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Ausgabe:

1907 Nr. 19

Spalte:

540

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Havekoß, A.

Titel/Untertitel:

Gewissensfriede. Ein Wort zur kirchlich-religiösen Not der Gegenwart 1907

Rezensent:

Niebergall, Friedrich

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Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 19.

540

des Fortfehritts mit dem kaufal-pfychologifchen der Beharrlichkeit
erklären können.

Ich habe den Gedankengang und den inneren Zu-
fammenhang der Dornerfchen Darfteilung ausführlich
mit des Verfaffers eigenen Worten wiedergegeben. Es
lohnt fich, bei dem Grundgedanken und der Gliederung
diefer Dogmengefchichte etwas zu verweilen. Hat uns
doch D. einen in unfern Tagen feltenen Genuß bereitet,
indem er uns ein Stück Gefchichte der Theologie des
vorigen Jahrhunderts als unmittelbare Gegenwart erleben
läßt: die fpekulative Gefchichtsbetrachtung, die Auffaffung
von dem dem chriftlichen Prinzip immanenten Selbftent-
faltungstrieb, die Kategorien, welche in der Hegelfchen
Schule gepflegt und überliefert wurden, die kühne hiftori-
fche Konftruktion, die Baur mit dialektifcher Virtuofität
aufführte, J. A. Dorner mit Schleiermachers und Neanders
Geifte zu erfüllen wußte, alle diefe vergangenen Formen
und Formeln, die mit Biedermanns Grundbegriff von dem
über die Perfon des Stifters übergreifenden Prinzip des
Chriftentums zur Vollendung gebracht fchienen, fie leben
in Dorners Buch wieder auf, fie machen fleh mit ungebrochener
Selbftgewißheit geltend, fie fchreiten mit einer
fo imponierenden Zuverficht einher, daß man verfucht
fein könnte, den Verfaffer wegen feines Vertrauens zur
Macht und Geftaltungskraft der religiöfen Idee aufrichtig
zu beneiden. Wie nimmt fleh diefer fpekulative Optimismus
in unferem pofitiviftifchen, nach kontrollierbarer Wirklichkeit
allein fragenden, gegen jede metaphyfifche Selbft-
täufchungvoreingenommenenZeitalteraus! Wiekontraftiert
diefe Methode mit den gefchichtlichen Erkenntniffen, die
unfer Gefchlecht den Forfchungen Ritfchls, Harnacks,
Loofs' und Seebergs zu verdanken wähnte! In bewußten
Gegenfatz tritt D. gleich in feiner Vorrede, dann im Verlaufe
feiner Darftellung, zu der ,unter der Mehrzahl der heutigen
Theologen herrfchenden Anficht über die Gefchichte des
Chriftentums'. Indeffen gefleht Ref. zwar unumwunden,
daß er bei weitem nicht über die Fülle von hiftorifchem
Material verfügt, die in diefem Werke und in dem dog-
mengefchichtlichen Grundriß dem Verf. zu Gebote fleht;
aber was er aus direktem Quellenftudium und zuverläffigen
Hilfsmitteln erfchloffen hat, fcheint ihm durchaus genügend,
um ihn mit unwiderftehlichem Mißtrauen gegen den Anachronismus
der abftrakten Gefchichtsbetrachtung zu erfüllen
. Es find nicht erft die genannten Theologen, es
find auch fahr untheologifche Kritiker und Gefchichts-
forfcher, wie Carlyle, Sainte-Beuve, Renan, die uns gelehrt
haben, daß der Schlüffel zum Verftändnis der gefchichtlichen
Entwickelung nicht in allgemeinen Kategorien
, fondern in gewaltigen Perfönlichkeiten zu fuchen
ift. Diefe Empfindung wird man bei der Lektüre der
großzügigen Schrift D.s nicht los; fie wird recht lebendig
unter dem Eindruck, daß die allgemeinen religionsphilo-
fophifchen Direktiven, die der Verf. uns gibt, weit entfernt
, einen lebendigen und pofitiven Inhalt zu vermitteln,
im Grunde recht dürftig und leer find. ,In der Entwickelung
der Religionen fpielt aber auch die natürliche Individualität
eine bedeutende Rolle. Auch das chriftliche Prinzip prägt
fich in den Individualitäten der Völker auf eigentümliche
Weife aus, die teilweife Repräfentanten beftimmter Ent-
wickelungsftufen find' (314). Diefer ganz im Sinne
Hegels und Strauß' gehaltene Satz fleht auf der vorletzten
Seite des ganzen Werks. Warum hat ihn D.
nicht an den Anfang geftellt, feiner fpekulativen Klau-
feln und Kautelen befreit und in feiner Gefchichtsdar-
ftellung zur allfeitigen Geltung gebracht? Der Gedankenflug
feines Buchs wäre weniger erhaben, aber wir würden
ihm mit größerem Vertrauen folgen, und aus feiner um-
fichtigen und wohlunterrichteten Leitung würde fich eine
reichere Belehrung ergeben.

