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Ausgabe:

1907

Spalte:

562-564

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Cohen, Hermann

Titel/Untertitel:

Religion und Sittlichkeit. Eine Betrachtung zur Grundlegung der Religionsphilosophie 1907

Rezensent:

Niebergall, Friedrich

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Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 20.

562

natürlichen Mittel feien von ihm. Andererfeits fetze die | und die Einfchränkung der Entwicklung auf,die fomatifche
erfte Entftehung der Materie felber und dann die aus I Seite'. Die Tierfeelen werden von ihm, als zum Mate-
der Materie nicht erklärliche Entftehung der erften ■ riehen gehörig, der Menfchenfeele fcharf entgegengeftellt.
Eebensformen und ihrer Entwicklungsgefetze und end- I Aber wenn die Tiere wirklich .Seelen' haben, nicht bloße
lieh die Entftehung der .geiftigen' mit der tierifchen nicht : Automaten find, dann haben fie Empfindung, Begehren
vergleichbaren Seele des Menfchen notwendig den außer- und Bewußtfein. Das alles ift .immateriell' und aus
weltlichen allmächtigen und allwiffenden Schöpfer ' Materie und Bewegung grundfätzlich genau fo wenig ab-
voraus. Er fei eine geradezu unabweisbare Forderung ! leitbar wie die höchften Leiftungen des Menfchengeiftes.
der Naturwiffenfehaft felber. So fei die von Darwinismus I Hier verwirren apologetifches Intereffe und ariftotelifch-
und Monismus gereinigte Entwicklungslehre wohl ver- thomiftifche .Formen' = Lehre dem Verfaffer das Konzept,
einbar mit den wefentlichen Forderungen der .Kirchen- Der Hauptmangel ift in diefer wie in anderen Zoologenlehre
', und die bisher braufenden Fluten der Evolutions- oder Botaniker-Apologetiken, daß die Tiefe des Prolehre
würden lieh ebenfo glatt um den Felfen der Kirche blems nicht erreicht wird und nicht erreicht werden kann:
fchmiegen, gegen den fie anfänglich ftürmten, wie die folange Bäume, Affen, Schnecken, Zellen, Zellkerne und
der kopernikanifchen Weltlehre, an der ja heute kein Chromofomen allzu ernfthaft genommen werden, folange
Gebildeter mehr zweifele und mit der die Kirche längft ' nämlich diefe raum-zeitliche Welt und ihre Bildungen,
in FTieden lebe. ,Non pracvalebunt adversus petrain.' — [ ihre Anfänge und ihre Entwicklungen für das wahre
Auch die Entwicklung des Menfchen ,nach feiner foma- 1 Wefen der Dinge felber gehalten wird, kann man nicht
tifchen Seite' wird wenigftens hypothetifch als möglich gründlich und zulänglich über Gott und Welt nachdenken
zugegeben. Die ftille Richtung gegen den Anthropo- und nicht triftig die Gültigkeit unferer Glaubensüber-
morphismus und gegen die Auslegung ad litteram in der Zeugungen nachweifen. Kant muß erft an die Stelle von
katholifchen Hochtradition macht Verf. fich dabei fehr , Arilloteles und Thomas getreten fein. Immerhin hat
gefchickt zu nutze (vgl. S. 445 und 446), wie ihm denn unfer Apologet wenigftens diefe, wo viele feiner Genoffen
in diefer und in ihrem ariftotelifchen, alfo im Grunde ; oder moniftifchen Widerfacher nur ihre eigene ,Natur-
felber evolutioniftifchen Eanfchlage viele Anknüpfungs- ] philofophie' haben. Und das ift keine geringeÜberlegenheit.
punkte und Erleichterungen für feine Vermittlung ge- 1 Einige Liebhabereien des fpeziell katholifchen Geboten
werden. Dabei wird im letzten Kapitel eine lehrten wirken faft amüfant. (So, wenn fich die Apolo-
kräftige und zoologifch nur zu berechtigte Kritik an den ' getik auch ein wenig auf den immer noch hochverehrten
Voreiligkeiten des Affen-Menfchen-Stammbaumes, an J Ariftoteles — er kannte fchon die Plazenta der Haififche!
pithecantkropus, an dem zumeift durch Ausnahmen fich | — oder auf die wiffenfehaftlichen zoologifchen Leiftungen
beftätigenden.biogenetifchen Grundgefetze'ufw. ausgeübt, jefuitifcher und auch anderer Ordens-Gelehrter mit er-
(Uurch eine gefchickte Unterfcheidung wird obendrein ftreckt.) Im Ganzen aber treibt das Buch nicht .fpezififch-
eventuell die Möglichkeit gegeben, fich mit dem Buch- , katholifche' Apologetik. Es könnte geradezu für ein
ftaben des Schöpfungsberichtes ,ein jedes nach feiner erfreuliches Zeichen weitgehender Intereffengemeinfchaft
Art' auszugleichen und den .Exegeten' den Anfchluß zu , unter den Suchenden und Fragenden beider Konfeffionen
erleichtern. Wasmann unterfcheidet zwifchen ,fyftema- gelten. Zugleich für ein Zeichen jener gerade dem Je-
tifcher' und .natürlicher' Art, bezeichnet mit letzterer die , fuitenorden geläufigen Verbuche eines Ausgleiches der

einzelnen in fich gefchloffenen Entwicklungszufammen-
hänge, mit erfterer die de facto fogenannten Arten. Man
kann fo behaupten, daß ein jedes in feiner Art gefchaffen
fei: nämlich in feiner natürlichen Art', nicht in der
.fyftematifchen'.)

