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Ausgabe:

1907 Nr. 23

Spalte:

636-637

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Toutain, J.

Titel/Untertitel:

Les Cultes païens dans l’Empire romain. Première partie. Les provinces latines. Tome I 1907

Rezensent:

Schürer, Emil

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Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 23.

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rächt fich vor allem in der Verzerrung Luthers, den
Schmidt nur ganz oben hin zu kennen fcheint. Etwas
Verkehrteres, als daß ,die Fürflen Luther helfen mußten,
in einem gewiffen Maße fein Ideal eines urchriftlichen
Staats zu verwirklichen' (S. 326), läßt fich kaum behaupten.
Würde Schmidt Luther kennen, fo würde er merken,
daß Luthers chriftliehe Ethik der täuferifchen äußerfl
nahe fleht, kaum weniger urchriftlich ift, als diefe, daß
aber Luther um der überwiegenden Mehrzahl der böfen
Unchriden willen vom Chriflen die Unterordnung unter
die durchaus unterchri flliche Zwangsethik des Staats
fordert aus dem Motiv der Liebe heraus, nicht für den
Chriften felbfl, fondern des andern wegen! Was Schmidt
als Ideal vorfchwebt, daß ,die Welt chriftlich und evan-
gelifch regiert würde', das hat Luther fich wohl überlegt
, aber bewußt abgelehnt, weil er ,zuvor die Welt voll
echter Chriften haben müßte'. Nicht das Ideal, fondern die
Bejahung oder Verneinung feiner gegenwärtigen Durchführbarkeit
hat Luther und die Täufer getrennt. In
diefem Punkt hat fich dann die reformierte Ethik graduell
von Luther entfernt und der täuferifchen angenähert
, aus dem Glauben heraus, daß die menfehhehe
Kompromißgerechtigkeit fich der göttlichen Idealgerechtigkeit
langfam anzunähern habe, und das Gottesreich
auch äußerlich in äußerlichen Ordnungen auf
Erden anfangsweife zu verwirklichen fei. Aber daraus
find dann fofort neue Verwicklungen und Vermifchungen
des Geifllichen und Weltlichen entftanden, die gerade
in eine Gefchichtsbetrachtung wie die Schmidtfche hinein
gehört hätten. Schließlich enthält feine Skizze am ent-
fcheidenden Punkt eine Lücke, indem garnicht gezeigt
ift, wie und aus welchen Gründen die Ethik Jefu der vul-
gärchrifllichen, katholifchen Ethik Platz gemacht hat.
Das hätte zu einer ausführlichen Darftellung des Paulus
führen müffen und zu einer Würdigung der Kirchenbildung
und Kirchenethik überhaupt, nicht bloß im
negativem Sinne. Die hiftorifche Skizze Schmidts hat
etwas viel zu Sprunghaftes und Willkürliches, greift
einzelne Lichtpunkte im Sinne des Verfaffers heraus,
aber gibt kein Verftändnis der Gefamtentwicklung.

Selbft das Schmidtfche Bekenntnis zur Verwirklichung
der Gedanken Jefu in der Gegenwart könnte ich
fo nicht unterfchreiben. Es wehrt der Gefahr eines
Reformierens von außen, ftatt von innen, mit Gefetzen
ftatt von der Gefinnung her zu wenig energifch und
atmet einen Optimismus, der der Einfehätzung des Böfen
und der Welt bei Jefus nicht entfpricht. Aneignen kann
ich mir fein Bekenntnis nur auf dem Boden, der gerade
von ihm vorher entwertet wird, dem des Paulus, Au-
guftin und Luther. Erft muß der Gottesglaube in der
Menfchheit lebendig und eine Macht werden, wenn die
Ethik Jefu Tat und Leben werden foll auch in der
äußeren Welt. Diefe Weckung des chrifllichen Gottesglaubens
an der Perfon Jefu felbfl ift eben das, was wir
Paulus verdanken, und nach ihm der Reformation, nicht
dem Täufertum. Dann freilich, wenn diefer Gottesglaube
eine ganz andere Macht geworden ift, als in unfern
Kirchen und Kirchlein von heute, wird er feine die
Innen- und Außenwelt umgedaltende Kraft in der von
Schmidt fo begeifternd ausgefprochenen Richtung der
Reichsgottesethik Jefu zu entfalten unmöglich verfäumen
können, und folche Hoffnung in den Lefern geftärkt zu
haben, ift das fchöne Verdienft diefes Buch in einer
noch immer fo hoffnungsarmen Chriftenheit.

An Druckfehlern in Zitaten notiere ich Matth.XI9 ftatt
19 (S. 105), Luk. XXVII 7 ftatt XXIV 7 (S. 123), Matth.
XXIX 44 ftatt XXIV 44 (S. 124), Matth. XXVII 30b
ftatt XXIV 30b (S. 125). S. 146teh.lt Matth. 8,39 in der
Aufzählung der Stellen vom Gottesfohn; darnach ift S. 149
der Vergleich von Matth, und Marc, in Bezug auf die
Dämonenrufe zu korrigieren. S. 328 Zeile 4 Anm. lies de
dementia ftatt de carttate.

