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Ausgabe:

1907 Nr. 21

Spalte:

577-578

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Heß, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Jesus von Nazareth 1907

Rezensent:

Wernle, Paul

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 21.

578

,Ungeduld' bei einem Durchfchnitts-Leben-Jefu fo zur
Geltung gelangen fehen! Auch wer mit dem Stoff längft
vertraut ift, gewinnt aufs Neue den Eindruck der Un-
erfchöpflichkeit. Eine große Menge Analogien oder
Kontrafte aus der Religions- und Weltgefchichte fördern
die Erkenntnis der Eigenart Jefu. Die Kritik kommt
fchließlich in der vorfichtigen Verwertung des 4. Evangeliums
, der Würdigung der Sonderftellung des Lukas
in der Armutsfrage, dem Prüfftein für die Echtheit der
Wunder: ,foweit fie nicht Hilfe aus der Not bedeuten,
find fie verdächtig' (307) zu ihrem Recht. So ift es ein
Werk, an dem auch der Fachhiftoriker, der hier feine
exakten Methoden vermißt, nicht vorübergehen follte; ja
ihm gerade ift es zu wünfchen, daß er von jedem lerne,
der mit eigenen offenen Augen an die Evangelien herantritt
. Der einzige, freilich entfcheidende Mangel des
Buches ift, daß es über dem Vielerlei der Gefichtspunkte
feine eigentliche Abficht, einen gefchloffenen Eindruck vom
Charakter Jefu zu geben, nicht erreicht und, — müßte
der Hiftoriker hinzufetzen — angefichts der mannigfachen
heterogenen Spiegelungen diefes Charakters in den ver-
fchiedenen Quellen, auch wohl nicht leicht erreichen kann.

Bafel. Paul Wernle.

Heß, Wilhelm, Jefus von Nazareth im Wortlaute eines
kritifch bearbeiteten Einheitsevangeliums dargeftellt.

Tübingen, J.C.B. Mohr 1906. (XV, 77S)p.8- M. 1 - f^^dTd^ Do^ismS ™*35E^5

länger er es las, deftoweniger kritiklos, er löfte die Forderungen
des Gotteswillens von dem vergänglichen Inhalt
des Zeremonial- und Ritualgefetzes. Das Gottesgefetz
befreite er vom bloßen Legalitätsftandpunkt, um es in die
reine Sphäre echtefter Sittlichkeit und Frömmigkeit zu
heben (S. 6f.). Zum Meffias berufen, mußte er fich doch
eine gewiffe Einfchränkung auferlegen (S. 13). " Es mußte
ihm ein anderes Tempo der Entwicklung vorfchweben
als Johannes (S. 14), er durfte das Kommen des Gottesreichs
nicht allzu lebhaft betonen. Sogleich nach der
Verfuchung war es noch nicht Zeit für Jefus, öffentlich
hervorzutreten, u. a. auch, weil Johannes das Recht hatte,
fich auszuleben (S. 15). Jefus hatte unterdeffen Zeit, (ich
zu überlegen, daß die fchöne und fruchtbare Landfchaft
Galiläa den günftigften Boden für feine Wirkfamkeit abgebe
(S. 16). Schon von Nazareth aus beftand beffimmte
Verabredung mit den Fifchern von Kapernaum; nicht
abfichtslos traf er vor Sabbat im Haus des Simon ein
(S. 17). Dies einige Proben unfres neuen Pragmatismus,
der bekanntlich vor 100 Jahren feine Blütezeit in der
theologifchen Wiffenfchaft erlebt hat. Von der Bergpredigt
heißt es u. a.: ,Daß Jefus die Kunft disponierter
Rede abgegangen fei, ift eine in der Luft flehende Behauptung
'. Jedenfalls hat Jefus nie ohne klare Gedankenfolge
gefprochen'. Jefus war kein Mann langer Einleitungen
und rhetorifcher Umfchweife'. ,Die Fähigkeit
prinzipiellen Geftaltens ftand ihm in hohem Maß zu Gebot
, ohne daß er verfucht war, ein Moralfyftem zu

Heß, Wilhelm, Jefus von Nazareth in feiner gefchichtlichen : In diefem Normalftil geht es fort bis zu der großen
Lebensentwicklung dargeftellt. Tübingen, J. C. B. höchft anormalen Ausnahme, dem Einzug in Jerufalem und

