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Ausgabe:

1907 Nr. 2

Spalte:

559-562

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wasmann, Erich

Titel/Untertitel:

Die moderne Biologie und die Entwicklungstheorie. Dritte, stark vermehrte Auflage 1907

Rezensent:

Otto, Rudolf

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5S9

Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 20.

von Offenbarung und Entwicklung bringt aber Simon nach verfe über diefe für einen Jefuiten auffallende Stellungallem
Bisherigen nur dadurch zuftande, daß er die Ent- nähme entfland, auf Grund vorangegangener Vorträge,
wicklung von vornherein nicht, wie der naturwiffenfchaft- unfer Buch.

liehe Empirismus, als ein ziellofes Streben ins Unbekannte Es hat einen Doppelcharakter. Einerfeits ift es

auffaßt, fondern als einen von einem Ziel beherrfchten
und darum aus einem immanenten Grunde hervorgehenden
Prozeß. Sobald fich diefe teleologifche Umbiegung
des modernen Entwicklungsbegriffs als unhaltbar erweift,
fo bleibt nicht nur der antiteleologifche Darwinismus,
fondern auch Tröltfchs Relativierung der Abfolutheit
des Chriftentums ihm gegenüber im Recht.

Halle a. S. Karl Heim.

Was mann, Erich, S. J., Die moderne Biologie und die

Entwicklungstheorie. Dritte, ffark vermehrte Auflage.

Mit 54 Abbildungen im Text und 7 Tafeln in j d.er Zelle entfaltet. Sehr bemerkenswert find die dazu

feinem Namen entfprechend, eine Einführung für den
allgemeiner aber nicht eigens biologifch Gebildeten in
das Gebiet der Biologie überhaupt: und zwar eine ganz
vortreffliche. Gewandt gefchrieben, mit vielen Abbildungen
verfehen, niemals zur ,populären' Oberflächlichkeit
hinabfteigend, mit ernfter Anforderung an Aufmerk-
famkeit und Mitarbeit, aber zugleich dem Allgemeingebildeten
überall verftändlich. Begriff und Gefchichte
der biologifchen Forfchung werden gegeben, ihr Spezialgebiet
wird abgegrenzt. Dann wird in ausführlichen
Kapiteln mit vorfichtigem forgfältigem Abwägen der
mannigfaltigen verfchiedenen Meinungen das Leben

Farbendruck und Autotypie. Freiburg i. B., Herder hinführenden Kapitel über Gefchichte der Zellenlehre

der mikrofkopifchen Methoden und der Kleinfarbe- und

1906. (XXX, 530 S.) gr. 8«

,Der Jefuitismus im Begriffe, den Darwinismus anzuerkennen
.' ,üie katholifche Kirche, ihren Frieden mit
der Entwicklungslehre fchließend.' So wurde in Dar-
winiffifchen Kreifen das Auftreten des Jefuiten Wasmann

fchneidekunft, diefen unentbehrlichen Führern in der
Welt des Kleinften. Den zweiten Teil bilden die Ausführungen
über die Entwicklungslehre, die Artumwandlung
und Abftammung, über die Formen, Beftimmungen,
Grenzen und F"aktoren der Entwicklung. Mit der Frage

und befonders das Erfcheinen diefes Werkes teils erfreut, nach Entwicklung und Abftammung von Iwmo sapiens

teils ärgerlich gedeutet. Häckel hielt eigens darüber
eine Reihe von Vorträgen (April 1905) in der Berliner
Singakademie. Wasmann erwiderte mit einem Vortrage,
gleichfalls in Berlin. Die Zeitungen behandelten den
Fall mannigfaltig. Um was es fich handelt, ift folgendes:
Wasmann ift Zoologe, fpeziell .Myrmekologe', anerkannt
und ausgezeichnet durch jahrelange erfolgreiche
eigene Studien und felbftändige Förderungen feines
Forfchungsgebietes. Für die Fragen des ,Darwinismus',
der Entwicklungslehre, der Beharrlichkeit, der Veränderlichkeit
der ,Art', der Eintwicklung im Morphologifchen,
im Pfychologifchen, auf dem Gebiete des lnftinktlebens,
für die Fragen nach den treibenden Faktoren der Entwicklung
, den inneren, den äußeren Einflüffen, den aus-
lefenden Wirkungen der natürlichen Zuchtwahl, den
Einflüffen der,Umwelt', für die Fragen der Tiergeographie,
der ,paläontologifchen Urkunde', der Wechfelanpaffung,
der Amikai- und Inimikalfelektion, der fließenden oder
fpringenden Entwicklung find die Ameifen und ihre
,Gäfte' ein wahres Mufterbeifpiel. Man lefe die einfach
meifterhaften S. 323—431 unteres Buches, um fich
davon zu überzeugen. Und daß in langjähriger beharr-

