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Ausgabe:

1907

Spalte:

651-652

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Werner, Otto

Titel/Untertitel:

Lebenszweck und Weltzweck oder Die zwei Seinszustände 1907

Rezensent:

Zillessen, Alfred

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 23.

652

völlig zu. Auch halte ich eine Entfaltung des Gottesgedankens
in der Linie des Panentheismus für geboten.
Indes hat das Hervortreten einer .einheitlichen Allheit'
in W.s Ausführungen noch zu wenig Halt, um überzeugend
wirken zu können. Es fehlt namentlich an einer
Befprechung des Schöpfungsgedankens und der gefchöpf-
lichen, insbefondere menfchlichen Freiheit. Diefe follte
W. bei einer neuen Auflage nachbringen. Erft in diefem
Zufammenhange könnte dann auch die Erörterung des
Wunders, die an fleh dankenswert ift, aber jetzt nicht
an der richtigen Stelle fleht, eine voll befriedigende
werden. Auch die Frage, ob dem ,Kaufalgefetz in der
Form der ftrengen Äquivalenz von Urfache und Wirkung'
auf dem Gebiete der Natur Alleingültigkeit zukommt
(vgl. 71), könnte dann nicht nur geftreift, fondern prinzipiell
behandelt werden. Mit den Problemen der Schöpfung
und des Wunders verlohnte es fleh, auch das der
Theodizee zu verbinden, deffen Behandlung ebenfalls
durch die Philofophie der Gegenwart nahe gelegt wird.

Die Überficht über die philofophifchen Syfteme
wünfchte ich, was allerdings keine leichte Arbeit ift, fo
geflaltet, daß die gemeinfamen Grundzüge jeder Gruppe,
fowie die wichtigften FYagen, um die man flreitet, herausgehoben
werden. Um auf einige Einzelheiten einzugehen
, fo darf neben Spencer gerade mit Rückficht auf
das Thema auch J. St. Mill nicht fehlen; unter den Pofi-
tiviften dürften Namen wie Ribot und Poincare, die auch
in Deutfchland bekannt find, hervorgehoben werden;
neben Fechner vermiffe ich Lotze, dem gerade wir Theologen
Dank fchulden, und deffen Einfluß ebenfalls fortdauert
; auch die fpekulative Schule hätte nicht nur durch
Laffon vertreten fein follen; namentlich Kuno Fifcher
mit feiner Vermittlung ihrer Gefchichte war ein nicht zu
überfehender Faktor in der Philofophie der Gegenwart.
Sonft vermiffe ich neben anderen befonders Sigwart.
Doch das find verhältnismäßig Kleinigkeiten. Als Ganzes
genommen empfiehlt fich W.s Studie durch ihre
Überfichtlichkeit und Klarheit vortrefflich zur Einführung
in das Problem der Auseinanderfetzung des chrifllichen
Gottesgedankens mit der geifligen Kultur der Gegenwart.

Göttingen. Titius.

Werner, Otto, Lebenszweck und Weltzweck oder Die zwei
Seinszuftände. Leipzig, E. Haberland 1907. (III,
274 S.) 8° M. 4 —

Diefe dritte der apologetifchen Publikationen des
Verf.s, eine Art Biologie und Kosmologie, entwickelt
eine Anfchauung, die man als fpiritualiftifchen Monismus,
von chriftlich-fpekulativer Färbung bezeichnen könnte,
und deren Übereinftimmung mit dem feltfam umgedeuteten
Schöpfungsbericht am Schlurfe dargetan wird. In
drei Teilen: Vom Sein in der Erfcheinung, das Sein
jenfeits der Erfcheinung, die Gefchichte der beiden
Seinszuftände, entwickelt der Verf. auf naturwiffenfchaft-
lichem und philofophifchem Wege feine Gedanken, deren
Grundlinien ich vorerft kurz fkizziere.

Das lebendige Urfein trat, fich feiner felbft bewußt
werdend, aus fich heraus. Die Frage: wer bin ich? treibt
es, feinen Inhalt weiter aus fich zu entwickeln, in Ein-
zelwefen auseinanderzugehen, womit das Bewußtfein eines
Außerfelbft entftand. Eben damit wurde es ein dies-
feitiges, und das urfprüngliche einheitsbewußte Sein ging
in den jenfeitigen Zuftand über. Für das aus fich herausgetretene
Sein entftand dadurch eine Lücke, Leere,
der Raum, dem gegenüber es fich als Stoff auffaßte.
Die letzten und eigentlichen Beftandteile alles Körperlichen
find Kräfte (einfache Wefenheiten). Das erfte ftoff-
liche Sein ift begrenzte Größe und ift Perfon, die Zelle.
Als folche, wenn auch noch fo niedere Bewußtheit der
Zelle, wird z. B. das Verhalten der Lymph- und Darmhautzellen
und der Leukozyten gedeutet. Auch die fich
in zwei neue Individuen trennende Zelle geht als Sein

i nicht verloren, fondern ins Unftoffliche, ins Jenfeits über.