Straßburg i. E. P. Lobftein.

Havekoß, A., Gewiffensfriede. Ein Wort zur kirchlich-reli-
giöfen Not der Gegenwart. Leipzig, J. C. Hinrichs'fche
Buchhandlung 1907. (III, 170S.) gr.8° M.2 —; geb. M.3 —

Es lohnt fich, den Inhalt diefes fehr eindrucksvollen
Buches eingehender darzuftellen.

Die gegenwärtige religiöfe Lage wird gekennzeichnet
durch die Sehnfucht vieler Kreife unferes Volkes nach
religiöfer Befriedigung und die Unfähigkeit unferer evan-
gelifchen Kirche, fie zu erfüllen; denn fie bringt das
religiöfe Leben in eine zu enge Verquickung mit einem
beftimmten Glaubensinhalt. Auch in den drei wichtigften
Stücken der theologifchen Arbeit, der Perfon Jefu, der
Bibel und Luther, findet die Sehnfucht nach dem lebendigen
Gott ihre Ruhe nicht, weil der Weg zu ihm zu fehr
gefchichtlich belaftet ift (S. 25). Es muß ein neuer Heils-

1 weg gezeigt werden, dem kirchlich vorgefchriebenen zum
Trotz. Mit feinem und gerechtem Verftändnis wird dann
dieRechtfertigungslehrephychologifchanalyfiert: ihrKern
ift die Bitte um Vergebung der fchon begangenen Sünde
(S. 51). Diefem Weg Hellt nun der Verf. feinen neuen
gegenüber: das Gebet um Bewahrung vor der Sünde,
das er Gewiffens-, Stärkungs- oder Verfuchungsgebet
nennt. Diefes aus dem Gewiffen erwachfene Gebet findet
nach feiner langjährigen Erfahrung immer Erhörung
(S. 57J. Ein Blick auf Luthers Glaubens- und Gewiffens-
entwickelung erklärt, warum das Gewiffensgebet famt der
mit ihm gegebenen Selbständigkeit der Bindung an die
Schrift wich (S. 90). Seine Pflege ift unfere Rettung,
denn es hilft uns nicht nur zum Frieden mit Gott, fondern
auch zur Überwindung der Verfuchung, was das
Rechtfertigungserlebnis nicht vermag. Das Gewiffens-

l gebet fleht auf zwei Vorausfetzungen: der Gewiffen-

1 haftigkeit und dem einfachen Glauben an den Vater,
der das Seine tun will, um unfer Gebet wider die Verfuchung
zu erhören. Es genügt der chriftlichen Buß-
und Glaubensforderung, verbürgt die Heiligung und ift

! viel verftändlicher als die verwickelte kirchliche Heils-

! lehre (S. 102). In drei Sätzen gipfelt der folgende ernfte
und ergreifende Abfchnitt (S. 135): Die Seligkeit des
Menfchen hängt von der Reife feiner Gewiffensbildung,
diefe von der Fähigkeit zum Gewiffensgebet, diefe wiederum
von der Gewiffenhaftigkeit ab. Die Erziehung
Gottes beginnt nach dem erften erfolgreichen Gewiffensgebet
. Denn wer gegen die Sünde betet, ift daran, fich
von ihr zu trennen. Das Gewiffensgebet ift einer Erhörung
gewiß, die nicht auf Illufion und Autofuggeftion
beruhen kann; das wird den Anfprüchen des mechani-
fchen Monismus gegenüber durchgefochten (S. 169).

Es gibt wenig Bücher in unferer neueren populär-
theologifchen Literatur, die ein fo ganz perfönliches Gepräge
tragen, wie diefes, ohne daß man dem Verf. zurufen
müßte: Halt, nimm doch nicht den Schleier von deiner
Seele weg! Überall merkt man unter der Oberfläche ein
fchweres Ringen mit der alten Kirchenlehre des Luthertums
, die fich fo merkwürdig tief eingraben kann, aber
auch mit Gott und dem eigenen trotzigen und verzagten
Herzen. An ein folches ganz und gar lebendig perfönliches
Buch mit der dogmatifchen Elle heranzugehen,
ift gefchmacklos; mir perfönlich gefällt die Betonung des
Gebets vor der des Glaubens ganz außerordentlich, denn
es ift ja die konkrete Weife des Glaubens und der Religion
. Daß es die göttliche Hilfe gegen die Macht der

1 Verfuchung herbeiruft, ift mir ebenfalls fehr erwünfeht.
Mit diefer Bitte die um Vergebung auszufchließen, ift

I ficher nicht der Sinn des Verfaffers. Seine Schrift ift
vorzüglich geeignet, in die Hände ernfter Menfchen ge-

i legt zu werden, die weniger theoretifch als praktifch und
religiös-fittlich am Suchen find. Einfach und klar ge-
fchrieben, wird fie auf niemand, auch auf Theologen
nicht, ihres Eindrucks verfehlen.

Heidelberg.

Niebergall.