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Ausgabe:

1907 Nr. 24

Spalte:

673-676

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

James, Wiliam

Titel/Untertitel:

Die religiöse Erfahrung in ihrer Mannigfaltigkeit 1907

Rezensent:

Eck, Samuel

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673 Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 24.

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üben, oder eine Reihe von Forderungen zu Mellen, deren ! Zitaten, namentlich im Schlußkapitel, dazu auch ein TW-
Verwirklichung er als Aufgabe der Zukunft überläßt. script(p. 520-27 des Originals) weggtlaffen. Dies letztere
Darin liegt m.E. das Unbefriedigende der an Anregungen , führt gelegentliche Bemerkungen über Pluralismus in der
verfchiedenfter Art reichen Schrift. Die Warnung vor ; Gottesanfchauung (120. 126. 316) weiter fort, ohne doch
der Metaphyfikfeindfchaft wäre gewiß viel wirksamer , über Andeutungen hinauszukommen. Die letzte Deutung
gewefen, wenn B. fich entfchlolfen hätte, uns feine eigene der pfychologifchen Tatfachen, die James vorführt, bleibt
Anficht über die Metaphyfik und die in der Theologie : mithin dem Lefer überlaffen. Gerade in diefer, weniuftens
diefer Disziplin zukommende Aufgabe mitzuteilen. Daß , abfichtlichen, Befchränkung auf das empirifch Erreichbare
das religiöfe Erkennen praktifch bedingt fei,_ bei ! d. h. die Selbftausfagen der Frommen, wird der Wert
dem theologifchen Erkennen dagegen die theoretifche j feiner Unterfuchungen liegen.

Funktion einen wefentlichen Faktor bilde, ift doch eine j Wobbermin hat dem Buch einen vom Original ab-
fehr allgemeine Beftimmung des Verhältniffes der beiden weichenden Untertitel gegeben. Er bereitet darauf vor
Größen, und die hierüber erteilten Verficherungen helfen | daß es fich mannigfach um pathologifche Erfcheinungen
uns wenig, fo lange wir über jenes theoretifche X nichts , handeln wird. In der Tat will James die extremen Fälle
näheres erfahren. In der Aufrollung des vielverheißenden j bevorzugen. Krankheitszuftände ifolieren die einzelnen
Programms kehren fich die meiften desiderata in grava- Faktoren des geiftigen Lebens und laffen fie unvermifcht
mina gegen Ritfehl und feine Schule, welche in ftolzer j zu Tage treten. Auch die Religion wird darum unter
Ifolierung fich gegen die Strömungen des moderen Geiftes- folchen Bedingungen am reinften zu beobachten fein,
lebens abgefperrt und mit den Mächten der Moderne, 1 Aber jeder medizinifche Materialismus wird ftreng oder
Naturwiffenfchaft und Religionsgefchichte, abfichtlich keine fpöttifch abgewiefen. Denn gerade die Einficht In die
Fühlung gewonnen haben. Diefer bei dem Göttinger 1 durchgehendenZufammenhängekörperlicher und feelifcher
Theologen allerdings in weitem Maße begründete, durch , Zuftände fchließt jede einfeitig darauf begründete Wert-
die gefchichtliche Situation aber relativ fich erklärende beurteilung aus. Die Sache felbft und nicht diefer ZuVorwurf
dürfte für die weitere Entwickelung und Aus- : fammenhang, in dem wir fie voifinden, hat das Urteil
bildung der Ritfchlfchen Theologie nicht mehr zutreffend j zu leiten. Religion nun ift ein Sammelbegriff, als deffen
fein. Es genügt beifpielsweife, um nur die Verftorbenen , wefentliche Merkmale die Beziehung menfehlichen Lebens
zu erwähnen, an den um die Herausarbeitung einer Apolo- i in Gefühl, Handlung, Erfahrung auf irgend eine göttliche
getik in größerem Stile hochverdienten Reifchle zu erin- j Macht und die Gefamtrückwirkung (total reactiori) auf das
nern. Ift er doch den von Beth geftellten Forderungen j Leben, die fich aus diefer Beziehung ergibt, bezeichnet
(betreffend die Defzendenzlehre und den religionsge- > werden können. Dabei bleibt jede nähere Beftimmung
fchichtlichen Evolutionismus) in Arbeiten nachgekommen, , diefer göttlichen Macht — perfönlicher Gott, unperfön-
die fich fowohl durch ein tiefes und feines Verftändnis liches All, fittliche Weltordnung (Emerfon) — ausge-
des modernen Geifteslebens, als auch durch eine kräftige j fchloffen. Zugleich hat James es allein mit perfönlicher
Geltendmachung der evangelifchen Glaubensgedanken Religion, die fich in inneren Stimmungen des Menfchen
und Offenbarungswahrheiten auszeichnen. Zu weiteren ] kundgibt, zu tun. Alle inftitutionelle Religion bleibt ab-
Auseinanderfetzungen würde B.s Buch noch ergiebigen 1 fichtlich unbeachtet (25). Denn die Religion ift überhaupt
Stoff liefern: fo werden feine Ausfagen über die ,Heils- j ein bedeutfames {monumental) Kapitel in der Gefchichte
tatfachen' des Todes und der Auferfiehung Jefu, feine individuell egoiftifchen Perfonlebens. Ihr Angelpunkt ift
Deutung der Kantfchen Negationen und Pofitionen und 1 das Intereffe des Einzelnen an feinem perfönlichen Ge-
wohl noch manche andere Punkte vorausfichtlich ener- fchick (450). Mit Individuen der Religion will fich James
gifchen Widerfpruch herausfordern. Trotz diefer Aus- allein befchäftigen. Diefe erleben die göttliche Macht in
Heilungen ift B.s Schrift als ein erfreuliches Zeichen der ; unmittelbarem Realitätsgefühl. Und bezeichnend wie
Zeit zu begrüßen. Sie bildet ein wichtiges Glied in einer diefe deutliche Empfindung der Gegenwart des Gott-
Kette charakteriftifcher Erfcheinungen, die einer ernften liehen ift die Gleichartigkeit der Wirkung, die von ihr
Beachtung würdig find und auf die lebhaftefte Teilnahme j ausgeht. Sie befteht, kurz gefagt, in religiöfer Seligkeit
nicht nur der Gleichgefinnten, fondern auch derer, die , Erhebung, Beglückung in feierlich-freudiger Stimmung'
von einem Gegner zu lernen wiffen, rechnen dürfen. Es Angeborne 'congenital 75. 79. 163. 252 u. a.) Tempe-
wäre eine lohnende Arbeit B.s intereffantes Buch in den ramentsanlage begründet in diefer Gleichartigkeit eine
größeren Zufammenhang der Beftrebungen einzureihen, | tiefgehende Scheidung. Anders fehen die Leichtmütigen
denen der Verf. dienen möchte. Doch wurde diefer , anders die Schwermütigen Welt und Leben an. Religiös
Verfuch die diefer Anzeige gezogenen Grenzen weit über- entwickeln fich daraus die Typen der Einmal- und crier
fchrciten Ref kann um fo eher davon Abftand nehmen, ■ Zweimalgebornen {twiceborn: warum in der Überfetzung
als er auf R. Seebergs großzügige Artikel in der All- | weniger prägnant: Wiedergebornen?). Während jene fich
gemeinen evangelifch-lutherifchen Kirchenzeitung 1907 j im modernen liberalen Proteftantismus bis zur treffend
(Nr. 23—24) hinweifen darf. gefchilderten mind-cure-Bewegung fortpflanzen, er-

