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Ausgabe:

1907 Nr. 24

Spalte:

671-673

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Beth, Karl

Titel/Untertitel:

Die Moderne und die Prinzipien der Theologie 1907

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 24.

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Dogmatik muffe als Wiffenfchaft fich die Aneignung
der Totalität ihres Erfahrungsgebietes und die Eingliederung
jedes einzelnen Satzes in den Zufammen-
hang ihrer übrigen Erkenntniffe angelegen fein laffen.
Als ob das überhaupt in Frage ft.ünde und nicht vielmehr
der Gegenfatz gegen die ,Folgerungen von den
Glaubensrealitäten der einen auf die der andern Art'
(z. Dogm. S. 19) und damit der Gegenfatz gegen alle nur
reflektierende oder fpekulierende Dogmatik. Auch im
einzelnen bietet St.s Ausführung hier wie fonft viel Fragwürdiges
, wie er aus O. Ritfchls fchöner Arbeit über
die Gefchichte des Sprachgebrauchs von Syftem und
fyftematifcher Methode erfehen haben wird.

Es ift bedauerlich, daß St. erfichtlich nicht genügend
Zeit und Kraft an die Auseinanderfetzung mit K. gewendet
hat, um die Probleme fördern zu helfen. Denn
das ift ja felbftverftändlich, daß die methodifchen wie
fachlichen Schwierigkeiten der dogmatifchen Arbeit fo
große find, daß jeder ernfthafte Beitrag, er komme woher
er wolle, mit Freuden begrüßt werden muß. Speziell
bietet K.s dogmatifche Darfteilung, wie jede charaktervolle
Leiftung genug des Angreifbaren oder weiter zu
Entwickelnden. So fehlt es auch bei St. nicht an guten
oder doch diskutabeln Bemerkungen oder Aufdeckung
von Schwächen der K.fchen Pofition. Ich notiere bei-
fpielsweife die Ausführungen über Schleiermachers Re-
ligionsbegriff (S. 32 t.), über das Verhältnis von Perfön-
lichkeit und Liebe in der Gotteslehre (S. 78 f.), über den
Urftand (S. 94 fr.), über die Abfolutheit der Perfon Jefu
(S. 116). Aber mit Einzelheiten muß man fleh begnügen,
während St. vielleicht fähig gewefen wäre, in eine großzügige
Debatte mit K. einzutreten. Eine folche liegt
nicht vor; vielmehr ift die Darftellung fo offenkundig
verfehlt, daß man auch von dem Wahrheitsfinn feiner
Freunde eine runde Ablehnung wird erwarten dürfen.
Die Urteile von Ecke und von Ihmels werden trotz St.
die ,kirchliche' Schätzung der K.fchen Dogmatik auch
weiterhin beftimmen.

Göttingen. Titius.

Beth, Prof. Karl, Die Moderne und die Prinzipien der Theologie
. Berlin, Trowitzfch & Sohn 1907. (V, 347 S.)
gr. 8° M. 5.50

Die von R. Seeberg geftellte, in zwei geiftvollen
und inhaltreichen Schriften (Grundwahrheiten der
chriftlichen Religion 1902, Die Kirche Deutfch-
lands im neunzehnten Jahrhundert 1903) begründete
und teilweife verwirklichte Forderung einer modernen
pofitiven Theologie, eine Forderung, die Th. Kaftan
in etwas anderer Form erhebt (Moderne Theologie
des alten Glaubens), bildet den Gegenltand diefes
Buches. Nachdem der Verf. im Anfchluß an die genannten
Schriften fowie an die programmatifche Veröffentlichung
R. H. Grützmachers (Die Forderung
einer modernen pofitiven Theologie 1905) den
Stand der Frage klar und präzis zur Darftellung gebracht
, fchildert er in einem zweiten Abfchnitt das
Wefen der Moderne oder, wie er es in den Uber-
fchriften der zwei hieher gehörigen Kapitel glücklicher
ausdrückt, des modernen Geifteslebens (S. 23—97).
Als Grundzüge der modernen Gefamtrichtung nennt B.
befonders die Hochfehätzung des Individualismus, die fleh
auf allen Gebieten des Lebens und Schaffens zeigt, und
den Empirismus oder Wirklichkeitsfinn, der befonders
in der Betrachtung von Natur und Gefchichte hervortritt
. Jener hat öfters eine Überfpannung zum Subjektivismus
, diefer ein Umfchlagen in Empirizismus erfahren;
daraus ergeben fich dann der Naturalismus und Pofiti-
vismus, der hiftorifche Relativismus, der Agnoftizismus.
Um den Urfprung der Grundtriebe der modernen Geiftes-
kultur, vor allem der individualiftifchen und der empi-
riftifchen Richtung aufzufinden, muß man bis auf die