fchließt das Ganze. Ganz vortrefflich ift es, daß man
immer wieder in das Spezialgebiet der eigenen Forfchung
geführt wird. Die reichlichen Beifpiele und Ausführungen
aus dem Ameifengebiete könnten im Verhältnis zum
Umfange und Zweck des Werkes zu breit erfcheinen.
Aber für einen gründlichen Lefer find fie gerade wertvoll
im Vergleich zu den wahllos und dürftig zufammen-
gerafften Beifpielen anderer Werke ähnlichen Inhaltes.
Der Zweck diefer einen Seite des Werkes wird ganz
erreicht: zufammenhängende und forgfältige Belehrung
über die Biologie von heute, über ihre Methoden, ihre
Ziele, ihre ficheren und ihre möglichen Refultate, über
die wichtigeren entgegenftehenden Meinungen mit immer
wohlerwägender Prüfung. Die großen theoretifchen
Hauptergebniffe find diejenigen, für die fich, nachdem
fich nach allem Streite der Meinungen die Erhitzungen
und Voreiligkeiten der älteren Streiter zu verziehen beginnen
, jetzt unter der jüngeren Generation der natur-
wiffenfchaftlichen Forfcher allgemach eine Mehrheit zu
fammeln beginnt. Entwicklung und Umbildung der
Arten hat fraglos ftattgefunden, aber, wie es fcheint,
nicht von einem, fondern von vielen Ausgangspunkten

lichfter Einzelarbeit an diefem Mufterbeifpiele fich ein ; aus (polyphyletifch), nicht richtungs- und ziellos, fondern
hinlänglicheres Urteil über die wirklich am Werke be- j mit feften durch Vorbeftimmung innerer Entwicklungs-
findlichen Trieb- und Entwicklungsfaktoren der Natur bedingungen gerichteten Linien, feiten fließend, meiftens
bilden muß, als durch die Abfaffung von Stammbaum- j fpringend. Der ,Kampf ums Dafein' ift nicht der Spiritus
Romanen und durch zoologifche Religionsgründungen, rector, fondern nur der Nachrichter der Entwicklung.

ift recht glaublich. Daß diefe gründliche Einzelforfchung
mit echter liebevoller wiffenfehaftlicher Hingabe an den
Gegenftand und mit einfach ,zoologifchen' Gefichtspunk-
ten Methoden und Ablichten unternommen wurden,
leidet gar keinen Zweifel, und es erweift fich einmal
wieder, daß der Rückhalt an einem elaftifchen, deutbaren
theologifch-philofophifchen Dogma unter Um-
ftänden eine viel geringere Bindung der Forfchung abgibt
als eine bis zur Kaprize feftgehaltene, von der
Schultradition vorgefchriebene einfeitige Forfchungsme-
thode oder gar als eine im Dienfte materialiftifcher
Dogmatik und Apologetik flehende Betrachtungsweife.
Es war nun feit längerer Zeit aus Auffätzen Wasmanns
im Biologifchen Zentralblatte, aus Abhandlungen über
die Nefter und Kolonien der Ameifen, über die allmähliche
Entwicklung der Sklaverei bei den Ameifen, über

Einfluß der Umwelt, Gebrauch und Nichtgebrauch
der Organe wirken mit, aber die fpontane Selbftan-
paffung des Lebendigen und die innere Entwicklungsrichtung
find der eigentliche Kern der Sache. Experiment
, heutige Beobachtung, paläontologifche Urkunde
fprechen für Entwicklung, aber gegen Darwinismus. Die
Rätfei des Lebendigen löfen fich nicht auf durch eine
mechanifche Deutung. Damit ift ,Urzeugung', Ableitung
des Lebenden aus dem Toten, wohl ,moniftifches Poftulat',
aber nicht wiffenfehaftliches Flrgebnis. ,Omne vivutn e
vivo', ja omne chromosomal e chromosomale'', ift die
immer ficherere Erkenntnis moderner Forfchung.

Diefe Ergebniffe werden nun andererfeits verwendet,
um die ,chriftliche Weltanfchauung' zu verteidigen, das
heißt hier, um einen Beweis für den Theismus zu bringen.
Daß Entwicklung ftattgefunden habe, verkleinere nicht

die Abwandlung der Formen und Inftinkte der Arneifen l den Ruhm Gottes, fondern erhöhe ihn. Eis fei die

felber und über die ihrer Gäfte, bekannt, daß er die
Veränderlichkeit der Art, daß er Entwicklung der heutigen
Formen aus andersartigen früheren anerkannte und
ausgiebigen Gebrauch davon machte. Aus der Kontro-

höchfte Weisheit, mit fo einfachen Mitteln und in fo
gefetzmäßiger Weife aus kleinen Anfängen fo Großes
hervorgehen zu laffen. Gott greife nur da ein, wo die
natürlichen Mittel nicht hinreichen. Aber auch die