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Ausgabe:

1907

Spalte:

39-40

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Fendt, Leonhard

Titel/Untertitel:

Die Dauer der öffentlichen Wirksamkeit Jesu 1907

Rezensent:

Dobschütz, Ernst

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Theologiiche Literaturzeitung 1907 Nr. 2.

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not beert used in the books which remain to us: probably
it had been part of the common Speech all along. I will
go further, and say that if we could only recover letters
that ordinary people wrote to each other without any
thought of being literary, we should have the grcatest
possible help for the understanding of the language of the
NT generally.t' Diefes Wort Lightfoots könnte man als
das Programm der ganzen neueren philologifchen Arbeit
am Neuen Teftament bezeichnen.

Heidelberg. Adolf Deißmann.

Fendt, Stadtkapl. Leonhard, Die Dauer der öffentlichen
Wirksamkeit Jefu. (Veröffentlichungen aus dem kirchen-
hiflorifchen Seminar München. Herausgegeben von
Alois Knöpf ler. II. Reihe Nr. 9.) München, J. J. Lent-
ner 1906. (VIII, 148 S.) 8<> M. 3 —

Die aus einer Münchener Preisarbeit hervorgegangene
Schrift erweckt Intereffe durch Begleit- und Vorwort:
Knöpfler motiviert die Aufnahme in feine .Veröffentlichungen
' mit warmer Anerkennung des jungen aufdrehenden
Talents. Der Verf. motiviert die Veröffentlichung
als Rechtfertigung gegenüber der unverdienten
öffentlichen Bloßftellung in dem Urteil der Fakultät, das
feiner Arbeit vorwarf, fleh ,in einen fchreienden Wider-
fpruch verwickelt zu haben, infofern fie fchließlich der
Hypothefe von einer nur einjährigen Dauer der öffentlichen
Wirkfamkeit das Wort redet, nachdem fie felbft
zuvor diefer Hypothefe alle wiffenfchaftlichen Stützen
entzogen hat, ein Widerfpruch, welcher durch die völlig
willkürliche Ablehnung der Zeugniffe des Johannesevangeliums
keineswegs gelöft wird'. Wir glauben, der Verf.
hat recht, diefe Beurteilung ungerecht zu finden.

Er unterfucht zuerft in fehr fleißiger Arbeit die Tradition
mit dem Refultat: eine apoftolifche Überlieferung
über die Dauer des Wirkens Jefu gibt es nicht. Authen-
tifche Äußerungen der Apoftel und Apoftelfchüler
fehlen; die fpäteren Theorien finden alle ihre Erklärung,
am wenigften noch die Einjahrtheorie der Gnoftiker
(Zahlenfpielerei erklärt fie nicht völlig; Luk. 419 = Jef. 612
wird erft bei Clemens, Origenes und Africanus maßgebend
, fpäter noch unterflützt durch Ex. 12 5). Irenaeus
ift beflimmt durch falfche Exegefe von Joh. 857 und 51
(64). Die 12 Jahre des Alexanderfragmentes1) bedeuten
urfprünglich Petrus'Verweilen in Jerufalem. Melitos Fragment
, das ältefte Zeugnis für 3 Jahre, ift zweifelhafter
Echtheit. Tertullians Gemini, die dann in der älteren
Chronographie nachwirken, find von Luk. 31 aus berechnet
. Bei Origenes und Hippolyt zeigt fich bereits gelehrtes
Schwanken zwifchen derEinjahr- und der Dreijahrannahme
. Erft Eufebius bricht den Einfluß von Luk. 4 19
durch den Rückgang auf die danielifche Halbwoche
(= 31/2 Jahr) und das Joh.-Evang. Bei Ephraem u. a. tritt
dazu noch Luk. 137, im Chron. pasch. Luk. 1332.

Ein 2. Teil fucht dann der Frage exegetifch beizukommen
: da kein Datum des Lebens Jefu chronologifch
ganz feftfteht, ift die Dauer des Wirkens daraus nicht zu
berechnen. Die Synoptiker enthalten wohl manche Züge,
die gegen den Eindruck einjähriger Dauer fprechen;
aber alle find unficher, keiner ift durchlchlagend. Bei
Johannes find die Verfuche, Spuren einer nur einjährigen
Dauer zu finden, vergeblich, aber es fragt fich, ob er
überhaupt Gefchichte bieten will (Loify). Das Paffah
Joh. 64 ift nicht zu ftreichen; was aber 51 für ein Feft
gemeint fei, ift nicht auszumachen. Es ift überhaupt ein
Irrtum, die evangelifchen Berichte als ftreng chronologifch
orientiert zu betrachten, wie fchon der Vergleich der
Synoptiker zeigt; gerade Lukas verfchiebt oft die zeitliche
Folge. Auch für Joh. ift der Ortscharakter das beftimmende,
nicht die Zeit: er erzählt ruhig die Tempelreinigung bei

