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Ausgabe:

1907 Nr. 24

Spalte:

668-671

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Stange, Carl

Titel/Untertitel:

Der dogmatische Ertrag der Ritschlschen Theologie nach Julius Kaftan 1907

Rezensent:

Titius, Arthur

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Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 24.

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liehen Stadiums zerfällt in zwei Teile: A. Die Entftehung
1) als Wiedergeburt, 2) als Bekehrung; B. die Entfaltung
1) die Begründung der Moral, 2) das chriftlich fittliche
Leben. Sehr anfechtbar ift die Verquickung der aus dem
inneren Erleben flammenden Bekenntniffe mit einer
Schematifierung (.Wiedergeburt1, ,Bekehrung1,) die eine
nicht aus dem Geifte Pascals flammende Konftruktion
verrät. Und wie fonderbar nimmt fich der Übergang
aus, den K. von ,dem Sprung', den Rat auf Gott zu
wetten, zur Begründung der Moral macht! Wollte K.
einmal, wie er es verflicht hat, ,den pfychologifchen
Reichtum der Pascalfchen Ethik gründlich ausbeuten,1
fo durfte er die in jenen drei Stadien angedeutete Umkehr
nicht mit Zügen befchreiben, die die konkrete Be-
flimmtheit zu fehr vermiffen laffen. Eine Schilderung
der ethifchen Individualität Pascals durfte die Tatfache
nicht überfehen, die, bei K. nur vorübergehend ange-
flreift, von grundlegender Bedeutung ift: daß wir es mit
einem Genius zu tun haben, der in der Erforfchung der
Probleme des exakten Wiffens, der Mathematik, der Geometrie
, längere Jahre feine höchfte Befriedigung fand.
Und doch wäre die Betrachtung diefes wiffenfehaft-
lichen Stadiums für die Würdigung der von Pascal
angeregten Lebensprobleme erwünfeht gewefen, da von
hier aus feine Skepfis ihr eigentümliches Licht erhält,
und man auch von diefen Prämiffen her dem Apologeten
und dem Ethiker näher kommt. Im Schlußwort, das uns in
fehr temperamentvoller Sprache verkündigt, was K. an
Pascal ,bewunderP und was er an ihm ,verachtet', verlegt
er Pascals ,große Bedeutung1 in feine ,fittlichen
Grundfätze1, während er den apologetifchen Verfuch
desfelben recht gering anfehlägt. Diefe Scheidung des
Ethikers und des Apologeten halte ich für undurchführbar
: vielmehr weift gerade das ethifche Pathos, mit
welchem P. das religiöfe Verhältnis erfaßt, der Apologetik
Aufgaben, fürdieVinet ein feines Verftändnis bekundet
hat, die aber auch nach ihm noch lange nicht
gelöft find.

K. hat einige Male in allerdings flüchtigen Äußerungen
auf die Entftehungsgründe und die beftimmenden Faktoren
der ethifchen Gedankenwelt Pascals hingewiefen;
leider hat er es unterlaffen, diefen Spuren nachzugehen;
ja er ifoliert viel zu fehr wie den ethifchen, fo den reli-
giöfen Denker von den geinigen Strömungen, die ihn
oft fehr tief berührt und ergriffen haben. Es wäre
eine lohnende und nicht zu fchwierige Arbeit gewefen,
den Einfluß darzutun, den Epiktet, Montaigne, Auguftin
auf die Geftaltung feiner Grundgedanken ausgeübt, um
auf diefem Wege auch die Originalität der Pascalfchen
Ethik noch fchärfer hervortreten zu laffen. Daß diefe
Originalität vor allem in der Gewalt liegt, mit welcher er
die fittlichen Grundfätze erlebt, und in der Wahrheit,
mit welcher er fie dargeftellt, hat K, übrigens zu wiederholten
Malen hervorgehoben und zuweilen in ergreifenden
Worten ausgefprochen. In welchem Maße hierbei
die Herrmannfche Ethik den Interpreten Pascals gefördert
hat, wird der Verf. felber am tiefften empfunden
haben.

Als fehr dankenswert ift das Beftreben zu begrüßen,
Pascal felbft in weiteftem Umfang zu Wort kommen zu
laffen. Mit vollem Rechte rügt es K, daß die deutfehen
Überfetzungen felbft neueren Datums niemals den feit 1844
bekannten Originaltext zugrunde legen, fondern fleh an
die ftark retufchierte Ausgabe von Port-Royal (1670)
halten; K. hat diefen Fehler vermieden und ift überall auf
die Urgeftalt der Pascalfchen Pensees zurückgegangen. Das
reiche Literaturverzeichnis ift zum Teil ein Paradeftück;
weniger wäre hier mehr gewefen. Auch hätte der Verf.
Fehler vermieden, die verraten, daß er die von ihm nach-
gefchriebene Literatur nur zum Teil gefehen, gefchweige
denn verwertet hat. Sainte Beuves Portraits contem-
porains Paris 1846 enthalten keinen Artikel über Pascal.
Die in der Revue des Deux-Mondes 1890 veröffentlichte

Studie von Sully Prudhomme ift durch Hinzufügung
anderer Effays zu einem ftattlichen Band angewachsen,
der im Jahre 1905 erfchien. Die mit dem Datum 1904
gefchmückten Stüdes sur Pascal find aus Vinets Nachlaß
1848 veröffentlicht worden. Es ift fehr zu bedauern,
| daß die mit einer vorzüglichen Einleitung (138 S.) und
I einem äußerft wertvollen Kommentar verfehene Ausgabe
j der Pensees von Erneft Havet (18662) K. unbekannt
geblieben ift.