Bafel. _ Paul Wer nie.

Toutain, J., LesCultes paiens dans l'empire romain. Premiere
partie. Les provinces latines. Tome I. Les cultes
officiels; les cultes romains et greco-romains. (Biblio-
theque de l'ecole des hautes etudes. Sciences reli-
gieuses. XX. volume.) Paris, E. Leroux 1907. (V,

473 P-) gr. 8°
Es ift ein großes Unternehmen, deffen erfter Band
hier vorliegt. In umfaffender Darftellung will der Verf.
,die heidnifchen Kulte im römifchen Reiche' fchildern.
Das ganze Gebiet teilt er geographifch in drei Hauptbereiche
: 1. Italien, 2. Griechenland und der Orient, 3. Die
lateinifchen Provinzen (S. 4). Die letzteren nimmt er
zunächft in Angriff. Die hier gepflegten Kulte teilt er
in vier Kategorien: 1. Die offiziellen Kulte des römifchen
Staates (Kultus der Roma, des Kaifers, der kapitolinifchen
Gottheiten), 2. Die Kulte der römifchen oder vielmehr
griechifch-römifchen Religion, wie fie in der Zeit des
Cäfar und Auguftus fich gebildet hatte, 3. Die orienta-
liichen Kulte, 4. Die einheimifchen Kulte, wie fie in den
Provinzen vor der römifchen Eroberung exiftierten (S. 10).
Der vorliegende Band behandelt von diefen vier Kategorien
die beiden erften.

Bei den offiziellen Kulten' handelt es fich in der
1 Hauptfache umden Kultus derRoma und desKaifers.

Er ift für die Provinzen die eigentliche Staatsreligion,
1 feine Pflege der Prüfftein der Loyalität. Der auf ihn
| bezügliche Abfchnitt diefes Buches (S. 19—179) ift zu-
! gleich der für die Theologen wichtigfte und intereffantefte.
Toutain gibt das Material hierüber (für die weltlichen
Provinzen) mit einer Vollftändigkeit, wie es meines Wiffens
in keinem andern Werke auch nur annähernd zu finden
ift. Einleitungsweife handelt er über den Urfprung beider
Kulte (S. 19—35). Die göttliche Verehrung der Roma
beginnt in den Städten Klein-Afiens fchon in der erften
Hälfte des zweiten Jahrhunderts vor Chr., der des Cäfars
noch bei Lebzeiten des erften Trägers diefes Namens.
Getrennt handelt dann Toutain: I. über die Verbreitung
des Kultus der Roma (S. 37—42) und 2. über die Verbreitung
und die verfchiedenen Formen der göttlichen
Verehrung des Kaifers (S. 43—76). Hier kommt in Betracht
: die Verehrung des lebenden und der verdorbenen
Kaifer, die Verbindung ihres Kultus mit dem der Roma,
die Verehrung der Mitglieder der kaiferlichen Familie.
Ein umfangreiches Kapitel id der Frage gewidmet: von
wem der Kultus (nämlich des Kaifers, hinter welchem
der der Roma fehr zurücktrat) gepflegt wurde: in erder
Linie von den Provinzen als folchen, aber auch von den
Städten, von Privat-Vereinen und von einzelnen Perfonen
(S. 77—126). Das letzte dem Kaiferkultus gewidmete
Kapitel betrifft die Prieder und Priederinnen desfelben,
wobei wieder die verfchiedenen Kreife, in deren Namen
und Auftrag jene fungierten: Provinzen, Städte, Privat-
Vereine, unterfchieden werden (S. 127—179).

Außer dem Kaiferkultus find als offizielle Kulte'
auch die Kulte der drei ,kapitolinifchen Gottheiten' Ju-
! piter Optimus Maximus, Juno Regina, Minerva Auguda
zu betrachten. Die gemeinfame Verehrung aller drei in
einem ,Kapitol' kommt auch in den Provinzen vor (S.
181—193). Viel häufiger id aber die Verehrung des die
andern weit überragenden Jupiter Optimus Maximus
allein (S. 195—217).

Die zweite Hälfte des vorliegenden Bandes (S. 239—
468) id den nicht-offiziellen römifchen und griechifch-
römifchen Kulten gewidmet. Neben die eigentlichen
Gottheiten treten hier die zum Rang von Gottheiten
erhobenen ,Abdraktionen', namentlich Fortuna und Victoria
, und die Genii. Sie alle haben für den Kirchen-
hidoriker nicht mehr ein fo direktes Intereffe wie der
Kaiferkultus. Um fo mehr dürfen ein folches die orien-
tahfehen Kulte beanfpruchen, deren Behandlung im näch-
den Bande zu erwarten id. Die Stärke des Verfaffers
liegt allerdings mehr in der Volldändigkeit, mit welcher