Die unaustilgbare Sehnfucht, die das Leben nach jenem
i Zuftand der Selbftallheit, aus dem es heraustrat, bleibend
empfindet, äußert fich zunächft in gegenfeitiger Abwehr
I und Flucht der Individuen, dann im fortgefetzten Streben
I nach Vorherrfchaft. Die Menfchheit ift der geradlinige
Ausfluß jenes Urfeins, Gottes, von dem wir nur in
unferm, nicht in feinem Bewußtfein, dem des Alls, ge-
fchieden find, ebenfo wie Leib und Seele nur begrifflich
, nicht gegenftändlich gefchieden find. Im Jenfeits
hört das Denken auf, Schauen ift unfere einzige Rolle.
Das unentwickelt hinübergegangene Sein nimmt an aller
J Fülle des allgemeinen teil, nur ohne felbft erworbenen
Inhalt. Im Fortgang des Diesfeits geht einerfeits immer
I mehr Kraft ins Jenfeits ein, andererfeits tritt durch den
| immer mehr finkenden Stoff eine fortgefetzte Verarmung
I des Lebens ein. Da die letzten Beftandteile des Stoffs
| Kräfte find, fo heben fich die zuletzt noch vorhandenen
mit den fie auslöfenden felber auf, und es gibt nur noch
ein Jenfeits.

Wo beobachten wir nun den Übergang von dem
diesfeitigen in den jenfeitigen Seinszuftand? Den hand-
; greiflichen Nachweis für die Exiftenz eines Jenfeits
| bilden all die Fälle, wo ein Verfchwinden von Kraft
(Wärme) aus der Erfcheinung erwiefen werden kann.
Der Verf. befpricht eingehend eigne und andere kalori-
i metrifche Verfuche und Theorien und kommt zum Ergebnis
, daß hier der wichtige Übergang von Kraft in
Leben, von ,Natur' in ,Geift' zu faffen fei, womit denn
die Einheit wie auch die Geiftigkeit des Seins gegeben
I ift. Auf feine z. T. fehr feltfamen kosmologifchen
■ Theorien (die Achfendrehung der Erde erklärt aus
dem Sichanklammern des Lebens auf der an der Sonne
j vorbeieilenden Erde an die Sonnenwärme!) gehe ich hier
nicht ein.

Das Ganze baut fich auf auf erkenntnistheoretifche
Auseinanderfetzungen, namentlich mit Kant: die Erfcheinung
trüge nicht, die Dinge find an fich räumlich
und zeitlich, ein Ding an fich gibt es nicht, es hat fein
Wefen in feinen Beziehungen. Aber der Verf. ift dem
Grundintereffe Kants fremd, feine angeführten Beobach-
i tungen laffen auch eine andere Deutung zu, und er wider-
[ fpricht fich felbft, wenn er dann behauptet, unfer Ver-
1 ftand fei doch im Voraus zur Wohnung für die Begriffe
i angetan und beftimmt, und für das Wefen eines Dings
kämen nur feine inneren Beziehungen in Betracht. Auch
i die Kraft ift ihm ein ,Ding'. Und fo charakterifiert fich
; feine Anfchauung als unkritiziftifch, einerfeits beftrebt,
,fich von einer gewiffen Einfachheit und Hausbackenheit
der Gedanken nicht zu weit zu entfernen', andererfeits
auf Grund voreiligen Zufammenfchluffes der phyfifchen
, und der pfychifchen Vorgänge kühn ins Mythologifch-
Theofophifche fich hineinfchwingend. In der Front
gegen Haeckel und Genoffen und in der Einzelkritik
ihrer Schlüffe und Prinzipien wird man oft genug auf
feine Seite treten. Die Menge naturwiffenfchaftlicher
, Details ift freilich auch bei feiner außerordentlich ge-
j fchickten und anfchaulichen Darftellung für mich zu
j wenig kontrollierbar. Aber wo er felber aufbaut,
zeigt fichs, daß er im Grunde uralte naturreligiöfe
Stimmungen, wie fie noch die deutfche idealiftifche Reli-
gionsphilofophie wieder hervorgerückt, modern natur-
wiffenfchaftlich unterbaut. Und fo wird auch feine po-
j fitiv konfluierte Apologetik uns nicht weiter helfen in
j der großen Frage, wie Geift und Natur, Totes und le-
j bendig Organifiertes fich verhalten — mag man auch
fein Buch nicht ohne mannigfache Belehrung aus der
Hand legen.

Lobberich. Alfred Zilleffen.