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Ausgabe:

1907 Nr. 22

Spalte:

616-617

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Grünberg, Paul

Titel/Untertitel:

Das Übel in der Welt und Gott 1907

Rezensent:

Wendland, Johannes

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Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 22.

616

Bände hat Schieß auch den Briefen des 3. Bandes die
Lebensbefchreibungen der Brieffchreiber vorangeftellt.
Die Einleitung enthält die Biographien von Tobias Egli,
Ulrich Campell, Kafpar Hubenfchmid, Scipio Lentulus
und anderer. Befonders wertvoll ift die beigegebene
Überficht über die Reformationsgefchichte Graubündens,
die den Lefer auf das dankenswertefte in den Briefwechfel
einführt und ein klares Bild von den nicht leicht zu
vergehenden politifchen und kirchlichen Verhältniffen
Graubündens entwirft. Mit befonderer Genugtuung
begrüßt Referent auch das bisher fchmerzlich vermißte
ausführliche Regifter für die 3 Bände. Es ift mit
großer Sorgfalt und fehr überfichtlich angefertigt und
erfetzt durch die reichen in ihm enthaltenen Auf-
fchlüffe viele in den Briefen weggelaffenen Fußnoten.
S. 585 ift übrigens unter Gotha nicht Gouda in Holland,
fondern Gotha in Thüringen zu verftehen. Es handelt
fich offenbar um die Grumbachfchen Händel.

Weimar. H. Virck.

Brouwer, Pred. Dr. A. M., Daniel Chantepie de la Saussaye.

Eene historisch-dogmatische Studie. Groningen, J. B.
Wolters 1905. (XII, 375 blz.) gr. 8° f. 2.50

S. Cramer nennt in feiner Schilderung des nieder-
ländifchen Proteftantismus (Der Prot, im 19. Jhdt.) Daniel
Ch. de la S. den einzigen tieffinnigen Theologen, den die
holländifche Erweckung befeffen. Ein fympathifches
Bild diefes reichen und vornehmen, frommen Geiftes wird
uns hier auf dem Hintergrund des politifch-kirchlichen
und religiös-theologifchen Lebens feiner Zeit vorgeführt.
Eine Lebensfkizze (I.) fchildert den Prediger in den
wallonifchen Gemeinden zu Leeuwarden und Leiden, der
hier wiffenfchaftlichen Einfluß auf die Studenten gewinnt
und als Publizift in die kirchlichen und theologifchen Bewegungen
eingreift; feinen Übergang ins reformierte Kirchenamt
zu Rotterdam (1862), wo er bei aller Höhe feiner
Predigt befonders von den einfachen Leuten gefucht wird,
bis zu feiner kurzen akademifchen Wirkfamkeit in Groningen
als Nachfolger von Hofftede de Groot (1872—74).
Nach einer Überficht über die Theologie feiner Zeit
wird fein theologifcher Charakter herausgeftellt (II.),
für den Vinets ethifcher Individualismus (ohne feinen
Mangel an hiftorifchem Sinn), Schleiermachers chrifto-
zentrifche Methode (ohne feinen fubjektiviftifchen Ausgangspunkt
), vor allem aber Calvin als ethifcher und
irenifcher Theologe, neben Baaderfchen Einflüffen, kon-
ltitutiv find.

