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Ausgabe:

1907 Nr. 21

Spalte:

587-589

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Smith, Ph. D.

Titel/Untertitel:

Luthers Table Talk 1907

Rezensent:

Kawerau, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 21.

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Smith, Preserved, Ph. D., Luther's Table Talk. A critical
Study. (Studies in History, Economics and public
Law. Vol. XXVI. No. 2.) New York, The Columbia
University Press 1907. (135 p.) gr. 8° $ 1 —

Es mag als ein kühnes Unternehmen erfcheinen, daß

ihm (S. 21) der Amanuenfis Luthers, der ihn erft nach
Koburg und ,von dort auf den Augsburger Reichstag
begleitete'; und nach S. 22 pflegte er Luther während der
fchweren Krankheit, die diefen 1530 ,nach dem Augsb.
Reichstag' befiel. Wer das fchreiben kann, hat doch
von dem Koburger Aufenthalt eine höchft mangelhafte

ein Anglo-Amerikaner uns über Luthers Tifchreden eine j Vorflellung! Oder er äußert zwar in der Anm. einen
,kritifche Studie' bietet. Die für eine Förderung auf diefem I leifen Zweifel, behält aber im Text S. 25 die unfinnige

Gebiete unerläßlichen handfchriftlichen Forfchungen zu
betreiben, ift der Verf. nicht in der Lage gewefen;
daher ift feine Studie denn auch im wefentlichen nur
ein Referat über das, was bisher andere ermittelt haben:
die Einleitung Bindfeils zu Bd. IV der Förftemannfchen
Tifchredenausgabe, dann Löfches Einleitung zu feinen
Analecta, Krokers Einleitung zu feiner Ausgabe der
Leipziger Tifchreden-Handfchrift und Wilhelm Meyers
fchöne Abhandlung über Lauterbachs und Aurifabers
Sammlungen haben ihm im wefentlichen das Material
geliefert, das er in folgenden Abfchnitten vorführt:
Luther und feine Gälte; die älteren Aufzeichner der
Tifchreden; die jüngere Gruppe; die Quellen; die Luther-
Hiflorien des Mathefius (nämlich die dort mitgeteilten
Tifchreden); die gedruckten Ausgaben; die Überfetzungen;
ihre literarifche Art; ihr gefchichtlicher Wert; darauf
Bibliographie der Handfchriften, der Drucke, der Überfetzungen
, der Hilfsliteratur. Alfo eine nach den ver-
fchiedenften Richtungen orientierende Einleitung. Gern
hebe ich hervor, daß die Bibliographie, namentlich in
dem Abfchnitt über englifche Überfetzungen und Aus-
lefen, manches bei uns Unbekannte mitteilt, und daß
der Verfaffer auch tabellarifch die Quellen und die fe-
kundären Sammlungen in ihrem Verwandtfchaftsverhältnis
deutlich zu machen fucht. Für englifche Lefer, die der
deutfchen F'orfchung fern flehen, ift das Buch auch wohl
geeignet, Einblick in die verwickelte Überlieferungsge-
fchichte und damit ein allgemeines Urteil über den ge-
fchichtlichen Wert und deffen Grenzen inbezug auf die
Tifchreden zu gewähren. Auch die beliebte tendenziöfe

Flüchtigkeit Aurifabers (Förfiem.-Bindfeil IV, 346) bei,
wonach — weil vom Wormfer Reichstag in der Tifchr.
erzählt wird — Lauterbach im Sept. 1521 bei Luther in
Wittenberg gewefen fein foll, der doch damals auf der
Waitburg verdeckt war; hätte er nur die Tifchrede
felbd angefehen, in der Luther unter anderem auch vom
Auftreten der Evangelifchen auf dem Augsburger Reichstag
redet, und bedacht, daß diefelbe Rede bei Cordatus
Nr. 1721 unter Aufzeichnungen von c. 1533 fleht, er hätte
feinen Text nicht fchreiben können. Neben folchen Un-
bedachtfamkeiten, die auf den Mangel fichrer Kenntnis
des Lebens Luthers und der Ref.-Gefch. zurückweifen,
finden fich entfchiedene Mißverftändniffe der Sprache
der Tifchreden. So überfetzt er die nlrQoq>OQia (Cordatus
nr. III b), die von Luther auf das certum esse doc-
trinae seil fidei bezogen ift, mit ,rcdundant style' (S. 20).
Wenn Cordatus nr. 133b fagt: auch V. Dietrich und
Schlaginhaufen hätten fich Aufzeichnungen gemacht,
quorum micas {ut sperd) Ulis meis conjunxero, onuiis
multitudo piorum gratis mihi erit, fo ift ja freilich der
Text verderbt; man muß ein si im Vorderfatz einfchie-
ben, und im Nachfatz gratis in grata korrigieren: wenn
Cordatus, wie er beabfichtige, eine vollfländige Sammlung
der Tifchreden hergeftellt habe, dann werde die
ganze Menge der Frommen ihm dafür dankbar fein.
Aber Smith überfetzt: whose crumbs, as 1 liope, I shall
join to mine, jor the whole collection of pious sayings
will be pleasing to me (p. 12). Anderes ift mehr als
Flüchtigkeit zu beurteilen, fo wenn er vidua Lutherum
orans pro marito überfetzt: a widower asking him