Köfters Erftlingsfchrift berechtigt zu fchönen Hoffnungen
. Da K. im Gegenfatz zu den ,lutherifchen Phi-
liftern1 Pascals ftrenge Selbftdisziplin bewundert (S. 170),
j darf angenommen werden, daß fleh die Bewunderung
i auch in Nachahmung umfetzen, und der Verfaffer es
j nicht vergehen wird, diefe Zucht an feinem eigenen
Werden und Schaffen auszuüben.

Das zu gleicher Zeit mit K.s Schrift erfchienene
j Buch von Lic. Bornhaufen ift mir noch nicht zu Geficht
gekommen.

Straßburg i. E. P. Lobftein.

Stange, Prof. D. Carl, Der dogmatirche Ertrag der RitTchl-
fchen Theologie nach Julius Kaftan. Leipzig, Dieterich-
fche Verlagsbuchhandlung 1906. (IV, 151 S.) gr. 8°

M. 2.40

Stanges Buch ift kein Verfuch zur Verftändigung,
; fondern eine kirchliche, beffer kirchenpolitifche Streit-
j fchrift gegen die Theologen, die, erfichtlich nicht ohne
Erfolg, Ritfchls theologifche Auffaffung zu kirchlicher
Anerkennung zu bringen fuchen (S. 1. 2). Als Haupt-
repräfentant diefer Verkirchlichung foll Julius Kaftan
I wiffenfehaftlich wie kirchlich diskreditiert werden: ,Un-
! klarheit der wiffenfehaftlichen Prinzipienlehre1, .Monotonie1
und ^infeitigkeit1 der hiftorifchen Darfteilung, .mangeln-
I des Verftändnis für die Eigenart perfönlichen Lebens',
.zahlreiche Zirkelfchlüffe in der Argumentation' fetzen
! den wiffenfehaftlichen Wert feiner Leiftung herab. Noch
i fchlimmer foll es um ihre kirchliche Bedeutung flehen.

Denn der Anfchein ihrer Kirchlichkeit entlieht angeblich
1 nur durch Reproduktion der kirchlichen Formeln, die
mit .bewundernswerter Virtuofität' gebogen und gedehnt
| find, fo daß fie als .dekoratives Beiwerk1 einem Syftem
j verbleiben, deffen ,rein rationale Tendenzen1 in Wahrheit
dem gefchichtlichen Chriftentum ,grundfätzlich und diametral1
entgegenlaufen (S. 149—151, vgl. S. 128. 138).
Unter St.s durchdringendem Auge verblaßt der trügerifche
Nimbus. Da ergibt fich eine Gotteslehre, die ,in den
blaffen Ideen der modernen Philofophie von der Selb-
; ftändigkeit des geiftigen Lebens und dem Selbftzweck
' der Perfönlichkeit kulminiert1 (S. 79), eine Anthropolo-
j gie, die ,den Menfchen nach feiner fchöpfungsmäßigen
j Äusrüftung nur für ein mit befondern Gaben des Intellekts
ausgeftattetes Tier hält1 (S. 96), eine Sündenlehre,
I die in den ethifchen Grundfragen von der refor-
matorifchen zur mittelalterlich-katholifchen Ethik abfällt
I (S. lCX)ff.), eine Chriftologie, die ,die Perfon Jefu Chrifti
lediglich als das Symbol eines rein rationalen Ideals1
verlieht (S. 113), eine Soteriologie, nach der die Gnadenmittel
nur ,die gefchichtliche Kunde von den Ideen,
welche den geiftigen Inhalt der chriftlichen Religion ausmachen
, für die Nachwelt erhalten1 (S. i45)> eine Escha-
tologie, die den Auferftehungsgedanken oder ein Analogon
desfelben lediglich ,im Anfchluß an den Kantifchen
Beweis für die Unfterblichkeit1 erreicht (S. 134)! Eline
Theologie aber, deren .vornehmfte Eigentümlichkeit in
der Verfchleierung der Gegenfätze befteht1, trägt in fich
felber ihr Urteil. Der rückblickende Hiftoriker wird
nur urteilen können, ,daß fie in befonders fignifikanter
Weife die Unfruchtbarkeit und Halbheit der von Ritfehl
inaugurierten Theologie zum Ausdruck bringt1 (S. 151).
Der hier angerufene Gefchichtsfchreiber der Dog-