Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1907

Spalte:

612-613

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lindsay, Thomas

Titel/Untertitel:

A History of the Reformation 1907

Rezensent:

Benrath, Karl

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

6n

Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 22.

612

erwähnt er aus einer fekundären Quelle die für ausle- I
gungsgefchichtliche Zwecke geradezu unentbehrliche
Arbeit von Merx über die Prophetie des Joel und ihre
Ausleger. — Nur noch einige Einzelheiten. Auf S. 104
Fußn. 2 lies cap. IX für cap. III. — Die Bitte: ,Gedenke
meiner Sünden in deinem Gebete' darf nicht als Beweis
für A.s Sündenbewußtfein (S. 124) verwertet werden.
Sie ift facon de parier bei fyrifchen Schriftftellern refp.
Schreibern und wiegt genau fo viel wie etwa ein .hochachtungsvoll
' oder .ergebenft' in einem deutfchen Briefe.
— Wenn A. trotz feiner Bekanntfchaft mit dem Bilde
des Seelenbräutigams das Hohelied nicht zitiert, fo ift
das noch kein Beweis dafür, daß er dies Buch in feiner
Bibel nicht gehabt hat (S. 31—32). Er zitiert es möglicherweife
auch deshalb nicht, weil er im Gegenfatz zu ge-
wiffen Allegoriften die grammatifch-hiftorifche Auslegung
des Buches vertrat. — Aus A.s Bekanntfchaft mit der
Gefchichte Ruths {Dem. XVI und XXIII) darf noch nicht
auf das Vorhandenfein des Buches Ruth in A.s Kanon
gefchloffen werden (S. 34, Z. 13). Das ift bei A.s Vertrautheit
mit allerhand jüdifchen Traditionen zum minde-
ften voreilig. Vielmehr, wenn das Buch Ruth von A.
nicht ausdrücklich zitiert wird, fo müßte angefichts des
Fehlens diefes Buches im Kanon einiger mafforethifcher
Handfchriften (vgl. Diettrich, die Mafforah der örtlichen
und weltlichen Syrer in ihren Angaben zum Propheten
Jefaia, London 1899 pag. XXVII und XXX) auch die
Möglichkeit feines Fehlens im Kanon A.s zugegeben
werden. —

Eine intereffante Seite der Auffaffungen Afrahats von
der Taufe hat Burkitt {Early Christianity outside the roman
empire, Cambridge 1899 pag. 50) auf Grund von Dem.
VII, 20 bekanntlich in die katharifche Thefe zufammen-
gefaßt: ßaptism is not the common seal of every Christiatis
faith, butthe privilege reservedfor monks'. Schwen j
hat diefe Thefe von der Mönchstaufe S. 98 teils unter-
fchrieben, teils zurückgewiefen, teils mit einem non liquet
verfehen. Angefichts des fchwankenden Charakters der
Auslagen A.s halte ich diefe vorfichtsvolle Stellungnahme j
vorderhand für die einzig richtige. Ob ein eingehendes
Studium der Homilien Mar Narfais {Ed. Mingana,
Mausilii 1905) mehr Licht in diefe dunkle Materie gebracht
haben würde, weiß ich zur Stunde noch nicht.
Ich hoffe indes aus den neuentdeckten Homilien des
neftorianifcht n Myftikers Mar Behiso {circa 596 />. Citri),
die ich zurzeit aus einer fyrifchen Handfchrift überfetze,
in einigen Monaten brauchbares Material zur Beurteilung
der ganzen oftfyrifchen Mönchsfrage herbeibringen zu
können.

Berlin. Diettrich.

Kalkoff, Paul, Ablaß und Reliquienverehrung an der Schloßkirche
zu Wittenberg unter Friedrich dem Weifen. Gotha,
F.A.Perthes 1907. (V, 116 S.) 8° M. 2.60

Der Titel der reichhaltigen Schrift wird der Bedeutung
ihres Inhalts nicht ganz gerecht. Denn fie gibt
nicht weniger als den Nachweis, daß die ältere Anficht,
Friedrich der Weife ,fei ein warmer Anhänger
Luthers gewefen und habe aus innerer Zuftim-
mung zu Luthers Lehre der Reformation feinen
Schutz geliehen', auch angefichts feines Verhaltens
zum Ablaß und zur Reliquienverehrung in der Schloßkirche
zu Wittenberg vollkommen recht behalte. Kalkoff
ftellt als Ergebnis feiner neuen E'orfchung den Satz auf,
daß Friedrich ,wegen der felbftändigen Annahme
und Betätigung der evangelifchen Lehre als
einer der erften Schüler und Anhänger Luthers
zu bezeichnen' fei. Sein Eintreten für Luthers Sache,
das feinen weltgefchichtlichen Folgen nach nie unter-
fchätzt werden konnte, war nicht nur weit planmäßiger,
entfchiedener, umfaffender und mutiger, als neuerdings I
angenommen wurde, fondern auch religiös tiefer be- j

