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Ausgabe:

1907

Spalte:

650-651

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wobbermin, Georg

Titel/Untertitel:

Der christliche Gottesglaube in seinem Verhältnis zur heutigen Philosophie und Naturwissenschaft 1907

Rezensent:

Titius, Arthur

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erfolgreich fein wird. Weder eine atheiftifche, noch eine ! Studenten und Pfarrern zuführt, fo wird das Syftem H.s
peffimiftifche Weltanfchauung paßt innerlich zu einer [ ohne Zweifel eine weite Verbreitung finden. Von der" in
rechten Ethik. Der Glaube, ,daß das Gute Grund und j der erften Auflage 1902 erfchienenen Ethik umfaßt die
Ziel der Welt fei, die höchfte Beftimmtheit des wahrhaft j jetzige zweite Auflage das 4.—5. Taufend. Man kann
Wirklichen, des Abfoluten, Gottes', ift ein Poflulat des
fittlichen Bewußtfeins. Das Chriftentum macht alfo mit
feinen religiöfen Glaubensgedanken nur deutlich, was jede
rechte Ethik im letzten Grunde fordert. Ereilich folgt aus

fich diefer Verbreitung nur freuen.
Jena- H. H. Wendt.

der ratfache allein, daß eine rechte Ethik Glaubensge- j Wobbermin, Lic. theol. Prof Dr Geora rw rh-ii
danken fordert, noch nicht die Wahrheit dieier Glaubensgedanken
. Diefelben muffen als eine Wirklichkeit erlebt
werden, damit ihre Wahrheit fichergeftellt werde. So
nimmt fchließlich die apologetifche Erörterung der Ethik
Bezug auf das in der Dogtnatik gewonnene apologetifche
Refuhat, daß es eine uns von der Wirklichkeit Gottes überführende
vollkommene Offenbarung Gottes gibt (S. 110).
Nach diefem einleitenden Teile verläuft die Darfteilung

Gottesglaube in feinem Verhältnis zur heutigen Philo-
fophie und Naturwiffenfchaft. Zweite umgearbeitete
Auflage. Berlin, A. Duncker 1907. (VII, 171 S.) gr. 8°

M. 2.50; geb. M. 3.25
Wobbermin's Studie beginnt mit einem Überblick
über die hauptfächlichen Richtungen der heutigen Philo-
fophie, in der er drei Hauptgruppen unterfcheidet, die
der .chriftlichen Sittenlehre in ihrem innern Zufammen- | pofitiviftifche,_ die materialiftifch-naturaliftifche und die

hang' folgendermaßen. In einem überleitenden Kapitel
wird der Unterfchied der evangelifchen von der katho-
lifchen Sittenlehre befprochen. Darauf wird in drei Ab-
fchnitten vom Wefen des chriftlich Guten, von feiner
Verwirklichung in der chriftlichen Perfönlichkeit (Individuälethik
) und in den menfchlichen Gemeinfchaftskreifen

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idealiftifche. Ihnen gegenüber rechtfertigt er den chriftlichen
Gottesglauben, indem er fein Verhältnis zur Erkenntniskritik
, zur Kosmologie, Biologie und(religiöfen)Pfy-
chologie ins Auge faßt. Das entfeheidende Wort hat
zunächft die Erkenntnistheorie zu fprechen. Indem Kant
von dem Objekt des Erkennens auf" fein Subjekt blicken

(Sozialethik) gehandelt. Der erfte diefer Abfchnitte ent- | lehrte, auf die im Subjekt liegenden Bedingungen der
hält eine ethifche Prinzipienlehre. Chrittus felbft wird als | Möglichkeit des Erkennens, hat er jeden philofophifchen
das eigentliche Prinzip der chriftlichen Ethik aufgehellt, 1 Dogmatismus unmöglich gemacht, die Subjektivität felbft
fofern in ihm die Liebe Gottes offenbart ift. Es wird j der Kaufalordnung und damit aller Gefetzmäßigkeit erausgeführt
, wie fich aus der Beziehung auf Chriftus ein j wiefen und dadurch auch die Gottesbeweife in ihrer bis-
höchftes Gut des chriftlich-fittlichen Handelns, das Reich , herigen Form als unhaltbar erwiefen. Aber falfch wäre
Gottes, ferner ein oberftes Gefetz der chriftlichen Sittlich- es, mit dem Pofitivismus Kant dahin zu verliehen, daß
keit, das Gebot der Gottes- und Nächltenliebe, und end- nun überhaupt jeder Schluß auf die Gefamtvernunft, auf
lieh ein tiefiter Beweggrund zur Verwirklichung diefes die Urrealität der Dinge untunlich wäre. Vielmehr hat
Gefetzes, die erfahrene Liebe Gottes, ergeben. In der I er felbft in den allgemeinen Grundzügen des Erkennens
Individuälethik wird der Anfang des neuen Lebens von j wie des fittlichen Handelns etwas Überempirifches aner-
der fortfehreitenden Entwicklung desfelben unterfchieden. ! kannt, und über die bei ihm vorhandenen Verengerungen
Bei diefer Entwicklung werden einerfeits die Begriffe und Ünficherheiten hinaus wird man ein folches Über-
Pflicht und Beruf im Allgemeinen und die Probleme der j empirifches im gefamten Geifitesleben des Menfchen wie
Pflichtenkollifion, des Überpflichtigen und des Erlaubten, i in allem Weltleben anzuerkennen haben, wird auch feiner
andererfeits Tugend und Charakter und der Kampf des j abftrakt-logifchen Denkrichtung gegenüber auf den ge-
Chriften mit der Sünde befprochen. In der Sozialethik j fchichtlichen Fluß und das Wachstum des Denkens felbft
werden Ehe und Familie, Freundfchaft, das wirtfehaftliche 1 hinweifen müffen und die Abhängigkeit mithin auch der
Leben, Wiffenfchaft und Kunft, Gefelligkeit, Staat, Kirche , Erkenntniskritik vom Gefamtbettand menfchlichen Wiffens
behandelt. H. hat in diefem Aufbau ein fehr reiches j und Denkens ins Auge zu faffen haben. Nun weift der
ethifches Gedankenmaterial zufammengeftellt, das er über- , Tatbeftand der Welt felbft, fo fehr unfere Auffaflungs