Zeit der Renaiffance zurückgreifen: ift doch die Signatur
diefer Zeit die Emanzipation von dem mittelalterlichen
Religionsfyftem. Durch die Reformation erhielten jene
Beftrebungen ihre religiöfe Weihe. Leider riß der fcho-
laftifche Formalismus nur zu früh wieder ein, fo daß die
proteftantifche Theologie eigentlich von Anfang an unmodern
war (S. 74). Ganz anders war der in dem Chriften-
tum Luthers liegende Anfatz gewefen: hier läßt fich fagen,
daß eine Theologie in unfrer Zeit zum großen Teil fchon
dadurch modern ift, daß fie auf die Motive in Luthers
Empfinden und Wirken zurückgeht, die auch der heutigen
Moderne kräftige Impulfe erteilen (S. 78). Es hat in der
Tat das durch die Reformation wieder an das Licht gebrachte
Evangelium die religiöfe Autonomie des Individuums
zurückerobert und gefichert. Andrerfeits fchließt
der in der religiöfen Stimmung des Evangeliums begründete
proteftantifche Wirklichkeitsfinn eben die Erarbeitung
, Durchdringung, Belebung, Vervollkommnung der
! Wirklichkeit ein und rückt damit über das vorchriftliche
Ideal weit hinaus (S. 96). — Der dritte Abfchnitt unter-
fucht die Frage: Was heißt moderne pofitive Theo-
! logie? (S.98—176). Aufgabe der Theologie als Wiffenfchaft
kann nur fein, die rechte Stellung zu den großen
Trieben und Zügen der Moderne zu gewinnen. Auf
| welche Weife Th. Kaftan, R. Seeberg und R. H. Grützmacher
diefe Aufgabe faffen und durchgeführt haben
wollen, zeigt B. in lehrreichen Ausführungen. Bei weit-
gehenderÜbereinftimmung mit Th. Kaftan, wirft er doch
demfelben vor, unfern Erkenntnistrieb durch eine nicht
zu rechtfertigende Metaphyfikfeindfchaft einzufchränken,
und die Ritfchlfche Ifoliermethode durch Unterfchätzung
der religionsgefchichtlichen Forfchungen zu erneuern. Die
Schilderung der Pofition Seebergs geftaltet fich zu einem
| faft unbefchränkten Lob: feine bejahende Stellung zu
i Bibel und Bekenntnis fei eine durchaus freie; er flehe
nicht unter dem Bann des Hiftorizismus, obgleich der
hiftorifche Sinn des modernen Geiftes fein ganzes Forfchen
und Denken durchhaucht; er bringe das Wefen des Modernen
treffend zum Ausdruck (,Modern ift, wer die Aufgaben
empfindet, die die geiftige Konftellation der Zeit
mit fich bringt, die den geifligen Ertrag der beiden letzten
Menfchenalter in fich vereinigt'); er mache Ernft mit der
Grundforderung an alle Theologie, die Menfchen zum
Erleben von Chriftus und feiner Autorität zu führen;
er wolle durch pfychologifche Methode die Glaubensfätze
zu lebendig empfundenen Glaubenswahrheiten erheben;
felbft die Geringfehätzung der Apologetik, die B. aus
j einer Äußerung Seebergs zu vernehmen meint und die
er nicht unterfchreiben möchte, weiß er durch eine
freundliche Exegefe fo zu mildern, daß er fchließlich
feine eigene Meinung aus dem Texte des Meifters her-
[ auslieft. Eine weniger günftige Beurteilung erfährt Grütz-
i machen er dringe nicht hinlänglich in das Verfländnis
der Moderne ein, die er nicht klar gegen die Mode ab-
| zugrenzen vermag; deshalb gelinge es ihm auch nicht,
die prinzipiellen Aufgaben, welche die Theologie als
i moderne zu bewältigen hat, klar und bewußtvoll zu
! zeichnen. — Den wichtigften Teil des Buchs bildet der
vierte Abfchnitt (S. 177—347). Nach vier Seiten hin
| zieht B. die Linien, welche die Prinzipien der modernen
Theologie zeichnen follen: er frägt nach dem
Verhältnis vom Dogma zum Weltbild und ftellt die Be-
I Ziehung der chriftlichen Offenbarung zur heiligen Schrift
feft; er unterfcheidet das religiöfe und das theologifche
Erkennen, die Th. Kaftan nach dem Vorbilde Ritfchls
in irriger Weife zufammengeworfen habe; er fkizziert
I die apologetifche Aufgabe der Theologie gegenüber der
Naturwiffenfchaft und der Religionsgefchichte. Obgleich
nun der Verf. über alle diefe Punkte öfters wertvolle
Äußerungen vernehmen läßt, fo ift doch feine Arbeit
vorwiegend darauf bedacht, entweder an den hergebrachten
Methoden der alten Schulen und an der mo-
| dernen Auffaffung der theologifchen Linken Kritik zu