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Ausgabe:

1907 Nr. 21

Spalte:

580-581

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Buonaiuti, E.

Titel/Untertitel:

Lo Gnosticismo 1907

Rezensent:

Ficker, Gerhard

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Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 21.

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eine Reihe alter und wichtiger jüdifcher Gebete. (Ausgewählte
Mifchnatractate in deutfcher Ueberfetzg. 3.)
Tübingen, J. C. B. Mohr 1906. (VII, 43 S.) gr. 8° M. 1.20

Von Pirke Aboth kennt Ref. rund 100, von Mifchnah
Berachoth einige 20 vollftändige Überfetzungen in allerlei
Sprachen feit 1519. Auch die für Theologen infon-
derheit wichtigen anderen Mifchnah-Traktate find oft
überfetzt worden (vgl. m. Krit. Gefch. d. Talmud-Überff.).
Trotzdem find diefe religions- und kulturgefchichtlichen
Dokumente noch immer nicht genügend bekannt und
gewürdigt; daher begrüßte bereits beim Erfcheinen der
Joma-Überf. (vgl. ThLZ 06, Nr. 2, Sp. 50fr.) Ref. Fiebigs
Unternehmen als hochbedeutfam, zumal wegen der ver-
fprochenen Erläuterungen nebft Hinweifungen auf Neu-
teftamentliches, obfchon der erfte Verfuch nicht alle Erwartungen
erfüllte. Die jetzt folgenden Stücke tun das
leider noch weniger. Da F. Lefer im Auge hat, die des
Grundtextes nicht habhaft oder nicht genügend mächtig
find, mußte er wenigftens fuchen, ihnen ein möglichft
treues Bild der Textgeftalt zu geben. Schon hier aber
herrfcht fchuldhafter Mangel an Sorgfalt. Für p hat er
nicht weniger als 4 Tranfkriptionen, z. T. auf derfelben
Seite: das ganz unmögliche qu („Pirque" durchgängig,
dann z. B. „Beroqua" PA IV 4 und Quorchah" B II 2), ferner
q (z. B. „Zadoqi! PA IV 5), focTann k (z. B. ,,'Akabja"
PA III 1), endlich k (Akiba, Jakob ufw.); daß er das
Schluß-n bald fchreibt, bald fortläßt, fowie 2 und T gleichmäßig
mit Z wiedergibt, ftatt Schema' oder Schma'
(yaiö) konftant Schem'a, ftatt Schema'jah (r"P?iüti)
Schem'ajah bietet, nebeneinander „hazwasi" und „hä-
yadosch" bringt (PA, S. 5u.), bei Bezeichnung der
„5 Paare" (PA, S. 2f.) und fonft öfter die den Zufatz des
Überf. anzeigenden Klammern fortläßt ufw., fei nur nebenbei
erwähnt. — Auch diesmal wieder werden gleichlautende
Termini und Paflus, oft dicht nacheinander,
verfchieden überfetzt, ohne jeden Grund: Berachoth
S. 6, Z. 2 heißt -|1Q8 „fagt", Z. 5 „hat getagt"; D^nsn
bald „Weife", bald „die Gelehrten", bald „die Weifen"
fdaf. S. I, 2, 5); SIN bD daf. S. 5, Z. 21 richtig „jedermann
" (= jeder Jude), trotz desfelben Sinnes aber S. 3,
Z. 5 „alle Menfchen", gleich darauf (Z. 9) „alle Leute";
niffiK) daf. S. S, Z. 12 richtig „den Gruß erwidern", Z. 18
aber „antworten"; ü2*i wird S. 5 und 6 (fogar im felben §)
wahllos mit „hat feine Pflicht erfüllt" und „ift feiner Pflicht
ledig" wiedergegeben; "iniün TTaS> daf. I 1 (S. 1 u. 2) an
vier Stellen bald „Morgengrauen", bald „Säule der Morgenröte
" (d. h. erfter Strahl des Morgenlichts); QipIDS
daf. II 1 (wie bei Goldfchmidt!) teils „Abfchnitte", teils
„Abfätze", . . . V rPtt nWü (fo lieft F.) wird S. 1 und 7
ebenfalls verfchieden überfetzt; ebenfo PA, S. 9, Z. 12
Dbb IIS ynaa „das Übergewicht über fie alle haben",
fechs Zeilen darauf aber „fie alle aufwiegen" u. a. m. —
Die fonflige Übertragung des Grundtextes ift nicht
minder unexakt; ich befchränke mich auf Proben aus den
erften Seiten beider Hefte. Pirke Aboth: I i D^ltTO
heißt im Deutfchen (ebenfalls paffivifch) „bedacht"; U'HOn 'S
Liebeserweifungen; I 7 und 9: Schzztach; I 8 D'OI'Hrl "OTlSD
nimmermehr (partitiv) „wie einer (!) von denen unter (!)
den Richtern, die ordnen (?!)", fondern: „denen gleich,
die die Richter zu beeinfluffen fuchen", d. h. fei als Richter
nicht einfeitig voreingenommen, wie der Advokat
einer Prozeßpartei oder diefe felbft; I 10 ni33"l hier nicht
„Herrfchaft" (das wäre in73bx2), fondern „Großmächtigkeit"
(und Großmächtigtun); 1 13 SStl ift nicht „wohl", fondern
ficher die Thorah, vgl. IV 13 min mb; NSna TSttnOX ;
heißt „fich durch die Th. materiellen Gewinn verfchaffen",
mit ihr dem Eigennutz dienen; I 18 war auch „denn es
ift gefagt" ufw. klein zu fetzen; II i mC p~n der „gerade"
(nicht: „richtige") Weg; II 2 DtTOit niDT ift nicht das
Verdienft der Väter „der Gemeindemitglieder", fondern
der Väter derer, die fich um die Gemeinde bemühen,
der Gemeinnützigen; II 7 YQJtyb nsp nicht „fo hat er