all intereffant und lehrreich zu gehalten weiß Ob freilich
bei feinem Aufbau die verfchiedenen ethifchen 1 he-
mata alle in ihrem richtigen Verhältnis zu einander zur
Geltung kommen, darüber läßt fich «reiten. Um nur

weifen davon nur ein Zeichenfyftem fein mögen, auf das
Walten einer ,objektiv-mathematifchen Logik' in ihm hin,
die die Annahme eines einheitlichen Weltgrundes nötig
macht. Die Zielftrebigkeit im Tatbeftand organifchen

einen, allerdings befonders wichtigenPunkt hervorzuheben: i Lebens und organifcher Entwicklung erfordert eine meta-
das Gebet wird in der Individuälethik unter der Wend- 1 phyfifche Teleologie'. Ift nun auch der Schluß auf eine
lehre behandelt, wo von den Hülfsmitteln des CL ritten ] .mathematifche Intelligenz', auf einen .zweckfetzenden
im Kampfe gegen die Sünde die Rede ift. H. hat wie ; Willen außerhalb der Organismen' nicht notwendig fon-
ihm auch felbft bewußt ift (S. 278), nur eine paffende dem nur gegenüber der pantheiftifchen Annahme ,der verGelegenheit
wahrgenommen, um an diefer Stelle alles ! (ländlichere und begründetere', fo macht die Religion
beizubringen, was in der chriftlichen Ethik über das | deren Eigenart und Eigenrecht der Wirklichkeitsfinn
wichtige Thema des Gebets zu fagen ift. Er fand inner- j unterer Zeit anerkennen muß, die er auch nicht auf Ethik
halb feines Auf baus keinen folchen Platz für die Lehre reduzieren darf, die theiftifche Geftaltung der Gottesidee
vom Gebet, wo diefe Lehre in ihrem ganzen Umfange ; wie fie fich befonders im Chriftentum auf Giund des
mit innerer Notwendigkeit hingehört hätte. : Eindrucks der Perfon Jefu herausgebildet hat, notwendig

Ich habe bei meinem Referate über H.s Doppelwerk weil nur fie ein wirklich perfönliches Verhältnis zu Gott
viele Fragen und Bedenken gegenüber feinen Ausführungen ermöglicht. Verfucht man diefe religiöfe Gottesidee
und befonders auch gegenüber feiner fyftematifchen An- mit der aus Kosmologie und Teleologie erwachfenen in
Ordnung zum Ausdruck gebracht. Jetzt zum Schluffe 1 einen Ausdruck zufammenzufaffen, fo ergibt fich der
möchte ich aber betonen, daß ich bei der Lektüre in Begriff einer einheitlichen Allheit geiftig-ethifchen Per-
erfter Linie und in wachfendem Grade einen Eindruck ; Emlebens'. Die Darfteilung des hier herausgehobenen
von dem hohen Wert diefer fyftematifchen Leiftung emp- , Grundgedankens ift mit eingehenden Auseinanderfetz-
fangen habe. Uns ift in ihr eine von richtigen Grund- j ungen namentlich mit Häckel, aber auch mit Wundt
gedanken beherrfchte und feinfinnig durchgeführte Be- : Oftwald u. a. verwoben und durch eine große Anzahl'

arbeitung der ganzen chriftlichen Lehre gefchenkt. Da
die Verlagsbuchhandlung auch den Preis ausnehmend
niedrig angefetzt hat und da ein fehr gefchickter Kolporteur
der Verlagshandlung diefe Bücher unmittelbar den

gefchickt gewählter Details verdeutlicht.

An meinem Teil ftimme ich den Grundgedanken der
Auseinanderfetzung mit Kant, fowie der Darfteilung'-des
kosmologifchen und biologifchen Entwicklungsgedankens