Verwertung derfelben zur Schmähung des Charakters i for assistance in the selection of a wife (p. 13). p. 43
und der Sittlichkeit Luthers weift er im ganzen treffend zitiert er zweimal coenabaniur und respirebat und be-
ab und erfreut oft durch ein unbefangenes Urteil über | merkt: ,Here respirebat is senseless und coenabantur

das Selbftporträt, das der Reformator hier von fich dem
Lefer gibt. Aber die Tifchredenforfchung hat eine weitere
Förderung hier doch nicht erhalten können, überW. Meyer
und Kroker führt er nirgend hinaus. Er überfieht, daß
die Erhebung des handfchriftlichen Materials noch lange
nicht abgefchloffen ift, um jetzt fchon das Fazit zu ziehen.
Er überblickt nicht einmal vollftändig das Material, das
bereits bekannt geworden ift. Er weiß nicht, daß jetzt
G. Rörers Tifchredenfammlung in Jena aufgefunden worden
ift (vgl. Koffmane, Die handfehriftliche Überlieferung
von Werken M. Luthers, Liegnitz 1907, S. XVIII ff.); daß
Wrampelmeyer inzwifchen auch aus der Berliner Cordatus-
Handfchrift größere Mitteilungen gemacht hat (in Feft-
fchrift des Kgl. Gymnafiums zu Clausthal 1906, S. 39 ff.);
daß über eine Rigaer Handfchrift Haußleiter in ThLBl. 1893
berichtet hat. Einen Irrtum Pregers und Krokers nach-
fchreibend. führt Smith uns wieder Anton Corvinus als
einen der Überlieferer von Tifchreden auf, deffen Aufzeichnungen
aber mit Ausnahme einer einzigen von
Schlaginhaufen übernommenen verloren feien. Aber
diefer Corvinus war nicht der bekannte Theologe, fondern
der Anhaltifche Kanzler Ludwig Rabe, und feine
Sammmlung ift in Gotha Cod. ch.Bi^ (in 40) Bl.83 a—93b)
erhalten: ,D. Martini. L. Sententiae, Die Jn mensa eins,
etwann gefallen vnnd durch den Anhaltifchen Cantzler
Luodowig Raben allfo zufammen Colligiret'. Ich habe
darauf fchon in der 5. Aufl. des Köftlinfchen Luthers
II 679 (zu 479) hingewiefeu; aber freilich kennt Smith
von Köftlin nur die Ausg. von 1883. Neben folchen
Lücken in feiner Überfchau über das fchon bekannt gegebene
Material zeigt Smith gelegentlich eine bedauerliche
Unkenntnis der Ref.-Gefch.; V. Dietrich war nach

is stränge'. Aber Seidemann, deffen Ausg. von Lauterbachs
Tagebuch er hier kritifiert, hat ganz richtig: coe-
nabatur und respirabat. Smith will hier (im Anfchluß
an W. Meyer) aus andern Handfchriften canebantur [er
druckt canabantur!] und haesitabat als richtige LA ein-
fetzen. Aber Seidemanns Text ift m. E. korrekt: Luther
hält am Sonntag Estomihi in feinem Haufe Abends ein
convivium regni (vgl. dazu Köftlin5 II 681); da heißt es
nun: Jbi coenabatur, recitabantur Psalmi, Euaugclia, Ca-
teckismus, Orationes, prout singulis erat demandatum.
Smith will mit Meyer dafür fetzen: canebantur Psalmi,
recitabantur Euangelia etc. Aber das convivium war doch
wohl zunächft auch gemeinfame Mahlzeit. Und wenn es
dann weiter heißt, daß das Gefinde (familid) ängftlich bei
dem ihm befohlenen Auflagen des religiöfen Lernftoffes
,respirabat', tief Atem holte, fo fcheint mir grade das die
urfprüngliche Niederfchrift, das haesitabat der andern
Handfchriften fpätere Nachbefferung zu fein. p. 93 will
Smith die mit Luthers Käthe zugleich entflohene Nonne
Ave v. Schönfeld durchaus in Anna v. Schönfeld umtaufen
, weil Kummers Tifchredenhandfchrift fie fo nennt,
und Köftlin wird von ihm getadelt, daß er dem falfchen
Namen Ave Verbreitung verfchafft habe; aber hätte er
doch nur bei Seidemann, Lauterbachs Tagebuch S. 163
rachgelefen oder Enders IV 128! Manches, woran fich
der Lefer flößt, wird Druckfehler fein, fo die falfchen
Zahlen in den Zitaten, die bei einer Nachprüfung feiner
Angaben viel Aufenthalt bereiten (z. B. p. 49 Anm. 3
1. 72 ft. 71 und 165 ft. 135); aber ift es noch Druckfehler,
wenn konfequent Niemergk ft. Niemegk zu lefen ift? Ein
grobes Mißverftändnis ift mir S. 109 aufgeftoßen, wo
Smith die Tifchr. Seidemann S. 117, in der Spalatin von