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Ausgabe:

1907 Nr. 22

Spalte:

603-607

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jensen, P.

Titel/Untertitel:

Das Gilgamesch-Epos in der Weltliteratur 1907

Rezensent:

Bertholet, Alfred

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603

Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 22.

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und die Lifte der Photographien. Hier wäre die Beifügung
der Nummern der Photographien, fowie der
Tranfkription und Überfetzung zu der oben genannten
Hauptlifte zu wünfchen gewefen; denn jeder, der die
Bücher benutzen will, muß jetzt diefe Arbeit zuerft
felbft ausführen.

Königsberg. Peifer.

Jensen, Prof. P., Das Gilgamesch-Epos in der Weltliteratur.

Erfter Band: Die Urfprünge der altteftamentlichen
Patriarchen-, Propheten- und Befreier-Sage und der
neuteftamentlichen Jefus-Sage. Mit drei Abbildungen
im Text und drei Überfichtskarten. Straßburg (i. E.),
K. J. Trübner 1906. (XVIII, 1030 S.) gr. 8° M. 40 —

Die Kunde vom obigen Buch ift fchon über den
Kreis der Fachwiffenfchaft hinausgedrungen, und das
konnte nicht ausbleiben, bedeutet es doch felbft der
fortgefchrittenften Wiffenfchaft gegenüber ein Zerftörungs-
werk fondergleichen: Jefus von Nazareth . . . hat niemals
auf Erden gewandelt, ift niemals auf Erden geftorben,
weil er ja nichts wie ein israelitifcher Gilgamefch ift,
nichts wie ein Seitenftück zu Abraham, zu Mofes und
zu unzähligen Geftalten der Sage. Wie einft die Baby-
lonier in ihrem Gilgamefch, fo verehrt daher die Chriften-
heit in ihrem Jefus — zur Hälfte — eine im Nebel ver-
fchwindende, für das Menfchenauge erlöfchende Sonne,
unfre große herrliche Sonne nämlich, und diefelbe Sonne,
die fchon vor vielen Jahrtaufenden in glühender Pracht
und lebendiger Majeftät am babylonifchen Himmel auf-
und unterging und König und Volk im babylonifchen
Lande zu anbetender Verehrung und dankbarem Dienfte
zwang' (S. 1029). ,Zur Hälfte' ift das Chriftentum Dienft
diefes babylonifchen Gottes, fofern zwar ,fo gut wie die
ganze evangelifche Gefchichte' aber nicht ,der größte
Teil der Reden Jefu bei den Synoptikern' unter Jenfens
Vernichtungsurteil fällt. Damit hängen diefe fynoptifchen
Jefureden freilich ,gänzlich in der Luft, fie Hammen von
einem unbekannten Manne, aus zum minderten nicht genau
bekannter Zeit und aus unbekannter Gegend. Ja, wer
bürgt uns jetzt noch dafür, daß fie, wenigftens in der
Hauptfache, auf einen Mann zurückzuführen find, und
daß ihre von den Theologen behauptete Homogenität,
wenigftens in der Hauptfache, fich nicht lediglich von
einem Sammler herfchreibt' (S. 1026)? DieGefchichtlichkeit
des Täufers hält J. dagegen aufrecht (S. 950. 977. 1030).

Die Jefusfage (S. 811 —1030), fpeziell in Nazareth hei-
mifch, Hellt J. die febulonitifche Faffung der Gilgamefchfage
dar; inSebulon foll fie fchon in der Jonafage(8oi—810) ihren
Reflex haben, während ihre weitern von ihm behandelten
Ablenket, die in vielen Punkten übrigens der Urfage
weniger nahe als die Jefusfage flehen follen (998), die
Sagen folgender Perfonen find: In Levi: I Mofes, Aaron
und Eliefer (125—158), II Jofua (Hoherpriefter) und
Esra, Daniel und Afarja (189 — 208); in Nordjuda: I Jofua
von Bethfchemefch (I Sam. 6) und Eleafar ben Abinadab
(181—188), II David (474—550 nebft drei Anhängen j
551—578); in Südjuda: I Jakob, Efau und Jofeph
(225—285), II Abraham, Ifaak, Haran und Eliefer
(286—345), III Ifaak (346—360); in Ephraim: I» Jerobeam
und Ahia (209—220), Ib Jofua und Eleafar (159—180),
II der Levit von Jdc 19 (361—384); in Edom: Hadad
(221—224); in Dan: Simfon (385—405); in Benjamin:
Saul und Samuel (406—473); in Manaffe: I Elifa, Ahab
und Elia (579—700 nebft Anhang 701—704), II Gideon-
Jerubbaal und Abimelech (705—745 nebft Anhang
746—753), III Jephta (754—765); in Naphtali (,nicht weit
von der Ortfchaft, welche die Heimat eines Jefus fein
foll'): Tobias, Tobit und Afarja (766—795); in Iffachar:
Baefa und Jehu (796—800).

