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Ausgabe:

1907 Nr. 21

Spalte:

572-573

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Zimmern, Heinrich

Titel/Untertitel:

Babylonische Hymnen und Gebete in Auswahl 1907

Rezensent:

Jensen, Peter

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571 Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 21. 572

Schmuckfachen ufw., Frage der Totenopfer: die Tatfachen
legen ihm den Schluß nahe, daß die Opfer nicht den
Toten dargebracht wurden, fondern den unterirdifchen
Gottheiten zu gunften der Toten), in Kap. V (S. 297—360)
die Keramik, die ein befonders wichtiger Leitfaden für
die Unterfcheidung der Kulturfchichten und die Feft-
ftellung fremder Kultureinflüffe ift. Daran fchließt fich
ein Kapitel (VI, S. 361—426), in dem nach einer ausführlichen
Skizze der geologifchen Entwicklung Kanaans die
Funde der älteren und jüngeren Steinzeit, die Steinwerkzeuge
, die Cromlechs und Dolmen (mit Karten, die ihre
räumliche Verteilung erkennen laffen) behandelt werden.
Kap. VII endlich (S. 427—469) gibt einen Überblick über
das, was wir aus literarifchen Quellen (ägyptifchen, baby-
lonifchen, biblifchen) über die ältefle Gefchichte Kanaans
bis zur Königszeit erfahren.

Befonders zu rühmen ift, daß der Verf. zwifchen dem
objektiven Bericht über die Funde und ihrer wiffenfchaft-
lichen Deutung fcharf fcheidet. Der objektive Bericht
iftfo eingehend und mit fo zahlreichen guten llluftrationen
(11 Tafeln und 310 Textabbildungen) ausgeftattet, daß
er jedem Lefer ein ziemlich anfchauliches Bild gibt. Er
ift, foweit ich das habe kontrollieren können, bis in die
kleinften Kleinigkeiten hinein peinlich genau und zuver-
läffig. Freilich werden, wenn die Hauptberichte über die
Ausgrabungen der einzelnen Orte vorliegen, einzelne Angaben
fich als den Tatfachen nicht entfprechend erweifen.
Ich habe das fpeziell betreffs der Ausgrabungen auf dem
Teil el-Mutefellim konftatieren können, da ich als Redakteur
des Deutfchen Paläftinavereins mit der Redaktion
und Drucklegung des von dem technifchen Leiter der
Ausgrabungen gelieferten Fundberichtes befchäftigt bin.
Aber diefe kleinen Ungenauigkeiten fallen Vincent nicht
zur Laft; denn ich habe in allen Fällen feftftellen können,
daß feine Angaben den vorläufigen, in den Mitteilungen
und Nachrichten des Deutfchen Paläftinavereins erfchie-
nenen Berichten genau entfprechen, die Ungenauigkeiten
alfo dadurch veranlaßt find, daß der Fortgang der Ausgrabungen
manches beffer erkennen ließ als der Anfang.
Ebenfo anerkennend ift über die wiffenfchaftliche Erörterung
der Funde, namentlich die religionsgefchichtliche,
zu urteilen. Vor allem zeichnet fich der Verf. durch
große Vorficht aus. Er prüft die vorgefchlagenen Deutungen
und Erklärungen auf das forgfaltigfte, bringt aus
dem reichen Schatze feiner archäologifchen Kenntniffe
auf andern Kulturgebieten zahlreiche neue Gefichtspunkte
zur Beurteilung bei und verzichtet lieber auf eine Erklärung
, als daß er eine nur halb befriedigende annimmt.
Nie gibt er der Verfuchung nach, die Tatfachen in den
Rahmen einer Theorie hineinzuzwängen; vielmehr ift er
ftets bemüht, die Tatfachen allein entfcheiden zu laffen.
Dabei trägt er feine Auffaffungen mit einer großen, in
Anbetracht feiner ausgedehnten Kenntniffe vielleicht zu
großen Befcheidenheit vor, indem er in zahlreichen Fällen
erklärt, daß er fich nicht das Urteil eines Fachgelehrten
anmaßen könne, diefem vielmehr die Entfcheidung überladen
müffe. Es ift felbftverftändlich, daß die weitere
Forfchung auf diefem Gebiet zahlreiche Korrekturen erfordern
wird, und daß der eine oder andere die Dinge
anders auffaffen wird, als der Verfaffer es getan hat. Aber
das Lob wird ihm niemand vorenthalten dürfen, daß er
fich redlich und mit voller wiffenfchafthcher Ausrüftung
um die Erkenntnis der Wahrheit bemüht hat, und die
ganze Art feiner Arbeit läßt mit Zuverficht erwarten, daß
er felbft der erfte fein wird, der fein Urteil neuen Tatfachen
anpaffen wird.