Die Hauptmaffe des Buches (III.) fchildert unter
ausgiebiger Verwertung der Schriften, Auffätze und Briefe
des nur als Gelegenheitsfchriftfteller hervorgetretenen
Mannes feine Stellung und Bedeutung in den Strömungen
und Kämpfen feiner Zeit. De la S. lehnt
den Supernaturalismus und das willkürliche Autoritätsprinzip
der Groninger Schule ab und fordert ein Feft-
halten und Weiterführen der hiftorifchen Kontinuität mit
der Reformation. An der Erweckung, zu der er manche
Beziehung hat (N. Beets), flößt ihn die dogmatifche Starrheit
und methodifierende Engigkeit ab. Ihren im Bund
mit der antirevolutionären Partei gegen die Groninger
unternommenen PVldzug bedauernd, möchte er ihr Gutes
durch ethifch-hiftorifche Schriftverwertung weiterbauen.
Bei der Orthodoxie, zu welcher er fich lange felber
rechnet, lehnt er die prädeftinatianifch-feparatiftifche, wie
die juridifch konfeffionelle Strömung ab und fucht eine
mittlere Linie, um, überall Anknüpfung findend, das in
jeder Kinfeitigkeit, auch im Liberalismus, vorhandene
Wahrheitselement zur Geltung zu bringen. Aller Parteibildung
feind wie aller juridifchen Handhabung der
Bekenntniffe, vertraut er, daß offne Ausfprache und
Entwicklung aller Richtungen unter Leitung des im fitt-
lich-religiöfen Bewußtfein der Kirche (Gemeinde) wirk-
famen hl. Geiftes dem Ziel des Reiches Gottes entgegenfördern
werden. So legte er hohen Wert auf eine
wahre, aus dem Leben entfpringende Wiffenfchaft, die
dem alten Glauben neue Formen fchaffen foll. Die
Synode gilt ihm (fkeptifch genug) immer als das Organ
der liberanx de la veillc! Abfolute Lehrfreiheit lehnt er
ab und Geht in der ,modernen' Richtung praktischen
Atheismus. Das Schulgefetz (1857) bringt ihm, der keine
Konfefüonsfchule, aber die öffentliche Schule chriftlich
haben möchte auf Grund des proteftantifchen Charakters
des Staates, eine Enttäufchung. Er wird, mit halbem
Herzen, Förderer der befondern (chriftlichen) Schule.
Nun entwickelt er fein ethifches Prinzip in Kirche
und Politik. Die Kirche kann fittlichen Einfluß nur
gewinnen durch Enthaltung von aller Politik. Nicht der
chriftliche, fondern der proteftantifche Staat ift zu erftreben
mit voller Gewiffens- und Bekenntnisfreiheit, die ihre
Grenze nur in der chriftlichen Sittlichkeit findet. Unter
voller Selbftändigkeit von Kirche und Staat wird die
Kirche am erften die Gefellfchaft wieder verchriftlichen
können und diefe dann ihrer chriftlichen Gefinnung im
Staatsgefetz Ausdruck fchaffen. Dann ift auch die Forderung
de la S.s erfüllbar, daß Regierende und Lehrende im
Staat chriftliche Perfönlichkeiten fein follen. — In der
Wiffenfchaft hat de la S. fein ethifches Prinzip zumal in
Auseinanderfetzung mit derSpekulationScholtens und dem
Empirismus Pierfons ausgeführt. Gegenüber dem Monismus
, dem logifchen Determinismus und einfeitigen Intellektualismus
Scholtens (in feinen ,Prinzipien der ref. Kirchenlehre
') fordert de la S. eine wirklich rein auf Wahrnehmung
und Beobachtung beruhende Philofophie und
bekennt fich zu dem: per fidem adintcllcctum. Die religiöfe
Wahrheit duldet keine ,Beweifel, fie findet ihre Gewißheit
fchließlich in fich felbft. Die Infpirationstheorie ift aufzugeben
und die Schrift als Urkunde der Offenbarung zu verftehen
. De la S. geht vom Gewiffen, d. h. vom innern, perfön-
lichen Leben des Menfchen aus und erklärt allein die
Theorie für wiffenfchaftlich und religiös befriedigend, die
den Tatfachen des chriftlichen Perfönlichkeitslebens gerecht
wird. Diefe Tatfachen können nur ganz verftanden
werden vom trinitarifchen Gottesbegriff aus (nicht als
Begriff, fondern als inhaltvolle Wirklichkeit gefaßt), deffen
Form er aber gern für eine beffere gedankenmäßige
Faffung einzutaufchen bereit ift.

In diefer ethifch-irenifchen Richtung hat de la S.
ohne zu voller, wiffenfchaftlicher Vollendung feiner Gedanken
gekommen zu fein, eine nicht zu unterfchätzende
Wirkung ausgeübt. Er hat in Einfamkeit und vielfacher
Verkennung das Schickfal aller Vermittler hinreichend
erfahren.

Ein IV. Stück bietet ein Spezimen der philofo-
phifchen Elemente feiner Theologie und ein Anhang über
40 Urteile holländifcher Theologen und Kirchenmänner
über den Mann und feine Gedanken.

Das Intereffe, mit dem man der Arbeit von ihrem
erften, mehr hiftorifchen Drittel an folgt, erlahmt etwas
im Verlauf der übermäßig breiten, an Wiederholungen
reichen mehr ,dogmatifchen' Partien. Eingeleitet ift
diefe ,proefSchrift' von empfehlenden Worten des Sohnes,
P. D. Chantepie de la Sauffaye.

Lobberich. Alfred Zilleffen.

Grünberg, Ffr. D. Paul, Das Übel in der Weft und Gott.

Vorträge, gehalten beim zweiten apologetifchen Inftruk-
tionskurfus in Berlin (Oktober 1906). Gr. Lichterfelde-
Berlin, E.Runge 1907. (VIII, 59 S.) gr. 8° M. —80

Die mannigfachen Naturkataftrophen des Jahres 1906
haben die alte Theodizee-Frage wieder in den Vordergrund
gefchoben: wie verträgt fich Übel und Böfes in
der Welt mit Gottes Liebe, Gerechtigkeit und Weisheit?
I Die vorliegende Schrift enthält die Vorträge des Verf.,
I die er auf dem 2. apologetifchen Inftruktionskurfus in