Alfo Gilgamefchfage und wieder Gilgamefchfage,
und der gewohnte Refrain: ,Mythus und Sage, aber

keine Gefchichte, wenigftens keine als folche erkennbare
, und allerhöchftens Gefchichte in homöopathifchen
Dofen'! (745) Von den Patriarchengefchichten, die für
hiftorifche Ünterfuchuugen, z. B. über Einwanderung der
Stämme oder Geringfügigeres, gänzlich unverwertbar fein
follen (285. 344. 360), ganz zu fchweigen, von Mofe, von
Jephta, von dem, falls er einmal gelebt haben follte, uns
kaum noch mehr als fein Name bekannt wäre (765),
nicht zu reden,— man muß den Gedanken fahren laffen,
daß über Sauls und Samuels Leben die Sonne der Gefchichte
leuchte (472), und wie Sauls Leben, ,fo ver-
fchwindet für uns wohl auch das Davids, mag er hundertmal
eine hiftorifche Perfönlichkeit fein, jenfeits des Horizontes
der Gefchichte in dem Lande, von dem man fich
fo Vieles erzählt, aber gar nichts weiß! (550) Auch die
Erzählungen, die jeden Zufammenhang mit der Gilgamefchfage
von David verleugnen — J. nennt ihn fonft eine
automatifch funktionierende Figur diefer Sage (476 Ai),—
find ebenfalls nichtisraelitifchen Urfprunges: hier hat die
Sage David mit bunten Federn des Affyrerkönigs Sal-
manaffar II gefchmückt (5 58 f.). Sein angeblicher Sohn
Salomo aber ift am Ende kein anderer als der von
Tiglat Pilefer III erwähnte König Salamänu von Moab,
der in der zweiten Hälfte des 8. vorchriftlichen Jahrhunderts
regierte (578), und Salomos Regierung ift in der
Hauptfache ein wefenlofer Abglanz der Regierung Tiglat
Pilefers III (566). Und nicht nur die Gefchichte Jerobeams,
die ganze Losreißung der zehn Stämme von einem König
von Gefamtisrael oder gar fpeziell von einem Sohne Salomos
ift unhiftorifch (220); die ganze Baefagefchichte
fcheint rein fagenhaft (800), und auf eine Verwertung
der atl. Gefchichten von Ahab, Joram und Jehu muß der
Hiftoriker gänzlich verzichten. Wären uns Ahab und
Jehu nicht durch Infchriften von Königen von Affyrien
als hiftorifche Perfönlichkeiten bezeugt, fo hätten wir
keine Urfache, an ihre Gefchichtlichkeit zu glauben! (700).

Einen ,Äffyriologen von jenfeits der Grenze der
Gerechtigkeit' nennt lieh J. einmal (340). Er will damit
nicht befagen, daß er dem A.T. Unrecht tue, fondern
daß ihm von Seiten der Altteftamentler notwendig Unrecht
gefchehen müffe; denn es braucht nur den ,guten
Willen zu glauben' (424), um fich von Jenfens Recht zu
überzeugen. Für meine Perfon bin ich mit allem guten
Willen an fein Buch herangetreten; aber abgefehen vom
fundamentalen fachlichen Widerfpruch, den es mir als
Ganzes abnötigt, hat es mich ftark enttäufcht. Ich hätte
es von vornherein keineswegs für unmöglich gehalten,
daß es J. gelingen könnte, wenigftens an einzelnen
Punkten eine faktifche Einwirkung der Gilgamefchfage
auf atl. Erzählungen nachzuweifen; m. E. ift ihm aber
nicht einmal das geglückt. Sein Buch ift nur der abenteuerliche
Beweis geworden, was unter dem Zwang einer
Idee, von der man fich einmal hat gefangen nehmen
laffen, eine glücklicher Weife recht blühende Phantafie',
eine glänzende Kombinationsgabe und ein Scharffinn,
der (verdächtiger Weife) niemals um eine Erklärung verlegen
ift, aber auch eine eiferne Beharrlichkeit fertig
bringt. Man freut fich ordentlich, beim Verfaffer felber
einmal (333) auf den Ausdruck ,Gilgamefch-Monomanie'
zu flößen. Kein Wunder daher, daß ,diefes Weltalter'
noch nicht reif ift, feiner Alles auf den Kopf flehenden
Auffaffung zu folgen! (vgl. 344). In Wirklichkeit tritt
in ihr eine ganz unerhörte Unterfchätzung der perfön-
lichen Kräfte, welche die menfehliche Geiftesgefchichte
wie die Weltgefchichte überhaupt bewegen, zutage,
eine abfolute Verkennung alles gefchichtlichen Lebens
mit der ihm natürlichen Händigen Wiederkehr ähnlicher
Situationen und zugleich einem ewig wechfelnden Reichtum
der dafür vorhandenen Ausdrucksmöglichkeiten, ein
erftaunlicher Mangel an common sense in Dingen der
Kritik hiftorifcher Urkunden. Wer nicht fühlt, daß wir
es in II Sam 9 ff. mit lebendiger Gefchichte zu tun
haben, daß der Baubericht I Reg 6. 7 etwas anderes