Ein fehr ausführliches Regifter (S. 471—488) erleichtert
den Gebrauch des Buches. Zahlreiche Fußnoten
verweifen auf die vorhandene Literatur, die in ftaunens-
werter Vollftändigkeit herangezogen wird, und erörtern
allerlei Parallelen aus andern Kulturgebieten. Papier,
Druck und Ausftattung des Buches laffen nichts zu wün-
fchen übrig.

Vincents Buch wird für die nächften Jahre das
unentbehrliche Handbuch für alle die fein, die an der
Archäologie Kanaans ein Intereffe haben. Möchte es
zahlreiche Lefer finden und der Erforfchung Paläftinas
viele neue Freunde gewinnen, die die fo überaus wichtige
und verheißungsvolle Arbeit auch tatkräftig unterftützen!

Halle a. S. C. Steuernagel.

Zimmern, Prof. Dr. Heinrich, Babylonifche Hymnen und
Gebete in Auswahl. (Der alte Orient. 7. Jahrgang,
Heft 3.) Leipzig, J. G. Plinrichs'fche Buchhandlung 1905.
(32 S.) gr. 8" M. —60

Ungnad, Dr. Arthur, Babylonifch-affyrische Grammatik.
Mit Übungsbuch (in Transfkription). München,
C. H. Beck 1906. (IX, 163 S.) 8° Geb. M. 3.50

Weber, Otto, Die Literatur der Babylonier und Affyrer. Ein

Überblick. Mit 1 Schrifttafel und 2 Abbildungen.
(Der Alte Orient. Ergänzungsband II.) Leipzig,
J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung 1907. (XVI, 312 S.)
gr. 8° M. 4.20; geb. M. 5 —

Diefe drei Schriften haben die beiden Vorzüge mit
einander gernein, daß fie für verhältnismäßig wenig Geld
zu haben find und Vielen etwas bringen. Die von
Zimmern mit feiner beneidenswerten Kenntnis der
babylonifchen Literatur zufammengeftellte Auswahl von
Überfetzungen babylonifcher Hymnen und Gebete vermittelt
, foweit das auf engem Räume möglich ift, eine
allgemeine Vorftellung von dem Charakter diefer Literatur-
erzeugniffe und ift, wie das bei Zimmern nicht anders zu
erwarten war, auch in den Einzelheiten der Überfetzung
im Wefentlichen zuverläffig. ober vielerlei Details, die
indes für den Laien, der vor allem als Lefer gedacht ift,
gleichgültig find, bin ich freilich anderer Meinung wie Zimmern
. Doch gehört eine Erörterung darüber nicht hierher.

Ungnad bewährt fich auch in feinem Leitfaden als
ein felbftändiger, methodifcher und fcharffinniger Grammatiker
. Sein Buch, Grammatik, mit einem Übungsbuch
(Lefeftücken und einem Wörterverzeichnis dazu) verbunden
, ift vor allem für Theologen und Hiftoriker benimmt
, die fich in transfkribierte affyrifch-babylonifche
Texte hineinzuarbeiten wünfchen, ift aber als ein Buch,
das auf knappem Räume alles notwendige enthält, jedenfalls
auch von denen freudig zu begrüßen, die zu
den Originalen vordringen wollen. Damit ift nun nicht
gefagt, daß die Grammatik nicht in vielen Punkten
verbefferungsfähig ift. Auch an dem in der Hauptfache
einwandfreien Wörterverzeichnis zu der kleinen Chrefto-
mathie möchte ich Allerlei modifiziert fehen. Ungnad
fteht darin doch, im Unterfchiede von feiner Grammatik,
zu wenig auf eigenen Füßen und hat dazu nicht alle
lexikalifchen Unterfuchungen der neueren Zeit verwertet.
Indes als Ganzes verdient es das Buch, trotz folcher
Mängel, aufs wärmfte empfohlen zu werden.

Webers Buch kommt, als eine Überficht größeren
Stils über die gefamte babylonifche Literatur, welche
die gewaltigen Entdeckungen auch aus neuefter Zeit
durchaus berückfichtigt, einem Bedürfniffe entgegen, das
fich immer mehr fühlbar machte. Ihm ftand für fein
Unternehmen ein gewandter, flüffiger Stil und ein Sinn
für das Wefentliche und Blick für das Ganze zu Gebote
und er hat trotz fchwieriger Verhältniffe, die fich übrigens
in dem Buche gelegentlich bemerkbar zu machen fcheinen,
wenigftens fo gut wie Alles verarbeitet, was zu verarbeiten
war. So ift denn ein Buch entftanden, welches in der
Hauptfache vortrefflich dazu geeignet ift, dem Laien
einen Begriff von dem Umfange und der Bedeutung der
aftyrifch-babylonifchenLiteraturzu geben, und damit feinen
(Zweck zu erfüllen. Allein auch der Affyriologe wird
| Weber Dank wiffen. Nicht nur für die, freilich in Folge