1) G. Morin hat foeben eine 2. Handfchrift diefes merkwürdigen
Textes publiziert, Journ. of theol. Stud. 1906, 458 h

der erften Anwefenheit in Jerufalem, obwohl fie auf die
letzte fiel; das zeitlich unbeftimmte uexa xavxa tritt bei
örtlichem Szenenwechfel ein; fo ift bei 64 allerdings an
ein Pafiah, aber nicht an ein folches nach dem Paffah
in 2 13 zu denken. Auch Johannes alfo widerfpricht dem
nicht, daß Jefu Wirken etwas über ein volles Jahr dauerte,
d. h. etliche Zeit vor einem erften Pafiah begann und
mit dem 2. Pafiah endete. So glaubt der Verfi fchließlich
auch die auffallende Tatfache erklären zu können,
daß die Gnoftiker, die fich an das Joh.-Evang. hielten,
doch nur von einem Jahr wiffen wollten.

Dies der Gedankengang der Unterfuchung, der ein
vollkommen gefchloffener ift. Die kritifche Zurückhaltung
und die umfichtige Abwägung des Für und Wider macht
dem Verf. alle Ehre. Kleinigkeiten wie die Rechenfehler
S. 27 [Geburt a. 9, Taufe a. 46 macht 37, nicht 35 Jahre]
und S. 65 [42 Jahre von 70 an zurück führen hier fo
gut wie bei Origenes S. 41 auf 29] wird man einer Erft-
lingsarbeit nicht hoch anrechnen dürfen. Sie zeigt ein
redliches Bemühen, die vorliegenden Probleme zu bewältigen
, die bisher noch keine Kritik gelöft hat.

Straßburg. von Dobfchütz.

Facsimiles of the Athos Fragments of Codex H of the Pauline
Epistles, photographed a. deciphred by Kirsopp Lake.
Oxford,Clarendon Press 1905. (16 plateswith text) s.2i—•

Von dem hochbedeutfamen und von den Textkritikern
vielfach behandelten Codex H. Paulin, der ja
leider nur in einigen, in der Welt zerftreuten Blättern
erhalten ift, bringt Lake photographifche Reproduktionen
der auf dem Äthos fich findenden acht Blätter, die
er im Jahre 1903 angefertigt hat. Diefe acht Blätter
umfaffen: II Kor. ios—12, 10™—Iis, 1112—122, Galater
(ein Fragment des Argumentums) 11—4, 2 u—17. Da die
Tinte, mit welcher die ältere Schrift von einer jüngeren
Hand überzogen ift, das Pergament frißt, und diefer
Prozeß, wie feftgeftellt werden konnte, noch heute andauert
, fo ift die Befchaffung von Photographien der
Blätter ein verdienftvolles und notwendiges Werk. Außer
diefer unangenehmen Eigenfchaft aber hat jene Tinte
die für den Textkritiker angenehmere gehabt, daß fie auf
den gegenüberliegenden Blättern fich fo ftark abdrückte,
daß dadurch eine Reihe nicht mehr erhaltener Seiten
ihre deutlichen Spuren auf den gegenüberliegenden Seiten
hinterlaflen haben. So konnte bereits Omont {Notice sur
un tres ancien manuscrit grec en onciales — extrait
des notices et extraits des manuscrits de la Biblioth. nat.
T. XXXIII 1. Paris 1889 pag. 56) auf einem in Petersburg
vorhandenen Blatt den Abdruck der bisher unbekannten
gegenüberliegenden Seite entziffern. In derfelben
Weife vermehrte J. A. Robinfon {,Euthaliana in Texts a.
Studies III, Cambridge 1895, p. 48—65) durch erneute
Unterfuchung der Parifer und Turiner Blätter unfere
Kenntnis der Handfchrift um 16 mehr oder minder entzifferte
Seiten. Ebenfo hat Lake in der vorliegenden
Veröffentlichung wieder die Spuren von fünf Seiten, enthaltend
II Kor. 10 5-7 io12-15 io15—17 11 e—8 122—4, zum
Teil entziffern können.

Lake gibt neben den Photographien eine genaue
Tranfkription der betreffenden Blätter und der neu entzifferten
Abdrücke. Außerdem eine Kollation der veröffentlichten
Texte mit Tifchendorfs Octava major. Von
Omonts Gefamtausgabe der Fragmente von H (f. o) differiert
der von Lake gegebene Text nur in Minutien: Lake
differiert von Omont in den Lesarten: II Kor. 10s eöcoxev
(— s). Iii oepeiXov (m —). (ioi (/iov). 1112 exxoipco (ev —).
12 2 osixaßeiaq (— tag). ßm/iaxoq (— aq). Gal. 215 rj/uiq.
In der von Lake gegebenen Kollation wäre noch II Kor. 1124
xeßßagaxovxa (ftatt xeßßegaxovxa), vor allem aber II
Kor. 107 cup'eavxov (ftatt eqj'eavxov Xbl) nachzutragen.

Göttingen. Bouffet.