gründet, und fein Verhältnis zu Luther trotz aller äußeren
Zurückhaltung perfönlicher, als es felbft fcharf blickenden
Gegnern erfcheinen konnte. Und fo follte man ferner
nicht zögern, ihn allgemein anzuerkennen als den
erften überzeugten Lutheraner, den Erftling der
Laienwelt, den Senior der evangelifchenGemeinde.
Bedarf auch der letztere Satz als Ausdruck der frifch
dem Herzen entquellenden Begeifterung vielleicht einiger
Einfchränkung, fofern erft feftzuftellen wäre, wer der
erfte überzeugte Lutheraner, der Erftling aus der Laienwelt
war, fo ift doch nach eingehender Prüfung des
Beweismaterials anzuerkennen, daß das Charakterbild
Friedrichs und feine Stellung zu Luther nunmehr viel
fchärfere und wärmere Züge bekommen hat als bisher.
Hatten fchon Kalkoffs Forfchungen über Luthers römifchen
Prozeß gezeigt, daß Friedrich ,weitumfaffender, nachdrücklicher
und mit wärmerer Anteilnahme an Luthers
Perfon und Lehre, ja mit Übernahme ganz erheblich
großer Gefahr für fein Haus und Land für den Reformator
eingetreten war', fo räumt er jetzt die Steine aus
dem Weg, die am ftärkften gegen eine warme evange-
lifche Überzeugung Friedrichs zu fprechen fchienen,
feine Bemühungen um vermehrten Ablaß und Reliquienreichtum
der Schloßkirche zu Wittenberg, welche diefem
Fürften feit Jahren am Herzen lagen. Allerdings ruht
Kalkoffs Beweis nicht zum wenigften auf der Annahme,
daß Spalatin in feinen Briefen an Luther ganz das Sprachrohr
feines Kurfürften war. Aber wer den Briefwechfel
Luthers und Spalatins verfolgt, wird diefe Annahme nicht
verwerfen können. Sie ift aber nicht die einzige Stütze
des Beweifes. Denn Kalkoff zeigt, daß die Aufträge und
Gefuche um Ablaß und Reliquien für Wittenberg, die
noch nach 1518 der Schloßkirche zuteil wurden, in eine
frühere Zeit zurückreichen, da man billigerweife noch
keine Losfagung erwarten konnte, und daß die Verwertung
von Ablaß und Reliquien für religiöfe und
zugleich kirchlich finanzielle Zwecke ganz fachte und
ohne viel Auffehen abgefüllt wurde.

Zugleich berichtigt Kalkoff mancherlei Auffüllungen
neuerer Hiftoriker, fo S. 13, Anm. 3 Ehfes Urteil über
Campegio, S. 40, 2 Berbigs über Luther und den Heiligenkult
, S. 46, Anm. 2 Koldes und ebenfo S. 66, Anm. 3
Barges Auffaffung von Friedrichs Stellung zum Heiligen-
und Reliquienkult, S. 69, Anm. 2 Wolters Annahme von
,Reliquienhändlern Friedrichs in Köln', Anm. 4 Berbigs
Behauptung, Luther habe noch 1516 den Reliquienkult
des Kurfürften unterftützt, S. 91, Anm. 4 Schuhes Annahme
, daß Friedrich trotz aller Oppofition noch lange
ein Katholik blieb ufw. Angenehm berührt die freundliche
Bemerkung S. 53 über Hausraths allerdings irrige
,Beichtväter' ftatt Bekenner, Confessores. S. 74 wird
ftatt Lutzinger Lutringer zu lefen fein. Saint Mihe ift
Saint Mihiel an der Maas. Den Schluß der dankenswerten
Gabe bilden urkundliche Beilagen.

Nabern. G. Boffert.

Lindsay, Thomas M., D. D., LL. D., A History of the
Reformation. In two volumes. Volume II. The Reformation
in Switzerland, France, the Nederlands, Scot-
land and England, the Anabaptists and Socinian
Movements, the Counter-Reformation. WithMapofthe
Reformation and Counter-Reformation (1520—1580).
Edinburgh, T. & T. Clark 1907. (XVII, 631 p.) gr. 8°

s. 10.6

Schnell ift dem in Nr. 8 d. J. befprochenen erften der
zweite (Schluß-) Band gefolgt. Diefelben guten Eigen-
fchaften wie jenen zeichnen auch diefen aus — ja man
kann fagen, daß die Kunft einer knappen aber gehaltvollen
Darfteilung hier in noch höherem Grade hervortritt,
wo fo zahlreiche Einzelbetätigungen reformierenden
Beftrebens hüben und drüben zu behandeln waren. Leider