicht die Förderung der in nicht veröffentlichte Bilder Spalatins beigegeben. Ref.
bezug auf Gregor und feine Stellung in der Gefchichte hat mit großem Intereffe die Schrift eines Amtsbruders
noch ftrittigen Fragen ift ihr Ziel. Die Stoffanordnung in die Hand genommen, der auch im praktifchen Amt,
folgt kombinierten chronologifchen und fachlichen Er- fern von größeren Bibliotheken und Archiven, gear-
vvägungen: I Gregorf 's life before Iiis pontificate: 1. G's beitet hat. Das hat gewiß auch D. Kawerau, der ja
family and hörne, 2. the world 0/ G's childhood, 3. G's als Pfarrer in Klemzig, dem kleinen Dorf, feinen Joh.
education, 4. the Coming 0/ the Lombards, 5. 67. asprefeet Agricola fchrieb, in Betracht gezogen, als er feine ge-
and monk, 6. G. at Constantmople, 7. the Lombards haltreiche, aber fcharfe Kritik des vorliegenden Werkes
jj^—fpo, '<£ 67. the abbat; II Gregory's pontificate: 1. für die Deutfche LZ. 1907 Nr. 2 S. 82 ff. fchrieb und
G's view 0} the episcopate, 2. life and work in Home, dabei feftftellte: 1. der Verf. ftrauchelt fortwährend fchon
3. the patrimony of St. Peter; the dialogues, 4. G.patri- an den fprachlichen Schwierigkeiten, die ihm lateinifche
dreh of the west; his relations ivith the churches of the , Brieftexte bereiten. 2. Infolge mangelhafter Vertrautheit
snbarbicarian provinces and the Islands, 3. G. patriarch | mit dem Stoff verfehlt und mißverfteht er manches auch
of the west; his relations with other western churches, inhaltlich. 3. Der Stil ift ungefeilt. Das war das Er-
6. G. and the Lombards. 7. G's relations with the Franks, gebnis der Prüfung der beiden erften Kapitel. Ref. hat
8. G's missionary labours, p. 67. and monasticism, 10. G's nun die beiden letzten Kapitel, die dem Ruckblick vor-

relations with the churches of the east, Ii. G's relations
with the government; the end. III: Gregory the Jourth
doctor of the latin church: introduetion, 1. G s theology,
2. G's doctrine of man and the means of grace (in beiden
Abfchnitten viele Unterabteilungen, die den einzelnen

angehen, durchgeprüft und dabei leider die drei Aus-
ftellungen Kaweraus völlig berechtigt und wohl begründet
gefunden.

Sprachliche Schwierigkeiten begegnen Berbig auch
hier. S. 277 überfetzt er Luthers Worte (Enders 5,190):

locis der traditionellen Dogmatik entfprechen). Der Ver- beneficia Dei temporalia vere temporalia sunt, mit dem
faffer hat mit größtem Fleiße gearbeitet, feine Kenntnis Satz: alle zeitlichen Güter find zeitig zu nehmen. Dann
des Materials braucht keine Bemängelung zu furchten; würde fich Luther wiederholen, wenn er fchreibt: ideo
feine Darfteilung ift gewiffenhaft und forgfältig und bei apprehendendum est qukquid, quando, tibipotest, ne elaba-
aller Ausführlichkeit rein fachlich, von allen unnötigen tur. Luther aber will fagen: alle zeitlichen Gnadengaben
Reflexionen frei; fein Urteil ift nüchtern und gerecht, ! Gottes tragen das Gepräge der Zeit an fich, daher haben
behutfam konfervativ auch gegenüber fekundaren und ; fie keinen Beftand, fondern find in fteter Bewegung. Der
mehr als fekundaren Ouellen, fehr wohlwollend, wenn Menfch kann fie fich nicht zu beliebiger Zeit aneignen
auch nicht blind, gegenüber dem Heiligen, der im Mittel- fond ern muß fie annehmen, wenn fie ihm angeboten
punkt der Darftellung fteht. Aber Reichtum an Ideen, werden.

befondere Kraft in der Anordnung und Darftellung des j Gründlich mißverftanden hat B. die Stelle des Briefes
Stoffes fowie Weite und Schärfe des gefchichtlichen vom 16. Juni 1525 (Enders 5,197), indem er, wohl auf
Urteils kann man diefer Biographie nicht nachrühmen, , Grund eines fchlecht gefchriebenen Exzerpts, Z. 8 ftatt
und in bezug auf viele gefchichtlichen Fragen, die jen- Sic Si lieft und überfetzt: ,Wenn ich etwa mich dadurch
feits der Grenzen der biographifchen Literatur Gregor, verächtlich gemacht habe, fo hoffe ich doch, daß fich
dem Großen, gegenüber aufgeworfen find und aufgeworfen , die Engel im Himmel darüber freuen und alle Teufel
werden können, ift das Buch unergiebig. Ja, jenfeits der weinen. Was die Welt und die Weifen als ein frommes
Grenzen feines engeren Stoffgebietes fcheint auch des und heilig Werk Gottes allgemein anerkennen, das wollen