Mohr 1906. (V, 126 S.) gr. 8° M. 2 —

Tempelfturm. Eben noch hatte er in Jericho ,fein Beftes
^ gegeben', die Summe des Evangeliums und die Summe
Man kann die Jefusfreude und das Verlangen, fie | der Gebote dargelegt. Auf einmal unterlag er der Verandern
mitzuteilen, an diefen beiden Schriften fehr wohl ! fuchung, durch eine auffehenerregende Meffiasproklama-
herausfpüren und gleichwohl finden, daß fie fehr wenig [ tion Gottes Werk zu befchleunigen. Ein äußerft bedenk-
zu einem befferen Verfländnis Jefu beitragen. Ein kriti- | licher Schritt, der eine Art von tragifcher Schuld über
fches Einheitsevangelium ift an fich etwas Unmögliches, ! ihn brachte, eine Verletzung des Gelübdes jener Vereine
Hypothefe von lauter möglichen oder unmöglichen, fuchungsftunde, ein Vergeffen feiner Lehre von der aus
nirgends auch nur wahrfcheinlichen Vermutungen. Nun eigner Kraft wachfenden Saat (S. 86f.). Dabei waren
gar, wenn der Verfaffer Inhalt und Umfang der Berg- j dann, was Jefus tat, doch nur halbe Maßregeln, an diefer
predigt, der Schiffspredigt, der Predigt jenfeits des Sees I Halbheit mußte er faft mit Notwendigkeit fcheitern.
feftftellen will oder uns erzählt, was für Ereigniffe und 1 Immerhin, wir dürfen vom ethifchen Standpunkt aus dem
Reden auf Sonntag und Montag, auf Dienstag, auf Mitt- | Herrn keinen völligen und dauernden Abfall von feiner
woch der letzten Woche Jefu fielen! Manches ift gefchickt J Überzeugung zutrauen (S. 88f.). Es war nur eine kurze
arrangiert, originell erraten, das heißt aber noch lang | Entgleifung; fofort nachher, über Nacht, war er wieder
nicht richtig geraten. Jefus foll z. B. in der erften Syna- zum Geifteshelden und Heiland geworden (S. 93), als der
gogenpredigt die Gleichniffe vom neuen Lappen und er in den Tod gegangen ift.

neuen Wein gefprochen haben? Seltfames Auftreten, Auf diefes Leben Jefu paßt Albert Schweizers Kritik

damit zu beginnen, daß jetzt etwas ganz Neues kommt, unfrer Leben-Jefu-Forfchung vom erften bis letzten Wort,
nicht ein Flickwerk, und dann erft allmählich das Neue Es ift einzig zu hoffen, daß es für recht lange Zeit die
vernehmen zu laffen. Schon unfre Evangeliften waren | letzte Nummer diefer Literatur des Erratens, Erdichten?
darauf angewiefen, in einer fehr großen Zahl von Fällen | und Konftruierens bleiben möge, deren wiffenfehaftlicher
zu erraten und nach Vermutung zu arrangieren. Erkennen l Anfpruch häufig, wie gerade hier nur durch die Ahnungs-
wir heute ihre Mangelhaftigkeit, ein Mittel, es beffer zu 1 lofigkeit der Grenzen unfres Gefchichtswiffens von Jefus
machen, fehlt uns ganz. Im Text, den Heß uns bietet, ! zu entfchuldigen ift.

liegt da, wo ich nachgeprüft habe, Weizfäcker zugrunde; : ß fej . „, ,

darein ift eine Reihe Ausdrücke der Überfetzung von J. I
Weiß eingefetzt und einiges ganz Wenige flammt vom
Verfaffer.

Das zweite Bändchen des Verfaffcrs will den Text
des erften ,durch ein populärgefchichtliches, aber allen

Fiebig, Gymn.-Oberlehr. Lic. theol. Paul, Pirque 'aboth.

Der Mifchnatractat „Sprüche der Väter" ins Deutfche

wiffenfehaftlichen Anforderungen genügendes Leben Jefu überfetzt und unter befonderer Berückfichtigung des
ergänzen', deffen Stärke der gefchichtliche Pragmatismus i Verhältniffes zum Neuen Teftament mit Anmerkungen
fein foll. Aber man lernt daraus, wie aus der Mehrzahl , verfehen. (Ausgewählte Mifchnatractate in deutfeher
Qer Leben Tefu den Verfaffer weit beffer kennen als den T1 , r , „...,. , >, « ... . , ...

Helden, dem fein" Biographie gilt. Diefer Jefus ift ein ! V?™«1™* 2'> Tubingen, J. C. B. Mohr 1906. (V
moderner Normalmenfch, mit normal gewachfener Fröm
niigkeit, frei von aller Einfeitigkeit und Überfchwenglich
keit (S. 4). Je häufiger er in feiner Jugend von Jerufalem

43 S.) gr. 80 M. 1.20

Berachoth. Der Mifchnatractat „Segensfprüche" ins
«uTücÄti: dXKmchrr SS^ZUIZ feine»,* deutfche überfetzt und unter befonderer Berückfich-
,ruheren Entzücken und dämmerte ihm der Unterfchied tigung des Verhältniffes zum Neuen Teftament mit
von Schein und Wefen (S. 5). Das Gefetz las er, je I Anmerkungen verfehen. Mit einem Anhang, bietend:

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