ß, . fj P. Lobftein. fcheint die unvergleichlich tiefere Lebensanfchauung

otrauDurg u r>.______j diefer in den großen Erlöfungsreligionen verkörpert. Der

...... _ , . _ ■ M„„„- ; Bruch, der hier vom natürlichen zum wahren I eben'führt-

James, Prof. William, Die rel.g.ofe Erfahrung in ihrer Mann.g- ruft dje eigentümlichen Erfcheinung des Slp^fch her

faltigkeit. Materialien und Studien zu einer Pfychologie | vor (Auguftin; Tolftoi), die in der Bekehrung eine Ver-
und Pathologie des religiöfen Lebens. Ins Deutfche fchiebung des gewohnheitsmäßigen Mittelpunkts des per-
übertratren von Prof. D. Georg Wobbermin. Leipzig, fönlichen Innenlebens (personal energy) auslöfl. Diefe
T T Hinrirhs'fche Buchhandlung 1907. (XXI, 472 S.) .r«ch inuftricrten Prozeße finden ihre pfychologifche Er-
J. C. H.nnchs lche «uennan , ' Jj' > klarung m der Iheorie der unterbewußten oder unter-

gr- 8° ' & • • ' fchwelligen (subconscious, ^//wrwrr/) Vorgänge (198), ohne

Von den Gifford Lectures, 19OI—2, des Profeffors der | daß mit diefer Erklärung ein Urteil über ihren ' Wert
Philofophie an der Harvard Univerfität William James: abgegeben würde. Ihre Bewertung ift vielmehr allein
The Varieties of religious cxperience, die im Juni 1902 ; ihren Früchten zu entnehmen, die James unter dem Titel
erfchienen, liegt mir clie 14. Auf läge 1907 vor. Wobbermin j der Heiligkeit zufammenfaßt. Ohne die vielfach krankhat
fich das Verdienft erworben, das yielgelefene Buch j hafte Übertreibung religiöfer — überwiegend asketifcher
in guter, nicht fklavifch gebundener, Übertragung dem ! — Ideale in Abrede zu Mellen, fieht James in diefen
deutfehen Publikum zugänglich zu machen. Er hat ab- Heiligen einen höheren Menfchentypus fich herausarbeiten
gefehen von unwichtigeren Kürzungen eine Reihe von der als ein Sauerteig der Gerechtigkeit in die Welt tritt