Für eine ausführliche Auseinanderfetzung mit diefer
Apologetik ift hier nicht der Ort. In ihrer Art ift fie
nichts neues: Sie gleicht der von Dennert, Reinke und
anderen Apologeten auf proteftantifcher Seite fchon feit
längerer Zeit ganz ähnlich ausgeübten. Die neueften
Ergebnifie der jung-antidarwiniftifchen biologifchen Richtung
werden hier nicht nur zoologifch, fondern auch
theologifch ins Feld gefuhrt. Diefelben find in ihrer Weife
intereffant und beachtenswert genug. Sie brechen den
Bann der darwiniftifchen Suggeftion und zeigen jedenfalls
, daß das rein Tatfachliche der naturwiffcnfchaftlichen
Porfchungsergebniffe indifferent ift und ebenfogut in die
Fächerwerke eines etwas primitiven Theismus wie eines
logenannten Monismus fich unterbringen läßt. Theologifch
ließe fich mancherlei einwenden (— vielleicht wichtigeres
und bedeutfameres als zoologifch) z. B., mit Kant,
daß auf diefem Wege immer höchftens ein fehr großer
kunftfertiger Weltarchitekt, aber niemals die ewige fchöp-
farifche Allweisheit felber gefunden werde, daß man
derlei Wirkungen wie fie hier in der Natur gefunden
werden, ebenfogut, vielleicht beffer auf Hartmanns .Unbewußtes
' als auf den Chriftengott deuten könne. (Zu
beachten ift, daß Hartmann dreißig Jahre vor dielen
neueften Antidarwiniften faft alle ihre Ergebniffe vorweg
fah und feinem Syftem einfügte.) ,Gott' ift nicht aus der

katholifchen traditionellen Ideenwelt mit modernen Be-
ftrebungen, und infofern auch für ein erfreuliches, wenn
anzunehmen wäre, daß dabei zugleich eine Modernitierung
und Erweiterung jener Ideenwelt felber, nicht aber —
was zu befürchten ift — eine bloße apologetifche Beruhigung
über .widerlegte' Feinde und ein um fo fefteres
Beharren in der alten Gebundenheit dabei fich ergäbe.
Göttingen. R. Otto.

Cohen, Prof. Hermann, Religion und Sittlichkeit. Eine Betrachtung
zur Grundlegung der Religionsphilofophie.
Berlin, M. Poppelauer 1907. (79 S.) 8° M. 1.20

Wer an diefes Buch mit der Erwartung herantritt,
eine umfaffende und fachliche Erörterung des Verhält-
niffes zwifchen Religion und Sittlichkeit zu finden, der
irrt fich. Er flößt nämlich fchon in der Vorrede auf
die ausgefprochene Abficht, die Bedeutung des Judentums
mit der Behandlung diefes Problems herauszu-
ftellen, wie denn auch die Schrift aus Auffätzen ent-
ftanden ift, die für das Jahrbuch für jüdifche Gefchichte
und Literatur gefchrieben waren. Sie ift nicht leicht zu
lefen: abgefehen von dem oft fehr abftrakten Stil und
fchwierigen Satzbau macht der Mangel an Abteilungen
und Überfchriften das Studium fchwieriger, als es die
Fülle des Lefeftoffes heute erlaubt. Aber fehr viel fleht
auf diefen 80 Seiten. Unter vielen umfaffenden Gefichts-
punkten und allgemeinen Erwägungen, unter vielen
.Zwar' und .Freilich' muß man fich den Weg zu dem
apologetifchen Grundgedanken bahnen. Wir heben ihn
Natur ^^^{^"'Üäär^ä ihn "zuvor aus anderen | einmal ohne Rückficht_ auf jene Zutaten und Abfchwäch-

Quellen haben: dann kann man fragen ob und wieweit ungen möglichft in feiner ganzen Schroffheit heraus:

Natur fich unter den Gefichtspunkten des Gottesglaubens
deuten laffe. Das gelingt zum Teil und zum Teil auch
Weht Ganz unmöglich ift bei Wasmann offenbar jene
eigentümliche Ausnahmeftellung der menfehlichen Seele

1. Wie die Logik die philofophifche Wurzel des Ge-
famtgebietes der auf Mathematik begründeten Natur-
wiffenfehaft, fo ift die Ethik das Zentrum der Gefchichts-
wiffenfehaft; fie ift fowohl der einzige Rechtsgrund der