ihn (den guten Namen) für fich erworben", fondern „fo
hat er nur für fich eine (fubjektiv wertvolle) Erwerbung
gemacht" (Gegenfatz: das ewige Leben als etwas obj ekti v
Wertvolles); S. 9, Z. 2 M31t2 „pflegte aufzuzählen", wie
Z. 9 TalSt richtig „pflegte zu fagen", ufw. — Berachoth:
Trotz der richtigen Bemerkung, daß 3153© ritt tnp „das
Schma' rezitieren" bedeute, überfetzt dies F. durchweg
mit dem finnlofen „das Schma' lefen"! S. 1, Z. 9 lies:
„von der Zeit des Erfcheinens der Sterne" oder „vom
E. d. St. an"; I 1 ift OTB1 t-fO ebenfowenig wie in
Eccles. VII 2 „Trinkhaus" (!), fondern „ein Haus, wo ein
Gelage flattgefunden hat" (oder ftattfindet), kurz „Gelage,
Gafterei" (convivium); S. 2, Z. 6, 10, 14 )ni2a „die Verpflichtung
hierzu" (gilt); S. 3 oben: „fo hat er (mit dem
verfpäteten Rezitieren) nichts verdorben" oder „verloren";
I 3 Küi ift nach Maimunis ausdrücklicher Bemerkung
nicht „fich niederlegen, genauer: fich niederbeugen",
fondern „fich hinlehnen" oder „anlehnen", accumbcrc, nicht
eubare; S. 3 letzte Textzeile 1. „in Gefahr wegen (hin-
fichtlich) der Räuber" (DiEObri ">257j); S. 4, Z. 1 oben 1.:
„du hatteft perfönliche Gefährdung verwirkt"; I 5 '2 "pS
TODS „beinahe 70 Jahre alt"; II 3 mt» „irrt" ift ungenau,
nach fol. 16a ift gemeint „etwas ausläßt"; II 5 muß es
heißen: „und, falls er (des Sabbaths halber) den Akt
nicht vollzogen hat, bis zum Ausgang des S."; S. 7,
Z. 11 nicht „um . . . abzulegen", fondern „daß ich . . .
von mir täte", ufw.

Auch mit den Anmerkungen fleht es nicht beffer.
Doch geftattet der Raum nicht, auch hierauf noch näher
einzugehen. F. hat fich feine Aufgabe zu leicht gemacht.
Mit annähernd richtigem Überfetzen und einigem „notulas
aspergere" ift es nicht getan; ja, F. hat nicht einmal
manchen feiner Vorgänger erreicht. Die Schuld mag
z. T. daran liegen, daß er ,diefe Studien nur nebenher
betreiben kann' (Berachoth, S. 43). Der Talmud, auch
die Mifchnah, fordert den ganzen Mann und deffen ungeteilte
Kraft und Zeit. Ob wir mit den bisherigen Über-
fetzungsmethoden, die zwifchen banaufifcher Wörtlichkeit
und verfchwommener Freiheit unangenehm hin und
her zu fchwanken pflegen, je ein leidliches Abbild des
Originals erhalten werden, bezweifle ich. Am beften
würde dem fchönen Zwecke, den F. fich urfprünglich
fetzte, eine Arbeit dienen, die zunächft eine möglichft
wörtliche, die gedrungene talmudifche (und das ift auch
paulinifche) Ausdrucksweife widerfpiegelnde Übertragung
böte, darunter eine den Sinn korrekt und erfchöpfend
wiedergebende Paraphrafe und endlich ausführlich eingehende
und präzife Anmerkungen. Doch dem fleht
wohl der Mangel an Zeit und die Notwendigkeit fchneller
Manufkriptlieferung entgegen.

Leipzig. Erich Bifchoff.

Buonaiuti, E„ Lo Gnosticismo. Storia di antiche lotte
religiöse. Roma, F. Ferrari 1907. (288 p.) 8° L. 3.50

Der Verfaffer faßt den Gnoftizismus auf als einen
Teil des fynkretiftifchen Prozeffes; er unterfcheidet fich
von dem offiziellen Synkretismus im römifchen Reiche
durch die Herübernahme des Chriftentums. Darum ift
auch im 2. Kapitel die religiöfe Situation im römifchen
Reiche mit einigen Strichen gekennzeichnet. Im 1. Kapitel
wird der Gedanke zurückgewiefen, als ftände der Gnoftizismus
in organifcher Abhängigkeit von der paulinifchen
Spekulation. Das 3. Kapitel unterfucht die Quellen; es
werden die gnoftifchen Schriften, die wir dem Titel oder
dem Inhalte oder dem Wortlaute nach kennen, oder von
denen fich Fragmente erhalten haben, aufgezählt, und
dann werden die Berichte der alten Autoren gewürdigt.
Dabei werden auch die Arbeiten zur Quellenkritik des
Gnoftizismus befprochen; es wird konftatiert, daß durch
diefe Bemühungen fehr wenig erreicht worden ift. Das
4. Kapitel fchildert die Gnoftiker, von denen wir nur
legendarifche Kunde haben, Simon ufw. Das 5. Kapitel